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Essay

Zum sogenannten neuen Übersetzerstreit

Eine Antwort an Thomas Steinfeld. Von Burkhart Kroeber
02.02.2007. Thomas Steinfeld, Feuilletonchef der Süddeutschen Zeitung, kritisierte gestern die Übersetzer des "Verbandes deutschsprachiger Übersetzer", die im sogenannten "Übersetzerstreit" die Kompromissvorschläge der Verlage ablehnen. Sie verkennen nach Steinfeld, dass sich der kulturelle Wert ihrer Arbeit nicht mit Geld aufwiegen lässt. Der Umberto-Eco-Übersetzer Burkhart Kroeber wendet ein: Auch Übersetzer würden gern mehr als 1.000 Euro im Monat verdienen.
Auf anderen Gebieten ist es üblich und guter Brauch, dass man sich als Journalist, ehe man einen Artikel schreibt, wenigstens über die elementaren Tatsachen und Zusammenhänge der in Frage stehenden Materie kundig macht. Wer über Sozialpolitik oder die Probleme der Gesundheitsreform schreiben will, ohne sich mit den betreffenden Fakten und Zahlen beschäftigt zu haben, ist - jedenfalls in der seriösen Presse - nicht ernst zu nehmen. Dasselbe gilt für Innen- und Außenpolitik, Wirtschaft, Sport und alle anderen Ressorts, sogar in gewissem Maß für die Klatschspalten. Frei aus der Luft gegriffene (oder aus Ressentiment geborene) Meinungen zu allen möglichen Themen sind an Stammtischen aller Art gratis zu haben, dazu braucht man keine Journalisten.

Anders steht es bei kulturpolitischen Themen wie dem sog. "Übersetzerstreit". Hier kann jeder Nachrichtenredakteur oder Kommentator ungeprüfte Behauptungen in die Welt setzen, abenteuerliche Zusammenhänge konstruieren und das Ganze zu apodiktischen Meinungen kondensieren, ohne auch nur im Ansatz irgend etwas zu recherchieren. So hat es der frischgebackene Feuilletonchef der Süddeutschen Zeitung, Thomas Steinfeld, gerade wieder mal exemplarisch vorgeführt. Ihm zufolge ist die Tatsache, dass die Zahl der ins Deutsche übersetzten Titel im vergangenen Jahr um fast dreißig Prozent zurückgegangen ist, auf den hartnäckigen Wunsch der Übersetzer nach besseren Honoraren zurückzuführen. Wörtlich schreibt er: "Der unmittelbare Anlass für das plötzliche Nachlassen des Interesses an Übersetzungen ins Deutsche ist trivial genug: Seit fast fünf Jahren streitet sich der Verband deutschsprachiger Übersetzer - eine Lobby, in der sich ein Teil der Übersetzer zusammengeschlossen hat und die von der Gewerkschaft Verdi unterstützt wird - mit den Verlegern um eine 'angemessene Vergütung' ihrer Arbeit."

An diesem Satz ist so gut wie nichts richtig. Von einem "plötzlichen Nachlassen" des "Interesses an Übersetzungen" kann keine Rede sein: die Zahl der ins Deutsche übersetzten Titel sinkt schon seit mehreren Jahren, aber das Interesse der Verlage an Übersetzungen attraktiver, erfolgversprechender Bücher ist nach wie vor groß, es werden nur vielleicht nicht mehr so viele überflüssige, des Übersetzens gar nicht werte Ex-und-hopp-Bücher übersetzt. Dies zu recherchieren wäre nicht schwer gewesen, und die tieferen Ursachen zu ergründen wäre eine vornehme Aufgabe für Kulturjournalisten. Aber nein, Steinfeld glaubt einfach ungeprüft, was ihm die Verlegerlobby einbläst (die er freilich nicht so nennt) - ebenso auch, wenn er schreibt: "Einen Kompromissvorschlag, zu dessen Einhaltung die größten deutschen Publikumsverlage sich Anfang dieses Jahres selbst verpflichteten, wurde in dieser Woche vom Verband der deutschsprachigen Übersetzer abgelehnt."

Was für ein "Kompromissvorschlag" das ist und warum die Übersetzer ihn abgelehnt haben, wird nicht untersucht, es wird von vornherein unterstellt, dass die Gründe nur verbandspolitische Sturheit und/oder Verblendung sein können, niemand von den Betroffenen wird gefragt, nicht einmal die Presseerklärung des Übersetzerverbands wird zitiert, dafür wird mit dem Bild vom fünfjährigen "Streit" suggeriert, es handle sich um eine ähnlich zähe Angelegenheit wie bei den Verhandlungen über Krankenkassentarife oder dergleichen - dabei haben sich die Verleger bisher konsequent geweigert, überhaupt richtig zu verhandeln. Mit einem Wort, die vornehmste Pflicht des Berichterstatters, ein möglichst objektives Bild der Sachlage zu vermitteln (audiatur et altera pars), ist offensichtlich ersatzlos gestrichen.

Statt dessen behauptet Steinfeld - mit einem abenteuerlichen Umweg über eine in Berlin geplante Gründung eines "Hauses der deutschen Sprache", von der man sich vergeblich fragt, was die mit dem Thema zu tun haben soll -, dass die Übersetzer ihre Arbeit nur noch als "finanzielle und bürokratische Realität" sähen und sich keine Gedanken machten über "das kulturelle Apriori ihrer Arbeit - den 'kulturellen Dialog' oder wie immer man den Austausch zwischen Sprachen und Kulturen auch nennen mag". Woher er das wissen will, bleibt sein Geheimnis, eine auch nur halbwegs als solche erkennbare Begründung sucht man vergebens. Der ganze Artikel strotzt nur so von Voreingenommenheit: gegen die Übersetzer, die nicht nach ihren Argumenten gefragt worden sind, und für die Verlage, denen er blindlings glaubt. In jedem anderen Ressort der SZ wäre solch ein schlecht recherchierter, sachlich unsauberer, wilde Zusammenhänge insinuierender Artikel zurückgewiesen worden, im Feuilleton schreibt ihn der Chef selbst.

Riskieren tut er dabei freilich nichts: Die Übersetzer können sich mangels Masse und Macht nicht gegen seine Unterstellungen wehren, und den Verlegern redet er brav nach dem Mund. Die Leser bleiben die Dummen, denn ihnen wird nicht erklärt, was es mit dem sog. "Übersetzerstreit" auf sich hat (was ja vielleicht doch mal ganz interessant für ein Feuilleton wäre), sondern de facto nahegelegt, die ganze Sache als bloßen Streit zwischen "Lobbyisten" abzutun. So redet man an Stammtischen: ahnungslos, aber meinungsstark.

PS: Um in aller Knappheit zu sagen, worum es tatsächlich geht: Buchübersetzer werden seit jeher (nur deswegen funktioniert es: weil es "schon immer so war") völlig unangemessen bezahlt, wir müssen von ca. 1000 Euro pro Monat leben. Um das zu ändern, wurde vor knapp fünf Jahren ein Gesetz beschlossen, das Verhandlungen zwischen Urheber- und Verwerterverbänden - hier: zwischen Übersetzern und Verlegern - über eine "angemessene Vergütung" der Urheber vorsieht. Diesen Verhandlungen haben sich die Verleger bis heute mit wechselnden Argumenten entzogen, offenbar in der Hoffnung, dass das ihnen unangenehme Gesetz irgendwann kassiert wird. Die jetzt bekanntgegebene "Selbstverpflichtung" von zwölf der größten deutschen Publikumsverlage, das sog. "Münchner Modell", das angeblich allen Übersetzern eine gestaffelte Beteiligung am Erfolg ihrer Bücher anbietet, ist eine geschickte PR-Aktion, aber reine Augenwischerei, da die Beteiligung mit dem zum "Vorschuss" umdefinierten Seitenhonorar verrechnet werden soll. Ein paar Eingaben in den Taschenrechner genügen, um zu erkennen, dass nach diesem Modell die Übersetzer für durchschnittlich gut verkaufte Bücher keinen Cent mehr als bisher, für überdurchschnittlich erfolgreiche ein paar wenige Taler mehr, für richtige Bestseller aber ganz wesentlich weniger bekämen. Darum haben sie dieses Modell einhellig abgelehnt und fordern die Verleger weiterhin, wie nun schon seit bald fünf Jahren, zu fairen Verhandlungen auf.

*

Burkhart Kroeber, geboren 1940, übersetzt seit über dreißig Jahren literarische und andere Bücher vorwiegend aus dem Italienischen, namentlich die Werke von Umberto Eco und Italo Calvino.
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