Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.05.2006. In der Zeit fragt sich Peter Schneider, warum eigentlich keine Einwanderer in der deutschen Literatur auftauchen. Die Welt erwartet vom Berliner Theatertreffen Stöße unter Hirn-und Herzhaut. Die FAZ hat sich in Teheran ein aufregendes Fuballspiel angesehen: Die Kreuzberger Frauenmannschaft Al Dersimspor gegen die iranische Nationalauswahl. Die taz setzt gegen die transzendentale Obdachlosigkeit auf Arbeit. Und die FR begrüßt eine astreine Multikulti-Idee.

Zeit, 04.05.2006

In einem Schwerpunkt zu Migration und Integration kommt Schriftsteller Peter Schneider zu einem "merkwürdigen" Befund: "Die deutschen Schriftsteller haben in aller Regel engagiert und oft als Erste auf die rassistischen Anschläge der Neonazis reagiert - sie haben in Aufrufen, Kampagnen, Bürgerinitiativen Stellung bezogen und tun es noch. Aber in ihren Werken sind die Menschen, für deren Bürgerrechte sich die Autoren jederzeit einsetzen, nicht eben häufig anzutreffen. Es ist, als hätten die Eingewanderten, deren Kinder mit unseren zur Schule gehen, in deren Restaurants wir unsere Abende verbringen, denen wir als Hausnachbarn oder bei der Elternversammlung begegnen, in der literarischen Fiktion noch keinen Platz gefunden; als Mitspieler, Nebenfiguren, gar als Protagonisten tauchen sie höchst selten auf."

Thomas Groß stellt den neuen Star unter deutschen Einwanderern vor: die Motivationsbombe Muhabbet. "Ob in den Nachrichten oder neuerdings im Kino, immer nur Bandenkriege, Zwangsheirat, Ehrenmorde. Murat Ersen, wie Muhabbet bürgerlich heißt, sagt nicht, dass es das nicht gebe, genauso wenig wie er sagt, dass man als Mensch ausländischer Herkunft, Türke in seinem Fall, immer nur gute Erfahrungen mache mit den Deutschen. Aber zum einen 'geh ich von dem bisschen Diskriminierung nicht unter'. Und zum Zweiten muss man nicht gleich jedem Klischee entsprechen. Er ist selbst das beste Beispiel dafür, redegewandt und höflich... Keine Tattoos, keine Ey-Alta-Ansprache, kaum Akzent, und wenn doch, dann kommt eine rheinische Färbung durch, denn Muhabbet stammt aus Köln-Bocklemünd. Bocklemünd, 'das ist wie Rütli als Viertel'."

Weiteres: Im Aufmacher des Feuilletons schlägt Christian Schüle Alarm: "Die John Templeton Foundation aus Philadelphia ist zu einem Feldzug angetreten, um das westliche Weltbild des aufgeklärten Rationalismus zu retuschieren. "Trocken kommentiert Thomas E. Schmidt in der Leitglosse die Wahl des neuen Präsidenten der Berliner Akademie der Künste: "Der Name Klaus Staeck beantwortet die Frage nach dem Sinn einer deutschen Kultureinrichtung abschließend." Jakob Augstein besucht den Künstler Jonathan Meese, dem die Hamburger Deichtorhallen gerade eine Werkschau widmen, bei seiner Mutter. Susanne Mayer hat sich in Kambodscha auf die Suche nach moderner Literatur gemacht - nahezu vergeblich. Das Erzählen, stellt Mayer fest, komme hier einfach ohne Bücher aus. Jens Jessen kann die Diskussion um den MTV-Comic "Popetown" nur "scheinheilig" finden. Im Gespräch mit Claus Spahn erklärt Klaus Zehelein, Intendant der Stuttgarter Staatsoper, was ihn an der Oper derart fasziniert, dass er sich seit 25 Jahren ausschließlich mit ihr befassen kann: "Musik kann nicht strategisch sein. Sie ist nie Botschaft im plattesten Sinne."

In einer neuen CD-Kolumne empfiehlt Bariton Thomas Quasthoff Lieder von Erich Wolfgang Korngold. Besprochen werden der dritte Teil von "Mission Impossible", der 9/11-Film "United 93", Marvin Gayes Klassiker "What's Going On" und das Album "Lunatico" des Gotan Project.

Im Aufmacher des Literaturteils preist Cordelia Schmidt-Hellerau den Briefwechsel zwischen Sigmund Freud und seiner Tochter Anna.

TAZ, 04.05.2006

"Manche nehmen Drogen: Religion, Liebe, Alkohol, Gewalt, Geld, Macht," schreibt Jochen Schmidt für die kleine taz-Serie 'Meine Werte'. "Aber statt mir damit die Wartezeit zu verkürzen, könnte ich auch gleich aufgeben. Ich setze stattdessen auf Arbeit. Arbeit ist das eine Dogma, an dem ich nicht rütteln lasse, nach dem Verlust des transzendentalen Obdachs in der Moderne. Arbeit natürlich nicht-entfremdet, also Kunst, in welcher Form auch immer.... Man muss darum kämpfen, das Lästige eines Besuchs beim Wohnungsamt oder des Ausfüllens der Steuererklärung produktiv zu machen, um ihm den Teufel der Sinnlosigkeit auszutreiben. Alles Recherche, alles Material. Kunst kann sich alles anverwandeln, deshalb ist ein Leben ohne Kunst gar kein Leben. Kunst natürlich nicht elitär begriffen, sondern demokratisch, als basteln. Dem Leben Poesie einhauchen, im Wissen um die eigene Sterblichkeit, das ist der alltägliche Kampf."

Weiteres: Cristina Nord porträtiert am Rande des Nyoner Filmfests "Visions du Reel" den israelischen Filmemacher Avi Mograbi, dem das Festival eines der beiden Ateliers gewidmet hat. Simone Kaempf sondiert die Zukunftschancen der designierten neuen Hamburger Kampnagel-Chefin Amelie Deuflhard und stellt fest: "Während es Tom Stromberg in fünf Jahren am Schauspielhaus nicht gelungen ist, die freie Theaterszene in Hamburg gesellschaftsfähig zu machen, hat Deuflhard ganz gute Karten, um von unten durchzustarten."

Besprochen werden Gavin Hoods oscargekrönter Film "Tsotsi" und Eric Rohmers jetzt auf DVD erhältlicher Film "Liebe am Nachmittag".

Und Tom.

FR, 04.05.2006

"Wirklich: Die Idee ist gut. Es ist eine astreine Multikultiidee, wie sie nur ein astreiner Linker hervorbringen konnte, Herr Ströbele aus Kreuzberg. Aber sie ist nicht zu Ende gedacht", gibt Ursula März in der Kolume Times mager zu bedenken. "Wenn wir, wie Herr Ströbele vorschlug, die deutsche Nationalhymne in die türkische Sprache übersetzen, damit die türkischen Landsleute auf Türkisch 'Einigkeit und Recht und Freiheit?' singen können, besteht die Gefahr der Diskriminierung. Es wäre nicht hinzunehmen, dass ein türkischer Imbissbudenbesitzer sich aufs Trottoir stellt und die deutsche Nationalhymne auf Türkisch erschallen lässt, während die Kellner aus dem Chinarestaurent daneben beschämt in ihren Glasnudeln rühren... Und die Leute aus Afrika, Lateinamerika? Was bleibt moralisch übrig von einer Tangoschule in Dortmund, wenn das Absingen der deutschen Nationalhymne in spanischer Sprache nicht zu ihren festen Ritualen gehört?"

Weiteres: Christoph Schröder hat mit Judith Kuckart über ihren neuen Roman "Kaiserstraße" gesprochen. Stefan Schickhaus gratuliert dem Musikforscher und Dirigenten Joachim C. Martini zum 75. Geburtstag.

Besprochen werden Karin Beiers Inszenierung von Mozarts "Entführung aus dem Serail" an der Wiener Staatsoper (die Joachim Lange als "ein atemberaubend spannendes Kammerspiel mit einem großartigen Ensemble" feiert), eine Retrospektive mit Arbeiten der Gruppe Zero im Düsseldorfer Museum Kunst Palast, die Schau "Where are we going?" mit Arbeiten aus der Sammlung Francois Pinault im Palazzo Grassi in Venedig und das neue Pearl-Jam-Album "Pearl Jam".
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NZZ, 04.05.2006

Felix Philipp Ingold stellt das nun hundertjährige Petersburger Puschkinhaus vor, das in der Sowjetunion als Vorzeige-Literaturinstitut galt und nun von Sparvorgaben gebeutelt wird.

Besprochen werden die Ausstellung zum "Mythos Dresden" im Hygiene-Museum, eine Sammlung mit Liedern der Kabarettsängerin und Brecht-Interpretin Gisela May auf 8 CDs, Verdi und Händel in Aufnahmen mit Nikolaus Harnoncourt, und Bücher, darunter Gerlind Reinshagens "eindrücklicher" Roman "Vom Feuer" ("Sie schreibt, als wäre sie zwanzig", staunt Beatrice von Matt) sowie Miriam Toews' Roman (hier eine Leseprobe) "Ein komplizierter Akt der Liebe" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Welt, 04.05.2006

Morgen beginnt das Berliner Theatertreffen. Für Reinhard Wengierek ist Jürgen Goschs brutale "Macbeth"-Inszenierung, die den Auftakt geben wird, keine wohlfeile Effekthascherei, sondern Theater, das unter die "Hirn- und Herzhaut des Publikums" stößt. "Dass da in ungeheuerlicher Überschreitung aller Manieren, aller Zivilisation rohes Menschenfleisch schwillt und Adern platzen, ist nur natürlich. Und gerade weil das im Theater auf annonciert unnatürliche Art live vorgeführt wird, packt es das Publikum wie keine andere Kunst. Nichts irritiert die Leute mehr als der leibhaftig nackte Mensch in seinem kunstblutbesudelten Elend. Was im gewaltstrotzenden Gegenwartskino lässig durchgeht, führt im Theater prompt zum skandalheischenden Verdikt 'Blut- und Ekelbetrieb'. Einerseits ist das ein Zeichen, dass die Abstumpfung noch nicht total ist. Andererseits ist der grassierende Ruf nach Selbstzensur und Sittenpolizei dumm, verlogen und kritischem Nachdenken abträglich."

Auch sonst wird rezensiert: Ausstellungsbesprechungen widmen sich der nun im venezianischen Palazzo Grassi einzusehenden edel-konservativen Sammlung des französischen Unternehmers Francois Pinault ("Pinault hat viel, viel Geld, aber kaum Mut, weniger Etabliertes, gar Experimentelles zu kaufen", meint Gabriela Walde) sowie zwei Schauen zum Thema Leibesertüchtigung, "SportsGeist. Dichter in Bewegung" in Lübeck und der "Gedenkort Olympiagelände" in der "Langemarckhalle" am Berliner Olympiastadion.

Als Theaterpremieren werden die Bio-Pic-Oper "Fürst Pückler - Ich bin ein Kind der Phantasie" in Görlitz und Christian Pades Insezenierung von Thomas Bernhards "Holzfällen" in Hannover vorgestellt, an Filmstarts gibt es John Maddens Filmadaption von David Auburns Bühnendrama "Der Beweis", das Filmdebüt "Aaltra" des belgisch-französischen Komikerduos Benoit Delephine und Gustave Kevern, der Oscar-prämierte Film "Tsotsi" aus Südafrika und die deutsche Produktion "Maria an Callas" mit Götz George ("ein garantiert herz- und magenschonender Rentnerfilm", beruhigt Elmar Krekeler).

SZ, 04.05.2006

Die SZ macht sich Sorgen: "Japan überaltert, Israel trägt den Konflikt mit den Palästinensern über die Kinderzahl aus und droht zu verlieren, in Afrika sterben Generationen durch Aids, in Russland werden Männer keine 60 Jahre alt. Und selbst hohe Geburtenraten können eine Belastung sein: China und Indien betrachten Kinder als willkommenen Wirtschaftsfaktor, arme Länder aber wie Nicaragua können ihre Menschen kaum ernähren." Und in Deutschland werden sowieso zu wenig Kinder geboren. Grund genug, auf zwei ganzen Feuilletonseiten den demografischen Umbruch auf der Welt in Einzelskizzen unter die Lupe zu nehmen.

Weiteres: Gustav Seibt beschreibt mit einigem Entzücken die Verleihung des Literaturpreises der Stiftung Preussische Seehandlung an Durs Grünbein (mehr), weil bei dieser Gelegenheit mit Preisträger Grünbein und Laudator Martin Mosebach "die historisch bewusstesten, hintergründigsten Autoren in ihren Fächern" einmal öffentlich aufeinandergetroffen sind. Fritz Göttler gratuliert der Filmemacherin Daniele Huillet zum siebzigsten Geburtstag. Kristina Maidt-Zinke gratuliert der Autorin Gerlind Reinshagen zum Achtzigsten. Wolfgang Schreiber porträtiert den Komponisten Jörg Widmann. Fritz Göttler schickt einen Bericht vom Münchner Dokumentarfilmfestival, wo man in diesem Jahr mit größtem Interesse wieder auf die Arbeitswelten schaut. Martina Knoben stellt fünf starke Filme des Münchner Filmfests vor.

Im Übrigen gibt Alex Rühle angesichts des DFB-Kulturprogramms zur Fußballweltmeisterschaft einen Traum zu Protokoll: "10. Juli, Finale vorbei, ein morgendlicher Spaziergang durch die menschenleeren Straßen, vorbei an den vergilbten Plakaten der DFB-Kulturstiftung, vorbei an einer Wiese, auf der ein paar Jungs stumm vor sich hin kicken. Und das Wissen darum, dass jetzt auf 20 Jahre kein Buch mehr (über Fußball) kommen wird und keine Ausstellung, kein Film, kein Ausdruckstanz und keine Fußballoper."

Besprochen werden John Maddens Film "Der Beweis" ("ein durch und durch halbherziger und deshalb auch sehr biederer Film," findet H.G. Pflaum) ", Brian Pimentals Disney-Sequel "Bambi II" ("Bambi stakst fröhlich durch den Schnee und sieht aus wie immer, das ist die Hauptsache", finden Doris und Carla Kuhn), und Bücher, darunter der Krimi "Unbequeme Tote", den Mexikos oberster Guerillo, Zapatistenführer Subcomandante Marcos, zusammen mit Paco Ignacio Taibo II schrieb (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

FAZ, 04.05.2006

Von einem einzigartigen Ereignis berichtet Swantje Karich: einem Frauenfußballspiel in Teheran. Es spielt die iranische Nationalmannschaft gegen ein Team des türkischen Fußballvereins Al Dersimspor aus Berlin-Kreuzberg. "Neunzig Minuten dürfen die Zuschauerinnen ihre Spielerinnen unter freiem Himmel anfeuern, hemmungslos schreien, aus sich herausgehen. Kein Mann ist da, um sie zu ermahnen, nur einige Sittenwächterinnen beäugen das Treiben skeptisch. Neunzig Minuten ist Fußball Frauensache und Hoffnungsträger für ein Leben ohne religiöse Zwänge. Auch für die Gastmannschaft: Susu, Safiye, Mehtap, Paros, Silke, Conny, Friederike und ihre Mannschaftskameradinnen. Sie sind nach Teheran gekommen, um die iranischen Spielerinnen zu unterstützen und sich selbst einen Traum zu erfüllen. Dafür nehmen sie in Kauf, dass sie beim Spiel Kopftuch tragen müssen und einen speziellen, weiten Trainingsanzug."

Weitere Artikel: Dietmar Dath beschreibt die siebzigjährige und vergebliche Auseinandersetzung der Sowjetunion mit dem Islam. Martin Lhotzky informiert über die Pläne des Wiener Burgtheaters. Vincenzo Velella hat eine von Bonfatius bis Carl Schmitt bunt gemischte kirchengeschichtliche Tagung in Fribourg besucht. Über das Mannheimer Zentrum für Archäometrie (Website) berichtet Martina Wehlte. Von einem Vortrag über Mark Twains wenig bekannte Liebe zu Deutschland berichtet Jürgen Kaube. Paul Ingendaay informiert über einen Streit um eine mögliche Reise von Picassos berühmtem "Guernica"-Gemälde nach Bilbao, anlässlich des 70. Jahrestags der Bombardierung. Andreas Rosenfelder hat sich die Kabarett-Veranstaltung zur Verleihung des "Prix Pantheon 2006" in Bonn angesehen. Heinrich Wefing lobt die neue, aber allzu späte Offenheit der Freunde des Berliner Stadtschlosses. Hannes Hintermeier porträtiert die Verlegerin Silke Weitendorf, die die alte Verlagsmarke Atrium neu auflegt. Kurz vorgestellt wird der Siegerentwurf für das Mahnmal zur Erinnerung an die von den Nationalsozialisten verfolgten, misshandelten und getöteten Homosexuellen in Berlin.

Besprochen werden die deutsche Erstaufführung von Daniel Catans Oper "Florencia en el Amazonas" in Heidelberg, Michael Glawoggers Film "Workingsman's Death" und eine Ausstellung zu Sigmar Polke und der Punk-Kunst im Neuen Museum Nürnberg.

Auf der Kino-Seite dreht sich heute fast alles um den Regisseur Roberto Rossellini. Sein Kollege Dominik Graf ("Der rote Kakadu") erklärt, dass Rossellinis Behauptung, er liebe das Kino nicht, die reine Lüge war. Außerdem beschreibt er eine Szene aus "Paisa" und meint: "Viel besser kann man nicht filmen." Der Regisseur Hans Weingartner bewundert Rossellinis Mut zur Didaktik. Verena Lueken bespricht Isabella Rossellinis Erinnerungen an den Vater "Im Namen des Vaters, der Tochter und der heiligen Geister". Rezensionen finden sich außerdem zu Gerlind Reinshagens Roman "Vom Feuer" und zu Goethes gesammelten Schriften zur Theaterpraxis (mehr in der Bücherschau ab 14 Uhr).