Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.05.2006. In der taz fordert Zafer Senocak einen freiheitlichen Patriotismus und Nulltoleranz gegenüber Ansprüchen der Ehre. Jean Baudrillard sieht in der SZ überall französische Melodramen, bei Mächtigen wie Revoltierenden. Die FR erblickt im neuen Frankfurter Portikus kompromisslos inaktuelle Eleganz. Und die FAZ feiert Renzo Pianos lakonisch gläsernes Wunder in New York.

TAZ, 03.05.2006

"Nulltoleranz" gegenüber den "Ansprüchen der Ehre" fordert Zafer Senocak im Zusammenhang mit dem Überfall auf einen Äthiopien-Deutschen in Potsdam und dem Mord an Hatun Sürücü. Diese sei aber "nicht nur eine juristische und polizeiliche Angelegenheit", die Situation erfordere "auch eine gesellschaftliche und kulturelle Anstrengung". Denn der "Kulturkampf tobt eben nicht zwischen ethnisch definierten Identitäten, nicht zwischen den zur besseren Übersicht eingekreisten Kulturen, sondern innerhalb der, durch unterschiedliche individuelle Wahrnehmungen, zersplitterten Kulturen selbst. Wer für eine demokratische, freie Gesellschaft eintritt, muss einen freiheitlichen Patriotismus entwickeln. Ausgegrenzt werden dann nicht ethnische Gruppen, sondern totalitäre Denkstrukturen."

Mit einer neuen Kolumne beteiligt sich die taz an der Wertedebatte. Den Anfang macht Dilek Zaptcioglu, die der jammernden Rechten bescheinigt, in "Gleichheit, Brüderlichkeit und Freiheit und Gerechtigkeit auf Erden" stecke mehr "Ethos und Pathos" als in deren reflexhaften Formeln Nation, Familie, Kirche. In tazzwei wird der selbsternannte "Hasidic Reggae Superstar" Matisyahu porträtiert, ein jüdischer Musiker, der über den Umweg als Rastafari zum Reggae fand, und in den USA rasant Karriere machte. Außerdem wird das gescheiterte Berliner Clubprojekt "Goya" zu Grabe getragen.

Besprochen wird der Film "Mission Impossible III", bei dem es sich eher um eine Art "Franchise"-Produkt handelt: "Das immer gleiche Produkt wird von verschiedenen 'Lizenznehmern' herausgebracht. Jeder Film eine Art Filialeröffnung."

Und hier Tom.

SZ, 03.05.2006

Der französische Philosoph Jean Baudrillard sieht in den Auseinandersetzungen um Villepins Arbeitsmarktrefom eine "Revolution als Fake und Farce". Die Bilanz jedenfalls sei "erschreckend: Wir haben es hier mit einem Ereignis zu tun, das die reine Farce ist, wo der eine das Melodram der Macht und die anderen das Melodram der Revolte spielen - aber ohne dass irgendjemand es dabei schaffen würde, das Format historischer Akteure zu erreichen. Wir haben es mit jener 'schizophrenen Farce' zu tun, von der Guido Ceronetti spricht, einer Art Trompe-l'oeil, der dazu bestimmt ist, das Ende sowohl der Macht als auch aller Gegenmacht zu maskieren - sowohl denen gegenüber, die glauben, die Macht noch auszuüben, wie auch denen, die glauben, dass sie sich ihr unterziehen müssen. Ein theatralisches Duo, und ohne jede Überzeugungskraft. Vielleicht deshalb, weil es zwar mal ein Subjekt der Geschichte gab, aber heute kein Subjekt des Endes der Geschichte mehr gibt."

Weiteres: Siggi Weidemann berichtet über eine Kontroverse, die der niederländische Historiker Ies Vuijsje mit einer Veröffentlichung zu der Frage, was die Niederländer von Auschwitz wussten, ausgelöst hat. Adrienne Braun schwärmt vom einzigartigen Schmuckmuseum Pforzheim im "subtil" sanierten Reuchlinhaus des Architekten Manfred Lehmbruck. Resümiert werden das Festival "Radikal jung" am Münchner Volkstheater und die Dortmunder Architekturtage zum Thema Fenster. Eine Gratulation zum 90. Geburtstag würdigt schließlich den Tenor Leopold Simoneau.

Besprochen werden Dimiter Gotscheffs "Das große Fressen" an der Berliner Volksbühne, das Anti-Bush-Album "Living With War" von Neil Young, "Mission Impossible III", flankiert von einem Interview mit dem Regisseur J.J. Abrams, die Eröffnungs-Inszenierung der Schwetzinger Festspiele mit der Oper "Proserpina" von Joseph Martin Kraus und Bücher, darunter Altes und Neues über Sigmund Freud und der Roman "Abenteuer einer künstlichen Frau" von Thomas Berger (siehe hierzu unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FR, 03.05.2006

Christian Thomas steht staunend vor Christoph Mäcklers Portikus-Neubau in Frankfurt am Main: "Das neue Kunsthaus sieht aus wie ein inaktuelles Bürgerhaus. Dass sich der Neubau der Frankfurter Ausstellungshalle Portikus ausgesprochen zivil darstellt, nicht als Fabrik, Kathedrale oder Maschine, darf man bereits als eine Provokation auffassen - ganz abgesehen davon, dass eines der Geheimnisse des Gebäudes darin besteht, dass es in so etwas wie einer antimodischen Moderne gründet. Es ist nicht schick, es ist nicht hip. Es ist bloß von einer geradezu kompromisslosen Eleganz."

In Times mager denkt Judith von Sternburg über die "Lust des Menschen am Abwegigen" nach: "Sobald er etwas Zeit hat, bevorzugt der Mensch Aufgaben, die ihm erst nach längerem Überlegen eingefallen sein können. Das bringt ihn aber auch voran, zum Mond, ins Solarium. Er wäre sonst zudem nie auf die Idee gekommen, in einem Innenraum eine Wolke herzustellen, wie die Deutsche Presse-Agentur kürzlich aus dem Leibniz-Institut für Troposphärenforschung in Leipzig vermeldete. Als ob am Himmel nicht genügend herumhingen, die allerdings 'ungeheuer oben' sind (wie Brecht glasklar erkannte)."

Weiteres: Axel Brüggemann zeichnet die Geschichte der Berliner Opernstiftung und ihres Chefs Michael Schindhelm als "Geschichte eines Scheiterns" nach.

Besprochen werden eine "Parsifal"-Inszenierung an der Oper Leipzig, die Ausstellung "Hautzeichen - Körperbilder" im Frankfurter Museum der Weltkulturen, in der Traditionen von Tätowierungen, Körperbemalungen, Narbenschmuck und anderen Haut-Transformationen im Kulturvergleich zu sehen sind, sowie Bücher, darunter eine Geschichte der Cosa Nostra auf Sizilien und eine verheerende Bilanz des Leiters des UN-Programms "Öl für Lebensmittel" über seine Arbeit in Irak (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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Berliner Zeitung, 03.05.2006

Arno Widmann war wieder unterwegs: Unter anderem im österreichischen Vorarlberg: "In dem Museum der kleinen Stadt Dornbirn in Voarlberg ist ein kleines Plakat ausgestellt, an dem man leicht achtlos vorbei geht. Es handelt sich um eine Wäschereklame aus dem Jahre 1954. Das Plakat musste damals - nach dem Schmutz- und Schundgesetz - abgehängt werden. Es zeigt eine Dame in einem für uns heute züchtigen Nachthemd. In der Lokalzeitung hieß es damals: 'Es ist nicht jedermanns Sache, Szenen an allen Straßenecken vorgesetzt zu bekommen, die in der Abgeschlossenheit des Familienbades vielleicht noch angängig, ganz bestimmt aber im Straßenbild anstößig wirken müssen.' Das Argument ist interessant. Heute nehmen wir als selbstverständlich hin, dass wir überall mit Szenen konfrontiert werden, wie die meisten von uns - ich wagen einfach mal diese Behauptung - sie zu Hause gerade nicht erleben. Der öffentliche Raum ist inzwischen deutlich sexueller als die meisten Privaträume. Was an Kiosken zu sehen ist, ist gerade das, was nur in den wenigsten Familien praktiziert wird."

NZZ, 03.05.2006

"So ist man hier: Man ehrt seine Besten mit etwas Grünfläche und sorgt dafür, dass sie unter die Leute kommen", schreibt Paul Jandl über Wien, das in diesen Tagen recht verhalten den 150. Geburtstag Sigmund Freuds begeht. Und er zitiert natürlich auch Karl Kraus, der über Freud gesagt hat: "Ihm gebührt das Verdienst, in die Anarchie des Traums eine Verfassung eingeführt zu haben. Aber es geht darin zu wie in Österreich."

Körperstudien zum Thema Perfektion hat Christina Thurner beim Tanzfestival Steps in Zürich erlebt. Christoph Fellmann berichtet von den Stanser Musiktagen ("ein Aufspannen und Zusammenstoßen der Universalfolklore, ein Faltprospekt der Weltmusik"). Besprochen werden Schillers "Kabale und Liebe" im Stadttheater Bern darunter Hubert Wolfs Geschichte des "Index" und Kinderbücher (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Welt, 03.05.2006

Eckhard Fuhr geht anlässlich einer internationalen Oder-Konferenz im brandenburgischen Frankfurt der kulturellen Wiedererfindung des Flusses nach: "Eichendorff immerhin, der am Oberlauf der Oder geboren wurde, hat sie in seinem Gedicht 'Jugendsehnen' poetisch imaginiert: 'Du blauer Strom, an dessen duftgem Strande ich Licht und Lenz zum erstenmale schaute, in frommer Sehnsucht mir mein Schifflein baute, wann Segel unten kamen und verschwanden.' Es ist bezeichnender Weise ein Gefühl von Fernweh und Abschied, nicht Heimweh, das den Romantiker mit seinem Kindheitsfluss verbindet. Von der Oder musste man weggehen."

Weiteres: Berthold Seewald sieht in Nadir Schah, von 1736 bis 1747 Herrscher des Iran, nicht nur einen geistigen Ahnen des heutigen Präsidenten sondern auch der Totalitarismen des 20. Jahrhunderts überhaupt: "Für Journalisten jener Zeit erwiesen sich die bluttriefenden Berichte von Nadirs Schädelpyramiden als reich sprudelnde Quelle für immer neue Schauergeschichten." Christina Prüver erinnert an Willy Haas, den Begründer der "Literarischen Welt" in den zwanziger Jahren und nach 1945 Kulturredakteur der "Welt".

Besprochen werden der Action-Film "Mission Impossible 3" mit Tom Cruise; die Premiere von Biljana Srbljanovic' "Heuschrecken" am Schauspiel Stuttgart, das Album "Flat-Pack Philosophy" der Londoner Punkveteranen Buzzcocks und eine Werkschau des Künstlers Jonathan Meese in den Hamburger Deichtorhallen.

FAZ, 03.05.2006

Jordan Mejias preist Renzo Pianos zurückhaltenden Ergänzungsbau für die New Yorker Pierpont Morgan Library als "lakonisches Wunder. Mit Glas." Und auch die Eröffnungssausstellung kann sich sehen lassen, meint Mejias. "Es ist der Ort, der drei Gutenberg-Bibeln und Bob Dylans 'It Ain't Me Babe', nicht unbedingt für die Ewigkeit auf Hotelpapier gekritzelt, zusammenbringt."

Jürgen Kaube zitiert im Aufmacher eine Studie des Rostocker Max-Planck-Instituts für demografische Forschung, nach der die deutsche Wirtschaft auch bei schrumpfender Gesellschaft bestehen bleiben kann, wenn nur die Fünfzig- bis Sechzigjährigen in Zukunft so lange arbeiten wie alle anderen. Nachdem Klaus Ungerer den Anti-Graffiti-Kongress nur mit viel Sarkasmus durchgestanden hat, plädiert er dafür, eine Handvoll Sprayer zwecks Verschönerung ein paar Tage lang in die Berliner Akademie der Künste einzusperren. Matthias Trautsch weist auf die Unruhe im rheinland-pfälzischen Landesamt für Denkmalpflege hin, dessen Leiter Thomas Metz von den Angestellten nicht akzeptiert wird. Christian Geyer verbittet sich den Verdacht, froh zu sein, wenn Angela Merkel froh ist.

Auf der Medienseite stellt Olaf Sundermeyer den Kollegen Frank Thonicke von der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen vor, der für seine Recherchen im Fall des ehemaligen HR-Sportchefs Jürgen Emig den Waechterpreis bekommen hat.

Axel Michaels führt auf der letzten Seite den Erfolg der Maoisten in Nepal darauf zurück, dass sie sich munter königlicher wie traditioneller Symbole bedienen. Felicitas von Lovenberg fordert, dass bei künftigen Entscheidungen des Deutschen Literaturfonds in der Größenordnung der "Volltext"-Förderung eine Begründung veröffentlicht werden sollte. Und Kerstin Holm referiert die Thesen Alexander Solschenizyns, die dieser gestern auch in einem in der Welt veröffentlichten Interview verbreitet hat.

Besprochen werden Neil LaButes "leichtfüßiges" Stück "Wie es so läuft" im Schauspiel Bonn, Alexander Schulins "präzisierende" Version von Cristobal Halffters Oper "Don Quijote" an der Kieler Oper, Georges Lavaudants Shakespeare-Hommage in dem "mustergültig restaurierten" Pariser Odeon-Theater, die am Samstag auf Arte gesendet wird, eine Ausstellung zu Georg Baselitz im Louisiana Museum im dänischen Humlebaek, J. J. Abrams Actionfilm "Mission Impossible III" (der auf Michael Althen wie eine "etwas längere, aufwendig produzierte 'Alias'-Folge" wirkt), und Bücher, Magnus Hirschfelds "Weltreise eines Sexualforschers im Jahr 1931/32" und Monika Maroses Biografie von Felix Hartlaub.