Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.09.2006. Die FAZ rät der Berliner Opernstiftung zur Selbsteinsparung. Die SZ hält nichts von Historikern, die die Ereignisse des Falls von Konstantinopel nicht einmal kurz hererzählen können. Der Welt erzählt der finnische Elektronikmusiker Jimi Tenor, dass seine Bearbeitungen klassischer Musik nicht immer gut ankommen. Die taz möchte die Naturwissenschaften doch noch mal einer Kritik unterziehen.

FAZ, 19.09.2006

Eleonore Büning lässt an der Berliner Opernstiftung kein gutes Haar, rät deren Chef, Michael Schindhelm, zur Selbsteinsparung, kritisiert aber auch den Chef der Berliner Senatskanzlei Andre Schmitz, der als Nachfolger für Kultursenator Thomas Flierl gehandelt wird: "Nun steht Berlins Opernkrise, die eine Krise der Finanzierung war und ist, wieder genau an dem Punkt der politischen Debatte, wo sie vor vier Jahren schon einmal stand: Soll ein Haus geschlossen oder sollen zwei fusioniert werden? Pariser Modell (das heißt: ein Ensemble bespielt zwei Immobilien) oder Übernahme eines Hauses (der Staatsoper) durch den Bund? Was die künstlerischen Inhalte angeht, stehen die Opernhäuser keineswegs immer noch am gleichen Fleck. Sie haben sich bewegt und weiterentwickelt. Wer, wie Schmitz, heute noch ernstlich behauptet, dass Berlins Opern in ihrer Leistung zurückstehen hinter vergleichbaren Häusern in Hamburg oder München, der saß entweder lange nicht mehr selbst im Parkett, oder er ist auf einen Posten aus."

Weitere Artikel: Jordan Mejias liest Jonathan Franzens bisher nur auf Englisch erschienenes autobiografisches Buch "The Discomfort Zone", in dem der Autor auch über sein Verhältnis zu deutscher Literatur schreibt. Regina Mönch versucht in der Leitglosse, aus dem Berliner Wahlergebnis schlau zu werden. Oliver Tolmein fragt: "Wie wird der deutsche Juristentag zur Sterbehilfe entscheiden?" Dirk Schümer gratuliert dem italienischen Autor Carlo Fruttero zum Achtzigsten. Ingeborg Harms blickt in deutsche Zeitschriften und liest unter anderem das Merkur-Doppelheft zur "Physiognomie der Berliner Republik". Kerstin Holm stellt neu aufgefundene Porträts der Zarin Katharina I. vor.

Auf der DVD-Seite werden ältere Literaturverfilmungen wie Sergej Bondartschuks "Krieg und Frieden", aber auch Filme von Dennis Hopper und Rithy Panh vorgestellt. Auf der Medienseite porträtiert Heiner Kiesel den islamischen Fernsehprediger Jussuf al Qaradawi, der die Rede Benedikts XVI. kritisierte und in seinen Sendungen auch schon mal das im Koran verbriefte Recht der Männer, ihre Frau zu schlagen, verteidigt. Michael Hanfeld präsentiert das FDP-Projekt einer Medienabgabe, statt der bisherigen Rundfunkgebühr, das nebenbei zu einer Abschaffung der beliebten Gebühreneinzugszentrale führen würde. Und Heike Hupertz empfiehlt den heutigen Arte-Themenabend über christlichen Fundamentalismus.

Für die letzte Seite besucht Daniel Haaksman den Plattenladen Honest Jon's in der Londoner Portobello Road, der zusammen mit dem Gorillaz-Musiker Demon Albarn ein Weltmusiklabel gegründet hat. Wiebke Hüster berichtet von der ersten Premiere Sasha Waltz' im neu gegründeten Berliner Kunsthaus Radialsystem. Und Catrin Lorch porträtiert die Beiruter Galeristin Andree Sfeir-Semler.

Besprochen werden Jürg Laederachs Stück "69 Arten, den Blues zu spielen" in Basel, eine Olaf-Metzel-Ausstellung in Stuttgart, Schillers "Jungfrau" am Berliner Ensemble und ein Konzert Xavier Naidoos in Essen.

Welt, 19.09.2006

Heute abend eröffnet der finnische Elektromusiker Jimi Tenor die Berliner Popkomm. Im Interview erzählt er, wie seine Neubearbeitungen klassischer Musik ankommen: "Die lebenden Komponisten mochten die Idee überhaupt nicht, dass jemand mit ihren Stücke Schindluder treibt. Es sind ihre Kinder. Einer sagte: Remix bedeutet nichts anderes, als deine kleine Tochter in die Hände eines Vergewaltigers zu geben."

Weiteres: Andres Veiel hat in Chile erfahren, warum sein Stück "Der Kick" über einen Mord in Brandenburg zu abstrakt ist. Auf dem Jahrestreffen der Mediendesigner lernt Ulrike Langer die Bedeutung der firmeneigenen Klangfarbe kennen. Matthias Heine bedauert, dass der Posten des Berliner Kultursenators nun wohl doch nicht abgeschafft wird.

TAZ, 19.09.2006

In der Reihe Kritik der Kritik überlegt Cord Riechelmann, ob die scheinbar unangreifbaren Naturwissenschaften nicht doch erfolgreich kritisiert werden können: mit "einer Philosophie, die sich in die Produktionsbedingungen naturwissenschaftlicher Arbeiten hineinliest" und den "Werkzeugen einer historisch-kritischen Wissens-Begriffsanalyse, wie sie neben anderen Michel Foucault und Louis Althusser entwickelt haben".

Weiteres: Wolfgang Ullrich macht einen Surrealismus-Trend in der Werbung aus. Michael Kramer kann Berlins Regierendem Klaus Wowereit auch keinen Tipp geben, mit wem er koalieren soll.

Besprochen werden die Ausstellung "Kino im Kopf. Psychologie und Film seit Sigmund Freud" im Berliner Filmmuseum und das Ausstellungsprojekt "Cooling Out - Zur Paradoxie des Feminismus" im Kunsthaus Baselland.

Schließlich Tom.
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NZZ, 19.09.2006

Peter Hagmann resümiert das Lucerne-Festival und attestiert ihm - "bei allem Erfolg" - durchaus noch Entfaltungspotenzial. Paul Jandl berichtet vom Philosophicum in Lech.

Besprochen werden eine Ausstellung zu den Arbeiten des Architekten Gottfried Böhm in Frankfurts Deutschem Architekturmuseum, Gerhard Fritschs nachgelassenes Romanfragment "Katzenmusik" und Edward P. Jones' Erzählungen "Im Labyrinth der Stadt" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
Stichwörter: Gottfried Böhm, Labyrinth

FR, 19.09.2006

Harry Nutt versucht, die größte Partei der jüngsten Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern zu bestimmen. "Der Nichtwähler ist kein einfacher Charakter. Mal bleibt er weg, weil die Sonne schien oder ihm etwas Privates dazwischen kam, ein anderes Mal hatte er einfach keine Lust. Die meiste Aufmerksamkeit widerfährt jedoch demjenigen, der aus einer diffusen Fundamentalopposition heraus sein Kreuz verweigert. Sein Nichtstun wird mit Bedeutung aufgeladen, und die jeweiligen Sprecher sind bemüht, ihm nicht zu nahe zu treten. Die Politiker möchten ihn für die künftigen Wahlen nicht verprellen und die Kommentatoren erblicken im Nichtwähler ein ergiebiges Objekt für ihre Spekulationen."

Weitere Artikel: Elke Buhr stellt den finnischen Elektromusiker Jimi Tenor vor, der heute abend in der Deutschen Oper seine Neubearbeitungen klasssicher Musik aufführen wird. Die Regensburger Papstrede ruft in der Türkei quer durch die gesellschaftlichen Fraktionen einhellige Empörung hervor, meldet Günter Seufert. In Times mager studiert Hans-Jürgen Linke wahrscheinlich im Urlaub die französische Regionalzeitung Midi Libre.

SZ, 19.09.2006

Heute beginnt in Konstanz der Deutsche Historikertag, Johan Schloemann macht gewisse Verengungstendenzen in der Zunft aus: "In einer Sektion dieser Großtagung wird man einen Vortrag über das Thema 'Gletscherkrieg oder Tauwetter? Sowjetischer Alpinismus und internationaler Bergsport in den 1950er Jahren' hören können. In einer anderen unterrichtet ein Beitrag über 'Rauchsignale: Markenbilder als Zeichen von Kontinuität und Wandel auf dem deutschen Zigarettenmarkt'. Wir möchten der Referentin respektive dem Referenten nicht zu nahe treten, die sich diese Themen vorgeknöpft haben. Aber mit einiger Wahrscheinlichkeit lässt sich vermuten: Wenn Forscher ihres Zuschnitts gebeten würden, die Hauptereignisse und Hauptfiguren rund um den Fall von Konstantinopel einmal kurz herzuerzählen, dann müssten sie wohl passen."

Weiteres: Sonja Zekri sieht die deutsche Publizistik "lustvoll in Angstphantasien von einem aggressiven Islam" schwelgen und fürchtet, dass vor allem die Vertreter des moderaten Islams die Verlierer der aufgeheizten Debatte sein werden. In seinem Tagebuch aus Neu-Delhi verarbeitet Martin Mosebach indische Reaktionen auf den unglücklich zitierenden Papst: "Ein Schriftsteller hätte ihn warnen können: Selbst in Deutschland tun sich gebildete Leser schwer, den Autor eines Romans und die Meinungen seiner Figuren auseinanderzuhalten."

Wolfgang Schreiber unterhält sich mit Kent Nagano, der heute abend erstmals als Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper in München dirigiert. Helmut Mauro hat sich auf dem Tiroler "Klangspuren"-Festival das Projekt "Pilgerwanderung" angehört. Jürgen Berger berichtet vom Saisonstart am Frankfurter Schauspiel.

Auf der Literaturseite erzählt der ungarische Autor Peter Zilahy eine Fußball-Helden-Geschichte. Thomas Medicus berichtet von einer Debatte in der Berliner Literaturwerkstatt zur "verborgenen Nähe" zwischen Bertolt Brecht und Gottfried Benn. Und Alexander Kosenina war auf einer Tagung zum 250. Geburtstag von Karl Philipp Moritz.

Besprochen werden eine Ausstellung der Kupferstiche des Israhel van Meckenem in der Münchner Pinakothek der Moderne, eine Ausstellung zum Atlantik-Wall im Wiener Architekturzentrum und Claus Peymanns "Jeanne d'Arc" am Berliner Ensemble.