Heute in den Feuilletons

"Sagt nicht: Mir würde Fahrplantreue schon genügen"

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.11.2007. "Vergeßt den Anschluß, Leute, denkt in größern Zügen", spendet Durs Grünbein in der FR Bahnreisenden dichterischen Trost. In der NZZ verteidigt Ugo Riccarelli die Roma Roms, denen nur ein Leben in der Nähe des Lichtes vergönnt ist. Außerdem überblickt die NZZ dank sozialer Plattformen endlich die Kontakte ihrer Kontakte. Die Welt begibt sich ins Kloster Iviron auf dem Berg Athos. Der Tagesspiegel findet zu viel malerische Delikatesse in der deutschen Kunst und zu wenig soziale Realität. Und für die FAZ stellt sich angesichts Chinas keine Systemfrage.

NZZ, 16.11.2007

Seit Facebook durch die Beteiligung von Microsoft mit sagenhaften 15 Milliarden Dollar bewertet wurde, denkt alle Welt über Soziale Netzwerke im Internet nach. Auch die Medien- und Informatikseite der NZZ. Marco Metzler erklärt den Nutzen von Business-Netzwerken wie LinkedIn und Xing: "Die Plattformen ersetzen quasi den Austausch der Visitenkarten. Sie bieten aber mehr: Börsen für Dienstleistungen, Marktplätze, Foren und Stellenangebote. Untersuchungen haben gezeigt, dass es bei der Jobsuche weniger die direkten Kontakte sind, über die man von den entscheidenden Angeboten erfährt, sondern eher die Kontakte zweiten Grades. Hatte man früher kaum eine Übersicht über die Kontakte seiner Kontakte, liegen diese heute lediglich einen Mausklick entfernt."

Der Investor und Manager Nicolas Berg erklärt in einem kurzen Interview, warum gerade Kontakte zweiten Grades so wichtig sind: "Ein berühmter Genfer Investor schreibt auf seiner Homepage, man solle ihm bitte keine Geschäftspläne schicken. Wer von ihm Geld wolle, müsse imstande sein, jemanden zu überzeugen, der bereits das Vertrauen des Investors genieße. Dieser werde dann den Geschäftsplan weiterreichen. So nutzt dieser Investor, der von Anfragen überhäuft wird, Vertrauenspersonen für die Vorselektion."

Weiteres: In einem zweiten Artikel überlegt Marco Metzler, ob Social Networking die zwischenmenschlichen Beziehungen dauerhaft verändert. Ruth Brüderlin surft auf MySpace. Und S.B. beschreibt die Anfang des Monats von Google veröffentlichten Programmierschnittstellen von Open Social, die zwischen den verschiedenen Social Network-Seiten vermitteln sollen.

Im Kulturteil fordert der italienische Schriftsteller Ugo Riccarelli seine Landsleute auf, die eigene umwegreiche Herkunft nicht zu vergessen, wenn sie sich über die Roma ärgern. "Die kürzliche Aufnahme Rumäniens in die EU ermöglicht all seinen Bürgern, sich frei in den anderen Mitgliedsländern zu bewegen (und in Italien sogar zu arbeiten), wovon auch Halunken profitieren. Doch die Mehrzahl dieser Migranten suchen einen Weg, bemühen sich, den Zustand prekärer Armut gegen würdigere Lebensbedingungen einzutauschen. Sie leben in Reichweite des Lichtes und eines Daseins, das ihnen traumhaft vorkommt, doch sie verbleiben im Dunkeln, unsichtbar und schäbig. (...) Genauer betrachtet, überlebten in dieser Ewigen Stadt bis vorgestern, bis in die 1980er Jahre, Bruchbuden-Vororte, die nicht viel anders aussahen als jene der heutigen Unsichtbaren, nur wurden sie von Italienern bewohnt, von im Krieg oder während der faschistischen Demolierungen des Centro Storico Evakuierten."

Weitere Artikel: Ueli Bernays sinniert über abstürzende Stars wie Pete Doherty, Amy Winehouse, Paris Hilton und Britney Spears, die an unserer Stelle richtig schlecht sein dürfen - "bad on our behalf" - weil das "Fleischliche, Triebhafte, Niedrige" und "der körperlich-sinnliche Exzess" nun mal zum Pop gehörten. Andrea Köhler berichtet, dass die Princeton-Universität eventuell 880 Millionen Dollar an Stiftungsgeldern zurückgeben muss, die anders eingesetzt worden waren, als die Spender es gewünscht hatten.

Besprochen werden die Ausstellung "Turner - Hugo - Moreau. Entdeckung der Abstraktion" in der Kunsthalle Schirn in Frankfurt, Händels Oper "Ariodante" im Grand Theatre in Genf, ein Konzert des Tonhalle-Orchester Zürich mit David Robertson sowie Alberto Venzagos Film "Mein Bruder, der Dirigent", ein Porträt seines Bruders Mario Venzago.

FR, 16.11.2007

Auf der Meinungsseite haben wir ein Gedicht von Durs Grünbein entdeckt. Es heißt und spendet "Trost für Bahnreisende", und wir zitieren die zweite Strophe:

"...Nicht klagen sollt ihr, wird die Wartezeit euch lang.
Vergeßt den Anschluß, Leute, denkt in größern Zügen.
In höhern Bahnen, schrankenlos, denkt: Börsengang.
Sagt nicht: Mir würde Fahrplantreue schon genügen."

Thomas Winkler stellt den aus der Elfenbeinküste stammenden Sänger Tiken Jah Fakoly vor, der mit "The African" jetzt ein neues Album herausgebracht hat. "Er wagte es sogar, Felix Houphouet-Boigny zu kritisieren, den verehrten Gründungsvater und von 1960 bis 1993 autokratisch herrschenden Präsidenten des Landes, und Laurent Gbagbo, derzeit Staatsoberhaupt, besang er als 'Verbrecher-Präsidenten'. 2002 allerdings, nach dem Ausbruch des Bürgerkrieges, ging der mittlerweile 39-jährige Fakoly ins Exil nach Mali, weil er sich nicht mehr sicher fühlte zuhause. Auf seinem neuen Album nun, der Titel verrät es, schwingt sich der aus einer Griot-Familie stammende Fakoly auf zum ideellen Gesamtafrikaner. Nicht mehr nur die Malaise in seiner Heimat ist das Thema, der Sänger wendet sich von den lokalen Zusammenhängen ab und den kontinentalen, internationalen zu."

Weitere Artikel: Volker Mosbrugger, Direktor des Forschungsinstituts und Naturmuseums Senckenberg in Frankfurt, beruhigt Maximilian Kuball im Gespräch, dass die Einrichtung nicht vom Untergang bedroht ist. Elke Buhr guckt eine Dating-Show auf MTV und bestreitet damit eine Times mager.

Besprochen werden Ridley Scotts Epos "American Gangster" ("Es ist von allem ein bisschen in der Tüte", findet ein nicht vollends begeisterter Daniel Kothenschulte), eine Henry-Moore-Schau in den Opelvillen Rüsselsheim und Oswald Spenglers autobiografische Notizen "Ich beneide jeden, der lebt" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Tagesspiegel, 16.11.2007

Angesichts der sehr zeitgenössischen Werke des kanadischen Fotografen Jeff Wall beklagt Thomas Wulffen die Ignoranz der deutschen Kunst gegenüber der sozialen Realität. "Wo ist der Künstler hierzulande, der in ähnlicher Weise eine kritische Beschreibung der ihn umgebenden Wirklichkeiten vornimmt? Die zeitgenössische Malerei scheint an sozialen Themen nicht interessiert, wie das Beispiel Norbert Bisky zeigt, dessen Bilder von Jungmännern bevölkert sind. Seine derzeitige Ausstellung im Berliner Haus am Waldsee beschäftigt sich vor allem mit den eigenen Obsessionen, ohne Blick für gesellschaftliche Befindlichkeiten. Insgesamt befasst sich die neue Malergeneration eher mit malerischer Delikatesse als mit sozialen Debatten. Selbst Neo Rauch, in dessen Bildern 'Werktätige' zu sehen sind, belässt es bei einer surrealen Reminiszenz an den Arbeiter- und Bauernstaat von einst. Bilder aus der heutigen Arbeitswelt oder von Migranten in Deutschland? Fehlanzeige."
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Welt, 16.11.2007

Michael Pilz begibt sich auf den Berg Athos, zu jenem Kloster Iviron, dessen Fußboden-Mosaike den Künstler Nikos Alexiou zu seinen Arbeiten "The End" inspirierten: "Vom Hafen Daphni rumpeln Mönche im Geländewagen durch den Staub hinauf nach Karyes. Über der Heiligen Versammlung weht die Fahne Griechenlands neben der goldenen mit dem Doppeladler von Byzanz. Hier wird einem das Diamonitirion überreicht, ein Visum. Danach brettert man wieder hinunter an die Ostküste, ins Kloster Iviron, und findet im Katholikon zur Himmelfahrt Mariens den vom Künstler adaptierten Fußboden. Zum eingehenden Studium hielt Alexiou sich mehrere Monate im Kloster auf. Das farbenfrohe Mosaik erschien ihm danach wie das Kraftfeld eines finsteren Gothic-Daseins: 'Du lernst, dein Bett als Grab zu betrachten, deine Zelle ist dein Grab, du verliebst dich in die Dunkelheit, in den Tod.'"

Weiteres: Kai-Hinrich Renner verarbeitet die Meldung, dass Stefan Austs Vertrag als Chefredakteur des Spiegels nicht verlängert wird. Als mögliche Nachfolger handelt er Austs Stellvertreter Martin Doerry, Spiegel-Online-Chef Mathias Müller von Blumencron und Zeit-Chef Giovanni di Lorenzo. Alan Posener hätte dem atheistischen Biologen Richard Dawkins ("Der Gotteswahn") einen besseren Auftritt in Johannes B. Kerners Talkshow gewünscht. Dankwart Guratzsch besucht das Schlachtfeld von Lützen, auf dem vor 375 Schweden-König Gustav Adolf fiel. Wieland Freund meldet, dass der "writers' writer" Denis Johnson den National Book Award erhält.

Besprochen werden die Ausstellung von Georg Baselitz' zwischen 1998 und 2002 entstandenen Russenbildern in den Hamburger Deichtorhallen und Mel Brooks neues Broadway-Stück "Young Frankenstein".

TAZ, 16.11.2007

Stefan Heidenreich rühmt Unitednationsplaza, eine herrlich didaktische Ausstellung, die als Teil der Manifesta 6 eigentlich auf Zypern stattfinden sollte, dort abgelehnt wurde, in Berlin eine Heimat fand und nun mit einem Crescendo am Wochenende zu Ende geht. "In der Regel waren die Seminare und Events gut besucht, wenn nicht überfüllt. Und das, obwohl sich manche Ankündigung wie eine Drohung las - 'von allen Teilnehmern wird erwartet, die vollen 4 Stunden anwesend zu sein' -, obwohl Englisch durchgehende Sprache war und obwohl das Ganze über der Kunstlandschaft vor Ort wie eine Dropsculpture abgeworfen wurde. Gerade darin liegt vielleicht ein Grund für den Erfolg. Ohne Rücksicht auf die etablierten und hinreichend segmentierten Berliner Kunstkreise hat UNP einen internationalisierten Kulturimport seltener Intensität erreicht. Situationen vergleichbarer Dichte glücken nicht häufig."

Im Meinungsteil unterhält sich Ines Kappert mit der israelischen Autorin Michal Zamir, die einen Roman über den Militärdienst aus weiblicher Perspektive veröffentlicht hat. In der zweiten taz berichtet Lutz Debus mit selbstredend spöttischem Unterton vom Militärorchestertreffen in Köln. David Montgomery, Eigentümer der Berliner Zeitung, bläut Helen Pidd im Interview auf der Medienseite ein. "Wir sind kein Finanzinvestor. Wir sind im creative content business."

Besprochen werden zwei Dubstep-Alben von Burial und Pinch und die Platte "The Red Carpet Massacre" von Duran Duran.

Und Tom.

FAZ, 16.11.2007

Angela Merkel und die CDU sehen den weltpolitischen Aufstieg Chinas als für den Westen bedrohliche "Systemfrage", konstatiert Mark Siemons nach Lektüre des CDU-Grundsatzprogramm-Entwurfs (PDF). Er hat allerdings Zweifel, ob diese Sicht der Dinge wirklich zutrifft: "Die Frage ist, ob ihre Analyse richtig ist, ob es sich bei China überhaupt um ein 'System' handelt, dem nur mit der Konfrontation durch ein anderes System beizukommen ist. Oder ob es ein sich langsam, aber ständig aus sich selbst heraus wandelndes Gebilde ist, das für Einflüsse von außen nicht unempfänglich ist. Schon in den letzten Jahrzehnten haben die Kategorien 'Menschenrechte' und 'Demokratie' das Land gehörig unter Druck gesetzt; allerdings geschahen die Reformen immer nur unter der Maßgabe der eigenen inneren Verhältnisse und unter der obersten Priorität der 'Stabilität'. Gemeinhin wird diese Stabilität mit dem Herrschaftsmonopol der Kommunistischen Partei gleichgesetzt; aber auch, ob das so bleibt, ist nicht gesagt."

Weitere Artikel: In der Glosse bereitet Julia Voss die geniefixierte Kunstwelt auf ein Buch vor, das die Herkunft mancher Michelangelo zugeschriebenen Zeichnungen in Zweifel zieht. Von einem vom ZDF ausgerichteten Kongress, der sich mit dem Glück der Kinder befasste, berichtet Michael Hanfeld. Über einen Abend sprachlicher Verwirrung, an dem nordkoreanische Architekten in der Berliner Galerie Aedes zu Gast waren, informiert Dieter Bartetzko. Viel Skepsis war auf einer Wiener Großtagung des "Instituts für die Wissenschaften vom Menschen" zur Frage nach der Möglichkeit einer Weltzivilgesellschaft zu hören, die Helmut Mayer besucht hat. Andreas Eckert stellt eine Internet-Bilddatenbank mit Fotografien von sächsischen Afrika-Missionaren vor - und denkt über die Geschichte der Missionierung nach.

Alexandra Kemmerer referiert einen Vortrag des amerikanischen Rechtsprofessors Frank Michelman "über Nutzen und Nachteil eines prozeduralen Verfassungsbegriffs". Aus Israel berichtet Fania Oz-Salzberger, dass der Vorschlag eines Ministers, deutsche Wiedergutmachungsgelder in Ruhestandsbezüge umzuwandeln, auf viel Unverständnis stößt. Christian Geyer findet Haustiere schlau, weil sie unfähig zum Multitasking sind. Karin Lochte, Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung gibt im Interview ihre Einschätzung zu verschiedenen Fragen im Zusammenhang mit dem Klimawandel.

Auf der Medienseite meldet Michael Hanfeld, dass Stefan Austs Vertrag als Spiegel-Chefredakteur nicht über das Jahr 2008 hinaus verlängert wird .

Besprochen werden zwei Baselitz-Ausstellungen in London und Hamburg, eine "Carmen"-Inszenierung von Carlos Saura in Valencia, Özer Kiziltans Film "Takva- Gottesfurcht" und Bücher, darunter Alejandra Pizarniks Tagebücher "In einem Anfang war die Liebe Gewalt" und Horst Bredekamps Studie "Galilei, der Künstler" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

SZ, 16.11.2007

Stefan Koldehoff berichtet, dass Rheinland-Pfalz mittlerweile erwägt, aus dem gerade erst eröffneten Arp-Museum in Rolandseck bei Remagen auszusteigen, weil angeblich mindestens 14 Arp-Werke "nicht (mehr) vorhanden sind". Gerhard Matzig weint dem im Verschwinden begriffenen Hallenbad eine halbe Träne nach. Lutz Lichtenberger sorgt sich um das korrespondierende Verschwinden des Schwimmens, das durch ein zielloses Plantschen im Wellness-Tempel ersetzt werde. Die Lokführer betätigen sich durch ihren Streik und die damit einhergehende Umlenkung von Menschenmassen auch als soziale Performance-Künstler, beobachtet "Imue".

Zum 100-jährigen Bestehen des Deutschen Archäologischen Instituts in Kairo weist Heiko Flottau auf das Langzeitprojekt auf der Nilinsel Elephantine bei Assuan hin, wo seit vierzig Jahren die altägyptische Alltagskultur erforscht wird. Alexander Gorkow trifft den Musiker Stephen Duffy zum Mittagessen. Die New Yorker Herbstauktionen haben mit Rekordpreisen für Francis Bacon und Jeff Koon die Vitalität des Kunstmarkts bewiesen, meint Jörg Häntzschel. Kristina Maidt-Zinke bangt um die amerikanischen Hobby-A-Cappella-Sänger, die nach dem College oft kein Ensemble finden. Robert Redfords Film "Von Löwen und Lämmern" fällt bei Publikum und Kritikern durch, meldet Fritz Göttler (Kein Wort dazu, dass er Redford noch vor einer Woche selbst eine "virtuose" Verknüpfungstechnik attestierte).

Dass Stefan Aust als Chefredakteur des Spiegels vorzeitig entlassen worden ist, melden Christopher Keil und Caspar Busse online.

Besprochen werden die Aufführung von Vicente Martin y Solers Oper "Il burbero di buon cuore" im Madrider Teatro Real und als Bücher Herbert Marcuses "Feindanalysen" und La Bruyeres Who's Who aus Versailles "Die Charaktere".