Heute in den Feuilletons

Abgeschabte Dekadenz

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.12.2007. Lars Gustafsson erklärt in der SZ, warum der Liberalismus in der Klimafrage an seine Grenze kommt. Die NZZ trinkt Wein in der islamischen Welt, der laut Koran übrigens nicht mal den Muslimen verboten ist. Die taz zieht eine Parallele zwischen dem Extremismus muslimischer und dem Rechtsextremismus deutscher Jugendlicher. Die FAZ liest Stefan George.

TAZ, 27.12.2007

"Mit der Studie 'Muslime in Deutschland' sind sich Muslime und Nichtmuslime näher gerückt - im Guten wie im Schlechten", kommentiert Eberhard Seidel auf der Meinungsseite die jüngste Studie zu "Integration, Integrationsbarrieren, Religion und Einstellungen zu Demokratie, Rechtsstaat und politisch-religiös motivierter Gewalt" des Innenministeriums. Deren Ergebnisse zeigten, "dass unter den Muslimen eine Minderheit existiert, deren Einstellungen große Ähnlichkeiten mit dem aufweisen, was unter deutschstämmigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Begriffen wie Autoritarismus, Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit sowie Rechtsextremismus umschrieben wird. Einziger Unterschied: In dem einen Fall wird die Ungleichheitsideologie religiös, im anderen Fall wird sie völkisch-nationalistisch begründet. Die Daten und die daraus resultierenden weiterführenden Fragestellungen könnten ein neues Kapitel der Sozialwissenschaften eröffnen."

David Cronenberg konfrontiert seine Interviewerin Cristina Nord, die nach dem Zusammenhang seiner beiden letzten Filme fragte, mit einer nüchternen Wahrheit: "Es ist auch rührend, wenn Leute denken, man könne als Regisseur immer genau den Film machen, den man sich vorstellt. In Wirklichkeit ist es so schwierig, einen Film finanziert zu bekommen, dass es ein Wunder ist, wenn man überhaupt etwas zustande bekommt. Nach 'A History of Violence' hatte ich andere Projekte, die ich beinahe realisiert hätte. Wäre es so gekommen, dann sprächen wir jetzt über einen ganz anderen Film."

Weitere Artikel: Christian Broecking schreibt den Nachruf auf den virtuosen Jazz-Pianisten Oscar Peterson. Cord Riechelmann studiert tierische Sozialsysteme am Baikalsee. In der tazzwei würdigt Haffner-Biograf Uwe Soukup den großen deutschen Publizisten und Populärhistoriker, der heute hundert Jahre alt geworden wäre.

Besprochen werden Pia Marais' Spielfilmdebüt "Die Unerzogenen" und Nicolette Krebitz' Ehedrama "Das Herz ist ein dunkler Wald".

Und Tom.

Welt, 27.12.2007

Statt Kultur gibt's in der Welt heute einen Rückblick auf 2007. Daniel Barenboim überlegt in einem zweiseitigen Interview, was der Unterschied zwischen Musikern früher und heute ist: "Schauen Sie. Die jungen Leute, die heute zum Vorspielen kommen - und ich habe viele Erfahrungen sammeln können im Laufe meiner künstlerischen Stationen - spielen wesentlich besser als vor 20 Jahren. Und man sagt dann: Die Nummer drei passt gut in unser Orchester. Er spielt die Töne gut. Aber er hat nicht den Instinkt, sich zu fragen, was der Ton, den er spielt, bedeutet. In Zusammenhängen zu denken, das ist weg. In der Musik und außerhalb der Musik."

Weiteres: Gerhard Schulze lässt nochmal den Kulturkampf von Frau Herman Revue passieren. Ewald von Kleist, letzter Überlebender der Verschwörer vom 20. Juli, erinnert sich an Graf von Stauffenberg. Stefan von Borstel kommentiert den Streik der Lokführer. Jörg Eigendorf denkt über die amerikanische Immobilienkrise und ihre Folgen nach. Johnny Erling blickt auf das China kurz vor der Olympiade. Jens Hungermann kommentiert Doping-Urteile. Ulli Kulke sorgt sich um die Arktis. Und Eckhard Fuhr erzählt noch einmal die Geschichte von Knut.

Auf der Magazinseite schreibt Jacques Schuster zum 100. Geburtstag von Sebastian Haffner. Abgedruckt ist außerdem ein Text von Haffner - über die Unvereinbarkeit von Geschmack und Weltanschauung. Auf der Forumsseite trauert Dankwart Guratzsch um die Aussicht auf das Dresdner Elbtal, die demnächst von einer Brücke zerstört wird.

FR, 27.12.2007

Haffner-Biograf Uwe Soukup schreibt zum 100. Geburtstag des Historikers: "Haffners größter Erfolg zu Lebzeiten waren die 'Anmerkungen zu Hitler', in denen der Autor den Deutschen die verhängnisvolle Affäre mit Hitler nachsieht, fast verzeiht. Jedenfalls ist es dieser Aspekt, der in der Rückschau von diesem schmalen Buch übrig geblieben zu sein scheint. Und wer von denen, die an dieser Affäre teilgenommen hatten, erhielte nicht gern im Nachhinein die Absolution? Es ist vielleicht kein Zufall, dass Haffner für gerade dieses Buch spät zum Historiker geadelt wurde, nachdem er bereits Jahrzehnte seines Lebens als Journalist, Historiker und als eine Art Volkshochschullehrer für Geschichte tätig gewesen war."

Weitere Artikel: Arno Widmanm veranstaltet eine essayistische Ralley durch Lektüre- und andere Kult- und Kulturerfahrungen des vergangenen Jahres, Hans-Jürgen Linke verabschiedet den großen Jazz-Pianisten Oscar Peterson, der in Toronto gestorben ist. In der Kolumne Times Mager philosophiert Harry Nutt über Blogs und einstige Popstars als Archäologen.

Besprochen werden Pia Marais' Kino-Debüt, die subtile 68er-Studie "Die Unerzogenen", und Luc Jacquets Tierfilm "Der Fuchs und das Mädchen": "Wann haben wir zuletzt mit solcher Feinheit und undidaktischem Staunen Gräser, Bäume, Tiere betrachtet?" jubelt Heike Kühn über diese gelungene "Parabel über den Umgang mit dem Wilden".
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Stichwörter: Blogs, Oscar Peterson, Toronto

NZZ, 27.12.2007

Rund 1,3 Millionen Hektoliter Wein werden in arabischen Ländern jährlich produziert, berichtet Alfred Hackensberger, und die landen nicht nur in nicht-muslimischen Kehlen. Zwar gilt Alkoholkonsum in der Scharia als Sünde, der Koran verbietet ihn jedoch nicht ausdrücklich: "Darauf berufen sich all jene Muslime, die nach Feierabend auf ein Bier oder auch mehrere nicht verzichten wollen. Gerne wird auch auf die persische und arabische Dichtungstradition verwiesen, die von einem toleranten Islam in vergangenen Zeiten berichtet und den Weingenuss preist. In der persischen Lyrik ist Hafis der wohl berühmteste Vertreter dieser Dichtung, unter arabischsprachigen Autoren war der ebenfalls in Persien geborene Abu Nuwas (750-819) ebenso berühmt wie berüchtigt. Er zeigte sich gleichermaßen von Wein und Knaben begeistert: 'Für junge Knaben ließ ich die Mädchen zurück / Und alter Wein vertreibt den Gedanken von klarem Wasser aus meinem Kopf.'"

Weiteres: Stefan Hentz schreibt einen Nachruf auf Oscar Peterson. Auf der Filmseite widmet sich Alexandra Stäheli David Cronenbergs "in der Klischeetunke wie in einem Topf voller Borschtsch rührenden" Russen-Thriller "Eastern Promises" und gratuliert Sir Anthony Hopkins zum 70. Geburtstag.

Besprochen werden Umberto Ecos neues Buch "Die Geschichte der Hässlichkeit", Daniel Silvas Thriller "Der Schläfer" und ein Gedichtband von Kurt Aebli "Ich bin eine Nummer zu klein für mich" (mehr dazu in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 27.12.2007

Eine ganze Seite ist dem Dichter Stefan George gewidmet. Die Schriftsteller Durs Grünbein, Michael Krüger und Michael Lentz sowie der George-Biograf Thomas Karlauf deuten Gedichte des Meisters oder erinnern sich an frühere Lektüren. Lentz schreibt über George: "Georges Gedichte tänzeln, wenn sie nicht schreiten. Sie tönen feierlich. Kein Ding ist zu gering, vermerkt zu werden. Da entsteht leicht ein Zwitter aus Banalität und hohem Ton."

Durs Grünbein liest das Gedicht "Porta Nigra" und Michael Krüger meint: "Wenn man zu viel vom 'Kreis' und seiner Beweihräucherung des Meisters wusste, trat der Kitsch aus dem harten Profil der Reime hervor, die gezierte Sprache wurde dann unerträglich. Aber wenn man ihn wie nebenbei aufschlug und die Fäden und Motive im 'Teppich des Lebens' unvoreingenommen auf sich wirken ließ, dann waren die etwas abgeschabte Dekadenz, die angebliche Esoterik, der Immoralismus und die Dämonie wie weggeblasen."

Weitere Artikel: Bischof Wolfgang Huber, Vorsitzender des Rates der evangelischen Kirchen in Deutschland, erläutert, warum die evangelische Kirche bereit ist den Stichtag für Stammzellforschung vorübergehend zurückzuverlegen: "Die Forschung mit embryonalen Stammzellen bleibt eine Gratwanderung. Deshalb befürworte ich sie nur für einen begrenzten Zeitraum. Ich verbinde damit die Hoffnung, die Forschung möge bald so weit sein, dass der Rückgriff auf embryonale Stammzellen nicht mehr nötig ist." Auch in China weihnachtete es sehr, wie Mark Siemons in der Glosse berichtet - und der Staat passte schön auf, dass in den Kirchen nichts Falsches gepredigt wurde. In der Bukarester Zeitschrift "Dilema Veche" liest Joseph Croitoru, was vom bzw. nach dem Postkommunismus zu erwarten ist - im einen wie im anderen Fall nichts Gutes, meint die Mehrzahl der Autoren. Dirk Schümer hat die Slowfood-Universität "Universita del gusto" im piemontesischen Bra besucht. Aus gegebenem Anlass porträtiert Niklas Maak die Sängerin Carla Bruni. Tilmann Lahme erinnert zu dessen 100. Geburtstag an den Publizisten Sebastian Haffner. Wolfgang Sandner würdigt den verstorbenen Jazz-Pianisten Oscar Peterson.

Auf der Kinoseite meint Verena Lueken, dass wir das Jahr 2007 vor allem als das Jahr in Erinnerung behalten werden, in dem Ingmar Bergman und Michelangelo Antonioni starben. Außerdem gibt es eine Liste der RedakteurInnen mit unvergesslichen Momenten des Kinojahrs - wie zum Beispiel diesem: "Der jetzt schon legendäre Satz aus 'Prinzessinnenbad': 'Ich komm aus Kreuzberg, du Muschi!'"

Besprochen werden David Cronenbergs Film "Tödliche Versprechen", Engelbert Humperdincks Oper "Hänsel und Gretel" an der New Yorker Met, Nicolas Stemanns Wiener Theaterversion von Dostojewskis "Die Brüder Karamasow", die Tübinger Ausstellung "auf/zu. Der Schrank in den Wissenschaften" und Bücher, darunter Louis-Ferdinand Celines "Briefe an Freundinnen" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 27.12.2007

Die aktuellen Klimadebatten werfen für den schwedischen Autor Lars Gustafsson Fragen auf: "Nach welchen ethischen Regeln sollen wir uns richten? Die gegenwärtige Umweltdebatte scheint - vor allem, was die globale Klimaerwärmung betrifft - davon auszugehen, dass die Lösungen im Handlungsspielraum des Individuums liegen: aufs Fahrrad umsteigen, auf Wasser in Flaschen verzichten. Der Glaube daran ist im tiefsten Kern liberal. Fraglich bleibt, ob derartige Veränderungen des Lebensstils auch nur die geringste Relevanz besitzen. Gleichermaßen realitätsfern wirkt die Vorstellung, irgendwelche ethischen oder unethischen Verhaltensweisen könnten die Entwicklung der Produktivität Chinas oder Indiens beeinflussen. Kurzum: Der Liberalismus stößt offenbar an seine Grenzen."

Weitere Artikel: Aus Anlass seines hundertsten Geburtstags erinnert Peter Bender an Sebastian Haffner, den aus seiner Sicht bedeutendsten Publizisten der Nachkriegszeit. Thomas Steinfeld würdigt den verstorbenen Jazz-Pianisten Oscar Peterson als "letzten großen Musiker aus der klassischen Periode des Jazz" und schreibt auch den Nachruf auf den 72-jährig verstorbenen dänischen Schriftsteller Peer Hultberg. Auf der Filmseite listen die einschlägigen Kritiker die Magic Moments und Enttäuschungen des vergangenen Kinojahres auf. Jürgen Berger informiert mit leicht nörgelndem Unterton über Wolfgang Bergmanns Pläne für die kürzlich gegründete Baden-Württemberger "Akadiemie für Darstellende Künste", die im Herbst nächsten Jahres ihren Betrieb aufnehmen will. Claus Biegert berichtet über Uranvorkommen unter den Black Hills, weshalb die dort beheimateten Oglala-Lakota-Indianer um ihr Land fürchten müssen.

Besprochen werden David Cronenbergs neuer Film aus dem Milieu von Londons Russenmafia "Tödliche Versprechen - Eastern Promises" (daneben gibt es auch ein Interview mit Cronenberg), Sigalit Landaus Installation "The Dining Hall" in den Berliner Kunst-Werken ("Es sieht aus wie Dantes Inferno als Kebab-Alptraum", lästert Till Briegleb) und Bücher.

Zeit, 27.12.2007

Das Feuilleton der Zeit befasst sich in einer termingerecht vorproduzierten Nummer mit dem Humor der Deutschen. Peter Kümmel empfiehlt glaubhaft und liebevoll das Kleinkunstduo Zärtlichkeiten mit Freunden, das bereits sämtliche Kleinkunstpreise abgeräumt hat und unermüdlich durch Deutschland tourt. Jens Jessen weist nach, dass die deutsche Literatur dem Humor nicht nur nicht abhold ist, sondern geradezu aus diesem erwächst. Die Kollegen der SZ tragen ein Gäste-Streiflicht bei, bei dem der Autor dieser Presseschau, wie schon bei jedem Streiflicht zuvor, nach der siebten Zeile desinteressiert abgleitet. Die Zeit-Feuilletonisten stellen in Kurzporträts ihre deutschen Lieblingshumoristen vor. F.W. Bernstein singt eine Hymne auf Wilhelm Busch, der knapp hundert Jahre tot ist. Hanns-Bruno Kammertöns blickt in den Abgrund deutschen Fernsehhumors. Wolfram Goertz erklärt, warum der Kölner Karneval bei der Jugend Kult ist. Und Christof Siemes unterhält sich mit ausländischen Journalistenkollegen über das Außenbild deutschen Humors.

Für das Dossier besucht Wolfgang Büscher die letzten jüdisch-deutschen Emigranten in New York. Für den Aufmacher des Literaturteils hat Elisabeth von Thadden Joseph Vogls Essay "Über das Zaudern" gelesen. Fürs Zeit-Magazin porträtiert Marian Blasberg die Filmemacherin Nicolette Krebitz. Und Annabel Wahba besucht die Leipziger Malerin Susanne Kühn in ihrem Atelier.