Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.05.2007. Die ersten Depeschen aus Cannes widmen sich Wong Kar-Wais "Blueberry Nights", die bei der taz in Kunsthandwerksverdacht geraten. Auch FAZ und Welt sind mild enttäuscht. Nur die SZ jubiliert. Weitere Geschichten: Die Bundeskunsthalle gerät wegen ihres Haushaltsgebarens in die Kritik, berichten SZ und FAZ. In der taz gibt Alfred Grosser seine Einschätzung zu Nicolas Sarkozy: "Nun, er ist nicht Thatcher." Im Kölner Stadtanzeiger ruft Ralph Giordano dazu auf, den Bau der Kölner Großmoschee zu stoppen. Die Welt bereitet uns auf den Stein-Wallenstein vor, der morgen Premiere hat. Und die NZZ schildert die Probleme der Welt online mit dem Web 2.0.

Welt, 18.05.2007

Morgen hat Peter Steins "Wallenstein" in Berlin Premiere, in Leipzig läuft das Drama schon, im Dezember wird es in Wien eine Aufführung mit Gert Voss geben. Matthias Heine erklärt sich das neue Interesse so: "Ein Deutschland, das mit eigenen Soldaten in scheinbar endlos und grenzenlos schwelende Konflikte eingreift und das deshalb den Begriff des Warlords lernen musste, erinnert sich, dass es selbst einmal so ein Balkan oder Afghanistan hoch zehn war. Damals zerstörten sich ins Mäntelchen des Glaubens hüllende Mörderbanden ganze Landstriche gründlicher und nachhaltiger als Kabul oder Bagdad je zu Grunde gerichtet werden können. Und ein kleiner böhmischer Provinzadliger an der Spitze einer Privatarmee konnte so mächtig werden, dass er sich auf einer Stufe mit gekrönten Häuptern wie dem Schwedenkönig Gustav Adolf oder dem Kaiser Ferdinand wähnte."

Hanns-Georg Rodek hat sich in Cannes Wong Kar-Wais "My Blueberry Nights" angesehen und konstatiert: " Gemessen an dem, was die großen Festivals ansonsten an Eröffnungsfilmen präsentieren, war Wong Kar-Wais Neuester eine Steigerung um Klassen. Aber das ist eben nur ein möglicher Maßstab. Gemessen an der Erwartungshaltung, die jedem WKW vorauseilt, waren die 'Blaubeernächte' eine milde Enttäuschung."

Weiteres: Wieland Freund meldet, dass die Initiative Deutsche Sprache und die Stiftung Lesen einen Wettbewerb um den schönsten ersten Satz eines deutschsprachigen Buches ausgelobt haben. Hendrik Werner erklärt den Erfolg des Deutschen Auswandererhauses in Bremerhaven, das zum Europäischen Museum des Jahres 2007 gekürt wurde. Stefan Klein berichtet, was es in diesem Jahr bei den Ruhrfestspielen zu sehen gibt. Nach Analyse der jüngsten Kunstauktionen glaubt Peter Dittmar, dass die Gewinnspannen für den Handel ausgereizt sind. Dittmar beendet auch den Streit um Goethes Gesichter: Alle gehen auf die Lebendmaske des Bildhauers C.G. Weißer zurück. Schriftstellerin Iris Hanika liefert ihre Eindrücke von der Pariser Wahlnacht nach, in der sie einiges Tränengas abbekommen hat.

NZZ, 18.05.2007

Ah, das Web 2.0. Immer eine Herausforderung für den Journalismus! Jetzt traf es Welt Online, berichtet Heribert Seifert auf der Medien- und Informatikseite. Alan Posener, Chef der Meinungsseite der Welt am Sonntag, hatte vergangene Woche Kai Diekmann, Chefredakteur der Bild-Zeitung, scharf attackiert. Wenig später erschien - ebenfalls bei Welt Online - ein Weblog, das die "würdelose Vorführung eines kranken Menschen" in einem Video auf der Website der Bild-Zeitung kritisierte. "Jetzt kam die Zensur zurück. Christoph Keese, Chefredaktor der Welt am Sonntag und verantwortlich für Welt Online, ließ den Text von der Seite nehmen. In einer Presseerklärung rügte der Verlag die Veröffentlichung als 'Entgleisung eines einzelnen Mitarbeiters' und 'höchst unkollegiale Geste', die 'ohne Wissen der Chefredaktion' erfolgt sei. Diese Erklärung, die das Bekenntnis zu Meinungspluralismus mit der Absage an 'Selbstprofilierung durch die Verächtlichmachung von Kollegen' verknüpft, ist ebenso hilflos wie die Löschung von Poseners Kritik. Denn im Internet geht eine solche Maßnahme ins Leere. Verschiedene Blogger haben den Originaltext kopiert und auf ihre Seiten gestellt, so dass er nach wie vor zu lesen ist (etwa auf lizaswelt.blogspot.com)." Unredigierte Blogs wird es künftig bei Welt Online nicht mehr geben, wie Keese der SZ am Montag erklärte.

Weitere Artikel: snu. berichtet von einem Symposium über die Zukunft der Zeitungen an der kalifornischen Universität Stanford. H. Sf. meldet, dass eBay ein Printmagazin, das eBay-Magazin herausgebracht hat.

Im Feuilleton spricht Jeff Tweedy im Interview über seine Band Wilco und das neue Album "Sky Blue Sky". Stefan Hentz grübelt über das Ende von Blumfeld. Georg Klein liest in der Reihe "Die Zukunft von gestern" Harry Harrisons 1969 erschienenen Roman "Make Room! Make Room!" neu. Das Buch war Vorlage für den Film "Soylent Green".

Besprochen werden eine Ausstellung mit dem Werk Robert Gobers im Basler Schaulager, Arthur Honeggers Oratorium "Jeanne d'Arc au bucher" im Theater Basel, eine Ausstellung über Ignatz Bubis im Jüdischen Museum Frankfurt und Bücher, darunter Luzius Wildhabers bisher nur auf Englisch erschienene Geschichte des "European Court of Human Rights 1998-2006".

TAZ, 18.05.2007

"Weniger Verschwendung als Kunstgewerbe" muss Cristina Nord in Wong Kar-Wais "My Blueberry Nights" ausmachen, mit dem die Filmfestspiele von Cannes eröffnet wurden. "Die Farben sind prächtig, luminös, das Licht lässt sich auf zahllose Brechungen und Spiegelungen ein, es fällt verführerisch ins Whiskyglas oder durch die zersplitterten Fenster eines Unfallwagens, so dass das Glas aussieht wie eine Schicht aus Diamanten. An einem anderen Wagen gleitet die Kamera entlang, als sei die Karosserie schwarzes, flüssiges Gold. Noch den Titel gebenden Blaubeerkuchen weiß sie so zu fotografieren, als sei er die erotischste Sache der Welt."

Besprechungen widmen sich Von Südenfeds Album "Tromatic Reflexxions", auf dem laut Jörg Sundermeier Rock und Electronica vereint werden, zwei Kompilationen mit Soul aus den Siebzigern, Julie Delpys Film "2 Tage in Paris" und Michael Caton-Jones Film "Shooting Dogs".

Im Meinungsteil gibt Publizist Alfred Grosser gegenüber Stefan Reinecke eine Kurzeinschätzung zu Nicolas Sarkozy ab. "Nun, er ist nicht Thatcher. Er ist diplomatischer. Aber klar ist, dass dieser Präsident Politik für die Reichen machen wird. Am Wahlabend hat der Sänger Johnny Hallyday gesagt, dass er sein Vermögen nun nicht mehr in der Schweiz bunkern muss, weil ja Sarkozy regiert. Damit hat er schlicht Recht."

Und: Dass die Deutsche Welle ihr arabisches Programm auf acht Stunden täglich ausgebaut hat, stößt in der arabischen Presse auf Skepsis, meldet Charlotte Misselwitz auf der Medienseite.

Und Tom.
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Kölner Stadtanzeiger, 18.05.2007

Im Streitgespräch mit Bekir Alboga, dem Dialogbeauftragten des Vereins Ditib sträubt sich Ralph Giordano vehement gegen den Bau der geplanten Großmoschee in Köln: "Stoppt den Bau dieser Moschee. Es ist ein falsches Signal. Wahr ist, dass die Integration der muslimischen Minderheit in Deutschland gescheitert ist. Es wäre ja gut, wenn der Bau einer Moschee genau das Gegenteil ausdrücken würde... Ich möchte Ihnen sagen, was uns hier erschreckt. Immigranten haben ja nicht nur Probleme. Sie machen auch Probleme. Es gibt eine Kultur hier, die nicht akzeptabel ist, aber mitten unter uns ist. Es ist durch die Zeitungen der Fall gegangen, wo ein Bruder seine Schwester vergewaltigt hat. Die Schwester wird im Auftrag des Vaters von dem anderen Bruder getötet, um die Ehre der Familie zu retten. Was passiert hier in einer Parallelgesellschaft, in der so etwas möglich ist und nicht vereinzelt ist?"

FR, 18.05.2007

Im Times mager stromert Arno Widmann durch die Athenaeum Boekhandel in Amsterdam. Besprochen werden eine Ausstellung über den Schriftsteller Walter Kempowski in der Berliner Akademie der Künste, die neue Dauerausstellung im Bauhaus Dessau sowie Gregory Hoblits Film "Das perfekte Verbrechen" mit Anthony Hopkins.

FAZ, 18.05.2007

Die ersten Filme sind in Cannes gelaufen. Liegt es am bekannten Setting - Route 66 und Musik von Ry Cooder -, dass Wong Kar-Wais neuer Film "My Blueberry Nights", der erste amerikanische Film des Regisseurs, Verena Lueken nicht überzeugte? "So kunstvoll jedenfalls die visuellen Strategien sind, die Aufnahmen durch beschriebene Scheiben, das Licht in der Weite des Landes, das Rot, Grün, Blau und Gelb, in dem die Innen- und Außenräume strahlen - die rauschhafte Erfahrung, die mit Wongs anderen Filmen möglich war, stellt sich nicht ein, eher ein Gefühl der Banalität. Die Liebe zu Wong Kar-Wai wurde zum ersten Mal enttäuscht."

Weitere Artikel: Jochen Hieber kommt in seiner Besprechung der Frankfurter Ausstellung über Ignatz Bubis auch auf die späte Verbitterung Bubis' durch die Walser-Bubis-Debatte zurück, an der diese Zeitung einigen Anteil hatte. Andreas Rossmann berichtet über geharnischte Kritik des Bundesrechnungshofs am Haushaltsgebaren der Bundeskunsthalle. Joachim Müller-Jung annonciert nach "Reden und Streiten fast bis zur Selbstaufgabe" unter beteiligten Organisationen die Gründung einer nationalen Wissenschaftsakademie.

Auf der Medienseite berichtet Michael Hanfeld, dass ZDF und Bavaria künftig gemeinsam produzieren wollen. Auch über fragwürdige Praktiken ("Luftbuchungen, gefälschte Unterschriften und erschlichene Bankdarlehen") bei der Telefim Saar weiß er Neues zu melden. Gemeldet wird nochmals, dass die Bild-Zeitung nun aber wirklich offiziell nach Berlin umzieht. Und Jürg Altwegg berichtet über Journalisten, die in die Regierungsbüros Sarkozys einziehen.

Auf der letzten Seite unterhält sich Jochen Hieber mit Ex-Fußballer Karl Allgöwer über die Meisterschaftschancen des VfB Stuttgart. Dirk Schümer schreibt ein Profil des italienischen Komponisten Giorgio Battistelli, der die Musikbiennale Venedig leitete und nun die weitaus populäreren Festivals von Verona übernimmt. Außerdem berichtet Andreas Kilb über die vom Internationalen Rat der Museen herausgegebene Liste mit gestohlenen Kunstschätzen aus dem Nationalmuseum in Kabul, das unter den Taliban fast vollständig ausgeraubt wurde.

Besprochen werden ein Auftritt der Band Tocotronic in Hamburg, internationale Theaterproduktionen bei den Wiener Festwochen, eine neue, laut Wiebke Huester grandiose Choreografie Martin Schläpfers in Mainz und Sachbücher.

SZ, 18.05.2007

Jede Imbissbude ist besser kontrolliert als die Bundeskunsthalle in Bonn, vermutet Stefan Koldehoff nach einem Bericht des Bundesrechnungshofs. "Für den Bereich der Freiluftkonzerte attestiert der Bundesrechnungshof der Kunsthalle dilettantisches Vorgehen: Besucherzahlen seien viel zu hoch, Kosten dafür viel zu niedrig kalkuliert und Risiken wie schlechtes Wetter gar nicht einbezogen worden.... Bis 2006 seien im Konzertgeschäft und aus dem Betrieb einer Eislaufbahn mehr als sechs Millionen Euro Verlust aufgelaufen, über die dem Kuratorium trotz Nachfragen nicht berichtet wurde." Geschäftsführer Wilfried Gatzweiler musste am Mittwochabend gehen...

Weiteres: Alexander Kissler lässt in seiner Besprechung der Ignatz-Bubis-Ausstellung in Frankfurt noch einmal die Stationen von Bubis' Leben Revue passieren. Von Sensation zu Sensation stolpert Gottfried Knapp im Bayerischen Nationalmuseum, wo das Cleveland Museum of Art altdeutsche und byzantinische Kunst zeigt. Zwischen Italien und Deutschland herrscht höchstens in der Politik eine kleine Eiszeit, folgert Stefan Ulrich nach einer Tagung des Italienisch-Deutschen Historischen Instituts in Trient und einem Artikel in Repubblica. Tobias Kniebe eröffnet die Filmfestspiele von Cannes mit Besprechungen der Filme von Christian Mungiu, David Fincher und Wong Kar-Wai, dessen Eröffnungsfilm ihm besser gefiel als den meisten Kollegen: "Amerika wird einfach Wong-Kar-Wai-Country, vom ersten Bild an." Javier Caceres weiß, dass viele Autoren der autonomen spanischen Region Katalanien gar nicht zur Frankfurter Buchmesse eingeladen werden wollen. Andrian Kreye sammelt bissige Reaktionen auf den Tod des mutmaßlich antisemitischen und fundamentalistischen amerikanischen Fernsehpredigers Jerry Falwell. Über besessene Wissenschaftler informiert sich Klaus Birnstiel bei einem Münchner Vortrag der amerikanischen Wissenschaftshistorikerin Lorraine Daston.

Anlässlich der Münchner Fachmesse "High End" denkt die SZ auf einer Doppelseite über den guten Ton nach. Thomas Steinfeld sinniert nicht nur über den Eigencharakter von Grammophon und iPod, sondern spricht auch mit einem langjährigen Verkäufer von Hi-Fi-Anlagen. Der schwärmt von den Siebzigern. "Der anspruchsvolle junge Mann brauchte damals dreierlei, um komplett ausgestattet zu sein: ein Auto, eine Freundin und eine Stereoanlage."

Besprochen werden die Premieren von Henning Mankells "Lampedusa" und Oliver Bukowskis "Bowling Alone" bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen, Gregory Hoblits Thriller "Das perfekte Verbrechen" mit Anthony Hopkins und Bücher, darunter Richard Yates' Roman "Easter Parade" und der vierte Band der Werkausgabe von Peter Rühmkorf (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).