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Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.08.2007. Die NZZ feiert den 25. Geburtstag der Audio-CD. In der FAZ erklärt Jürgen Flimm zum Ende der Salzburger Saison, was ihn am Musikbetrieb stört. Die Welt ist ein bisschen genervt über allzu absehbare Besetzungen im deutschen Film. Die taz sucht einen niedrigschwelligen Eingang in den Balkanpop. In der SZ erklärt der türkische Liedermacher, Regisseur, Romancier und Ex-Politiker Zülfü Livaneli, was ihm Angst macht am Islam

Welt, 24.08.2007

Ulrich Kriest kann zwar das neue Stammpersonal des deutschen Films ganz gut leiden, ist mittlerweile aber ein wenig genervt von der formelhaften und recht absehbaren Besetzung: "Will man einen nicht mehr ganz jungen Mann, dessen Leben aus den Fugen gerät, der aber sympathisch ist, nimmt man Axel Prahl. Soll es eine Borderline-Figur sein, steht Sabine Timoteo bereit. Ein älterer Gangster / Drogensüchtiger mit migrantem Hintergrund? Birol Ünel! Darf es etwas jünger sein? Oktay Özdemir! Eine mit Power, die nicht auf den Mund gefallen ist? Jasmin Tabatabai! Eine rotzige Göre? Jana Pallaske! Eine naiv-kapriziöse Zicke mit Kulleraugen? Marie Zielcke. Ein verstörter Teenager? Julia Hummer. Ein aufgekratzt-eloquenter Teenager? Tom Schilling. Eine aufgekratzt-patente Mittvierzigerin? Dagmar Manzel. Eine erschöpft-genervte Mittvierzigerin? Corinna Harfouch."

Weiteres: Thomas Delekat bedankt sich bei dem Kunststudenten Michael, der ihn erhobenen Hauptes und unter der hoch gehängten Theorie-Latte hindurch über die Documenta geführt hat. Manuel Brug kommentiert am Rande die zweifelhafte Ehre für Sasha Waltz, zur Choreografin des Jahres gekürt worden zu sein. Michael Pilz befasst sich mit der Frage, ob es wirklich eine gute Idee ist, ausgerechnet den Brutalo-Rapper Bushido beim Bravo-Konzert gegen Gewalt an Schulen auftreten zu lassen. Hella Boschmann sieht das Boston Symphony Orchestra unter James Levine zu neuem Glanz erblüht. L. Schmidt-Mühlich schreibt zum Tod des Intendanten, Regisseurs und Schauspieler Kurt Hübner. Im Interview mit Steffen Rüth spricht Tim Mälzer über seine Koch-Show "Born to Cook" und stellt klar: "Fett wird man ja nicht, weil man ein oder zwei Mal die Woche Currywurst oder Burger isst, das kann gern jeder machen. Fett macht der ganze Nebenbeikram."

FR, 24.08.2007

Peter Iden schreibt den Nachruf auf den Schauspieler, Regisseur und Intendanten Kurt Hübner. "Hübner war elf Jahre lang (von 1962 bis 73) Intendant in Bremen. Bei ihm arbeiteten die führenden Regisseure der Epoche. Er engagierte aus Mailand Klaus Michael Grüber, der in Bremen mit einer wunderschönen Aufführung von Shakespeares 'Sturm' debütierte, es kamen Peter Zadek und Peter Palitzsch, Hans Hollmann und Johannes Schaaf, Hans Neuenfels, Johann Kresnik und Alfred Kirchner. Hübner entdeckte in einem Münchner Kellertheater Rainer Werner Fassbinder, der sich in Bremen in einem 'Showdown' vorstellte mit den frühen Filmen und einer Aufführung von Lope de Vega. Neben Ganz, Clever, Lampe waren Hannelore Hoger, Traugott Buhre, Rolf Becker, Vadim Glowna Protagonisten des Ensembles."

Es sind die Drehbuchautoren, nicht mehr die Schriftsteller die heute das Bild der Welt zeichnen, bemerkt Daland Segler: "Wie differenziert auch immer die Schriftsteller ihre Orte gezeichnet haben mögen: Sie kommen nicht mehr an gegen die bunten Bilder, mit denen Film und Fernsehen unsere Wahrnehmung überfluten. Zumal sie den Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit für sich nutzen können. Das Barcelona aus Manuel Vazquez Montalbans Detektiv-Geschichten ist längst selbst Geschichte. Und wer wollte noch Thomas Manns Venedig suchen, wenn er im Abstand weniger Monate immer wieder Commissario Brunetti bei seiner Arbeit folgen kann, die Sehenswürdigkeiten der versinkenden Schönheit stets vor Augen. Es sind die Autoren von Drehbüchern und ihre Regisseure, die den Platz in unserer Fantasie besetzen, den zuvor die Schriftsteller ausgemalt hatten."

Weiteres: Martin Dahms schildert die nationalen Wallungen in Katalonien. Harry Nutt lässt uns in einer Times mager an der Fahrt ins nördliche Brandenburg teilhaben.

Besprochen wird neben einer Einspielung von Stücken Ornette Colemans durch die Pianistin Aki Takase und die Holzbläserin Silke Eberhard auch Robert Menasses Roman "Don Juan de la Mancha".

TAZ, 24.08.2007

Als niedrigschwelligen Einstgieg in den derzeit angesagten Balkanpop empfiehlt Daniel Bax allen Anfängern "Disko Partizani" von DJ Shantel und seinem Bucovina Club Orkestar. "Manchen Balkan-Liebhabern mag das etwas glatt gebügelt und auf Massentauglichkeit getrimmt erscheinen. Und man kann sich streiten über die Qualität von Zeilen wie 'Yabadabaduh, yabadabadey, I wanna be your Disco Boy' - universal verständlich sind sie allemal. Der englische Sprechgesang, den Shantel beisteuert, soll dem Hörer von 'Disko Partizani' aber ohnehin nur den Zugang erleichtern zu dem Kessel Buntes, der ihn erwartet: zu türkischen Melodien, griechischen Schlagern, ungeraden Balkan-Rhythmen und byzantinischer Gesangsornamentik mit ihren Viertelton-Skalen. Für den durchschnittlichen Pop-Konsumenten ist das nach wie vor ungewohnte Kost."

Auf der Medienseite berichtet Reiner Wandler von zunehmendem Druck auf marokkanische Medien im Vorfeld der Parlamentswahlen. Dorothea Hahn kolportiert, dass die Bildredakteure von Paris Match die Speckrolle Nicolas Sarkozys freundlicherweise wegretuschiert haben.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Fotografien von Schülern des Reportagefotografen Dirk Reinartz im Martin-Gropius Bau in Berlin sowie einige Platten aus Brasilien.

Und Tom.
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NZZ, 24.08.2007

"S.B." fragt sich auf den Medienseiten anlässlich des 25. Geburtstages der CD , wie sich Musik im Zeitalter digitaler Speichermedien verändert hat. Dabei stellt er fest, dass die Sehnsucht nach dem guten alten Tonträger, der "nicht mehr da ist, seit die Musik im Fluidum des Digitalen, in den Weiten des Internets sich verflüchtigt hat", zunehmend wächst. Auch die Solidarisierung mit bestimmten Subkulturen werde immer schwieriger: "Digitale Musik ist heute überall verfügbar, aber sie ist nicht greifbar; übers Internet steht jeder Song sofort zur Verfügung, aber die Breite des virtuellen Musikangebots entzieht sich der Auffassung; auch große Musiksammlungen lassen sich im Hosensack transportieren, aber man kann seinen Musikgeschmack nicht mehr vorzeigen: Aus allen Ohren baumeln weiße Kabel, der Kopf dazu bleibt - wie in der Werbung für den iPod von Apple - schemenhaft, unidentifizierbar."

Martin Kretschmer und Friedemann Kawohl vom Centre for Intellectual Property Policy and Management, die auch eine Onlinedatenbank zur Geschichte des Urheberrechts betreiben, weisen darauf hin, dass das Urheberrecht in der Musik in früehren Zeiten mehr kreativen Spielraum ließ: "Ein kultureller Eigentumsbegriff, der alle Formen der Nutzung eines klar umrissenen Werks dem Autor zuordnet, entsteht erst im 19. Jahrhundert. Zuvor war produktive Nutzung fremder Werke gängige Praxis. 'Entlehnen ist eine erlaubte Sache', so Johann Mattheson, einer der führenden Musiktheoretiker des 18. Jahrhunderts, in 'Der vollkommene Capellmeister' (1739). Schließlich ging es darum, Musik den je unterschiedlichen Aufführungsbedingungen oder dem sich ändernden Zeitgeschmack anzupassen. Handschriften zeigen, dass Bach nie ein Werk, ob aus eigener oder fremder Hand, ohne Änderungen abgeschrieben hat."

Dazu schreibt "hof" über die Schweizer Gruppe "Kunstfreiheit", die sich aus Künstlern, Kuratoren und Medienwissenschaftler zusammensetzt und die ihre Kreativität "durch zu eng definierte Grenzen des Urheberrechtes eingeschränkt" sieht (mehr dazu: www.urheberrecht.ch).

Im Feuilleton: Maria Becker bespricht den Katalog des Ausstellungsmachers Harald Szeemanns, der einen Überblick über all seine kuratorischen Arbeiten verschaffen soll ("ein Buchband wie ein Quaderstein - mindestens so dick und so solid, dass man mannshohe Mauerwerke damit bauen"). Martina Wohltat sah den Auftritt des tschechischen Dirigenten Jiri Belohlavek, der das Lucerne Festival mit Smetanas "Mein Vaterland" bespielte ("gelöster und überschwänglicher lässt sich diese Musik kaum denken"). Erinnert wird außerdem an den Operettenkomponisten Ralph Benatzky, Günther Rühle schreibt zum Tod des Theaterleiters Kurt Hübner.

Auf der "Pop und Jazz"-Seite bespricht Stefan Hentz das neue Album des Tenorsaxofonisten Joshua Redman "Back East", durch dessen Klang ein "östliches Aroma" zieht, Ueli Bernays spricht mit dem kanadischen Jazzpianisten Paul Bley über dessen neues Album "Solo in Mondsee".

FAZ, 24.08.2007

Zum Abschluss der Saison unterhält sich Eleonore Büning mit dem Salzburger Intendanten Jürgen Flimm, der auch erzählt, was ihm am heutigen Musikbetrieb nicht passt: "Heute geht alles viel zu schnell. Bildhübsch, tolle Stimme, gerade fertig mit der Juilliard School und gleich das erste Engagement an der Met, das große Geld, ein Auftritt nach dem anderen an großen Häusern. Der Karriereweg ist abgekürzt, das geht heute nicht mehr langsam aufwärts über die Stadttheater von Lübeck nach Frankfurt bis zu uns. Deshalb schaffen es die Sänger auch nicht mehr, sich ein breites Repertoire aufzubauen. Es fehlt die Zeit, das Singen mit Erfahrung zu durchwirken. Lebenserfahrung und Kunsterfahrung: Bücher, Landschaften, Filme, Menschen, Bilder..."

Weitere Artikel: Karen Krüger stellt einen Entwurf des türkischen Modeschöpfers Atil Kutoglu für eine Tracht der künftige türkische Präsidentengattin Hayrünnisa Gül, die das Kopftuch als ein übliches Kleidungsstück erscheinen lassen soll. Christian Geyer und Jürgen Kaube versuchen sich in zwei Meinungsartikeln einen Reim auf die Mügelner Ereignisse zu machen. Hubert Spiegel kommentiert den Umstand, dass Paulo Coelho die ersten Kapitel seines neuen Buchs gratis ins Netz stellt, nicht aber das letzte, für das man das Buch schon kaufen muss. Jochen Hieber besucht mit dem fußballaffinen Autor Tim Parks die National Portrait Gallery und das neue Wembley-Stadion in London. Gerhard Stadelmaier schreibt zum Tod des Intendanten Kurt Hübner. Gina Thomas begutachtet einen Pavillon, den Olaf Eliasson und Kjetil Thorson in den Londoner Kensington Park setzten. Heinrich Wefing schreibt zum Tod des DDR-Architekten Ulrich Müther.

Auf der Medienseite notiert Michael Hanfeld die Klagen der Privatsender über die angeblichen Pläne der Öffentlich-Rechtlichen für Nachrichtenkanäle, die ihre Spitzenprodukte NTV und N 24 gefährden könnten. Außerdem unterhält sich Hanfeld mit dem Chef der Film- und Fernsehproduktionsgesellschaft Ufa, Wolf Bauer. Und Jürg Altwegg meldet, dass Paris Match dem Präsidenten Sarkozy bei seinen Urlaubsfotos neulich die Speckröllchen (französisch: poignees d'amour, Liebesgriffe) wegretuschierte.

Auf der letzten Seite empfiehlt Julia Voss eine Ausstellung über Frankfurter Frauenzimmer um 1800, die bereits vollständig emanzipiert und geschäftlich aktiv waren. Und Kilian Trotier meldet, dass die österreichischen Hochschulen (wie auch schon ihre Schweizer Pendants) aus den in der Zeit veröffentlichten Hochschulrankings des Centrums für Hochschulentwicklung aussteigen wollen.

Besprochen werden Atiq Rahimis Film "Erde und Asche", ein Auftritt der nach Eric Pfeil stilprägenden Rockband Arcade Fire in Köln und Sachbücher, darunter ein Band mit neu entdeckten Zeichnungen Sybilla Merians.

SZ, 24.08.2007

Kai Strittmatter trifft den schillernden türkischen Liedermacher, Regisseur, Romancier und Ex-Politiker Zülfü Livaneli auf einen Cocktail und lässt sich dessen Furcht vor einer schleichenden Islamisierung erklären. "Wollt Ihr Europäer wissen, warum wir Angst haben? Weil sich der Islam in den Alltag einmischt. Moses war ein Exilant. Jesus war ein Verstoßener. Mohammed war anders: Er war reich und verheiratet. Und als er starb, hinterließ er einen Staat. Das war ein politisches System von Anfang an."

Unerhört antisowjetisch und unerhört gut ist Alexej Balabanows neuer Film "Grus 200", meint Sonja Zekri. "'Fracht 200' ist der militärische Code für einen Gefallenentransport aus Afghanistan, und spätestens als Anjelikas Bräutigam im Zinksarg angeliefert wird, Schurow dem Toten zwei Orden an die Brust klemmt und ihn zu Anjelika aufs Bett wirft, wenn Insekten um die Leiche schwirren und Schurows Mutter sich sabbernd beschwert : 'Wir haben Fliegen!', schlägt der Film um ins Halluzinatorische, wird zum Retro-Horrortrip in eine Sowjetunion, die nicht sauber und geordnet war, sondern stinkend, sadistisch und krank. Balabanows Leninsk ist ein hoch symbolischer Ort, eine nationale Metapher wie Tschechows 'Krankensaal Nr. 6'."

Weiteres: Thomas Steinfeld findet die fälligen Worte zu Wolfgang Thierses Sorgen um den Ruf Deutschlands als Wirtschaftsstandort, die ihm als einziges zu den verprügelten Indern in Mügeln einfielen: "erbarmungsloser Funktionalismus". Jörg Königsdorf besucht Philippe Herreweghe und sein Orchestre des Champs-Elysees, die ihn der westfranzösischen Provinz in Saintes nach drei Tagen Probe Gustav Mahler aufführen wollen. Reinhard J. Brembeck meldet, dass der italienische Kulturminister einen Sonderkommissar eingesetzt hat, um die Finanzprobleme der Oper San Carlo in Neapel zu lösen. Jeder zehnte Brite wäre laut einer Umfrage von YouGov gerne Schriftsteller, verkündet Andreas Schubert. Christian Marquart preist den ökologischen Innenumbau der Hamburger Handelskammer durch Behnisch Architekten, bestehend aus Vater und Sohn Behnisch. Henning Klüver schüttelt den Kopf über die sizilianische Sitte des condono, mit der sich etwa Brandstifter von der Strafe freikaufen können. Christine Dössel schreibt zum Tod des Schauspielers, Regisseurs und ehemaligen Intendanten Kurt Hübner.

Auf der Medienseite läutet Viola Schenz die Totenglocken für die großen Verlegerfamilien im amerikanischen Mediengeschäft und begrüßt internationale Investoren (was der SZ ja eventuell ebenfalls blüht, wenn die Herausnehmerfamilien abtreten).

Besprochen werden eine Ausstellung mit Aquarellen aus der Sammlung des "Birmingham Museum and Art Gallery" im Nordischen Aquarellmuseum im schwedischen Skärhamn, das "eigentlich unhörbare" Album "Kala" von Mathangi Arulpragasam alias M.I.A., und Bücher, darunter Isabel Allendes Roman "Ines meines Herzens" sowie Norbert Härings und Olaf Storbecks Wirtschaftsfibel "Ökonomie 2.0".

Auf Seite 3 porträtiert Oliver Meiler den Bollywoodstar Sanjay Dutt, der wegen illegalen Waffenbesitzes in den Knast muss.