Mord und Ratschlag

Die Unerbittlichkeit des Schnees

Die Krimikolumne. Von Ekkehard Knörer
02.01.2008. Russische Gegenwart: Monster tauchen auf, Menschen verschwinden, der Held bekommt eine Kugel in den Kopf - und über alles legt sich in Martin Cruz-Smiths Roman "Stalins Geist" der Schnee. In "Das Gesetz der Ehre", Gianrico Carofiglios drittem Roman um den Avvocato Guido Guerrieri, ist das Leben bittersüß und die Wahrheit relativ.
Es wird viel gegraben in Martin Cruz Smith' neuem Roman "Stalins Geist". Was zu Tage kommt beim Graben, sind Stücke der Vergangenheit, wenn auch nicht immer jener Teil, dem man wiederzubegegnen hoffte. Und manchmal muss man auch gar nicht graben, manchmal erscheint nämlich einer ganz von selbst und wie gerufen: Stalin etwa, der zu später Stunde in einer Moskauer U-Bahn-Station umgeht. Um Missverständnissen vorzubeugen: Wir schreiben das Jahr 2005, der russische Präsident heißt Wladimir Putin.

Mit einem "Schnee"-Prolog beginnt das Buch und dieser Prolog endet mit der Aussicht auf die Leichen, die auftauchen, wenn der Schnee im Frühjahr schmilzt. Das ist das Leitmotiv des Romans. Schon im Winter aber sind unter dem Schnee die Konturen von Mord und Verbrechen zu sehen. Mit einem Anruf, der den Falschen erreicht, kommt alles in Gang. Eine Frau will ihren Mann um die Ecke bringen, nur wird ihr Arkadi Renko, Ermittler bei der Moskauer Staatsanwaltschaft, dabei nicht helfen, auch wenn er zunächst so tut. Die Spuren führen zu den Kollegen Isakow und Urman und von diesen sehr direkt in den Tschetschenienkrieg. In diesem waren Isakow und Urman als Mitglieder der Elitetruppe OMON im Einsatz, legendär ist der unwahrscheinliche Sieg unter Isakows Kommando gegen eine tschetschenische Übermacht. Aber bei Legenden wird Arkadi Renko skeptisch.

Martin Cruz Smith lässt nichts aus. Tschetschenien nicht, Stalin nicht, den Zweiten Weltkrieg schon gar nicht. Die russische Gegenwart erscheint als eine einzige hektische Vergangenheitsverdrängungsaktion. Manches taucht auf und lässt sich für Politintrigen nutzen. Anderes taucht auf und wird sofort zum Verschwinden gebracht. Stalin kommt den Sowjetnostalgikern recht, die Zeugen der tschetschenischen Heldentat aber müssen sterben. Als Überlebende der Tschernobyl-Katastrophe ist Arkadis Freundin Eva unterwegs zwischen den Fronten. Der bucklige Reporter Ginsberg weiß mehr als er sagt. Renkos Schützling Schenja, ein junges, aber renitentes Schachgenie, bewegt sich zwischen Obdachlosenmilieu und den Resten der kommunistischen Parteiorganisation. In den Kasinos sitzen die neuen Milliardäre und jeder aus sprudelnden Quellen gewonnene Rubel ist durch eine schmutzige Tat gedeckt. Und Renko, der mit Gusto im Schmutz wühlt, wird erst um ein Haar von einer Harfe spielenden Schönheit stranguliert, bekommt dann eine Kugel in den Kopf und geht zu Boden und steht wieder auf und ist für den Rest des Romans etwas wie sein eigener Geist.

Und dann führen alle Spuren nach Twer, in eine Stadt ein paar Zugstunden von Moskau. Hier mobilisiert Isakow seine Truppen für die Wahl, die beiden amerikanischen Wahlkampfmanager immer mittendrin. Und auch hier wird gegraben und im Wald vor der Stadt ein Massengrab entdeckt. Renko fährt mit einem uralten Motorrad und taucht unter, dafür taucht eine Art Ungeheuer von Loch Ness in einem nahegelegenen See auf. Es sterben weiter die Menschen gewaltsamer Tode. Es ist weiter auch für Renko lebensgefährlich.

Man könnte den Eindruck gewinnen, "Stalins Geist" sei ein Buch, in dem die Ereignisse sich überschlagen. Und ja, sie tun es, aber zugleich tun sie es nicht. Denn bei aller Deliranz des Auftauchens, Vergrabens, Ausbuddelns und Verdrängens, die diese russische Gegenwart durchwaltet, bleibt die Temperatur des Erzählens demonstrativ kühl. Der Zorn, der einen jeden beim Anblick solcher Verhältnisse überkommt, hat in diesem Winterroman einen ganz spezifischen Aggregatzustand: den von Schnee, der leise rieselt und unerbittlich doch alles erfasst, Totes und Lebendes.

Mit einem Schneepanorama endet der Roman. Der Schnee verwandelt Twer, wie es im vorletzten Satz heißt, in "einen reinen und weißen Ort". Dieser Anschein der Unschuld ist nicht ohne bittere Ironie. Und doch gibt es, für den Moment, etwas wie Frieden: "Der Lenin-Platz war ein See aus Licht, aber abseits des Zentrums wurden die Straßenlaternen sanft überwältigt. Es schneite, und die Stadt senkte und hob sich. Der Schnee hatte einen Rhythmus, so gleichmäßig wie die Wellen auf dem Meer, und wenn der Schnee herabsank, sah es aus, als steige Twer in die Höhe."

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Avvocato Guido Guerrieri sinniert: "Wenn man die Buchstaben des italienischen Wortes 'la verita', die Wahrheit, umstellt kommt das Anagramm 'relativa' dabei heraus." Die Wahrheit ist relativ. Der Schein kann trügen, die Erinnerung auch. So erinnert sich Guerrieri gut daran, wie ihn einst in seiner Kindheit in einer gefählichen Gegend seiner Heimatstadt Bari rechte Schläger übel zurichteten. Einer dieser Schläger, glaubt er zu wissen, war Fabio Paolicelli - Spitzname Fabio Rayban, der Sonnenbrille wegen. Der sitzt nun vor ihm und wünscht, von ihm verteidigt zu werden. Guerrieri weiß nicht recht, wie ihm geschieht. Er weiß auch nicht recht, wie er sich fühlen und ob er seinem Mandanten der eigenen beruflichen Ehre wegen die Freiheit oder aus Rachegelüsten den Knast wünschen soll.

Paolicelli wurde bei einer Grenzkontrolle erwischt, im Auto war eine beachtliche Menge Kokain versteckt. Er gestand den Schmuggel, um, wie er jetzt sagt, zu verhindern, dass auch seine Frau, die mit im Auto saß, eingesperrt wird. Kein Wunder, dass er in der ersten Instanz schuldig gesprochen wird. Ein aus Rom aufgetauchter Anwalt will zwar kein Geld, leistet aber auch wenig Beistand. Nun widerruft Paolicelli das Geständnis, seine Ehefrau Natsu erscheint in Guerrieris Kanzlei und damit wird alles erst recht kompliziert für den Avvocato. Die Ehefrau nämlich ist eine Schönheit und er spürt, wie seine Widerstandskräfte schwinden.

Die Wahrheit ist relativ und der Ich-Erzähler Guerrieri weiß lange nicht, was er von diesem Fall halten soll. Er weiß auch bald nicht mehr, ob seine Erinnerung nicht vielleicht trügt und er weiß ebenso wenig, wie er aus der Geschichte mit Paolicellis Frau wieder rauskommt. An seinen Zweifeln und Selbstzweifeln, seinen Stimmungsschwankungen, aber auch seinen Triumphgefühlen haben wir teil. Wie in den beiden Vorgängern manövriert Gianrico Carofiglio, langjähriger Anti-Mafia-Staatsanwalt in Bari, mit großem Geschick zwischen Gerichtsroman und subtiler Figurenentwicklung.

Sein Held Guerrieri ist als Verteidiger brillant, aber er ist zu grundsätzlichen Zweifeln an sich und dem Leben, das er führt, allzeit bereit. Er liebt die Literatur, er schlägt sich die Nächte um die Ohren, er gerät in tagtraumartige Zustände, er ist einer, dessen Realitätstüchtigkeit immer mal wieder von Anfällen eines exzentrischen Möglichkeitssinns überwältigt wird. Er ist einer, den die Vergangenheit nicht loslässt, der sich mit einer gewissen Lust von Unglücken heimsuchen lässt, einer, der dem Glück nicht traut und Dinge, die heil sind, mutwillig kaputtmacht. Mit dem Pathos, das Carofiglio nicht fremd ist, gesagt: Eine durch nichts zu stillende Trauer durchzieht das Leben des Avvocato, der doch, mit der Heiterkeit, die bei Carofiglio eben auch nicht fehlt, darauf baut, dass es schon gut ausgehen wird, dass sich ein Weg findet, eine Lösung, am Ende gar ein Freund fürs Leben.

Guido Guerrieri verkörpert ein Prinzip, ja, eine Lebensphilosophie und er tut dies umso überzeugender, als die Figur in dieser Philosophie, oder auch die Philosophie in dieser Figur, ganz und gar aufgeht. Es sind darin Anteile von Wut und Wehmut, von Süße und Bitterkeit, Entschlossenheit und Skepsis, Witz und Stolz, Nostalgie und Realismus, Schwäche und Stärke auf Eigentümlichste vermischt. Was Carofiglios Romane um diesen Helden ausmacht, ist mithin, um diese Einzigartigkeit auf den einzig möglichen Begriff zu bringen, in erster Linie ihre Guerrierita. Dazu gehört, dass nicht nur die Wahrheit relativ ist, sondern auch, dass jedem Triumph ein Abschied innewohnt. Und jedem Abschied, solange der Tod nicht ins Spiel kommt, ein Neuanfang. Und weil dies zyklische Denken so unabdingbar zur Guerrierita gehört (und gewiss auch, weil Carofiglio in Italien rasend schnell zum Bestsellerautor geworden ist), wird wohl noch mancher Roman um diesen Helden folgen.

Martin Cruz-Smith: Stalins Geist. Aus dem Englischen von Rainer Schmidt. C. Bertelsmann, München 2007. 368 Seiten. 19,95 Euro (Bestellen)

Gianrico Carofiglio: Das Gesetz der Ehre. Aus dem Italienischen von Claudia Schmitt. Goldmann, München 2007. 272 Seiten. 19,95 Euro (Bestellen)