Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.03.2007. Die NZZ erzählt die Geschichte der Zukunft der Zeitung. Die FAZ staunt über das neue Selbstwusstsein der Stadt Hongkong. Die Welt ist bis heute berückt von Athens wahrscheinlich bester Hetäre Phryne. Die FR freut sich mit Richard Rogers über den Pritzker-Preis. Die SZ ist alarmiert: Mussolini wird in Italien wieder salonfähig.

NZZ, 30.03.2007

Die NZZ bringt zwei faszinierende Medienseiten über die Geschichte der Zukunft der klassischen Medien. Unter anderem konfrontiert Stefan Betschon in einem Essay Autoren der NZZ mit Aussagen von vor zehn Jahren, unter anderem Wolfgang Frei, der 1995 den ersten Internetauftritt der Zeitung gestaltete und zugibt, dass er die Dynamik des Netzes damals unterschätzte. Heute sagt er: "Bisher waren es vor allem die Zeitungen, die sich der Veränderung stellen mussten, immer mehr betreffen die Änderungen jetzt auch das Fernsehgeschäft. Eine Website ohne Multimedia, ohne Videos, ist heute kaum vorstellbar. Zeitungen, die keinen solchen Content haben, werden es schwer haben. Aber auch die Fernsehanstalten müssen sich vorsehen, die Attraktivität von Video-Angeboten wie YouTube könnte ihnen Zuschauer wegnehmen."

Außerdem erinnert "S.B." an die Vorgeschichte des Internets in den achtziger und neunziger Jahren, als man noch von den "neuen Medien" träumte: "Als neue Medien galten beispielsweise Fernkopierer, Videorecorder, Teletext und Videotext. Seltsamerweise wird aber der Computer noch bis Ende der achtziger Jahre kaum je als Medium begriffen, sondern als Datensichtgerät oder als Datenverarbeitungsanlage." "ras" will im übrigen nicht glauben, dass die alten Medien unter dem Internet tatsächlich so sehr leiden: "Bertelsmann meldete eine Umsatzrendite von 10 Prozent, bei Axel Springer beträgt die Marge 16, bei Tamedia 15,5 Prozent, und ProSiebenSat1 erreichte über 18 Prozent."

In einem weiteren längeren Artikel stellt der Sozial- und Politikwissenschafter Rudolph Bauer die Arbeit der Bertelsmann-Stiftung vor.

Im Feuilleton bespricht Hans-Joachim Müller die offensichtlich recht amüsante Fischli/Weiss-Retro in Paris: "Niemand, der vor der kleinen, miserablen Tonskulptur stehen bliebe und am einfältigen Elternpaar im Ehebett nicht seine zumindest stille Freude hätte: 'M. et Mme Einstein peu de temps apres la conception de leur fils le genie Albert'." Peter Hagmann hörte beim Lucerne Festival dem venezolanischen Jugendorchester Simon Bolivar unter Gustavo Dudamel zu (die die Fünfte von Tschaikowsky dann doch überzeugender bringen als Mahlers Rückert-Lieder). Roger Bernheim will aus platonischen Dialogen Erkenntnisse für die Lage der Amerikaner im Irak ziehen. Besprochen wird eine Ausstellung in Frankfurt über die Schauspielerin Maria Schell.

Auf der Pop und Jazzseite stellt Matthias Daum den Pop- und Hip Hop-Produzenten Timbaland vor, der schon auf eine Stufe mit Quincy Jones gestellt wird. Und Frank Schäfer macht sich Gedanken über Popkritik "im Zeichen der digital globalisierten Popkultur".

FR, 30.03.2007

Der britische Architekt Richard Rogers erhält den Pritzker-Preis, und Christian Thomas ist anscheinend ganz einverstanden. "In Rogers Bauwerken vibriert der technoide Fortschrittsoptimismus der Londoner Weltausstellungsarchitektur von 1851 - vor allem der Glaube an gewaltige Spannweiten auf spektakulär in Szene gesetzten Stützen, an denen manches Raumelement in der Art von Starenkästen hängt. Rogers' Lloyd's Building, mit seinem gebäudehohen Lichthof, ist ein Fingerzeig auf Joseph Paxtons Londoner Kristallpalast, wie er leidenschaftlicher kaum hätte ausfallen können."

Weitere Artikel: Stefan Schickhaus plaudert mit dem Designer Rolf Sachs, Sohn von Schickeria-König Gunter Sachs, über seine Premiere als Bühnenbildner für Charles Gounods "Faust" in Weisbaden. In einer Times mager lässt uns Hans-Jürgen Linke an der Gaudi der Besucher der Frankfurter Musikmesse teilhaben.

Besprochen und für gut empfunden wird das "spektakuläre" choreografische Konzert "4 Elemente - 4 Jahreszeiten" im Berliner Radial-System.

FAZ, 30.03.2007

Mark Siemons staunt über das neue Selbstbewusstsein der 1996 mit Sonderrechten ins chinesische Mutterland eingegliederten einstigen Kronkolonie Hongkong: "Das Neue ist, dass die Hongkonger Bevölkerung sich die pure Technokratie nicht länger gefallen lässt: Die Stadtregierung bekommt in letzter Zeit einen Widerstand zu spüren, der über den Kreis der Demokratischen Partei weit hinausgeht." In Demonstrationen und Protestaktionen meldet sich eine erstaunlich bunte "Zivilgesellschaft" zu Wort: "Da marschierten in unterschiedlichen Sektionen, aber doch innerhalb einer einzigen Demonstration außer demokratischen Politikern die Feministinnen der 'Queer Sisters', Repräsentanten der katholischen Diözese, die Interessenvertreter der Sexarbeiter, zahlreiche Nichtregierungsorganisationen, Amnesty International und vor allem jede Menge Nichtorganisierte."

Weitere Artikel: Ein Schwerpunkt ist den vielen Übersetzungen von Daniel Kehlmanns Bestseller "Die Vermessung der Welt" gewidmet. Die Auslandskorrespondenten berichten über die Reaktionen von Lesern und Kritik in den unterschiedlichen Ländern. Abgedruckt wird die Anfangspassage des Romans in diversen Übersetzungen, von Englisch bis Ungarisch. In der Glosse genießt "gey" Paris vor dem Osteransturm - und erlebt mit, wie ein toter Clochard abtransportiert wird. Dieter Bartetzko feiert mit Mannheim die Wiedereröffnung seines Schlosses. Gerhard Stadelmaier gratuliert dem "Mutschauspieler" Thomas Holtzmann zum Achtzigsten. Auf der Medienseite feiert Oliver Jungen den von aller Welt verehrten Horst Schlämmer alias Hape Kerkeling. Auf der letzten Seite äußert sich der einundzwanzigjährige Sänger und Musiker Jamie T. über den Überraschungserfolg seines Debüt-Albums "Panic Prevention". Dieter Bartetzko erinnert an den Architekten Henry van de Velde.

Auf der Sachbuchseite gibt es unter anderem eine Rezension zu Jacques Le Goffs und Nicolas Truongs "Die Geschichte des Körpers im Mittelalter". Im regulären Feuilleton finden sich Besprechungen zu einem illustrierten Band mit Geschichten von Edgar Allan Poe und Keith Ridgways Erzählungen "Normalzeit" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Besprochen werden ein Frankfurter Konzert des Pianisten Nikolai Lugansky, ein Konzert der Band "Bright Eyes" in Köln, Florian Borchmeyers Havanna-Dokumentation "Die neue Kunst, Ruinen zu bauen", Enrico Stolzenburgs Inszenierung von Gianina Carbunarius Stück "Kebab" im Studio der Berliner Schaubühne und eine Münchner Ausstellung über Literaten und Hotels.
Anzeige

TAZ, 30.03.2007

Martin Jan Knoche sieht sich in der Hamburger Fabrik Kampnagel die Ergebnisse einer Polarfahrt von Künstlern an. Der britische Bildhauer und Fotograf Alex Hartley veranschaulichte den Klimawandel. "Auf einer vier Meter langen Collage aus unzähligen gerahmten Fotografien, Landkarten und Urkunden dokumentiert er die Entdeckung einer vom schmelzenden Eis freigegebenen Insel. Er betrat sie als erster Mensch und proklamierte auf dem fußballfeldgroßen Eiland sogleich eine demokratische Republik, die er den norwegischen Namen Nymark gab, zu Deutsch: Neues Land."

Die Tagesthemen widmen sich komplett der Berliner Rütli-Schule, die vor einem Jahr mit dem Hilferuf ihrer überforderten Lehrer auf sich aufmerksam machte. In der zweiten taz weist Robert Ackermann darauf hin, wie schnell Daten von Social-Networking-Plattformen wie Xing missbraucht werden können.

Besprechungen gibt es zur Schau "Die Erfindung der Einfachheit" über die Modernität des Biedermeier in der Wiener Albertina und zum Debüt-Album "Public Warning" der Londoner Grime-Hip-Hopperin Lady Sovereign.

Und Tom.
Stichwörter: Klimawandel, Taz

Welt, 30.03.2007

Recht berückt zeigt sich Jörg von Uthmann von der Pariser Ausstellung im Louvre zu dem antiken Bildhauer Praxisteles. Höhepunkt ist die Aphrodite von Knidos, für die wahrscheinlich Athens beste Hetäre Phryne Modell stand: "Die Stadtväter von Kos auf der gleichnamigen Insel, die die Liebesgöttin bestellt hatten, waren entsetzt, als der Künstler eine nackte Dame ablieferte. Um sie zu beschwichtigen, schuf er eine zweite, bekleidete Fassung - wie es Goya später mit seiner Maja tat. Das nackte Original wurde von der Stadt Knidos erworben, wo es Scharen von Touristen anzog. Nicht wenige Besucher wurden, wenn wir der Überlieferung glauben wollen, bei ihrem Anblick von einem wahren Sinnenrausch überwältigt. Der König von Bithynien erbot sich, alle Schulden der Stadt zu begleichen, wenn sie ihm die Statue ablasse. Anders als Alberich wies Knidos das Gold zurück und blieb bei der Liebe."

Weiteres: Uwe Wittstock schreibt zu Alban Nicolai Herbsts einst verbotenes Buch "Meere", das jetzt in abgeänderter Version in der Zeitschrift Volltext erscheint. Berthold Seewald weist im Zusammenhang mit der Wiedereinführung der lateinischen Messe darauf hin, dass die orthodoxe Kirche ihre Missionserfolge vor allem der volkssprachlichen Liturgie verdankt. Karstadt soll jetzt "Arcandor" heißen, und Matthias Heine hat nur Spott übrig für glatzköpfige Namensdesigner mit Hornbrille (und Taschenrechner). Peter Zander schreibt zum Siebzigsten des Sonnyboys Warren Beatty.

Besprochen werden zwei Pariser Inszenierungen, Robert Wilsons Johannes-Passion und Gustave Charpentiers "Louise", das Stück "Kebab" der jungen rumänischen Dramatikerin Gianina Carbunariu und eine Ausstellung mit frühen Möbelentwürfen Mies van der Rohes im Krefelder Haus Lange.

SZ, 30.03.2007

Das Mussolini-Regime wird in Italien seit einigen Jahren wieder salonfähig, verrät der Schweizer Historiker Aram Mattioli. "Nicht mehr möglich ist es in der Bundesrepublik Deutschland, dass Städte ehemalige NS-Politiker ehren, wie dies in dem von der 'Casa delle Liberta' regierten Italien möglich war. So erhielt das Schwimmbad von Aquila den Namen von Adelchi Serena (er leitete unter anderem ein Konzentrationslager), der 1940/41 den Partito nazionale fascista als Generalsekretär geleitet hatte. In dem in der Nähe von Catania auf Sizilien gelegenen Dorf Tremestieri Etneo wurde eine Straße sogar nach Benito Mussolini benannt, während man an der Wand einer Volksschule von Palmanovo das aus der Diktatur stammende Motto 'Glauben, gehorchen, kämpfen' restaurierte."

Der polnische Schriftsteller Bartosz Zurawiecki beschreibt Sonja Zekri die schlechte Stimmung in der Kulturszene und hofft auf ein baldiges Ende der Kaczynski-Regierung. "Bis heute gehört ein wenig Heuchelei zu unserer Natur. Wir vertrauen weder den öffentlichen Einrichtungen noch der Macht: Die können öffentlich erzählen, was sie wollen, privat machen wir doch unser Ding. Aber nun versucht die Regierung, das Privatleben zu kontrollieren. Sie mischt sich in persönliche Fragen ein wie Abtreibung und Pornografie, versucht, das Intimleben zu kontrollieren. Das ist ein sehr sensibler Moment, ein Wendepunkt. Das mögen die Menschen gar nicht."

Weiteres: Noch sind die jungen Deutsch-Türken besser dran als die französischen Immigrantenkinder in den Banlieues erfährt Alex Rühle auf einem Soziologentreffen in Berlin. Susan Vahabzadeh flicht Warren Beatty einen Komplimentestrauß zum Siebzigsten. Jörg Häntzschel kündigt im Medienteil das neue amerikanische Wirtschaftsmagazin Portfolio an, das laut Conde Nast durch große Reportagen statt Aktienkursen punkten soll.

Besprochen werden Tali Shemeshs Dokumentarfilm "The Cemetery Club", eine von Bob Wilson und Emanuelle Haim gemeinsam bestritttene Aufführung von Johann Sebastian Bachs "Johannes-Passion" in Paris, Marcel Luxingers Talkshowklon "Die Quelle", Ernst Tollers Studie der Weimarer Republik "Hinkemann" am Schauspiel Frankfurt und Bücher, darunter Friedrich A. Hayeks fünfter Band der gesammelten Schriften "Die sensorische Ordnung", in der sich der Ökonom als Hirnforscher versucht, sowie Bände mit Briefen und Essays von Peter Hacks (mehr in unserer Bücherschau des Tags ab 14 Uhr).