Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.05.2007. Die SZ warnt Kunstsammler vor dubiosen Fonds, die vom Boom profitieren wollen, und feiert das neu normierte versale Eszett. Die Welt ist von Don DeLillos 9/11-Roman "Falling Man" enttäuscht, gerade weil er niemanden enttäuschen will. Die taz zeigt Verständnis für einen BBC-Journalisten, der wie eine Tomate explodiert. Die FAZ besucht die traumatisierte Stadt Algier, deren Kunstszene anfängt, sich mit den blutigen neunziger Jahren auseinanderzusetzen.

Welt, 15.05.2007

Nach Philip Roth, Thomas Pynchon, John Updike und Ian McEwan hat nun Don DeLillo einen 9/11-Roman vorgelegt, und für den schon etwas resignierten Wieland Freund war nicht so sehr die Frage ob, sondern wie "Falling Man" enttäuschen würde. Freund ist er zu thesenhaft geraten: "Nach dem Motto 'Schaut, wir auch', zerrt DeLillo einen linken Ex-Terroristen auf die Bühne, mit den besten Absichten ist auch ein gewisser Omar H. an Alzheimer erkrankt, und die rührende Schlussszene, als im Treppenschacht des sich neigenden Turms eine vergessene Aktentasche von Mensch zu Mensch weitergereicht wird, ist bestimmt mit der einen Hand auf dem Herzen geschrieben. In solchen Momenten enttäuscht der Roman, eben weil er sichtlich bemüht ist, niemanden zu enttäuschen." (Hier Michiko Kakutanis Kritik aus der New York Times.)

Weiteres: Als "Dokument kriminalistischen Spürsinns" empfiehlt Rüdiger Sturm David Finchers Film "Zodiac", der den Fall des gleichnamigen amerikanischen Serienkillers aufrollt und in Cannes zu sehen sein wird. Matthias Kamann berichtet von der beachtlichen Predigt, die Hannovers Landesbischöfin Margot Käßmann nach dem Scheitern ihrer Ehe gehalten hat. Dankwart Guratzsch vermerkt in der Randglosse, dass das Frankfurter Hochhausfestival immerhin 1,2 Millionen auf die Beine brachte.

Besprochen werden Tom Stoppards Stück "Rock'n'Roll" in Berlin und Recklinghausen, das dem Pop eine ebenso große Bedeutung beim Sturz des Sozialismus beimisst wie der Politik ("Ohne die durch die Rockmusik verstärkten Sehnsüchte nach Freiheit, Reisen und Konsum hätten die bärtigen Bürgerrechtler ihre eigenen Unterschriften sammeln können", umreißt Michael Pilz Stoppards These), eine Schau der Ricke-Kollektion im Frankfurter Museum für Moderne Kunst, Händels "Radamisto" an der Hamburger Staatsoper, VA Wölfls Tanzstück "Zwölf" in Düsseldorf, und eine Retrospektive zum preußischen Hofmaler Franz Krüger im Berliner Schloss Charlottenburg und Marie Brassards Performance "Peepshow in Bonn.

TAZ, 15.05.2007

Ralf Sotschek weiß auf der Medienseite von einem bühnenreifen Aussetzer des BBC-Journalisten John Sweeney gegenüber seinem Interviewpartner von Scientology zu berichten. Sweeneys Pech: Die Scientologen hatten ein eigenes Kamerateam auf ihn angesetzt, das die 'Panorama'-Leute sechs Tage lang verfolgte, um eine Gegendokumentation zu drehen. Sie verteilten 100.000 DVDs von Sweeneys Aussetzer an Abgeordnete, Geschäftsleute, religiöse Organisationen und an die Medien. Außerdem stellten sie den Clip ins Internet, wo er in kürzester Zeit zu einiger Prominenz gelangte. Sweeney hat sein Verhalten längst bereut. 'Es ist mir sehr peinlich', sagte er. 'Ich sehe aus wie eine explodierende Tomate und brülle wie ein Düsentriebwerk. Ich habe die BBC blamiert. Aber es kam mir vor, als ob ich einer Gehirnwäsche unterzogen werde, und wenn die Leute das ganze Video sehen, haben sie vielleicht mehr Verständnis für mich.'" Die BBC stellte den vollständigen Videoclip gestern ins Netz.

Helmut Höge nennt Preise für Berliner Filmlocations. Frank Hoffmanns Programmpolitik beschert den Ruhrfestspielen nach der Castorf-Katastrophe wieder mehr Zuschauer, ist Hans-Christoph Zimmermann aber zu brav. Andreas Hartmann stellt den Berliner Rapper B-Tight vor, der mit seiner Bekenntnis zu seinem inneren "Neger" die Provokationsschraube um eine weitere Drehung angezogen hat. In der zweiten taz unterhält sich Rolf Achteck (alias Matthias Bröckers) mit dem nach wie vor politischen Cartoonisten Gerhard Seyfried.

Besprechungen widmen sich der neuen wie informativen, aber "nicht unbedingt originellen" Dauerausstellung im Bauhaus Dessau, und Jean Echenoz' Roman "Ravel".

Und Tom.

NZZ, 15.05.2007

Angeregt vom internationalen Kongress in Karlsruhe zu "Werturteilen" macht sich bei Uwe Justus Wenzel Skepsis gegenüber einem europäischen Wertekanon breit: "'Der Kultus der Werte', klärte im Sommer 1963 Theodor W. Adorno die Hörer seines Kollegs zur Moralphilosophie auf, 'ist reaktiv zu verstehen aus der Desorientiertheit und Entstrukturierung einer Gesellschaft, in der zwar die traditionellen Normen nicht mehr bestehen, aber die Individuen sich auch nicht selbst bestimmen, sondern nach etwas greifen, woran man sich halten kann.' Die Figur, die die Menschen dabei mitunter machen, ist keine gute; sie strecken ihre Hände nach 'irgendwelchen absoluten, im Ewigen festgemachte' Wesenheiten aus - Werten eben -, die 'wie Heringe von der Decke herunterhängen'. Heringe aber, so darf man ergänzen, hängen nicht von selbst dort; sie werden von Menschen eigenhändig in den Wertehimmel des Dachstuhls gehievt."

Jürgen Tietz schmäht die neue Braunschweiger Shopping-Mall hinter Schlossfassade als "baugeschichtliches Pin-up, das für den Fortgang der Rekonstruktionswelle in Deutschland nichts Gutes erwarten lässt". Besprochen werden Ivo van Hoves Theaterfassung von Ingmar Bergmans "Szenen einer Ehe", mit dem Ensemble der Toneelgroep Amsterdam ("das zu diesem Anlass - Niederländer sind unglaublich sprachbegabt - den Text auf Deutsch einstudierte", wie Barbara Villiger Heilig betont), und Bücher, darunter Davide Longos Roman "Der Steingänger", Yasmine Ghatas Hommage an Rikkat Kunt "Die Nacht der Kalligraphen".
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FAZ, 15.05.2007

Algier schmückt sich in diesem Jahr mit dem Titel der "Arabischen Kulturhauptstadt", berichtet Hans-Christian Rößler, der in der Stadt mit Künstlern und Intellektuellen gesprochen hat. Die blutigen Auseinandersetzung der neunziger Jahren, in denen Staat und Islamisten Zehntausende massakrierten, wird hier langsam zum Thema - allerdings nicht im offiziellen Programm, das eher Folklore und staatlich approbierte Frömmigkeit aufbietet: "Mit der 'Charta für Frieden und nationale Versöhnung' sollte nach dem Willen des Präsidenten das Kapitel der neunziger Jahre schließen. Neben einem großzügigen Amnestieangebot für die Islamisten legt die Charta fest, dass alle Algerier Opfer der 'nationalen Tragödie' seien - die Täter eingeschlossen. Seit sie mehr als 90 Prozent der Algerier in einem Referendum billigten, ist offiziell sogar verboten, sich mit dem Thema zu befassen."

Weitere Artikel: Dieter Bartetzko besucht für den Aufmacher einen Öko-Bauernhof, über dessen biodynamische Methoden er sich milde mokiert. Der in Venedig lebende Dirk Schümer hält nicht viel vom neuen Warnton, mit dem die Stadt Hochwasser annonciert. Gustav Falke besuchte ein Berliner Symposion, das sich der Frage widmete, ob ein muslimischer Feminismus möglich sei. Der Rechtsprofessor Christoph Möllers stellt nach einem Urteil des Amtsgerichts Herford die Frage, ab wann Fahrerflucht als solche zu gelten habe.

Auf der DVD-Seite empfiehlt Regisseur Dominik Graf den siebziger Jahren entstandenen RAF-Film "Kleinhoff Hotel" von Carlo Lizzanis: "Zu sehen gibt's ja jetzt auch bald die Aust-Eichinger-Version von alledem. Und den RAF-Kanon-Film, der dann dabei herauskommen wird, werden die nächsten Generationen im Geschichtsunterricht vorgeführt bekommen. Deshalb sei vorher noch schnell darauf hingewiesen, dass es hier ein unbekanntes schmutziges Siebziger-Jahre-Werk für Erwachsene gibt..." Besprochen werden außerdem Reeditionen von Douglas-Sirk-, Helmut-Käutner- und Bresson-Filmen.

Für die Medienseite porträtiert Jörg Thomann den streitbaren polnischen Journalisten Bronislaw Wildstein, der für die Veröffentlichung einer Stasi-Liste von der Tageszeitung Rzeczpospolita geschasst und nun, nach einem Zwischenspiel beim staatlichen Fernsehen, als Kommentator wieder eingestellt wurde. Außerdem meldet Michael Hanfeld, dass Harald Schmidt seine Show ab Herbst zusammen mit Oliver Pocher präsentieren wird.

Auf der letzten Seite berichtet Kestin Holm, dass selbst die naturwissenschaftlichen Akademien und die Universitäten in Russland der Drangsalierung durch Putin nicht entgehen und einen Verfall ihrer wissenschaftlichen Bedeutung konstatieren müssen. Und Gina Thomas schreibt ein Profil des Architekten Norman Foster, der eine Riskiokapitalfirma in seine riesigen Architektenfirma einsteigen ließ.

Besprochen werden ein Konzert der Noisettes in Köln, Frank Hoffmanns Inszenierung des "Torquato Tasso" bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen, neue Choreografien Heinz Spoerlis in Zürich, Tom Stoppards Theaterstück "Rock'n'Roll" in Antoine Uitdehaags nach Irene Bazinger eher an Rentnerkapelle gemahnender Inszenierung in Berlin und eine Ausstellung mit Aquarellen Hermann Hesses in Wien.

FR, 15.05.2007

Ruth Noack, Ko-Kuratorin der documenta, rechtfertigt gegenüber Elke Buhr die neuen Ausstellungsgebäude im Gewächshausstil. "Ja, wir mussten billig sein, weil das Geld für das Gebäude nicht durch das Budget abgedeckt war, und da es temporär ist, wäre es auch sinnlos, teuer zu bauen. Die französischen Architekten Lacaton & Vassal haben beispielsweise auch im sozialen Wohnungsbau schon mit solchen Gewächshausmodulen gearbeitet. Das hat einerseits natürlich eine ganz spießige Komponente, auf der anderen Seite ist es luftig und weit."

Weiteres: Hans-Jürgen Linke schwärmt vom dreitägigen Festival für Neue Musik namens "Kraft Werke", das der Hessische Rundfunk ausrichtete. Harry Nutt kommt in einer times mager auf die kulturelle Osterweiterung im Eurovision Song Contest zu sprechen.

Besprochen werden eine Ausstellung zu Ignatz Bubis im Jüdischen Museum Frankfurt und Luigi Nonos Stück "Intolleranza" in der Inszenierung von Florentine Klepper am Münchner Gärtnerplatztheater.

SZ, 15.05.2007

Dieser Kunstsommer hat für Eva Karcher und Holger Liebs mit einer nur alle zehn Jahre eintretenden Häufung von Veranstaltungen eine kritische Masse erreicht, um wieder einmal wonnevoll von "Irrsinn" zu sprechen. Sammler sind zu Investoren geworden, Charles Saatchi war der Erste. "Saatchis jüngster Coup ist das Internetportal 'your gallery' nach dem Vorbild von 'youtube', ein neues Forum für Massenhandel und Talentscouting. Deutlich anrüchiger sind Glücksritterspiele wie die dubiose Internetplattform 'Xalt TV' von Stephen Fern, der Interessenten mit einem Kapital von 100 000 Euro aufwärts Profite von bis zu 40 Prozent innerhalb eines Jahres verspricht. Oder 'Art Estate', eine Tochterfirma des Hamburger Unternehmens EECH, das derzeit Anlegern Fondsbeteiligungen an überteuert angekauften Kunstwerken zweitklassiger Qualität anbietet. Die Sache ist im Grunde wie am Grabbeltisch beim Sommerschlussverkauf: Wer zuerst von der großen Retrospektive eines Künstlers hört, kauft am günstigsten ein."

Weiteres: Johannes Kuhn meldet, dass die schwedische Download-Seite "Pirate Bay" Starthilfe vom rechtspopulistischen Wasabröd-Erben Carl Lundström bekommen hat. Christoph Bartmann kolportiert, dass der ebenfalls rechtslastige Politiker der Dansk Folkeparti, Morten Messerschmidt, in Kopenhagen "Deutschland, Deutschland über alles" angestimmt hat, weshalb er nun parteilos ist. Jürgen Berger stellt die Gewinner des Heidelberger Stückemarkts vor, allen voran den Österreicher Volker Schmidt mit seinen "Mountainbikern". Hermann Unterstöger fischt aus der Sprachwächter-Zeitschrift Muttersprache einige kuriose Überdehnungen derselben. Jens-Christian Rabe fasst die Karlsruher Tagung "Wert Urteile" über moralische Grundsätze im Recht zusammen. Im Medienteil wehrt sich die gerade bis 2013 bestätigte RBB-Intendantin Dagmar Reim im Interview wacker gegen Christopher Keils Korruptionsanspielungen.

Auf der Literaturseite kann Martin Z. Schröder nach langer Wartezeit das große ß (mehr hier) annoncieren. "Eine Arbeitsgruppe der Internationalen Standardisierungsorganisation (ISO) hat kürzlich in der Deutschen Bibliothek in Frankfurt dem Antrag des DIN auf digitale Kodierung des versalen Eszett zugestimmt. Binnen Jahresfrist, solange dauert der Lauf solcher Anträge durch alle Gremien, soll das neue Zeichen in den 'Unicode-Standard' und in den identischen internationalen Zeichensatz 'ISO-10646' aufgenommen werden."

Besprochen werden die neue Dauerausstellung "Werkstatt der Moderne" im Bauhaus Dessau, Luigi Nonos szenische Aktion "Intolleranza" am Münchner Gärtnerplatztheater (im Interview wehrt sich Intendant Klaus Schultz gegen Wolfgang Schreibers indirekten Vorwurf, Nono hätte schon früher kommen sollen), und Bücher, darunter Felix Krämers Einblick in die Interieurmalerei um 1900 "Das unheimliche Heim" sowie Volker Neuhaus' an der Lyrik orientierte Goethe-Biografie "Andre verschlafen ihren Rausch, meiner steht auf dem Papiere" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).