Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.02.2007. Im Perlentaucher verwahrt sich Timothy Garton Ash gegen die Vorwürfe Pascal Bruckners: Er ist kein Apostel des Multikulturalismus. In der Berliner Zeitung enthüllt der bedeutende Architekturhistoriker Bruno Flierl die Wahrheit über den 17. Juni 1953: Der RIAS war's gewesen. Die NZZ analysiert die Chancen Schottlands auf die Unabhängigkeit. In der Welt spürt Zafer Senocak einen Hauch von nordkoreanischem Geist durch die Türkei ziehen. In der taz skizziert Ayaan Hirsi Ali einen europäischen Islam. Die FAZ tritt für eine Reduktion der Kohlendioxidemissionen ein. Und in der SZ erklärt der Dramatiker Lukas Bärfuss: Jeder Mann will Kuckuck sein. Aber die Frau verschleiert ihren Eisprung.

Welt, 02.02.2007

Der Autor Zafer Senocak spürt einen Hauch von nordkoreanischem Geist durch die Türkei ziehen, in der "Intellektuelle und Querdenker" wieder verstärkt eingeschüchtert würden und "von freier Meinungsäußerung nicht die Spur übrig" geblieben sei: "Entscheidend bei dieser Fehlentwicklung ist nicht nur die Unbeholfenheit der Regierung in Ankara, sondern auch die gleichgültige Haltung breiter Bevölkerungskreise. Ein kruder Nationalismus lässt sich scheinbar viel leichter mobilisieren, als eine Massenbewegung für Demokratie und Meinungsfreiheit. Sicherlich spielt auch die unentschlossene Haltung Europas gegenüber der Türkei bei der gegenwärtigen Krise der türkischen Gesellschaft eine Rolle. Der Streit darüber, ob das Land überhaupt zu Europa gehört, hat die Reformkraft der Regierung geschwächt und den demokratischen Kräften nur Steine in den Weg gelegt. Doch die Türkei kann sich in dieser Situation nur selbst helfen. Im Lande selber muss endlich begriffen werden, dass die gegenwärtige Lage die Zukunft der Türkei verdüstert."

Ulrich Baron hofft, dass angesichts der prognostizierten Klimaerwärmung von 2 bis 4,5 Grad die Menschheit ihr Kurzzeitdenken überwinden wird. "Das Klima ist unser gemeinsames Schicksal. Eher als große Männer schreibt das Klima Geschichte. Ohne die Erwärmung während des 'Römischen Optimums' hätte Hannibal seine Elefanten kaum heil über die Alpen gebracht. Ohne das kalte 'Pessimum' der Völkerwanderungszeit wäre kaum ein Volk gewandert. Ohne die neuerliche Erwärmung um das Jahr 800 hätten die Wikinger nicht Grönland besiedelt, wo ihnen die Vorboten der 'Kleinen Eiszeit' von 1500 bis 1850 dann den Garaus machten."

Auf den Forumsseiten ist Andre Glucksmanns Text zu lesen, in dem er erklärt, warum er Nicolas Sarkozy wählen wird und damit zum ersten Mal Frankreichs konservativen Präsidentschaftskandidaten.

Weitere Artikel: Klaus Honnef lästert in der Randspalte über die Documenta-Pressesprecherin, die bei ihrer Ankündigung, künftig auch Filme zu zeigen, offenbar vergessen habe, dass die Documenta dies schon weidlich getan habe. Hanns-Georg Rodek rollt den roten Teppich für "Vier Minuten"-Darstellerin Hannah Herzsprung aus, den aufgehenden Stern am deutschen Schauspielerhimmel. Peter Jovishoff meldet Zweifel an der Echtheit der 2002 entdeckten Bilder von Jackson Pollock.

Besprochen werden eine Ausstellung zum "jüdischen Rembrandt" in Amsterdam und die große Herge-Schau im Centre Pomidou.

Perlentaucher, 02.02.2007

Timothy Garton Ash verwahrt sich in aller Form gegen den von Pascal Bruckner in Perlentaucher und signandsight.com erhobenen Vorwruf, er sein ein "Apostel des Multikulturalismus": "In meinem Essay in der New York Review habe ich geschrieben, dass 'ich es für eine Schande für die Niederlande und Europa halte, dass wir es nicht geschafft haben, jemanden wie Ayaan Hirsi Ali bei uns zu behalten'. Und ich habe bemerkt, dass ihr Ansatz für die meisten Muslime in Europa zumindest in den kommenden Jahren keinen gangbaren Weg aufzeigt. Eine Politik, die auf der Annahme basiert, Millionen Muslime könnten auf einen Schlag den Glauben ihrer Väter und Mütter aufgeben, ist einfach unrealistisch. Wenn wir ihnen die Botschaft vermitteln, dass sie ihre Religion ablegen müssen, um Europäer zu werden, dann werden sie eben keine Europäer sein wollen."

Berliner Zeitung, 02.02.2007

In einem Gespräch mit Nikolaus Bernau deckt Bruno Flierl, der als einer der bedeutendsten Architekturhistoriker der DDR gilt, einen Ex-Kultursenator zum Sohn hat und heute achtzig wird, die Wahrheit über den 17. Juni 1953 auf: "Die Organisation des Protestes lief. Das war schon eine gesamtdeutsche Unternehmung, die DDR zu erschüttern, wir haben ja die RIAS-Fahrradmelder in der Stadt gesehen."
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Stichwörter: Bernau, DDR, Sohn

FAZ, 02.02.2007

Gleich zwei große Artikel zum Thema Klimawandel finden sich heute auf der ersten Seite. Joachim Müller-Jung berichtet vom Gezerre hinter den Kulissen des neuen Weltklimaberichts. Vor allem die Erklärung für die Entstehung von Wirbelstürmen ist heftig umstritten. Peter Lemke fasst dagegen noch einmal zusammen, was heute wissenschaftlicher Konsens ist: "Die Botschaft ist einfach: Die Kohlendioxidemissionen müssen viel stärker reduziert und Vorbereitungen für den Klimawandel getroffen werden, denn der kommt bestimmt. Die Zeit drängt: Durch die Trägheit des Klimasystems wird die durchschnittliche Temperatur selbst dann um weitere 0,6 Grad Celsius steigen, wenn wir heute weltweit die Kohlendioxid-Produktion vollständig einstellen würden."

Weitere Artikel: Nma. versucht in der Glosse zu erklären, warum der bald 100-jährige Architekt Oscar Niemeyer ein Riesenmonument für Cesar Chavez entworfen hat. Aus London berichtet Gina Thomas von einem Vortrag des Historikers Ian Kershaw, der mit der These, den Muslimen könne in Europa das Schicksal der Juden drohen, für heftiges Stirnrunzeln sorgte. Julia Spinola porträtiert den neuen Siemens-Musikpreisträger Brian Ferneyhough: "Tatsächlich zählen die Partituren Ferneyhoughs zum Kompliziertesten, das je notiert wurde." Dieter Bartetzko gratuliert den beiden Architekten Bruno Flierl und Helmut Striffler zum 80 - und schreibt in einem weiteren Artikel über die neue Synagoge in Gelsenkirchen. Von einem einigermaßen geschmacklosen Kommunismus-Themenpark im litauischen Grutas berichtet kho (hier ein Stalin im Wald).

Auf der letzten Seite macht uns Paul Ingendaay mit einer kunsthistorischen Studie bekannt, die Goyas Affäre mit Maria del Pilar Teresa Cayetana de Silva y Alvarez de Toledo, der dreizehnten Fürstin von Alba, als Mythos entlarven will. Christian Geyer würdigt den Ludwig-Börne-Preisträger Henryk M. Broder als "das Ungetüm vom Dienst". Im Interview spricht die Architektin Zhang Xin über Vorteile chinesischer Regellosigkeit: "So gut eine Regel auch sein mag, sie wird immer Möglichkeiten ausblenden und damit Imagination zerstören. Das Große an China heute ist, dass es sehr wenig Zerstörung der Imagination gibt."

Besprochen werden ein Konzert von Max Raabe mit seinem Palastorchester in Berlin, die Ausstellung eigener Bestände in der Neuen Nationalgalerie in Berlin und Susanne Biers Film "Nach der Hochzeit".

Rezensionen gibt es unter anderem zu einem Buch über die Entstehung öffentlicher Museen in Deutschland und zum zweiten Band von Peter Wapnewskis Erinnerungen "Mit dem anderen Auge" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

TAZ, 02.02.2007

Terrorgruppen kämpfen immer nur für den Kampf, nicht für politische Ziele, erklärt Michael Rutschky in der zweiten taz. "Krieger verfolgen keine Ziele, die man in der Wirklichkeit erreichen oder verfehlen kann. Vor allem sind Krieger komplett desinteressiert an zwei Dingen, von denen der friedliebende Bürger meint, sie gehörten zum Krieg wesentlich hinzu, am Sieg und am Friedensschluss. So etwas kann der Krieger nur als Verrat ansehen. Für ihn endet der Krieg nie - wenn er selbst im Kampf stirbt, setzen ihn die Genossen in die Unendlichkeit fort. Der Krieg ist eine Lebensform, kein Mittel zum Zweck, nationale Expansion, Rache für Demütigungen, die Fortsetzung der Politik, wie die berühmte Formel lautet, mit anderen Mitteln."

Im Feuilleton stellt Frieder Reininghaus den britischen Komponisten Brian Ferneyhough vor, der in diesem Jahr den Ernst-Siemens-Musikpreis erhält. Auf der Medienseite kommentiert Steffen Grimberg die Verkleinerung der FR auf Tabloid-Format.

Besprechungen widmen sich dem neuen Album "36 Grad" der Berliner Popband 2raumwohung, neue Platten von Jamie T, "Panic Prevention", und Damon Albarns Hybrid-Band "The Good, The Bad & The Queen" und Giampiero Caroccis sich durch "halsstarrigen Rassismus" auszeichnende "Kurze Geschichte des amerikanischen Bürgerkriegs".

Hingewiesen sei noch auf ein Interview, das Ayaan Hirsi Ali gestern in der taz gegeben hat. Auf die Frage, ob es so etwas wie reformierten, einen europäischen Islam geben könnte, antwortet sie: "Wenn die Menschen, die sich als Muslime begreifen, willens sind, den Koran endlich als Buch zu akzeptieren, das von Menschen geschrieben wurde und nicht das Wort Gottes ist. Und wenn sie einsehen, dass der Prophet Mohammed im 21. Jahrhundert nicht für alles ein Vorbild ist: Er kann auf keinen Fall als Vorbild dafür dienen, wie Frauen und die Individuen im Allgemeinen behandelt werden." Gegen den Islamismus müsse man sich mit allen Mitteln zur Wehr setzen. Wer wirklich frei sein will, meint sie, muss "in letzter Konsequenz bereit sein, für die Verteidigung dieser Freiheit und deren Institutionen zu sterben".

Schließlich Tom.

NZZ, 02.02.2007

In Schottland wird über Unabhängigkeit diskutiert, die Nationalisten haben bei den Wahlen im Mai gute Chancen, berichtet Georges Waser: "Was würde für Schottland ein Ende der Vernunftehe mit England in wirtschaftlicher Hinsicht bringen? Bisher argumentierten die Nationalisten, dass, wenn eine Insel wie Malta - mit weniger Einwohnern als die Stadt Edinburgh - eigenständig sein könne, kein Grund für die schottische Abhängigkeit von England bestehe. Dazu kommt jetzt das Fazit eines dreißig Jahre lang geheim gehaltenen und von der britischen Regierung erst Ende 2005 freigegebenen Berichts: dass nämlich Schottland - mit Anrecht auf 90 Prozent der in der Nordsee vorhandenen Öl- und Gasreserven - eines der reichsten Länder Europas sein könnte."

Weiteres: Uwe Justus Wenzel spottet mild über das vom deutschen Forschungsministerium ausgerufene "Jahr der Geisteswissenschaften" (ABC der Menschheit). Gemeldet wird, dass der Komponist Brian Ferneyhough den Siemens-Preis 2007 erhält. Joachim Güntner besuchte die Internationale Kinder- und Jugendbuchwoche in Barcelona. Elsbeth Gut Bozzetti kommentiert auf der Filmseite einen Filmförderungsvorschlag des italienischen Partito della Rifondazione Comunista, der vorsieht, für einen Hollywoodfilm zwei europäische zu zeigen. Aldo Keel resümiert Sprachdiskussionen in Dänemark, wo ein immer stärkerer Einfluss des Englischen befürchtet wird. Besprochen werden neue Operninszenierungen in Paris und Lyon und der dänische Film "After the Wedding" von Susanne Bier.

Für die Medienseite resümiert "ras" eine Schweizer Studie, die feststellt, dass Schweizer Lokalzeitungen PR-Texte praktisch ungefragt übernehmen: "Publiziert wurde die unveränderte oder lediglich gekürzte Fassung der Texte, die von den behördlichen Medienstellen zur Verfügung gestellt wurden. Nur 13 Prozent der Beiträge kamen eigenständig zustande. Nachrecherchen erfolgten selten." Die Ergebnisse nennt derselbe Autor in einem nebenstehenden Kommentar erschütternd.

Außerdem: Heribert Seifert berichtet, dass in der Münsterschen Zeitung die Lokalredaktion unter dubiosen Umständen an ein externes Büro ausgelagert wurde. Besprochen wird ein Buch über das Handwerk des Interviews.

FR, 02.02.2007

In Zukunft will Google bei den Suchergebnissen auch Buchtitel aus seiner Datenbank angeben, weiß Daniel Bohus. Der Service ist umfassend. "Während der weltweit größte Suchmaschinenbetreiber mit den digitalisierten Büchern seine Trefferlisten gegenüber der Konkurrenz deutlich aufwerten kann, verlinkt er die Treffer im Gegenzug mit den Onlineshops der Verlage und darüber hinaus mit virtuellen Buchläden wie Amazon und Weltbild. Verknüpft sind die einzelnen Suchergebnisse aber auch mit einem weiteren Produkt des Unternehmens, mit 'Google Maps'. Bei Eingabe eines Ortes stellt die Suchmaschine auf einer Karte Buchhandlungen dar - inklusive Adresse, Telefonnummer und häufig Öffnungszeiten."

ZDF-Chefredakteur Klaus Brender versichert Daland Segler, dass sein Sender "auf keinen Fall" an einem Wettlauf um Fernsehauftritte von Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar teilnehmen wird. Von drastischen Sparmaßnahmen beim amerikanischen Magazin Time berichtet Sebastian Moll. In einer times mager moniert Ina Hartwig die "politische Dummheit" der türkischen Regierung im Umgang mit ihrem besten Diplomaten Orhan Pamuk.

Besprochen werden Thomas Ostermeiers Inszenierung von Tennessee Williams' "Die Katze auf dem heißen Blechdach" an der Berliner Schaubühne und das Album "Panic Prevention" des britischen Popmusikers Jamie T.

SZ, 02.02.2007

In den Münchner Kammerspielen wird heute sein neues Stück "Die Probe" uraufgeführt: Der Schweizer Dramatiker Lukas Bärfuss erklärt Jürgen Berger deshalb, was Vaterschaftstests für die Gesellschaft bedeuten. "Jeder Mann will Kuckuck sein. Da die Frau aber den Eisprung verschleiert, kommt es zum berühmten Ehe-Deal 'sexuelle Treue gegen wirtschaftliche Sicherheit'. Gäbe es den Deal nicht, lebten wir Männer immer in Gefahr, dass die Frau während ihrer fruchtbaren Tage nicht mit uns, sondern mit dem Milchmann ins Bett geht. Akzeptabel wäre das nur, wenn wir alle Milchmänner wären."

Alex Rühle besucht die Schauspielerin Sibylle Canonica bei Dreharbeiten in der Schweiz. "Während des nervösen Stellens, Leuchtens, Funkens der Filmcrew summt ein Praktikant beim Kabeltrommelaufrollen die schweizkritischen Zeilen: 'Mir hei di beschte Uhre / Aber niemer het Ziit.' Draußen: ein geradezu expressionistisch tollkühnes Wetter, lila Wolkenklüfte ziehen über den Zürichsee. Drinnen steht Canonica, ruhig wie ein Legostein, der darauf wartet, eingepasst zu werden. Gleichzeitig ist sie hier das Kraftzentrum, schnell, schmal, grad wie ein Vektor."

Weitere Artikel: Thomas Krens, Direktor der Guggenheim Museen, verteidigt im Interview gegenüber Andrian Kreye die Expansionsstrategie des Hauses und die demnächst eröffnende Filiale in Abu Dhabi. Thomas Steinfeld rät den Übersetzern, die sich mit den Verlagen um mehr Geld und Recht streiten, doch auch die kulturelle Dimension ihrer Tätigkeit einzubeziehen und deshalb ihre "pedantischen" und "fantastischen" Forderungen einzustellen. Der englische Komponist Brian Ferneyhough erhält in diesem Jahr den Ernst-von-Siemens-Musikpreis, meldet Wolfgang Schreiber. In Heiligendamm sind für die Pressetribüne des G8-Gipfels drei historische Strandvillen abgerissen worden, staunt Ira Mazzoni. Alexander Menden trauert um die Londoner Musikclubs "Hammersmith Palais" und "London Astoria", die demnächst abgerissen werden sollen. Dass nach den Plänen des Finanzminister Kurt Faltlhauser in München ein neuer Konzertsaal mit 1800 Plätzen gebaut werden soll, kann Reinhard J. Brembeck dagegen nur unterstützen.

Im Medienteil besucht Simon Feldmer einen ehemaligen Viva-Redakteur, der in seinem Einfamilienhaus einen Musiksender im Internet betreibt.

Besprochen werden Susanne Biers Film "Nach der Hochzeit", Francois Couturiers Vertonung von Andrej Tarkowskijs Film "Nostalghia" und Bücher, darunter der zwanzigste Band der Werkausgabe von Aristoteles mit den "Fragmenten zu Philosophie, Rhetorik, Poetik, Dichtung", Klaus Modicks Roman "Bestseller" sowie Jugendbücher (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).