Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.05.2007. Die taz freut sich auf kommende Zeitkristalle bei der Documenta. Die SZ findet die Autonomen so sentimental. Die FR fürchtet die Herrschaft des Marktes über die französische Kultur. Die NZZ hat keine Angst vor China. Im Tagesspiegel konstatiert Peter Stein zum Ärger Klaus-Maria Brandauers: Junge Menschen sind zwar nicht interessant, aber sie sehen gut aus.

NZZ, 14.05.2007

Keine Angst vor China, meinte Urs Schoettli letzte Woche in einem Vortrag beim NZZ-Podium China. "Die Wiedervernetzung Chinas mit der Weltwirtschaft bringt neue Chancen wie auch neue Risiken. Ein China, das an der Weltwirtschaft teilhat, ist viel berechenbarer als ein China, das sich von der Außenwelt abschottet. Peking muss heute zu seinem eigenen Vorteil an einer florierenden Weltwirtschaft, an einem effizienten internationalen Finanzsystem, an reibungslos fließenden Handelsströmen und an einer sicheren Energie- und Rohstoffversorgung interessiert sein. Deshalb kann es nicht erstaunen, dass die Volksrepublik längst ihre Mission, die Weltrevolution anzustacheln, aufgegeben hat. In Tat und Wahrheit ist China heute auf der internationalen Bühne eine konservative Macht."

Weitere Artikel: Mehr Aussteller und mehr Besucher als im letzten Jahr gab's bei der BuchBasel, berichtet Martin Zingg. Jürg Meier resümiert das 18. Schaffhauser Jazzfestival. Martin Meyer gratuliert dem Literaturwissenschaftler Norbert Miller zum Siebzigsten. Joachim Güntner besuchte die Tagung "Aufgeklärte Natur" in Wörlitz.

Besprochen werden ein vierteiliger Ballettabend mit einer Spoerli-Uraufführung im Zürcher Opernhaus und die Aufführung von Gerhart Hauptmanns "Vor Sonnenuntergang" im Theater Basel.

TAZ, 14.05.2007

Kurator Alexander Horwath erklärt Brigitte Werneburg im Interview, warum Film bei der documenta schön altmodisch ausschließlich im Kino gezeigt wird. "Kurt Krens 'Tree Again' etwa: ein Baum in Vermont, 3 Minuten Film, gedreht in Einzelbildern über 50 Tage hinweg, kein Ton. Das kann dich als Betrachter erfassen, wie du es anderswo nie erleben wirst. In vielen Kunstausstellungen würde es schwer fallen, überhaupt zu bemerken, dass es sich um ein stumm gestaltetes Kunstwerk handelt, denn es kommen jede Menge andere Töne von anderswoher. Und: dass es sich um ein dreiminütiges Kunstwerk handelt, also um eine Art Zeitkristall, nicht um einen Loop."

Weiteres: Auf der Medienseite bemerkt David Denk, dass die Hamburger Journalisten gegen den geplanten Wegzug von Bild protestieren. Besprechungen finden sich zur Ausstellung "Gewahrsam. Räume der Überwachung" im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt und Jürgen Goschs "verspielter" Version von Shakespeares "Sommernachtstraum" im Deutschen Theater Berlin.

Und Tom.

FR, 14.05.2007

Zwar wird auch zukünftig ein Prozent des französischen Staatshaushalts für Kultur ausgegeben, beruhigt Martina Meister alle Kulturinteressierten. Aber der Wind frischt auf. "Sarkozy will nämlich das Kulturministerium mit dem Erziehungsministerium vereinigen. Symbolisch ist das ein wichtiger Schritt. Es würde nämlich nicht nur ein Megaministerium entstehen, sondern auch die Sonderrolle der Kultur in Frankreich radikal in Frage gestellt werden. In einem Interview ließ er wissen, dass man natürlich 'alte Literatur' studieren könne, nur möge man bitte nicht davon ausgehen, dass der Steuerzahler das Studium in die sichere Arbeitslosigkeit bezahlen werde. Kurz, die Universitäten werden mehr Geld für naturwissenschaftliche Fächer und neue Technologie bekommen, aber es wird auf Kosten der Geisteswissenschaften gehen. Kein Zweifel: Es ist die Logik des Marktes, die hier zukünftig regiert."

Weiteres: Uwe Herms würdigt den Schriftsteller und Naturwissenschaftler Walter E. Richartz. Christian Schlüter improvisiert in der times mager über Islamkonderenz und Dalai Lama. Zum Auftakt der Wiener Festwochen wird Leos Janaceks "Aus einem Totenhaus" besprochen, dirigiert von Pierre Boulez und inszeniert von Patrice Chereau.
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Berliner Zeitung, 14.05.2007

Thierry Fremeaux, Chef des übermorgen beginnenden Festivals von Cannes wirft im Interview mit Marcus Rothe einen Blick auf den Wettbewerb: "Eine große Rolle spielt diesmal das Thema der neuen Grenzen, die nicht unbedingt geografisch, sondern vor allem geistig sind. Einige Beispiele: Der Chinese Wong Kar-wai drehte in den USA einen mit französischem Geld produzierten Film: ein Beispiel für die Globalisierung. Fatih Akins Film behandelt den universalen Dialog westlicher und islamischer Kulturen. Der Österreicher Ulrich Seidl zeigt in 'Import/Export', dass die Beziehungen zwischen dem Westen und dem postkommunistischen Osteuropa nicht mehr politisch, sondern wirtschaftlich geprägt sind."

Tagesspiegel, 14.05.2007

Am Samstag hat Peter Steins "Wallenstein" in Berlin Premiere, im Interview mit Andreas Schäfer plaudern der Regisseur und Klaus Maria Brandauer zum Beispiel über junge Schauspieler, die nicht mal aus dem Stand ein Gedicht aufsagen können! Stein mag sie trotzdem: "Ich habe es gern, wenn ich in einem Ensemble arbeiten kann, in dem alle Alterstufen vertreten sind: sehr alte Hasen, weniger alte Hasen und ganz junge Anfänger. Das ist auch ästhetisch sehr angenehm. Jüngere Leute sehen einfach besser aus als Alte. (Brandauer stampft wütend auf.) Das bedeutet nicht, dass junge Leute interessanter sind - davon kann keine Rede sein. Aber sie sind einfach schöner. Sie sind erotisch zugänglicher als ältere Herrschaften. Ältere Herrschaften sind dafür interessanter. - Es gibt auch die Erotik der Weisheit. - Weiß ich nicht. Das ist nicht unbedingt mein Sex."

SZ, 14.05.2007

Absurd findet Volker Breidecker die polizeiliche Fahndung nach den Verfassern des seit vier Jahren frei verkäuflichen Buchs "Autonome in Bewegung". Er ist bei der Lektüre fast eingeschlafen lassen. "Wo Manneskrieger aber ganz unter sich sind, in Zelten, Bunkern oder auch nur mentalen Unterständen, dort waltet das Gefühl. Dann erzählen sie einander, dass es mit dem 'ersten Molli' ganz ähnlich war 'wie mit dem ersten Kuss', der irgendwann einfach 'überfällig' war. Und ein anderer ehemaliger 'Krieger der Revolte' bekennt: 'Ich fühlte mich wichtig und gefährlich, denn der Staat bot starke Kräfte gegen uns auf, die Medien nahmen uns wahr.' War da noch etwas anderes im Spiel, eine Theorie des anarchistischen oder kommunistischen Aufstands? Oder gar praktische Handreichungen zum bewaffneten Kampf? Nichts davon in diesem Buch. 'Nein', bekennt da auch jener Straßenkrieger, dem es beim Gedanken an die 'nach Geschichte, nach Abenteuer, nach radikaler Konsequenz, nach Tod' klingende Illegalität immerhin heftig kribbelte, 'nein, politisch führten wir keinen Privatkrieg gegen den Staat, aber emotional ...'"

Weiteres: Sehr genossen hat Burkhard Müller offenbar die Frühlingstagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung über "Augeklärte Natur" in Wörlitz. Als melancholisch" bezeichnet Günter Kowa Reinhard Minkewitz' Wandgemälde, mit dem der Schriftsteller Erich Loest Werner Tübkes "Arbeiterklasse und Intelligenz" an der Leipziger Universität ergänzen möchte. Michael Moore inszeniert sich kurz vor seinem neuen Werk "Sicko" einmal mehr als politisch Verfolgter, registriert "jhl" nach einem Blick auf Moores Website. Im Medienteil rechnet Hans Hoff mit einer kurzen Halbwertszeit des serbischen Eurovision-Gewinnerwerks.

Besprochen werden Patrice Chereaus und Pierre Boulez' Version von Leos Janaceks Oper "Aus einem Totenhaus" zum Auftakt der Wiener Festwochen, Jürgen Goschs "wunderbare" Inszenierung von Shakespeares "Sommernachtstraum" am Deutschen Theater Berlin, die Uraufführung von George Taboris "Gesegnete Mahlzeit" sowie die Frank Hoffmanns Inszenierung von Goethes "Tasso" bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen, Johan Grimonprez' "leicht und lässige" Ausstellung und Videoinstallation "Looking for Alfred" in der Münchner Pinakothek der Moderne, eine Ausstellung zum Freskenmaler Piero della Francesca im Museo nazionale d'arte medievale e moderna in Arezzo, ein Konzert des Münchner Kammerorchesters mit Stücken von Sergej Prokofjew, Nikolaus Brass und Thomas Larcher, und Bücher, darunter Claude Arnauds Biografie von Nicolas de Chamfort und David Thomsons Studie von Nicole Kidman (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Welt, 14.05.2007

Für Uwe Schmitt geht es in Ordnung, dass Hollywood jetzt auch Filme, in denen geraucht wird, mit dem geschäftsschädigenden Jugendschutz-Label "R" (Restricted) versieht. Vorher galt dies schon für Fluchen, Sex, und Gewalt. Hanns-Georg Rodek stellt den stramm konservativen Ex-Senator, Anwalt und "Law and Order"-Schauspieler Fred Thompson vor, der sich um die amerikanische Präsidentschaft bewerben will. Dankwart Guratzsch besucht die neue Dauerausstellung des Dessauer Bauhauses, die zwar nicht die Revolution neu erfinde, aber den Blick entgrenze. Stefan Grund meldet, dass der Chefdramaturg der Wiener Burg, Joachim Lux, neuer Intendant am Thalia Theater in Hamburg wird. Volker Tarnow berichtet vom Cello-Festival in Machester.

Besprochen werden Jürgen Goschs Aufführung des "Sommernachtstraums" am Deutschen Theater in Berlin (bei dem Matthias Heine weniger geschockt, als vielmehr "brav gelangweilt" war), Pierre Boulez' und Patrice Chereaus "grandiose" Inszenierung von Leos Janaceks "Aus einem Totenhaus" für die Wiener Festwochen und Robyn Orlins Händel-Choreografie "L'Allegro, il Penseroso ed il Moderato" in Paris

FAZ, 14.05.2007

Im Aufmacher berichtet Sandra Kegel dass in der Stadt Dormagen im Rahmen eines sozialarbeiterischen Modellversuchs künftig sämtliche Familien auf eventuelle Gewalt gegen Kinder überprüft werden sollen. In der Leitglosse beklagt Dieter Bartetzko die "kreischende Austauschbarkeit" des Grand Prix d'Eurovision am Samstag. Richard Kämmerlings gratuliert dem Literaturwissenschaftler Norbert Miller zum Siebzigsten. Martin Otto resümiert eine Potsdamer Tagung über das "Erbe der Monarchie".

Auf der Medienseite meldet Thomas Purschke, dass neue Stasiakten über die IM-Tätigkeit des mit großer Abfindung geschassten ehemaligen ARD-Sportkoordinators Hagen Boßdorf gefunden wurden. Und Kerstin Holm meldet, dass kurz vor dem europäisch-russischen Gipfeltreffen in der Moldaustadt Samara die verbliebenen kritischen Journalisten der Stadt von der Polizei scharf drangsaliert werden, unter anderem wurde das dortige Büro der Nowaja Gazeta durch Beschlagnahme von Computern lahmgelegt.

Für die letzte Seite unternimmt Arnold Bartetzky einen Rundgang durch die Stadt Belfast, die in Hoffnung auf einen dauerhaften Frieden auch städtebaulich aufblüht. Pia Reinacher porträtiert den schweizerischen Liebling der Literaturkritik, Peter Weber. Und Jürgen Kaube berichtet über Plagiatsvorwürfe gegen den Berliner Juraprofessor Hans-Peter Schwintowski.

Besprochen werden Janaceks "Totenhaus" unter Pierre Boulez und Patrice Chereau in Wien (die erste Zusammenarbeit der beiden seit der "Lulu" von 1979, wie eine begeisterte Eleonore Büning vermerkt), die neue Dauerausstellung des Bauhauses in Dessau, die von Harun Farocki zusammengestellte Ausstellung "Kino wie noch nie" in Berlin, Brahms' Violinkonzert mit Julia Fischer, Lorin Maazel und den New Yorker Philharmonikern in Frankfurt und Shakespeares "Sommernachtstraum" in der Regie von Jürgen Gosch im Deutschen Theater Berlin, außerdem Sachbücher, darunter kritische Bücher über die deutsche Ärzteschaft.