Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.08.2007. In der FAZ erklärt Necla Kelek, warum der Ehrenmord an Hatun Sürücü mehr als ein Mord war. Im Tagesspiegel macht Petros Markaris die griechische Regierung für das Ausmaß der Waldbrände verantwortlich. Die Zeit mag nicht in die neuesten Georgianischen Choräle einstimmen. Die taz empfiehlt trotz einiger Kritikpunkte den Besuch des neuen Sklavereimuseums in Liverpool. In der SZ ist sich Joachim Kaiser uneins über Simon Rattle.

NZZ, 30.08.2007

Felix Philipp Ingold stellt das lange Zeit verschollene Reisetagebuch Andre Malraux' "Carnet d'U.R.S.S." vor, das jetzt im Französischen als kommentierte Einzelausgabe vorliegt. Von dessen Rede auf dem Ersten Allsowjetischen Schriftstellerkongress 1934 in Moskau erzählt Ingold: "In seinem Grundsatzreferat vom 23. August nahm Andre Malraux die Stalinsche Funktionsbestimmung des Schriftstellers als 'Seeleningenieur' auf, begnügte sich jedoch nicht damit, den allmächtigen Parteichef zu zitieren, sondern nahm sich die Freiheit heraus, dessen Diktum so zu deuten, dass es, ebenso diskret wie eklatant, in sein Gegenteil verkehrt wurde: 'Sind die Schriftsteller die Ingenieure der Seele, dann vergesst nicht, dass die höchste Aufgabe des Ingenieurs das Erfinden ist. Die Kunst ist nicht Unterwerfung - sie ist Eroberung und Sieg.' Und selbst das zentrale ästhetische Postulat des sozialistischen Realismus, die 'Widerspiegelung der Wirklichkeit', kontert Malraux mit der von Lew Tolstoi hergeleiteten Forderung, 'Imitation durch Entdeckung zu ersetzen'; denn: 'Es genügt hier nicht, eine große Epoche zu fotografieren, um schon eine große Literatur entstehen zu lassen'."

Besprochen werden das von der Rütli-Stiftung finanzierte neue Bauprojekt des Lucerne Festival, für das "nur noch" ein Grundstück fehlt, die Ausstellung "Neues Bauen in den Alpen" in Flims sowie Bücher, darunter eine Arbeit des Kirchenhistorikers Thomas Kaufmann über den lutherischen Protestantismus und Paul Michael Lützelers Buch "Kontinentalisierung".

Auf der Filmseite sah Till Brockmann das neue Werk des Regisseurs Lou Ye "Summer Palace", "ein 'Pflichtfilm' für jeden, der sich für die Zeitgeschichte der Volksrepublik China interessiert", Christoph Egger bespricht den Film "I Was a Swiss Banker", ein "wassersüchtiges Satyrspiel" von Thomas Imbach.

FR, 30.08.2007

Im Interview mit Aureliana Sorrento fordert der italienische Soziologe Tonino Perna einheitliche europäische Antimafia-Gesetze und die Liberalisierung von Drogen: "Wenn das Europäische Parlament ein Gesetz verabschiedete, dass das Rauschgift liberalisiert, wäre das ein brutaler Schlag für alle italienischen Mafia-Organisationen. Sie wären von jetzt auf gleich wirtschaftlich am Ende. Das wird aber nie passieren. Die kriminelle Bourgeoisie wird schon dafür sorgen, dass die politischen Kräfte, die gegen die Drogen-Liberalisierung sind, weiterhin das Sagen haben."

Weiteres: Albrecht Lüter war auf einer Veranstaltung des Berlin-Brandenburgischen Kunstfestivals "Rohkunstbau", in dem es um das Thema politische Gleichheit ging. In der Kolumne Times Mager befasst sich Sylvia Staude mit nationalen Eigenheiten.

Besprochen werden Martin Nimz' Theaterfassung von Goethes "Die Wahlverwandtschaften", mit der das Schauspiel Frankfurt den 258. Geburtstag Goethes begeht ("Sauber gemacht. Aber man fragt sich doch, wozu die Übung?", fragt sich missmutig Peter Michalzik), Doug Leflers Historienfilm "Die letzte Legion", Christoph Hübners Dokumentation "Thomas Harlan - Wandersplitter" und Ulrich Grossenbachers filmischer Abgesang auf die sterbende Subkultur der Aussteiger "Hippie Masala" - für Daniel Kothenschulte "ein bewegendes und überraschend humorvolles Dokument".

Zeit, 30.08.2007

Allenfalls mit wachsenden Selbstzweifeln des Westens kann sich Thomas Assheuer die neue Lust am Untergangspropheten und Dunkelseher Stefan George erklären: "Focus/Spiegel standen für den heidnischen Messias Spalier, und die FAZ brachte groß eine majestätische Huldigung in Anschlag. Die Buchstaben trugen Stehkragen und Fraktur, und in ihren Augen blitze es metallisch. Auch Angstlust war zu sehen. Dann rief es: 'George!'" Fritz J. Raddatz bespricht dazu die George-Biografie Thomas Karlaufs, die den neuen Hype ausgelöst hat, kann ihr aber außer Fleiß nicht viel abgewinnen: "Wer dieses Buch ohne Kenntnis des Werks von George liest, kommt schließlich zu dem Fazit 'ein Schwuler, der auch Gedichte geschrieben hat'."

In der Leitglosse versucht sich Sabine Horst einen Reim auf die neue Beliebtheit von Pinguinen zu machen. Konrad Heidkamp besucht das Bluesarchiv des Jazzclubs Eisenach. Reiner Luyken konstatiert, dass Dianas Tod zu einer geradezu despotischen Emotionalisierung Großbritanniens geführt hat. Woody Allen liefert noch eine Erinnerung an Ingmar Bergman. Und der Dramatiker Moritz Rinke verabschiedet den verstorbenen Theatermann Kurt Hübner.

Besprochen werden Jan Fabres Salzburger Choreografie "Requiem für eine Metamorphose", in der Rubrik "Was mache ich hier?" die Rudolph-Moshammer-Oper in Berlin und Neues aus der Abteilung Diskothek.

Für den Literaturteil hat sich Susanne Mayer vom kanadischen Schriftsteller Michael Ondaatje erklären lassen, wie das Prinzip Improvisation funktioniert: "Am Anfang steht die Furcht, danach: pures Abenteuer!". Im Dossier unterhält sich Giovanni di Lorenzo mit Helmut Schmidt über die Entführung und Ermordung Hanns Martin Schleyers vor dreißig Jahren.
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FAZ, 30.08.2007

Für Necla Kelek belegt der Prozess wegen des Ehrenmords an Hatun Sürücü, der jetzt wieder aufgerollt wird, vor allem den Willen der Mehrheitsgesellschaft zum Wegschauen: "Obwohl über diesen 'Ehrenmord' heftig und kontrovers öffentlich gestritten worden war, vermieden es nicht nur Verteidiger, sondern auch Ankläger und Richter, dem Fall eine gesellschaftliche Dimension zu geben. Doch die hatte er längst. Noch nie war die Differenz zwischen archaischer, religiös determinierter Kultur und einer aufgeklärten Gesellschaft so überdeutlich sichtbar geworden wie durch diese Tat. Jedem war klar, dass mehr als ein Mord verhandelt wurde: Die drei Schüsse entlarvten das wohlmeinende Wegschauen angesichts gegengesellschaftlicher Strukturen als tödliche Toleranz."

Weitere Artikel: In der Leitglosse schimpft Edo Reents über die Rockstars von heute, die mit jeder Drogengeschichte gleich an die Öffentlichkeit gehen müssen. Julia Spinola findet die schmissigen Auftritte des Simon-Bolivar-Jugendorchesters, das gerade auf Europa-Tournee ist, wenig erfreulich. Alexandra Kemmerer berichtet von einer Tagung in Hamburg, auf der über die Bedeutung des Privatrechts debattiert wurde. Helmut Mayer hat einer Diskussion über die Aktualität der "Wahlverwandtschaften" gelauscht, die einer Frankfurter Theaterinszenierung von Goethes Roman vorausging, die wiederum Gerhard Stadelmaier sehr ungnädig bespricht. Auf der letzten Seite informiert Dieter Bartetzko über neue Erkenntnisse zum Bamberger Reiter. Paul Ingendaay hat in spanischen Klatschmagazinen in Erfahrung gebracht, wer in diesem Sommer mit wem baden ging.

Auf der Filmseite beklagt Verena Lueken den Abschied des WDR-Redakteurs Helmut Merker, der auch das Ende der glorreichen Filmredaktion des Senders bedeuten dürfte. Höchstens halb gelungen findet Michael Althen den Venedig-Eröffnungsfilm "Atonement" von Joe Wright. Andreas Kilb stellt das Filmprogramm der Berliner "New York"-Ausstellung vor.

Besprochen werden Mika Ninagawas Film "Sakuran", ein Kölner Konzert von Beth Ditto und ihrer Band "Gossip" und gleich drei Bücher über Heinrich Mann (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Welt, 30.08.2007

Zum Auftakt der Filmfestspiele von Venedig hat sich Peter Zander eine eher fade Hommage auf das seit 75 Jahren bestehende Festival angesehen und Joe Wrights McEwan-Verfilmung "Abbitte", die er nur als "protzige Kinokonfektionsware" abtun kann. Für Reinhard Wengierek geht völlig in Ordnung, dass "Theater heute" das Hamburger Thalia zum Theater des Jahres gekürt hat. Im Interview mit Manuel Brug spricht der lettische Dirigent Andris Nelsons über seine Lehr- und Wanderjahre. Am Rande fragt sich Hendrik Werner, ob Wikipedia auch langweilig wird, nun da es seriös werden muss. Iris Alanyali erzählt, dass für die Biografie eines Stadtbücherei-Katers ein Vorschuss von einer Million Dollar gezahlt wurde. Peter Dittmar erinnert an den vor zweihundert Jahren gestorbenen Kunst-Tischler David Roentgen, dem derzeit in Berlin, Nürnberg und Neuwied Ausstellungen gewidmet sind.

Besprochen werden auf der Kinoseite David Mackenzies Film "Hallam Foe", Elke Haucks Film "Karger" und Christoph Hübners und Gabriele Voss' Dokumentation über Thomas Harlan.

Tagesspiegel, 30.08.2007

"Goethes Arkadien existiert jetzt nicht mehr", schreibt der griechische Krimiautor Petros Markaris in einem Artikel über die griechischen Waldbrände, der bereits gestern erschienen ist (und den wir übersehen haben). Markaris macht die griechische Regierung verantwortlich: "Der Minister für öffentliche Ordnung, der Byron Polidoras heißt und auch Gedichte schreibt (scheußliche, trotz seines Vornamens), raunt jetzt von einer 'asymmetrischen Gefahr', wie Präsident Bush vom Terrorkrieg. Dabei gehört Griechenlands Feuertragödie zur Symmetrie eines nationalen Versagens. Weil es aber weit über Klima- und Tourismusfragen hinaus auch um die Verwüstung eines Stücks europäischer Kultur geht, muss nun auch die Europäische Union handeln."

Außerdem: In einem Gespräch mit Nicola Kuhn erklärt Nicolas Berggruen der Sohn des Sammlers Heinz Berggruen, dass er die Berlin vermachte Kunstsammlung seines Vaters noch erweitern will. Und Michael Braun liest Rüdiger Safranskis Buch über die deutsche Romantik.

TAZ, 30.08.2007

Barbara Mürdter besucht das neu eröffnete International Slavery Museum in Liverpool, das besonders den Widerstand der Sklaven würdigt. Auch auf einen der Kritikpunkte an dem Museum macht sie aufmerksam: "Ein wichtiger Diskussionspunkt in der gegenwärtigen Debatte aber bleibt ausgespart: die Rolle schwarzer Stammesfürsten, die ihre eigenen Landsleute gegen europäische Waren eintauschten. Dabei hätte man denjenigen, die mit dem Verweis hierauf die europäische Schuld an diesem Verbrechen relativieren wollen, mit einer geschichtlich korrekten Darstellung durchaus den Wind aus den Segeln nehmen können."

Weiteres: Cristina Nord zeigt sich nicht amüsiert vom Eröffnungsfilm des Filmfestivals in Venedig. Besprochen werden Doug Leflers Sandalen-Fantasy-Film "Die letzte Legion", David Mackenzies postpubertäres Eifersuchtsdrama "Hallam Foe", Michail Segals Liebesgeschichte zwischen einem SS-Soldaten und einer jungen Weißrussin "Franz und Polina" und das Arbeitsbuch 16 der Zeitschrift Theater der Zeit, "Eigenart Schweiz".

Und Tom.
Stichwörter: Fantasy, Venedig

SZ, 30.08.2007

Joachim Kaiser ist sich in seinem Artikel über die Konzerte der Berliner Philharmoniker in Salzburg uneins mit Simon Rattles Dirigierkunst. "Rattles Triumph: die folgende Burleske. Sie erklang fabelhaft virtuos und witzig. Den Stretta-Schluss hat selbst Bernstein nicht besser geschafft. Im Final-Adagio wich Rattle dem naheliegenden Vergleich mit Bruckner aus, indem er Mahlers Melos wunderbar blühend, ja sinnlich-wagnerianisch verstand", feiert Joachim Kaiser das erste Salzburger Konzert der Berliner Philharmoniker mit Mahlers Neunter Sinfonie. Aber leider zwingt Rattles zweiter Abend ("eine gemischte Folge aus Brahms, Schumann, Ligeti und Strawinsky") Kaiser dann zu zwei Verlustanzeigen. "Waren nicht die Berliner Philharmoniker einmal das beste Brahms-Orchester der Musikwelt? (...) Nun sind sie es nicht mehr. Ihr Brahms ('Tragische Ouvertüre') klingt recht unspezifisch, sogar etwas extrovertiert. Den Akkorden fehlt es an Innenspannung, archaischem Gewicht. Und wer einst Strawinskys 'Sinfonie in drei Sätzen' (von 1945) als ein gewaltiges Schreckensdokument liebte - der hat sich damals wohl getäuscht. 2007, in Salzburg, wirkte das Stück nur mehr imperial-monumental aufgedonnert. Hätte auch von Respighi sein können. Filmmusik."

Weitere Themen: Thomas Urban fasst die in den polnischen Medien für seinen Geschmack etwas zu hysterisch geführte Debatte um die Restitution deutscher Kulturgüter zusammen und stellt die Frage: "Wer ist Räuber, was ist Beute?" Stefan Koldehoff schildert den Fall der bedeutenden Stettiner Kunstsammlung, die heute zu den Beständen des Pommerschen Landesmuseums in Greifswald gehört und von Polen mit dem gleichen Argument für Stettin gefordert wird, wie Berlin wertvolle Bestände der Preußischen Staatsbibliothek zurück fordert, die sich durch kriegsbedingte Auslagerung heute in Polen befinden: dass Kunstwerke an den Ort gehören, wo sie gesammelt worden sind. Christian Welzbacher erläutert, warum er der Ansicht ist, dass China zu Unrecht als Plagiator am Pranger steht: "Das Plagiat ist ein zentrales Element der abendländischen Moderne und zugleich Symbol einer Lebensweise, die wir in unserer Kindheit eingeimpft bekommen: Imitation als Anstoß zum Fortschritt und als Möglichkeit, eine Belohnung zu bekommen." Merten Worthmann bringt uns das Zentrum für Kunst und industrielle Gestaltung "laboral" im nordspanischen Gijon nahe. Ingo Petz macht uns mit dem Minsker "Freien Theater" um Nikolaj Chalezin und seinen Schwierigkeiten mit der weißrussischen Polizei bekannt, die die Aufführungen des Theaters schon mal stürmt und sowohl Schauspieler als auch Publikum verhaftet. Alexander Menden hat den Bestseller-Autor Alexander McCall Smith in Edinburgh besucht. Reinhard J. Brembeck hört Widersprüchlichstes beim Beethovenfest in Bonn. Und Susan Vahabzadeh schickt einen ersten Bericht vom Filmfestival in Venedig.

Besprochen werden David Mackenzies Teenager-Initiationsgeschichte "Hallam Foe", Thierry Michels dokumentarisches Porträt des "Congo River", Juan Carlos Fresnadillos Zombie-Fortsetzungsfilm "28 Weeks Later" ("eine apokalyptische Pilgerfahrt vorbei an Londoner Touristenattraktionen", mäkelt Hans Schifferle), Ereignisse des Beethovenfestes in Bonn und Bücher, darunter Julia Voss' Darstellung der Geschichte der Evolutionstheorie anhand ihrer Bilder "Darwins Bilder. Ansichten der Evolutionstheorie 1837-1874". Mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages.

Im Übrigen wird gemeldet, dass statt des gefeuerten Volker Schlöndorff nun Sönke Wortmann für die Constantin Film Donna Cross' Bestseller "Die Päpstin" verfilmen wird.

Auf der Medienseite unterhält sich Claus Hulverscheidt mit dem Eigner der Berliner Zeitung und anderer Blätter, David Montgmomery, der auch sein eigener zukünftiger Veleger sein könnte: "Wenn Marken wie die Sächsische Zeitung oder die Süddeutsche Zeitung zum Verkauf stehen, werden wir uns das genau ansehen.