Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.02.2007. In der SZ plädiert Georg Klein für den Kleinwagen - schon aus erotischen Gründen. In der NZZ erklärt Umberto-Eco-Übersetzer Burkhart Kroeber die bescheidenen Verdiensterwartungen seines Berufsstandes. Die Welt freut sich, dass Märklin endlich wieder Panzer herstellt. Die Berliner Zeitung sah den wahren Rocky Staub wischen. In der FR wundert sich Wolfgang Kraushaar über Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar, die bis heute an ihrer RAF-Identität festhalten. SZ und Welt berichten über eine Einigung zwischen Bibliotheken und Verlagen zur digitalen Nutzung von Büchern.

NZZ, 09.02.2007

Im Übersetzerstreit wehrt sich Burkhart Kroeber gegen den Vorwurf von Joachim Güntner in der NZZ vom 7. Februar, nur die "Unterprivilegierten" müssten von 1.000 Euro im Monat leben, wie Kroeber zuvor im Perlentaucher erklärt hatte. Nun rechnet der Eco-Übersetzer vor: "Die durchschnittlich 1.000 Euro sind keineswegs, wie Güntner vermutet, der von einem 'Unterprivilegierten' erzielte Betrag. Sie sind das, was ein vielgefragter und in den Verlagen hochgeschätzter Übersetzer in guten Zeiten (d. h., wenn er gesund ist und kein Auftragsmangel herrscht) erwirtschaften kann. Je schwieriger eine Übersetzung ist, desto geringer wird diese Summe - bei manchen Texten schafft man nicht mehr als 2 bis 3 Seiten pro Tag." Bei einem "Seitenhonorar von durchschnittlich 18 bis 19 Euro" sei leicht auszurechnen, was da zusammenkomme. Und genau deshalb fordert Kroeber eine "reguläre und angemessene Erfolgsbeteiligung" für alle Übersetzer.

Mona Naggar berichtet über die Internationale Buchmesse in Kairo, die vor allem den Dialog mit dem Westen suche. Der Vizechef der Buchmesse Wahid Abdalmagid "kann sich in absehbarer Zeit Iran oder andere islamische Länder als Ehrengast nicht vorstellen: 'In den Beziehungen zwischen der arabischen, der türkischen und der persischen Kultur existieren sehr viele dunkle, unverarbeitete Kapitel. In der Beziehung zur westlichen Kultur hingegen sind die dunklen Kapitel allgemein bekannt und aufgearbeitet. Wichtig ist es, auf die weniger bekannten positiven Aspekte in unseren Kontakten hinzuweisen.'"

Weitere Artikel: Aldo Keel berichtet von einem "Wertewandel" in Norwegen: "Einst galt Norwegen als Hort der Asketen", aber damit sei es jetzt vorbei. Kulturminister Giske wolle das schöne Geld aus dem norwegischen Nordseeöl - zum Teil wenigstens - für Kunst und einen "musealen Prachtbau" ausgegeben. Georg Klein eröffnet eine Serie über die "Zukunft von gestern" mit einem Text über Jules Vernes "Reise zum Mittelpunkt der Erde".

Besprochen werden eine Ausstellung zur Kolonialarchitektur in Indonesien im Nederlands Architectuur Instituut (NAI) in Rotterdam und eine Ausstellung über "Kunst und Propaganda" im Deutschen Historischen Museum in Berlin.

Auf der Filmseite resümiert Michel Bodmer das Sundance-Filmfestival: "Die überhitzten Südstaatler-Dramen 'Hounddog' (mit Kinderstar Dakota Fanning als Blues singendem Vergewaltigungsopfer) und 'Black Snake Moan' (in dem die nymphomanische Christina Ricci von Samuel L. Jackson mit Blues geheilt wird) gaben ebenso zu reden wie der Dokumentarfilm 'Zoo', der einem Skandal um Männer, die sich von Hengsten besteigen ließen, auf irritierend poetische Weise nachspürte."

Den Zeitungen geht es schlecht? Timothy Balding, Chef des Weltverbands der Zeitungsverleger (WAN), hält das für Unsinn, berichtet ras. auf der Medien- und Informatikseite: "Baldings Optimismus basiert auf Zahlen, die der WAN für seine Jahresstatistik 'World Press Trends' erhoben hat." Danach sei die Gesamtauflage der Zeitungen in Europa seit 2001 um 14,2 Prozent gestiegen." Heribert Seifert hat die deutsche Vanity Fair durchblättert und stellt seufzend fest: "Vom Kunststück der US-Ausgabe ist diese deutsche Version meilenweit entfernt." Vielleicht bietet ja Tyler Brule endlich das ersehnte Magazin für die internationale "Elite". Nächste Woche, berichtet Christian Meier, erscheint sein Magazin Monocle.

SZ, 09.02.2007

Der Schriftsteller Georg Klein bekennt, dass er - im Gegensatz zu Erwin Huber - nichts dagegen hätte, wenn die Deutschen von Brüssel zu einem "Volk von Kleinwagenfahrern degradiert" würden: "Einer meiner Anverwandten - er weiß es vielleicht bis heute nicht! - ist auf einem winterlichen Waldweg bei Augsburg in einem Kleinwagen der frühen Bundesrepublik gezeugt worden. Es war kein Goggo, es war keine rassige BMW-Isetta, es war kein ehern robuster Lloyd. Es war, ich will nicht lange um den heißen Brei herumreden, ein italienischer Fiat 500. Gut zu wissen, dass dergleichen möglich war und noch ist. Es ermutigt mich zu nichts weniger als der Hoffnung, wir, die Deutschen, könnten als kommende Fahrer bezaubernder Kleinwagen wieder mobiler, rundum gelenkiger, erotischer und womöglich sogar wieder fruchtbarer werden."

Weiteres: Verlage und Bibliotheken haben sich auf einen gemeinsamen Vorschlag zum digitalen Urheberrecht verständigt. Im Interview mit Johan Schloemann auf der Literaturseite erklärt der Repräsentant der Verleger, Gottfried Honnefelder, worin die Lösung besteht. Andrian Kreye informiert über die Aufregung über Bruce Bawers angeblich rassistischen Essay "While Europe Slept" sowie Barack Obamas angeblich so außergewöhnliche Sprachbeherrschung. Erfolgreiche Edelrapper sind der Proto-Hausfrau Martha Stewart näher als ihren schwarzen Brüdern, erkennt Jonathan Fischer. Ursula Baus macht sich Sorgen um den neuen Stuttgarter Hauptbahnhof, der unter dem Projektnamen "Stuttgart 21" schon längst zum Durchgangsbahnhof umgebaut sein sollte. Alexander Kissler resümiert eine Stuttgarter Tagung über Tabus. Gekürzt abgedruckt wird der Bericht der Autorin Tanja Dückers über ihre Reise in die diesjährige europäische Kulturhauptstadt Hermannstadt. Jens Malte Fischer gratuliert der Sängerin Hildegard Behrens zum Siebzigsten.

Besprochen werden Olivier Dahans Eröffnungsfilm der Berlinale - die Edith-Piaf-Biografie "La vie en rose", die Uraufführung von Neil LaButes für die Bonner Schauspielerin Birte Schrein verfassten Einakter "Helter Skelter" in Bonn, die "sauber gearbeitete" Schau über die düsteren Zeichnungen von Odilon Redon in der Frankfurter Schirn, eine Ausstellung mit Manuskripten von William Blake in der British Library in London (sein Notizbuch ist verdienstvollerweise auch online zu sehen), der Eröffnungsfilm der Berlinale, Marc Forsters Film "Stranger Than Fiction", und Bücher, darunter Hans Falladas "Kleiner Mann - was nun?" als Hörbuch sowie Regina Dieterles Studie "Die Tochter. Das Leben der Martha Fontane" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Welt, 09.02.2007

"Endlich wieder Kriegsspielzeug!", feixt Matthias Heine über die Ankündigung der Firma Märklin, wieder Panzer ins Sortiment aufzunehmen: "Wahrscheinlich wird manches Playmobilmännchen unter ihren Ketten zermalmt werden und manches Lego-Schloss unter ihren Kanonenschüssen zerbröseln. Aber deswegen steht uns keine Militärdiktatur im Jahre 2050 bevor."

Weitere Artikel: Hendrik Werner berichtet, dass sich Verlage und Bibliotheken auf einen Kompromiss bei der Online-Verwertung von Büchern geeinigt haben. Sven Felix Kellerhoff schüttelt in der Randspalte darüber den Kopf, dass Dresden beinahe verhindert hätte, dass eine Historikerkommission endlich einmal die Opferzahlen der Bombardierung ermittelt, um den gern auch von Rechtsradikalen verbreiteten Horrorzahlen vorzubauen (seriöse Schätzungen gehen von 25.000 Toten aus).

Auf der Berlinaleseite fragt sich Hanns-Georg Rodek, was nach Olivier Dahans "emotionalem, stilsicheren und intelligenten" Eröffnungsfilm "La vie en rose" eigentlich noch kommen soll. Rodek stellt auch den Schauspieler Devid Striesow vor. Peter Dausend hofft nach der gelungenen Eröffnung auf eine Verbesserung des durch Airbus-Knatsch und Handball-WM getrübten deutsch-französischen Verhältnisses. Katharina Dockhorn sieht in der Berlinale eine Bewährungsprobe für den Deutschen Filmfonds. Und Cosima Lutz versucht, uns die Reihe "Kulinarisches Kino" schmackhaft zu machen.

Besprochen werden die Biedermeier-Ausstellung in der Wiener Albertina und Stefan Herheims "Don-Giovanni"-Inszenierung in Essen.
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Berliner Zeitung, 09.02.2007

Annett Heide besucht Chuck Wepner, das Vorbild für Rocky: "Bayonne, New Jersey, eine Kleinstadt an der Mündung des Hudson River. Chuck Wepner, 67 Jahre alt, 1,96 Meter groß und 113 Kilo schwer, 127 Nähte im Gesicht, elf Mal die Nase gebrochen und einmal die Wange, steht in der Tür seiner Wohnung. Er trägt ein weißes T-Shirt, eine schwarze Hose und eine Brille, sein Haar ist schütter. Er füllt den Türrahmen aus, er lächelt freundlich." Und was macht er so? "Wepner wischt jetzt plötzlich Staub von seinem Spiegel wie ein Putzsüchtiger und sagt, dass er putzsüchtig ist. Anschließend schlägt er eine Falte in sein Sofakissen wie ein Pedant und sagt, dass er ein unerträglicher Pedant ist. Er zeigt die Spülmaschine und sagt, dass er sie nicht benutzt, weil er besser abwäscht als die Maschine. Er ist eigen geworden."

TAZ, 09.02.2007

Auf den Berlinaleseiten preist Ekkehard Knörer die vitale Independent- und Arthouse-Szene des koreanischen Kinos. Claudia Lenssen sieht im Eröffnungsfilm, Olivier Dahans Edith Piaf-Biografie "La vie en rose" höchstens eine "solide Schauspielerübung". Andreas Busche hat die Rekonstruktion von Rainer Werner Fassbinders TV-Verfilmung von "Berlin Alexanderplatz" gesehen und klagt über Qualitätsprobleme auf der großen Leinwand. David Denk stimmt auf das Programm der Jugendsektion ein.

Im Kulturteil schreibt "Fra" zum Tod des Schauspielers und Sängers Frankie Laine. Tobias Rapp stellt neue Indierock-Platten vor. Und auf der Medienseite preist Nancy du Plessis die im Zweifelsfall linke amerikanische Zeitschrift The Nation als "Sprachrohr des Geistes". Julian Weber preist Rocko Schamonis neues Album "Rocko Schamoni & Little Machine".

Und Tom.

FR, 09.02.2007

Die RAF-Häftlinge Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar werden deshalb weiter schweigen, weil sie ihre Identität nicht aufgeben wollen, schreibt der Soziologe Wolfgang Kraushaar. "Auch Jahrzehnte nach ihrer Inhaftierung, da doch alles, wofür sie damals ihr Leben einzusetzen bereit waren, längst gegenstandslos geworden ist, scheinen sie immer noch an elementaren Teilen ihrer einstigen Selbstdefinition festhalten zu wollen. Für sie dürfte die RAF zu einer regelrechten Identitätskrücke geworden zu sein. Jedenfalls ist nicht auszuschließen, dass sie auch nach ihrer Haftentlassung die RAF, genauer: ein einmal fixiertes Bild von ihr, in einem übertragenen Sinne als Gehhilfe benötigen, ja dass sie ohne deren Zuhilfenahme sich nicht aufrichten und bewegen könnten."

Weiteres: Rüdiger Suchsland stellt Filme junger deutscher Regisseure auf der Berlinale vor. Bibliotheken und Verlage haben sich beim digitalen Urheberrecht zwar geeinigt, ob die wissenschaftlichen Organisationen da mitmachen, steht allerdings noch aus, meint Christoph Schröder. Die Erfolgreichen, die in der deutschen Vanity Fair porträtiert werden, taugen für Harry Nutt nicht zum Leitbild.

FAZ, 09.02.2007

Jürgen Dollase, der spitzeste Mund unter den deutschen Gastronomiekritikern, schreibt ein dann doch recht gnädiges Porträt über Jamie Oliver (Homepage), welcher morgen zwei Kochshows in der Jahrhunderthalle geben wird. Lisa Zeitz porträtiert den wiederentdeckten schizophrenen Künstler Martin Ramirez, dem im New Yorker American Folk Art Museum eine Ausstellung gewidmet ist. Christian Geyer glossiert einige Bemerkungen Peter Sloterdijks über die Religion in der gestrigen Zeit. Jordan Mejias resümiert neue Diskussionen über die angebliche oder tatsächliche "Israel-Lobby" in den USA mit Beiträgen von Jimmy Carter, der in seinem Buch über Palästina den Begriff "Apartheid" benutzt, Alvin H. Rosenfeld, der linke jüdische Künstler und Intellektuelle angreift, und Tony Judt, der sich erneut gegen den Vorwurf des Antizionismus verwahrt. Dieter Barteztko berichtet über Frankfurter Pläne einige Preziosen aus der Altstadt gewissermaßen aus dem Computer zu generieren und neu wieder aufzubauen. Der Staatsrechtler Klaus Stern interveniert in der aufregenden Debatte über die Frage, ob der Sport als Staatsziel im Grundgesetz verankert werden soll. Jürgen Kesting gratuliert den Sopranistinnen Leontine Pryce und Hildegard Behrens zum Achtzigsten, respektive Siebzigsten. Wolfgang Schneider unternahm eine Reise in einem Berliner Doppeldecker der Linie 104 vom Westend nach Neukölln und Stralau und meditiert auf einer halben Seite über dort Gesehenes und Erlebtes.

Auf der Berlinaleseite werden der Eröffnungsfilm "La vie en rose" über Edith Piaf und Anne-Kristin Reyels Debütfilm "Jagdhunde" besprochen. Bert Rebhandl stellt die avantgardistische Reihe Forum Expanded vor.

Für die Medienseite betrachtet Kerstin Holm eine russische Seifenoper über Josef Stalin als weises Väterchen der Völker. Michael Hanfeld berichtet über ein Urteil gegen den Sender RTL, der Bilder von einem in einem Pflegeheim misshandelten Patienten zeigte und damit angeblich dessen Menschenwürde verletzte - obwohl der alte Mann erst durch die Ausstrahlung der Bilder von seinem Martyrium befreit wurde. Hanfeld berichtet auch, dass die Sender Premiere und Arena das fußballinteressierte Publikum nun gemeinsam bedienen wollen. Für die letzte Seite sprechen Verena Lueken und Michael Althen mit Fassbinders Nachlassverwalterin Juliane Lorenz über die Restauration des Serie "Berlin Alexanderplatz". Timo Frasch porträtiert den ehemaligen Kohl-Berater Horst Teltschik, der jetzt die Münchner Sicherheitskonferenz organisiert. Und Regina Mönch freut sich, dass die Zeitschrift Monopol und das Architektenbüro Graft die Stadt Berlin nun doch von ihrer Idee überzeugen konnten, dass der Berliner Schlossplatz in provisorischem Gebäude mit neuester Kunst bespielt werden sollte - bis das Schloss dereinst wiederaufgebaut wird.

Besprochen eine Uraufführung von Neil LaBute in Bonn, ein "Tannhäuser" in Frankfurt und Reinhard Lauers Puschkin-Biografie.