Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.07.2007. In der Welt erklärt Johannes Tuchel von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, dass er im Ehrenhof des Bendlerblocks keine Hakenkreuzfahnen sehen will. Die FAZ war in Bayreuth Kuscheln mit Katharina. Die NZZ fragt, was aus Kunst in Zeiten der Events wird. Außerdem porträtiert sie den Bauingenieur Cecil Balmond. Für die Berliner Zeitung besucht der Historiker Omer Bartov die heute westukrainische Stadt Buczacz, wo seine Vorfahren lebten und ermordet wurden.  Die SZ erinnert an die Ausstellung "Entartete Kunst" vor siebzig Jahren.

Welt, 14.07.2007

Sven Felix Kellerhoff und Sabine Zimmer unterhalten sich mit Johannes Tuchel von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand über die Frage, ob Tom Cruise für seinen Stauffenberg-Film im Ehrenhof der Gedenkstätte drehen darf, und man muss sagen, dass Tuchel durchaus gewichtige Argumente gegen solche Dreharbeiten vorbringen kann. Auch die Tatsache, dass hier schon ein anderer Film gedreht wurde, bringt ihn nicht davon ab: "Jo Baiers Film war der erste, der seit 1955 über Stauffenberg gemacht wurde. Wir sind gefragt worden, was wir davon halten würden - und waren skeptisch, haben das aber zurückgestellt. Als wir uns dann die Dreharbeiten und auch das Ergebnis gesehen haben, waren wir sicher: Das war nicht mehr der Ehrenhof der Gedenkstätte, sondern tatsächlich eine Kulisse. Gerade eine Wiederholung der Erschießungsszenen an diesem Ort könnten wir nicht billigen. Dies ist ein Ort, an dem an Widerstandskämpfer erinnert wird. Hier sollen keine Hakenkreuzfahnen aus den Fenstern hängen, hier sollen keine Exekutionen nachgestellt werden. Ich bin sehr froh, dass die Produktionsfirma das mittlerweile akzeptiert."

Weitere Artikel: Thomas Lindemann feiert Michelangelo Antonionis wunderbaren Film "Blow up", der wieder in die Kinos kommt. Gabriela Walde meldet, dass die Stiftung Preußischer Kulturbesitz ein neues Vertragsverhältnis mit der Sammlung Marx im Hamburger Bahnhof gefunden hat.

Besprochen werden eine Ausstellung über Elisabeth von Thüringen in Eisenach, das Musical "Elisabeth - Die Legende einer Heiligen" ebendort, eine neue CD von Prince, der sich nun dummerweise den Zeugen Jehovas zugewandt hat und entsprechende Musik zu machen scheint und Filme des Festivals von Karlsbad.

In der Literarischen Welt erinnert sich Hannes Stein mit Grausen an die siebziger Jahre und stellt mit noch mehr Grausen fest, dass bestimmte ideologische Lehrsätze aus dieser Zeit - etwa dass der Westen auf Kosten der Dritten Welt lebt - bis heute viele Gläubige finden. Vorabgedruckt wird eine Erinnerung Saul Friedländer über seine Kontroverse mit dem Histoiker Martin Broszat in den achtziger Jahren. Elmar Krekeler porträtiert den Bachmann-Preisträger Lutz Seiler. Tilman Krause spricht Klartext zur Cruise-Stauffenberg-Debatte. Zu den besprochenen Büchern gehört Richard Fords Roman "Die Lage des Landes".

Auf der Magazinseite unterhalten sich Hellmuth Karasek und der Gerontologe Peter Borscheid, moderiert von Andreas Seibel, über das Altern.

NZZ, 14.07.2007

Wenigstens eine Sache haben die großen Ausstellungen in diesem Kunstsommer - Venedig, Kassel, Münster - gemeinsam, findet Hans-Joachim Müller. "Zwischen der gegenwärtigen Sammlerkunst und der Kuratorenkunst, der Messekunst und der Museumskunst migrieren die Formen eben doch nicht so geschmeidig, wie man angesichts der Eventseligkeit des internationalen Publikums annehmen könnte. Auffällig dabei, wie sehr die drei großen Ausstellungen in Venedig, Kassel und Münster darauf bedacht sind, die Kunsterwartungen zu unterlaufen. Man mag die einzelnen Versuche als verfehlt, missraten, verkrampft, verkitscht, überanstrengt oder manieriert einschätzen, man müsste gleichwohl blind sein, wenn man das Signal nicht wahrnehmen wollte, das sich in der konzertierten Abgrenzung von den Moden und Modi des Kunstbetriebs verbirgt."

Ein begeisterter Roman Hollenstein beschreibt die zukunftsweisenden Arbeiten des Bauingenieurs Cecil Balmond: "... es sind nicht verrückte Gebilde und verführerische Hüllen, die ihn primär interessieren, sondern neue strukturelle und materielle Ansätze. Das Opernhaus von Taichung auf Taiwan, das er bis 2009 mit Ito vollenden will, könnte ein solch wegweisender Bau werden. Hier wandelt sich das algorithmische Linienmuster des Serpentine-Pavillons zu einem wogenden kettenförmigen Gewebe, dessen netzartige Strukturen erst seit kurzem im Computer berechnet und nun sogar im Hochhausbau angewandt werden können. Damit wird es laut Ito erstmals möglich, 'die Architektur des Computerzeitalters zu realisieren' - eine Architektur, bei der es weniger um bis anhin wichtige Aspekte wie Schönheit und Funktionalität als vielmehr um neue räumliche Qualitäten geht. Diese erreicht Balmond, indem er Erkenntnisse aus dem Studium mehrdimensionaler Geometrien in die dreidimensionale Welt überträgt."
(Zur Zeit gibt es eine Ausstellung zu Balmonds Werk im Louisiana-Museum in Humlebaek bei Kopenhagen.)

Weitere Artikel: Sabine B. Vogel denkt über den Umgang der zeitgenössischen Kunst - besonders der zeitgenössischen Fotografie - mit der Wirklichkeit nach. Und Bernhard Lang feiert die neue Zürcher Bibel als sprachliches Kunstwerk und zuverlässigen Kommentar.

Im Feuilleton fasst Uwe Justus Wenzel den Streit um Schöpfungsglaube und Evolutionsbiologie im Schulunterricht zusammen. Joachim Güntner grübelt über die angebliche NSDAP-Mitgliedschaft von Siegfried Lenz, Dieter Hildebrandt und Martin Walser. Besprochen werden eine Retrospektive zu dem Medienkünstler Johan Grimonprez in der Münchner Pinakothek der Moderne und die Designausstellung "Tomorrow Now - when design meets science fiction" im Luxemburger Mudam.

TAZ, 14.07.2007

Jörg Magenau feiert "Die Lage des Landes", den neuen Roman von Richard Ford (mehr) um Frank Bascombe, mit dem er sich endgültig unter die großen Chronisten der US-Gegenwart einreiht: "Frank Bascombe mag als literarischer Prototyp entwickelt worden sein. Vom 'Sportreporter' bis zu 'Die Lage des Landes' überblickt er nun knapp zwei Jahrzehnte amerikanischer Gegenwart und kann sich bald mit John Updikes Harry 'Rabbit' Angstrom oder Joseph Hellers John Yosarian messen."

Weitere Artikel: Ulrich Gutmair erläutert die Lage der Dinge im "offenen Krieg zwischen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und dem Online-Feuilletondienst Perlentaucher" und ist dabei sichtlich um den Verzicht auf Parteinahme bemüht. (Mehr dazu hier und hier. Auch die Presse in Wien informiert heute über den Streit und benennt die gegenseitigen Vorwürfe etwas deutlicher.) In seiner Spreebogen-Serie konstatiert Dirk Knipphals zwischen neun und zehn Uhr morgens zunehmende Geschäftigkeit im Regierungsviertel. Brigitte Werneburg berichtet von der Foto-Triennale in Esslingen. Julian Weber bespricht eine Reissue-CD der "Greatest Hits" von Barry White.

Auf der Meinungsseite informieren Gert C. Wagner und Jürgen Schupp über Erkenntnisse und Tücken der sozialwissenschaftlichen "Glücksforschung". In der zweiten taz erzählt Katja Strube die Geschichte der Ende Juni verstorbenen Dicky Funke - sie war die erste, jüdische Ehefrau Axel Springers, von der sich der nachmalige Verleger im Jahr 1938 scheiden ließ. Dietmar Kammerer berichtet, dass der in Mainz unternommene Feldversuch, "durch die Kombination von Erkennungsalgorithmen, Bilddatenbank und Videokameras gesuchte Personen aus einer Menschenmenge herauszufiltern", gescheitert ist.

Das Dossier des taz mag ist Berlin gewidmet. Es geht in einzelnen Artikel um Schulen in Berlin, um "junge Frauen mit Ehrgeiz" in Berlin, um Menschen, die Berlin wieder verlassen haben und um den Unterschied zwischen München und Berlin. In der Rubrik "Politisches Buch" werden unter anderem die autobiografische Programmschrift "Hoffnung wagen" des US-Präsidentschaftskandidaten Barrack Obama und ein Band mit Essays der kroatischen Exilantin Dubravka Ugresic besprochen.
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FR, 14.07.2007

In der FR-Serie zur "Deutschen Jugend" konstatiert Ulf Erdmann Ziegler in einem eher impressionistischen Text eine große deutsche Gelassenheit im Umgang mit öffentlicher Sexualität - anderswo sieht es aber anders aus: "Die deutsche Egalität ist kein durchgängiges Markenzeichen des Okzidents. In England stehen Vierzehnjährige im Winter halbnackt vor Diskotheken Schlange; aber die Gelbe Presse macht Jagd auf Prominente, deren Heimlichkeiten sie als 'sex scandal' vermarktet. Es ist jene explosive Mischung aus Prüderie und Triebdurchbruch, die sich ideal ins Raster von Politik und Medien einpasst. Die englische Tugend hat sich nach Nordamerika und Australien vererbt. Am Hafen von Sydney ist per Gesetz sogar das Fluchen verboten worden."

Weitere Artikel: Vom Höchster Kurzfilm-Festival "Shorts at Moonlight" berichtet Judith von Sternburg. In einem Times mager stellt Arno Widmann fest, dass bei "Google News" Kultur dasselbe wie Entertainment ist, selbst da, wo es - wie in Frankreich und Russland - eine Rubrik "Kultur" gibt.

Besprochen werden das neue Live-Album von Motörhead mit dem Titel "Better Motörhead Than Dead" und ein Frankfurter Open-Air-Konzert von Bryan Adams. Für eine Sammelrezension hat sich Christian Schlüter eine ganze Reihe von Büchern über Glauben und Wissen, Papst und Kirche angesehen.

Berliner Zeitung, 14.07.2007

Der Historiker Omer Bartov, zur Zeit Fellow an der American Academy in Berlin, schreibt über die heute westukrainische Stadt Buczacz, wo seine Vorfahren lebten und ermordet wurden, und er schreibt über seine Großeltern, die rechtzeitig nach Israel emigrierten: "Sehr viele Jahre später, nachdem mein Großvater gestorben und meine Großmutter zu uns gezogen war, sah ich sie einmal in einen deutschen Roman vertieft. Ich wusste, dass sie jiddisch, ukrainisch, polnisch, ein wenig russisch und natürlich hebräisch sprechen konnte. Aber deutsch? Sie war überrascht, als ich sie danach fragte. Deutsch war ihre vorherrschende Sprache. Sie hatte es in Buczacz gelernt, und während des Ersten Weltkrieges war sie nach Prag in ein Gymnasium geschickt worden, wo sie ihre Liebe für die deutsche Sprache entdeckte."

FAZ, 14.07.2007

Seit dem 1. Juli gilt in England ein Rauchverbot in öffentlichen Räumen. Der Maler David Hockney, siebzig und Raucher, prophezeit als Folge einen Anstieg des Medikamentenkonsums in England. Aber nicht nur deshalb ist er empört über das Rauchverbot: "In England wimmelt es von Leuten, die unbedingt die Tablettengesellschaft einführen wollen. Und niemand weiß das Ungeordnete noch zu schätzen - das 'Vergnügen an der Unordnung' gibt es nicht mehr. ('Ein sorgloser Schnürsenkel, in dessen Schleife ich eine wilde Höflichkeit erkenne / verzaubert mich mehr, als wenn Kunst / in allem zu präzise ist.' - Robert Herrick.)"

Weiteres in Bilder und Zeiten: Dirk Schümer berichtet, dass sich die Italiener mit dem Rauchverbot arrangiert haben. Abgedruckt ist ein Aufsatz von Sybille Bedford über Capri. Julika Griem unterhält sich mit Ian McEwan über seine Bücher.

Im Feuilleton beschreibt Eleonore Büning den offenbar erfolgreichen Versuch, mittels ausgeklügelter Pressestrategien Katharina Wagner als künftige Leiterin der Bayreuther Festspiele zu positionieren. Die Presse durfte sogar - einmalige Sache - bei einer Probe der "Meistersinger" zuhören. "Das Arbeitsklima am Regietisch, auf der Bühne und sogar im Graben, wo Sebastian Weigle noch mit der verflixten Akustik kämpft, könnte kaum besser sein. Alle haben einen Riesenspaß miteinander, sie wissen: Diese turbulente 'Meistersinger'-Komödie kann, nein, muss ein Knaller werden, hurra, wir kuscheln mit Katharina. So lautet die Botschaft, die wir Presseleute heute nach draußen tragen sollen: Es gibt eine neue Chefin. Noch nicht de jure, aber de facto. Das Blatt in Bayreuth hat sich gewendet. Die neue Ära ist hier, im Innern des Festspielhauses, schon angebrochen."

Weitere Artikel: Christian Schwägerl verteidigt die Evolutionsbiologie gegen Bischof Mixa (mehr hier). Patrick Bahners schreibt zum Neunzigsten des britischen Historikers Robert Conquest. Auf der letzten Seite würdigt Werner Spies das Werk des Malers Jörg Immendorff, dem zur Zeit Ausstellungen in Mainz, Bremen und Kassel gewidmet sind.

Auf der Schallplatten- und Phonoseite geht's um die Aufnahmen zweier britischer Sänger, Mark Padmore und Ian Bostridge, die Tenorpartien von Händel eingespielt haben, Orchesterstücke von Josef Matthias Hauer, CDs von Simian Mobile Disco und Deadbeat.

In der Frankfurter Anthologie stellt Claus-Ulrich Bielefeld ein Gedicht von Georg Heym vor:

"Der Gott der Stadt
Auf einem Häuserblocke sitzt er breit.
Die Winde lagern schwarz um seine Stirn.
Er schaut voll Wut, wo fern in Einsamkeit
Die letzten Häuser in das Land verirrn.
..."

SZ, 14.07.2007

Auf zwei ganzen Seiten wird an die Eröffnung des Münchner "Hauses der Kunst" vor siebzig Jahren erinnert. Holger Liebs hält fest: "Den 'Tempel der Kunst', finanziert durch Spenden eines Großteils der deutschen Wirtschaftsunternehmen und mächtiger Privat-Mäzene, sah Hitler als sein 'persönliches Werk' an - gemeint war die Instrumentalisierung der Kunst als Deckmäntelchen einer aggressiven Eroberungs- und Ausrottungspolitik." Willibald Sauerländer erinnert sich persönlich an den Eröffnungstag, weist aber auch auf die großartigen Ausstellungen der Nachkriegszeit hin. Sonja Zekri fragt sich, wie erfolgreich - im Sinne der Nazis - die Schau "Entartete Kunst" wirklich gewesen ist. Und zuletzt werden noch Auszüge aus Hitlers Eröffnungsrede abgedruckt, einer "Kriegserklärung an die Kultur der Moderne", wie die SZ kommentiert.

Weitere Artikel: Werner Bloch hat sich mit dem somalischen Autor Nuruddin Farah vor allem über die Lage in seiner Heimat unterhalten. Reinhard J. Brembeck erklärt, dass sich die Nachfolge-Frage in der Bayreuther Linie des Hauses Wagner nach der erfolglosen Nominierung von Wolfgang Wagners Tochter Eva vor sechs Jahren nur unter einer Bedingung regeln lassen wird: "Solch ein Debakel will man nicht noch einmal erleben, und deshalb wird das Gremium ein neues Nachfolgeverfahren erst dann auf den Weg bringen, wenn Wolfgang dabei definitiv nicht mehr mitmischen kann." Das Literaturarchiv Marbach (Website) hat, wie Jens Bisky berichtet, bei der Evaluierung durch den Wissenschaftsrat Bestnoten erhalten. Till Briegleb berichtet über die heftigen Proteste der darob von der Exmatrikulation bedrohten Hamburger Kunsthochschüler gegen Studiengebühren. Besprochen wird einzig das neue Interpol-Album "Our Love to Admire".

Auf der Literaturseite lässt der Schriftsteller Georg Klein sich in einer Collage einen Brief von Carl Zuckmayer schreiben, in Sachen Bert Brecht: "Mein lieber Georg Klein! Dolles Ding, dass Sie mich per Elektro-Brief aufgespürt haben! Wie es der Teufel will, sitzen wir hier Grau in Grau unter uns, gnadenlos von Eurem bunten Weltgezappel abgenabelt, kein Kino, keine Illustrierte, kein Radio. Nicht ein lausiges Werbeblatt, kein aktuelles Prospektchen flattert unsereinem noch auf den Tisch. Und jetzt Post aus dem Licht!"

Im Aufmacher der SZ am Wochenende zeiht Werner Bartens unsere Gesellschaft der Heuchelei, weil sie sich über Doping erregt - und selbst randvoll ist mit Drogen. Birk Meinhardt hat dem russischen Sehnsuchtsort Baden-Baden einen Besuch abgestattet. Esma Dil stellt die amerikanische Modemarke "Abercrombie & Fitch" vor, die es jetzt auch nach Deutschland geschafft hat. Abgedruckt wird die Erzählung "Am Hörer" der Autorin Alexa Hennig von Lange. Im Interview spricht die Schauspielerin Tippi Hedren ("Die Vögel") über Gefahr und ihre Liebe zu Tigern: "Ich mag es, mit einer großen Katze zusammen zu sein. Es ist, als ob Sie eine geladene Pistole auf den Coffeetable legen."