Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.02.2007. Orhan Pamuk hat seine Deutschlandreise wegen Morddrohungen abgesagt. Die Welt vermutet den 'tiefen Staat' hinter diesen Drohungen. Auch die taz findet die Gefahr konkret. Die Zeit bewundert zugleich, wie schonungslos Türken nach dem Mord an Hrant Dink ihr Land kritisieren. Die NZZ porträtiert den Dirigenten Michael Gielen, die FAZ den König Juan Carlos.

Welt, 01.02.2007

Boris Kalnoky berichtet auf den politschen Seiten aus Istanbul über die Absage von Orhan Pamuks Deutschlandreise. Pamuk, so der Korrespondent, wird von den selben Leuten bedroht wie der kürzlich umgebrachte armenisch-türkische Journalist Hrant Dink: "Der Moment, in dem Dink selbst klar wurde, dass er in Gefahr schwebte, war .. das Erscheinen eines Mannes namens Veli Kücük in einem seiner Gerichtsverfahren. Der Mann gilt in der Türkei als Inbegriff des 'tiefen Staates', worunter man ein undurchdringbares Geflecht von Sicherheitskräften, Justiz, Verwaltung und organisiertem Verbrechen versteht - ein Milieu, in dem angeblich 'Staatsinteressen' notfalls durch Mord gewahrt werden, wenn die Politik vermeintlich versagt. Wenn der Mord an Dink tatsächlich in diesen Kreisen organisiert wurde, dann hat Pamuk allen Anlass zur Sorge."

Weitere Artikel im Feuilleton: Gerhard Gnauck schildert, wie Polen Abschied nimmt von Ryszard Kapuscinski. Hendrik Werner glossiert die Meldung, dass Google nun auch Suchergebnisse aus Büchern auf seine Ergebnisseiten stellen will. Sven Felix Kellerhoff berichtet, dass Jörg Friedrich heute sein Buch "Der Brand" in London vorstellt und zitiert das Buch des britischen Philosophen Anthony C. Grayling "Die toten Städte" (Leseprobe), das die britischen Bombardements als "schweres Unrecht" brandmarkt. Gemeldet wird, dass Henryk Broder den Börne-Preis bekommt. Felicitas Ernst porträtiert den Historiker Werner Angress, der heute im Jüdischen Museum Berlin über seine Emigration in die USA und seine Rückkehr nach Berlin spricht. Uwe Wittstock erinnert an Günter Eich, der heute hundert Jahre alt geworden wäre. Wieland Freund schreibt den Nachruf auf Sidney Sheldon. Auf der Kinoseite unterhält sich Rüdiger Sturm mit Uschi Obermaier und ihrer Darstellerin Natalie Avelon ("Das wilde Leben") über wilde Zeiten in Geschichte und Gegenwart. Matthias Heine bespricht diesen Film über die 68er-Zeit. Auf der Medienseite berichtet "chs", dass die Staatsanwaltschaft den Stern-Journalisten Hans-Martin Tillack gern überzeugen würde, ein paar Quellen seiner Recherchen über den Fall el-Masri zu verraten.

Besprochen werden Thomas Ostermeiers Inszenierung der "Katze auf dem heißen Blechdach" in Berlin und eine Canaletto-Ausstellung in London.

TAZ, 01.02.2007

"Der Mord an seinem Freund Hrant Dink zeigte, wie konkret und nahe die Gefahr ist", kommentiert Dilek Zaptcioglu auf der Tagesthemenseite Orhan Pamuks Absage seiner Deutschlandreise aus Sicherheitsgründen: "Wie das Massenblatt Hürriyet gestern meldete, kursieren auf dem Filmportal YouTube brandneue Drohvideos, wo der 'wahre Charakter des Armeniers' Dink zur Schau gestellt wird und die Bilder seiner Leiche auf dem Straßenpflaster mit Pamuk-Porträts montiert sind. Als jemand, der es 'mit Vaterlandsverrat zum Millionär' gebracht hat, ist Pamuk im Moment das Hassobjekt vieler junger Türken in den Istanbuler Vororten, die selbst ohne Bildung und Arbeit sind. Bei Pamuks Rückkehr aus Kairo vergangenen Freitag fiel auf, dass er vom Istanbuler Flughafen ab begleitet wurde. Das scheint dafür zu sprechen, dass die türkischen Sicherheitsbehörden die Drohungen gegen ihn ernst nehmen."

"Man kann zu seiner jetzigen politischen Haltung stehen, wie man will. Ich habe ganz andere Ansichten," schreibt Günter Wallraff über seinen ehemaligen Mitbewohner Wolf Biermann in der taz zwei. "Aber selbst da, wo er seinen bellizistischen Standpunkt vertritt, vielleicht auch aus Trotz gegen die offizielle Meinung, beschädigt dies nicht sein eigentliches Werk. Das hatte seine Wirkung und einzigartige Bedeutung zu einer bestimmten Zeit."

Besprochen werden Bill Condons Film "Dreamgirls", Chris Kraus' Gefängnismelodram "Vier Minuten" ("ein Stück echtes Kino", freut sich Barbara Schweitzerhof), Abderrahmane Sissakos Film "Bamako", Thomas Ostermeiers Inszenierung der "Katze auf dem heißen Blechdach" an der Berliner Schaubühne ("Ist das hier überhaupt noch Ostermeier oder schon Loriot?" fragt Esther Slevogt) und Pavel Brailas Videoinstallation "Baron's Hill" in Berlins Neuer Nationalgalerie.

Und Tom.

Zeit, 01.02.2007

"Ein Damm ist gebrochen", konstatiert Günter Seufert angesichts einer Debatte in der Türkei, die nach dem Mord an Hrant Dink das Selbstverständnis der Türkei und den berüchtigten Paragrafen 301 hinterfragt: "Necime Alpay, Sprachwissenschaftlerin und Kolumnistin, schrieb, der Wortlaut des Paragrafen, dem Dink zum Opfer fiel, sei rassistisch. Er schütze nur jene, die ethnisch türkisch und muslimisch seien, nicht auch die Armenier und Griechen, die Kurden und Araber, kurz alle anderen Bürger der Türkei. Am deutlichsten wurde Yasar Kemal, der 1997 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten hatte. Er sagte, in der Türkei herrsche Rassismus wie in kaum einem anderen Land der Welt... Niemals zuvor hat die Türkei die eigene politische Kultur so schonungslos analysiert. Niemals zuvor wurden sakrosankte Wörter wie 'Türkentum' und 'Türke' so offen hinterfragt."

In seinem Blog kommentiert Jörg Lau "den ungeheuerlicher Vorgang, dass ein Literaturnobelpreisträger aus Furcht nicht nach Deutschland kommen kann". Orhan Pamuk hat seine Reise abgesagt, nachdem er verschiedene Morddrohungen erhalten hat.

Weiteres: Nach einer Opernreise zu den Kampfplätzen des europäischen Regietheaters befindet Claus Spahn: "Überall spielen die Werke in den Tiefgeschossen des Daseins... Der Weltkerker, aus dem es kein Entrinnen gibt, dominiert jede Inszenierung. Das Eingemauertsein der Figuren ist der Ausgangspunkt aller Interpretation." Ulrich Greiner stellt beim Blick auf die Literaturgeschichte fest, dass der grundlose Mord keine moderne Erscheinung vernachlässigter Jugendlicher ist. Katja Nicodemus stellt in der Randspalte fest, dass Sylvester Stallone mit seinem Comeback "Rocky Balboa" den Weg in die Rentergesellschaft weist - auch wenn ihr wehtut, "den Mann, der in völlig zu Unrecht vergessenen Siebziger-Jahre-Softpornos seinen Körper ganz entspannt auf Flokatiteppichen präsentierte, drei Jahrzehnte später beim Training keuchend auf Rinderhälften einschlagen zu sehen". Über das Schreiben, die Literatur und das Leben unterhält sich Michael Naumann mit dem Schriftsteller Paul Auster, der dieser Tage 60 Jahre alt wird. Sabine Horst weist uns darauf hin, dass mit Clint Eastwoods "Flag of our Fathers" Matrosen- und Camouflage-Look wieder in Mode kommt.

Besprochen werden Jonathan Meeses erstes Theaterstück "De Frau" in der Berliner Volksbühne, eine Ausstellung der italienischen Künstlerin Paola Pivi in der Kunsthalle Basel, Chris Kraus' Gefängnis-Frauen-Musik-Drama "Vier Minuten, die neuen Alben von Norah Jones, Amy Winterhouse und Holly Cole, eine Mendelssohn-Aufnahme der Geigerin Janine Jansen, das Album "Plague Songs" und als moderner Klassiker Ella Fitzgerald "Songs in a Mellow Mood".

Im Aufmacher des Literaturteil schreibt Iris Radisch zum hundertsten Geburtstag des Dichters Günter Eich.
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FR, 01.02.2007

Ole Frahm schreibt zum 100. Geburtstag des Dichters Günter Eich. In der Kolumne times mager gratuliert Harry Nutt dem Publizisten Henryk M. Broder säuerlich zum Börne-Preis.

Besprochen werdem Achim Bornhaks Film über "Das wilde Leben" der Uschi Obermaier (der bei Daniel Kothenschulte nicht so gut ankommt). Bill Condons Supremes-Film "Dreamgirls", Kris Kraus' Melodram "Vier Minuten" ("ein Klassiker", murmelt Daniel Kothenschulte ergriffen), Susanne Biers Film "Nach der Hochzeit" und Wolfgang Engels Inszenierung der Orestie des Aischylos am Schauspiel Leipzig.

NZZ, 01.02.2007

Zwei Artikel sind dem Dirigenten Michael Gielen gewidmet: Corinne Holtz porträtiert ihn als Außenseiter: "Herbert von Karajan hatte dem skrupulösen Kollegen einst vorgehalten, dass ihm Geist statt 'Blut aus dem Taktstock' spritze, ein Rundfunkjournalist lehnte es ab, eine Geburtstagssendung zu programmieren: 'Herr Gielen ist so wenig eventhaft.' Das seien Komplimente, sagt Gielen, schließlich sei er kein Musikant, der mit den Instinkten operiere, und macht eine jener freimütigen Aussagen, mit denen er sich im Musikbetrieb Feinde und Freunde schaffte: 'Für die Ernährung und die Fortpflanzung sollen die Triebe sorgen, für die Musik soll man auch den Kopf bemühen.' Michael Gielen will die Struktur eines Werkes vermitteln in ihrem sinnlichen Kleid. Das ist ein Balanceakt, der gelegentlich auf Kosten der Sinnlichkeit geht, wie Gielen bekennt."

Bei seinen Aufnahmen der Brahms-Sinfonien scheint dieser Balanceakt bestens gelungen: "Gielens Blick auf den Sinfoniker Brahms ist von struktureller Klarheit und Detailtreue geprägt. Die Aufnahmen werden seinem Ruf als scharfsinnig analytischer Dirigent gerecht, enthalten aber auch emotional Mitreißendes, blühende Phrasierungen und elektrisierende Höhepunkte", findet Martina Wohlthat.

Weiteres: Samuel Moser schreibt zum 100. Geburtstag Günter Eichs. Roman Hollenstein berichtet über die erste Biennale für Architektur, Kunst und Landschaft auf den Kanarischen Inseln, eine Aufnahme von Mahlers Erster mit dem Tonhalle-Orchester Zürich unter David Zinman und Bücher, darunter Jeanette Wintersons Roman "Der Leuchtturmwärter" und Harry Mathews' Anti-Spionageroman "Mein Leben als CIA" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 01.02.2007

"Orhan Pamuk kommt nicht nach Deutschland", ruft Kai Strittmatter einigermaßen fassungslos. "Einem fanatischen Mob ist es gelungen, in der Türkei einen giftigen Nebel der Einschüchterung und der Angst zu verbreiten. Was für ein Land ist das, in dem sich mörderische Ideologen und Dummköpfe sicherer fühlen dürfen als seine besten, klügsten - und sanftesten - Köpfe?"

Aus Anlass seines hundertsten Geburtstag würdigt Helmut Böttiger den Schriftsteller und Dichter Günter Eich als Verkannten, Unterschätzen und zu Unrecht Vergessenen. "Warum Günter Eich heute im Schatten von Paul Celan, Ingeborg Bachmann oder auch Peter Huchel steht, mit denen er zu Lebzeiten in einem Atemzug genannt wurde, hat vielleicht etwas mit seiner speziellen Spielform von Kompromisslosigkeit zu tun." Auf der Medienseite feiert Andreas Ammer Eich als den "ersten Radiodichter".

Weitere Artikel: Christian Schlötzer erzählt, wie die Hauptstadt der Vereinigten Emirate Abu Dhabi zur Kulturstadt von Weltrang umgebaut werden soll. Gerhard Matzig lässt lauter internationale Stararchiekten vorbei defilieren, die an den Prestigeprojekten in Abu Dhabi beteiligt sind. Marcus Rothe kommentiert die diesjährigen Nominierungen für den französischen Oscar, den Cesar. Julia Büttner verabschiedet den Romanautor Sidney Sheldon, der jetzt 89-jährig verstorben ist.

Besprochen werden Achim Bornhaks Uschi-Obermaier-Film "Das wilde Leben", (bei dem Fritz Göttler manchmal das Gefühl beschlich, er sei nur für eine Zuschauerin gedreht worden: Uschi selbst), Chris Kraus' Film "Vier Minuten" (für Martina Knoeben "ein Virtuosenstück", es gibt außerdem ein Interview mit Kraus), ein Münchner Gastspiel von Daniel Barenboim und seiner Staatskapelle, Thomas Ostermeiers Inszenierung von Tennessee Williams "Die Katze auf dem heißen Blechdach" an der Berliner Schaubühne (die bei Peter Laudenbach als "Erbauungskitsch" durchfällt) und Bücher, darunter Mario Vargas Llosas Roman "Das böse Mädchen" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 01.02.2007

Macht hat er keine, Reichtümer auch nicht. Paul Ingendaay erklärt die nicht unmittelbar ins Auge fallenden Qualitäten des spanischen Monarchen Juan Carlos, der sich durch den Bruch mit der Vergangenheit den Respekt der Welt verschafft hat: "Angesichts dieses Bruchs wäre es gleichermaßen weltfremd, sich den Glanz der katholischen Könige oder den Personenkult seines Ziehvaters Franco zum Vorbild zu nehmen. Die moderne spanische Monarchie gründet darauf, dass ihr Sinn neuerfunden wurde. Sie existiert, weil Juan Carlos I. sie nicht einfach 'wiedereingesetzt', sondern kurzfristig als starkes Werkzeug benutzt hat, um sie anschließend auf modernes Maß zu reduzieren."

Weitere Artikel: In der Glosse zeigt igl. Verständnis für Orhan Pamuks durch Attentatsdrohungen verursachte Absage eines Deutschlandbesuchs: "Der mörderisch gewordene türkische Nationalismus bedroht nicht nur Orhan Pamuk, die Intellektuellen und das kulturelle Leben des Landes. Er bedroht die Türkei." Jordan Mejias hat bei Jörg Friedrichs Vorstellung seines Buches "Der Brand" in New York eher freundliche Reaktionen beobachtet. Eleonore Büning berichtet vom, der neuen Musik gewidmeten, Berliner Ultraschall-Festival. Edo Reents gratuliert dem Rocksänger Don Everly zum 70. Über den Stand des Städtebaus in Halle an der Saale informiert Günter Kowa. Zum Tod der Kunsthistorikerin Jutta Held schreibt Monika Steinhauser. In einer Meldung ist zu erfahren, dass der Diogenes-Verlag nach einem Tief im Jahr 2005 die Bestseller-Jahresgesamtwertung 2006 wieder anführt. Ebenfalls gemeldet wird, dass der Publizist Henryk M. Broder den Ludwig-Börne-Preis erhält.

Auf der Kino-Seite gibt es anlässlich der Maria-Schell-Ausstellung im Frankfurter Filmmuseum ein großes Interview mit dem Schauspieler Maximilian Schell. Er spricht über seine Schwester, die manchmal eine Diva war, aber auch über andere Schauspielerinnen: "Ich habe sie alle kennengelernt, Ava Gardner, Marilyn Monroe, Marlene sowieso. War aber keine Diva dabei." Verena Lueken schreibt den Nachruf auf die Schauspielerin Maj-Britt Nilsson, die in frühen Bergman-Filmen und später im Theater ein Star war.

Auf der Medien-Seite erzählt Claudia Hangen das Schicksal des Fotografen G.M.B. Akash, der vor den Islamisten in seiner Heimat Bangladesch fliehen musste. Auf der letzten Seite berichtet Tilmann Lahme von einem Besuch im Altenheim, in das, "fit und aktiv", Hans-Jochen Vogel mit seiner Frau gezogen ist. Beate Tröger stellt den Lyrik-Förderer und -Verleger Urs Engeler vor. Jürg Altwegg informiert über die jüngste Kulturbilanz aus Frankreich: Die Pariser Bühnen haben einen dramatischen Einbruch erlebt, dafür rennen die Besucher den Kinos die Säle ein. (Die Cinephilie ist dennoch in Gefahr, wie der Guardian vor ein paar Tagen berichtete.)

Besprochen werden Thomas Ostermeiers Inszenierung von Tennessee Williams' "Katze auf dem heißen Blechdach", Abderrahmane Sissakos Film "Bamako" und auf der Medien-Seite die innovative neue Krimiserie im ZDF "Kriminaldauerdienst". Rezensiert wird auch eine Ausgabe der "Sämtlichen Gedichte" von Günter Eich (dazu mehr in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).