Peter Zilahy

Die letzte Fenstergiraffe

Ein Revolutions-Alphabet
Cover: Die letzte Fenstergiraffe
Eichborn Verlag, Berlin 2004
ISBN 9783821807553
Gebunden, 181 Seiten, 22,90 EUR

Klappentext

Aus dem Ungarischen übersetzt von Terezia Mora. In kurzen Szenen von großer Sprachmagie erzählt Peter Zilahy von den turbulenten Demonstrationen gegen Milosevic, vom Umsturz in Ungarn, von der Befreiung Rumäniens, von historischen Kränkungen und uralten Feindschaft zwischen den Völkern des Ostens, von der Euphorie der Wendejahre und von dem was bei uns schon fast in Vergessenheit geraten ist: wieviel die Hoffnung auf demokratische Grundwerte für die bedeuten kann, denen sie nicht so selbstverständlich sind wie uns. Auf raffinierte Weise spielt Zilahy in diesem literarischen Kabinettstück über das politische Erwachsenwerden mit der Form eines Kinder-ABCs. Seinem elementaren Mix aus Wörterbuch, Reportage, Roman, Essay, Erlebnisbericht und geschichtlichem Handbuch gelingt es, ein lebendiges Mosaik des verwirrend vielgestaltigen Osteuropa zu entwerfen, durchzogen vom Geruch der Freiheit.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 03.03.2005

Oh nein. Karl-markus Gauß ist gar nicht warm geworden mit diesem Revolutionsalphabet von Peter Zilahy, den er zwar als "genialisches Multitalent" bezeichnet, dies aber vor allem auf die Fähigkeit bezieht, sich als "glamouröser Interpret" seiner selbst zu präsentieren. Und es fuchst Gauß, dass ausgerechnet Zilahy mit seinem Buch den Erfolg kassiert, der zum Beispiel dem "melacholischen" Milorad Pavic mit seinem "Chasarischen Wörterbuch" oder dem "kauzigen" Andreas Okopenko mit seinem Lexikonroman versagt bliebt. Was Gauß an "Die letzte Fenstergiraffe" stört, ist zum einen der Gestus: Hier werde Literatur zum bloßen Vehikel einer Performance gemacht. Zum anderen stören ihn - und zwar ganz erheblich - die alphabetische Zwangswitzelei, die eine Achse von Babylon nach Brüssel zieht, mit kleinen Exkursen nach Banja Luka, Budapest und Bratislava. Manchmal schlägt daraus durchaus ein Funken, räumt Gauß ein, manchmal eine erhellende Erkenntnis. Aber manchmal auch nur ein Kalauer.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 02.02.2005

Die Form ist simpel, der Inhalt - ein "Gestöber der Genres, der Ideen, Assoziationen, der Zeiten, Räume und Episoden" - ist es nicht. Doch die Form, stellt sich heraus, ist auch nicht, was sie zunächst scheint. Denn Peter Zilahy, schreibt Ursula März, zeigt, was für Regelverstöße und Auswüchse das Prinzip des Alphabets zulässt, das er, in Anlehnung an ein bekanntes ungarischen Kinderlexikon, seinem Textgewimmel übergespülpt hat. Hier könne man mal sehen, was postmoderner (Anti)Formalismus alles so leisten kann, tönt es aus der Besprechung: "Denn das scheinbare Erzähl- und Reportagekunterbunt gruppiert sich um ein Sinnzentrum, um einen historisch-politischen Punkt, um die Belgrader Demonstrationen im Herbst und Winter 1996 und 1997 gegen das Milosevic-Regime." Und so, wie der Freiheitsdrang des Menschen in der Diktatur des Tyrannen seinen Ausdruck findet, so ist auch Freiheit der Prosa in der Diktatur des Alphabets möglich. "Sprunghaft, unhierarchisch und disproportional" - Zilahy schreibt über die Revolution und ihren Geist in einer Haltung, die, so März, "schon bei der deutschen Linken ideologischen Zement aufweichte: In der Haltung des echten Spontis".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.12.2004

Tilman Spreckelsen staunt, mit welch "nachdrücklicher Eleganz" Peter Zilahy das Chaos und die vielfältigen Brechungen des Lebens anhand der Belgrader Proteste im Winter 1996/97 schildert. Für seinen "Strauß an Eindrücken" habe er in der Struktur des Lexikons eine "glückliche Form" gefunden. Die "grob" alphabetisch strukturierten Notizen eröffnen jeglichen Assoziationen und Exkursen "Tür und Tor". Flankiert durch den "kreativen Umgang mit lautlicher Verwandtschaft" erlaube es die lexikalische Form, Gegenwart und Geschichte, den Balkan und den Westen Weltpolitik und Alltagserlebnisse "auf das Schönste" miteinander zu verflechten. "Hier hat das Buch seine schönsten Momente", meint Spreckelsen. Dabei vermeide Zilahy einfache Schlussfolgerungen, der Einzelfall zähle, die Historie bilde nur den Hintergrund. Und so kommt dem Rezensenten das Buch, "allen Arabesken zum Trotz", im Grunde wie "ein großes Lied" auf eine friedliche Revolution vor. Lob erhält auch die Übersetzerin Terezia Mora, die die oft sprachlich motivierten Zusammenhänge im Deutschen "bewundernswert" sichtbar machen kann.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 06.11.2004

Wie Rezensent Paul Jandl erläutert, nimmt der junge ungarische Schriftsteller Peter Zilahy mit seinem Roman auf einen Klassiker des ungarisch-kommunistischen Schrifttums Bezug, nämlich auf das bunt illustrierte Kinderlexikon "Ablak-Zsiraf" (von Fenster bis Giraffe). Dieses Lexikon-Prinzip habe Zilahy nun in seinem Roman angewandt, der für den Rezensenten den "ungeniert hoffnungsvollen Versuch" darstellt, "sich die mitteleuropäische Welt noch einmal zusammen zu denken". Dabei begebe sich Zilahy Eintrag um Eintrag zurück in die Geschichte, grabe sich dort regelrecht ein, um schließlich in das Serbien der neunziger Jahre und seine Demonstrationen gegen das Milosevic-Regime zurückzukehren. Angenehm findet der Rezensent, dass hier "keine großen Thesen" aufgestellt werden, und auch nicht wehmütig in die K.u.K.-Zeit zurückgeblickt wird. Im Gegenteil, mit unverhohlener Freude an der produktiven Willkür des Zufalls - die Jandl an den Dichter Milorad Pavic erinnert - gelange Zilahy auf akrobatischen Wegen zu der Erkenntnis, dass ein europäisches Ganzes wohl nicht mehr zu haben sei. Wohl aber so etwas wie eine individuelle Identität, für die der Roman als Entwicklungsroman Pate stehe: Folgerichtig schließe der Roman mit dem Eintrag "Z" (wie Zilahy) und den Worten "Mit herzlichen Grüssen, dein Freund Peter". Mit "Die letzte Fenstergiraffe", so das angetane Fazit des Rezensenten, liefert Zilahy ein "provokant-unpathetisches Europa-Lexikon", das Terezia Mora zudem "sprachlich sensibel" und "punktgenau" übersetzt hat.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 05.10.2004

Die alphabetische Ordnung organisiert Wissen, ohne eine inhaltliche Bewertung vorzunehmen, sinniert Ijoma Mangold und fragt sich, welchen Vorteil die bessere Nachschlagbarkeit in der Belletristik bieten könnte. Keinen, lautet seine Antwort. Als würden wir ein Buch nicht ohnehin von A bis Z lesen, witzelt er. Und das werden wir werden auch in diesem Fall, verspricht Mangold, bei Peter Zilahys Lexikon-Roman "Die letzte Fenstergiraffe", das sein Ordnungsprinzip einem ungarischen Kinderbuch verdankt, mit dem der 1971 geborene Zilahy aufgewachsen ist. Bei Zilahy bedeutet das Benutzen des alphabetischen Systems eine Geste der Bescheidenheit, erklärt Mangold, die auf jedes Geschichtspathos und nachträgliche Sinndeutung verzichten wolle und stattdessen auf Zufälligkeit setze. Zwar sei Zilahy Ungar und damit ein Mitteleuropäer, aber er gehöre der Generation an, die bereits im Spätsozialismus aufwuchs und die Wende früh und bewusst erlebte. Keine Beschwörung des Vergangenen, sondern ein bewusstes Hinschauen in die Vergangenheit und Gegenwart, stellt unser Rezensent fest. Das Revolutions-Alphabet der Fenstergiraffe spielt in Belgrad, berichtet Mangold, Zilahy streift durch die Straßen der jugoslawischen Hauptstadt, während die Bevölkerung gegen Milosevic auf die Barrikaden geht. Er ist ein umtriebiger Mensch und ein quirliger Autor, stellt Ijoma Mangold fest und wenn er die Atmosphäre des Buches beschreiben sollte, dann mit den Worten "nichts ist versteinert oder endgültig".
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