Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.03.2007. Die NZZ stellt klar, dass nicht der große Satan USA als iranischer Erzfeind gelten muss, sondern die schielenden Engländer. In der SZ feiert Hugo Hamilton die Versöhung der nordirischen Hardliner, Saboteure und Bombenleger. Die FR hat erlebt, was Aufklärung ist. Die taz vermisst in der Berliner Ausstellung zum Alltag in der DDR den Eigen-Sinn. Die FAZ fragt, was von Herbert von Karajan bleiben wird.

NZZ, 31.03.2007

Den in Cambridge promovierenden Historiker David Motadel wundert es nicht, dass die iranischen Mullahs mit der Gefangennahme britischer Soldaten auf positiven Widerhall in der Bevölkerung stoßen: "Bei dem bevorzugten Feindbild der Iraner handelt es sich jedoch weder um die amtlich als 'großer Satan' gebrandmarkten USA noch um den 'kleinen Satan' Israel. Im Weltbild der meisten Iraner sind es vielmehr die 'hinterlistigen' Briten, im Volksmund auch 'schielende Engländer' genannt, die als gefährlichste und einflussreichste Macht vor allem eins im Sinn haben: der Islamischen Republik maximalen Schaden zuzufügen."

Zum Streit um die Berliner Museen und ihre Public-Private Partnership befindet Claudia Schwartz, dass es den Sammlern Marx und Flick nicht unbedingt vorzuwerfen sei, dass sie nicht so uneigennützig wie ein Heinz Berggruen agieren: "Aber ein Museum mit öffentlichem Auftrag darf diesen Aspekt nicht ausblenden." Alfred Zimmerlin schreibt zum Tod des Komponisten Giuseppe Giorgio Englert.

Besprochen werden die Uraufführung von Laura de Wecks "Lieblingsmenschen" im Schauspielhaus Basel, Jossi Wielers Inszenierung von Elfriede Jelineks "Ulrike Maria Stuart" in München, Bernard Haitinks Aufführung des "Parsifal" im Opernhaus Zürich, die Ausstellung von Gilbert und George in der Londoner Tate Modern und Bücher, darunter Jonathan Franzens autobiografischer Roman "Die Unruhezone", eine Anthologie mit Gedichten aus der Schweiz "Das verborgene Licht der Jahreszeiten", die Tagebücher des Dandys Oscar A. H. Schmitz.

In Literatur und Kunst erinnert Roman Bucheli an den vor hundert Jahren geborenen Zürcher Germanisten Karl Schmid. Beatrice von Matt unterhält sich mit Roger Francillon über die Herausgabe der Werke von Charles Ferdinand Ramuz. Manfred Clemenz stellt psychoanalytische Überlegungen zum Leben und Werk von Niki de Saint Phalle an. Und Wolfgang Dömling erklärt, warum Ostern - Gegensatz zu Weihnachten - so schwer komponierbar sei.

FR, 31.03.2007

Von einer Philosophen-Tagung zum "Aufbruch ins moderne Europa" hat Arno Widmann auch Erkenntnisse für die europäische Gegenwart mitgenommen: "Wer freilich Aufklärung als das stetige öffentliche Infragestellen der überkommenen Auffassungen begreift, für den besteht die Stärke der Aufklärung gerade darin, dass sie auch ihre eigenen Maximen einer Kontrolle unterzieht. Aufklärung so verstanden ist dann vielleicht kein scharfer Epochenbegriff mehr, aber das ist ein Kummer nur für solche Historiker, die noch an die klar von einander zu trennenden Epochen glauben. Wer die jüngsten etwa in www.perlentaucher.de geführten Debatten darüber, wie wir aufgeklärten Westler mit muslimischen Gläubigen umgehen sollen, verfolgt hat, für den war die Essener Tagung fast aufregend. Wenn Ayaan Hirsi Ali oder Necla Kelek die Auffassung vertreten, die Muslime müssten den Islam ablegen, um zu freien Menschen werden zu können, so haben sie sicher recht. Aber so können nur Einzelne sich entscheiden, ganze Gesellschaften entwickeln sich anders."

Weitere Artikel: Von der Frankfurter Musikmesse - die für seine Begriffe aber "Beschallungsmesse" heißen müsste - berichtet Hans-Jürgen Linke. Über stattfindende und ausbleibende Diskussionen zu einem Ehrenmal für gefallene Bundeswehr-Soldaten informiert Dieter Rulff. Nach jüngsten Sparmaßnahmen sieht Hans-Klaus Jungheinrich das Ende des Landestheaters Eisenach gekommen - und freut sich umso mehr über die gelungen Aufführung von Tomasz Kajdanskis Choreografie "Elisabeth.Ikone". In Martina Meisters "plat du jour"-Kolumne geht es heute um Karneval am Karfreitag.

Besprochen werden Simon Solbergs Inszenierung von Kleists "Familie Schroffenstein" am Schauspiel Frankfurt, ein Auftritt des Kabarettisten Sinasi Dikmen, und Bücher, eine bisher nur in italienischer Sprache erschienene Analyse von Mafia-Briefen mit dem Titel "Der Provenzano-Code" sowie in der "Zielfahnder"-Kolumne Peter Temples Kriminalroman "Kalter August" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

TAZ, 31.03.2007

Christian Semler hat die Ausstellung "Parteidiktatur und Alltag in der DDR" im Deutschen Historischen Museum gesehen - und einiges zu bemängeln: "Allgemein gesprochen, verpasst die Ausstellung die Chance, an konkreten Beispielen zu zeigen, wie trotz politischer Machtlosigkeit die Beherrschten relativ starke Positionen innehatten - beispielsweise durch den Mangel an Arbeitskräften. Oder wie sie sich durch findige Methoden den Anforderungen der Staatsmacht zwar nicht widersetzten, aber entwanden. Die von DDR-Alltagsforschern entwickelte und auch von dem Zeitgeschichtler Martin Sabrow in seinem Katalogbeitrag genutzte Kategorie des Eigen-Sinns der Machtunterworfenen findet sich nicht in der Ausstellung wieder."

Fürs Dossier des taz mag liefert Toni Keppler eine Reportage aus Guatemala mit vielen politthrillertypischen Ingredienzen. Der guatemaltekische Polizeichef stellt resigniert fest: "Es gibt mehr als 2.000 Polizisten, die mit Entführerbanden, Drogenhändlern, Autodieben und Erpressern zusammenarbeiten." Aus Florida berichtet Thomas Winkler von den Spring Trainings der Baseballvereine. In der zweiten taz erläutert Robert Misik unter anderem an den Beispielen Grundeinkommen und Familienpolitik, was mit linken Ideen passiert, wenn sie in die Hände der Rechten fallen. Peter Unfried verabschiedet sich von der Nummer 10 im Fußball. Christian Schneider zeigt sich genervt von Talkshow-Revolutionär Claus Peymann.

Besprochen werden Jossi Wielers Münchner Inszenierung von Elfriede Jelineks Stück "Ulrike Maria Stuart" und der Film "Ein perfektes Paar" von Nobuhiro Suwa. Buchrezensionen umfassen unter anderem einen Sammelband über "Migranten in Deutschland", die Neuausgabe von Klaus Hoffers Roman "Bei den Bieresch" und Ignacio Martinez de Pisons Tatsachenroman "Der Tod des Übersetzers" (mehr in der Bücherschau des Tages).

Und Tom.
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SZ, 31.03.2007

Der nordirische Schriftsteller Hugo Hamilton feiert die Einigung auf eine gemeinsame Regierung von Sinn Fein und Ian Paisleys Democratic Unionist Party in Nordirland: "Natürlich haben wir in Europa schon anderen historischen Ereignissen beigewohnt, aber das Einzigartige an den Fortschritten in Nordirland und der Grund dafür, dass Hilary Clinton Belfast als Vorbild für den Rest der Welt bezeichnet hat, ist die Tatsache, dass nicht die Gemäßigten, sondern die Hardliner diesen Durchbruch erzielt haben. Die Saboteure, die Bombenleger, die Unnachgiebigen, die Leute, die einander am meisten hassten - sie haben den schwierigen Weg zur Versöhnung eingeschlagen."

Weitere Artikel: Im Interview zieht der Historiker Jürgen Kocka zum Abschied als Präsident des Berliner Wissenschaftszentrums eine Bilanz seiner Tätigkeit. Fritz Göttler berichtet über Schwierigkeiten des Horrorfilms "Captivity" mit der Freiwilligen Selbstkontrolle in den USA. Joachim Kaiser gratuliert dem Schauspieler Thomas Holtzmann zum Achtzigsten, Johannes Willms dem Kunstvermittler Werner Spies zum Siebzigsten, Barbara Basting der Schrifttype "Helvetica" zum Fünfzigsten. Reinhard J. Brembeck porträtiert Sir Simon Rattle am Vorabend seines Wiener "Rheingold"-Dirigats.

Auf der Literaturseite gratuliert Kristina Maidt-Zinke dem Schriftsteller Hartmut Lange zum Siebzigsten. Rezensionen gibt es unter anderem zu Maxim Billers Kurzgeschichten "Liebe heute" und Helmut C. Jacobs' Werkmonografie "Der Schlaf der Vernunft" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr). Besprochen wird Jossi Wielers Münchner Inszenierung von Elfriede Jelineks "Ulrike Maria Stuart".

Im Aufmacher der SZ am Wochenende grübelt Hilmar Klute über Hunde und Menschen. Willi Winkler schreibt über Geschichte und Gegenwart der aus den Verkehrsnachrichten vor allem für den Abschnitt zwischen Adelzhausen und Odelzhausen bekannten A 8. Alex Bohn liefert einen Forschungsbericht aus dem Fashion-Laboratorium. Auf der Historien-Seite geht es um die sudetendeutschen NS-Gegner und den Zeppelin als Kriegsgerät. Vorabgedruckt wird Cees Nootebooms kulinarische Erzählung "Fretzes". Im Interview spricht der Ausstellungsmacher Werner Spies über "Genie" und Genies, vor allem Picasso und Duchamp.

Welt, 31.03.2007

Spätestens Neil Youngs jetzt erschienene Aufnahmen (Trailer) des Konzerts in der Massey Hall 1971 beweisen für Michael Pilz, dass auch der Rock zu Klassik werden kann. "Der Rockautor- und Komponist mag nicht von Anfang an als flamboyanter Künstler in sein Kämmerchen gestiegen sein, um ein gewaltiges Oeuvre zu begründen. Zeitzeugen erinnern sich nur selten an den Genius, dem Unfassbares entströmte. Meistens war die Rede von verklemmten Spinnern. Wenn sie unterwegs zur eigenen Legende nicht verstarben, türmten sich die aufgenommenen Alben, weil Verträge es verlangten. Plötzlich steht der Künstler dann vor seinem Schaffensturm und staunt. Die Welt staunt mit. Dabei hat Walter Benjamin vor 70 Jahren steif behauptet, dem vervielfältigten Kunstwerk fehle die gewisse Aura des von aller Apparatetechnik unberührten Originals. Das hat sich bald als Quatsch erwiesen, spätestens durch Elvis."

Weiteres: Peter Dittmar dekliniert Sammler-Typen durch, von Gajus Verres über Napoelon bis Saatchi. Manuel Brug gratuliert dem Schauspieler Thomas Holtzmann zum achtzigsten Geburtstag. Gerhard Charles Rump sieht die Kunstmesse Hamburg erst auf halbem Wege zu wahrer Größe. In der Online-Ausgabe preist Dankwart Guratzsch die liebevolle Restaurierung der Mannheimer Residenz, das Braunschweiger Pendant mit Shopping-Center findet er eher peinlich. Gemeldet wird, dass Ernest Hemingway Marlene Dietrich "My little Kraut" nannte, wie aus erst jetzt veröffentlichten Briefen hervorgeht.

In der Literarischen Welt wird Matthias Politickys (mehr) Vorwort zu seinem neuen Essayband "Vom Verschwinden der Dinge in der Zukunft" abgedruckt, in dem er aus gegebenem Anlass über das würdevolle Altern sinniert. Elmar Krekeler lässt sich von Gelegenheits-BZ-Reporter Thomas Brussig im Interview über die Geheimnisse des Berliner Rotlichtmilieus aufklären.

Besprochen wird Jossie Wielers "ganz leise" Inszenierung von Elfriede Jelineks "Ulrike Maria Stuart" an den Münchner Kammerspielen.

FAZ, 31.03.2007

Bis zu Herbert von Karajans hundertstem Geburtstag ist noch ein Jahr Zeit. In Bilder und Zeiten fragt Eleonore Büning trotzdem schon, was von ihm bleiben wird, und hofft, dass es nicht nur der Mythos sein wird, sondern auch der Musiker. Ganz schlimm sind natürlich Hagiografen, meint sie, aber: "Daneben gibt es die sich selbst als fortschrittlich begreifende Meinung der 'Kritiker', die mit Adornos Diktum vom 'Genius des Wirtschaftswunders' argumentieren und dem Objekt ihrer Verachtung ein eingeschränktes Repertoire vorwerfen sowie eine kulinarisch motivierte Klangästhetik, fortschrittsgläubigen Perfektionismus, technizistische Kälte und skrupellosen Machtmissbrauch bei äußerster Machtentfaltung. Selbst der treueste Karajan-Hasser wird zwar ohne weiteres zugeben, dass er es mit einem herausragenden Orchestererzieher, einem fähigen Kapellmeister, ja, einer außergewöhnlichen musikalischen Begabung zu tun habe. Aber die Kritik an der kulturpolitischen Rolle präjudiziert auch die musikalische Urteilskraft."

Weiteres: Dietmar Dath erinnert an den Science-Fiction-Autor James Tiptree, der eine Frau war, nämlich Alice Sheldon. Andreas Kilb besucht den Kolumnisten und jetzt auch Autor des Romans "Heimweg", Harald Martenstein. Und Marco Schmidt unterhält sich mit Susan Sarandon, die von sich sagt: "Ich war extrem schüchtern. Eigentlich bin ich das immer noch."

Im Feuilleton: Jürgen Kaube gibt zu Protokoll, wie lästig ihm grölende Fußball-Fans sind. In der Randglosse jault Andreas Kilb über der Nachricht auf, dass Tom Cruise für das Projekt "Valkyrie" den Graf Stauffenberg spielen wird. Jürgen Dollase stellt Sven Elverfelds aromenbetonte Küche vor. Dirk Schümer bewundert die Fresken des Piero della Francesca in Arezzo. Wolfgang Sandner erlebt ein prächtiges, selbstbewusstes Budapest beim dortigen Frühlingsfestival. Gerhard Stadelmaier staunt, wie Regisseur Werner Düggelin am Schauspiel Basel aus Laura de Wecks "Jugendproblemtheatergemisch" wahres Drama machte. Ingeborg Harms blättert durch deutsche Zeitschriften, die sich der Exzellenz deutscher Universitäten widmen. Donaldist Ernst Horst sieht der Klimakatastrophe und der möglichen Wiedergeburt des Menschen als Ente hoffnungsvoll entgegen.

Frank Schirrmacher gratuliert Werner Spies zum Siebzigsten, auf einer weiteren Seite bedanken sich Künstler und Freunde bei dem Kunsthistoriker dafür, dass er ihnen das Sehen beigebracht hat. Walter Hinck gratuliert dem Schriftsteller Hartmut Lange, der ebenfalls siebzig wird. Dieter Bartetzko freut sich über den Pritzker-Preis für den Architekten Richard Rogers.

Besprochen werden ein Auftritt des Ballett de Lyon beim Berliner Festival "France en scene", auf der Schallplattenseite Mikas Album "Life in Cartoon Motion", die neue Produktion von Rocko Schamoni und Little Machine, und Bücher, darunter Hans Joachim Schädlichs Erzählungen "Vorbei".

In der Frankfurter Anthologie stellt Hans-Ulrich Treichel Rolf Dieter Brinkmanns Gedichte "Einfaches Bild" vor:

"Ein Mädchen
in
schwarzen
Strümpfen
schön, wie
sie herankommt
ohne Laufmaschen..."