Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.03.2006. "Frankreich ist nach 1945 geblieben, was es war" stellt die Schriftstellerin Cecile Wajsbrot in der Welt fest. In der NZZ fürchtet sich Autor David Albahari vor einem grenzenlosen Europa. In der Berliner Zeitung identifiziert Necla Kelek die türkischen Väter als primäres Integrationshindernis. Im Tagesspiegel erklärt der weißrussische Künstler Artur Klinau, wie einen schlechter Wodka ins Gefängnis bringen kann. Uneinigkeit herrscht über die vierte Berlin Biennale: Die taz fühlte sich wie auf Tauchfahrt in die Eingeweide der Esoterik, die FAZ erlebte Erschütterung und Katharsis, die SZ  Unheimlichkeit und Depression.

Welt, 25.03.2006

"Frankreich ist Dorian Gray." Die Beilage Literatur und Kunst druckt einen Essay der französischen Schriftstellerin Cecile Wajsbrot, in dem sie die tiefe Verunsicherung eines Landes beschreibt, das die Geschichte des 20. Jahrhunderts immer noch nicht realisieren will. "Frankreich war nach 1945 über den Abgrund hinausgerannt, als ob es noch festen Boden unter den Füßen hätte, es hat weiter gelebt, als wäre nichts gewesen, als hätte es den Krieg nicht gegeben, und auch nicht Vichy, die Kollaboration, die Deportation und Vernichtung der Juden. 1945 war kein Bruch in der französischen Geschichte, ganz sicher nicht mehr als 1939, und trotz des Endes der Kollaboration 1944 und der anschließenden Säuberungswelle, trotz einiger Zuckungen war insgesamt die Kontinuität stärker. Manche Vichy-Gesetze blieben auch nach 1945 bestehen und sind heute immer noch in Kraft, manche vom Vichy-Regime geschaffene Einrichtungen gibt es noch immer - den Personalausweis, den Muttertag, die Nationale Polizei, das Nationale Filmzentrum... Frankreich ist nach 1945 geblieben, was es war."

Weiteres: Die Autorin Anne Chaplet rechtfertigt sich dafür, dass ihr Roman zusammen mit Käse auf dem Frankfurter Bauernmarkt verkauft wird. Abgedruckt wird ein Kapitel aus dem letzten Band von Nicolaus Sombarts autobiografischer Trilogie "Reise nach Rumänien", in dem er den Wohnsitz seiner Vorfahren besucht. Thomas Speckmann fasst Francis Fukuyamas Buch "Scheitert Amerika?" zusammen, in dem er seine ideelle Zugehörigkeit zu den Neokonservativen aufkündigt. Tilman Kraus hofft, dass "Brokeback Mountain" zeigt, wie schwierig der Selbsterfindungsprozess für Homosexuelle immer noch ist.

Im Feuilleton verortet Uta Baier das Geheimnis der vierten Berliner Biennale in der Betonung der kleinen Form. "Zwar schafft sie es perfekt, ein Gefühl der Hilflosigkeit, des Rückzugs, des Ausgeliefertseins, das viele Künstler beschäftigt, weiterzutragen. Doch nicht dadurch, dass sie so furchtbar eindrucksvolle Kunst, sondern indem sie so viele Grafiken, fast unsichtbare Zeichnungen und geheimnisvoll-bedeutsame, unerklärbare Installationen gemeinsam mit rätselhaften Fotos voller undeutbaren Motive zeigt, die ein Gefühl von faszinierter Ratlosigkeit provozieren."

Eckhard Fuhr sieht in diesen digitalen Zeiten schwarz für die Urheberrechte, ob mit oder ohne Novelle des diesbezüglichen Gesetzes. Uwe Sauerwein gratuliert dem Klezmer-Musiker Giora Feidman zum Siebzigsten. Gerhard Charles Rump lobt die florierende Maastrichter Kunstmesse Tefaf, auf der es nicht mehr nur Alte Meister gibt, sondern auch Zeitgenössisches, und das schon im "unteren vierstelligen Bereich". Und Michael Stürmer preist das vor 200 Jahren untergegangene Heilige Römische Reich Deutscher Nation als Modell, von dem Europa die Respektierung des Regionalen lernen kann.

Im Magazin spricht Hanns-Georg Rodek mit einem gutgelaunten Roberto Benigni über seinen neuen Film "Der Tiger und der Schnee" (Trailer), den er nicht als Kommentar zum Irakkrieg verstanden wissen will. "Öl, Bin Laden, Bush - darüber können Sie in einem Cafe diskutieren. Aber für einen Film brauchen Sie eine Geschichte. Und das ist viel schwieriger, als über Ideologie zu reden."

FAZ, 25.03.2006

Freudig überrascht berichtet Niklas Maak von der vierten Berlin Biennale, die den Besucher durch die gesamte Auguststraße führt, durch die ehemalige Jüdische Mädchenschule, das Ballhaus Mitte, eine Kirche und zahlreiche Privatwohnungen: "Viele hatten damit gerechnet, dass der für seine Burlesken bekannte Künstler Cattelan die Biennale in einen hyperextrovertierten, hundertfach ironisch gebrochenen Bazar für Kunst und Klamauk aller Art verwandeln würde. Das Gegenteil ist der Fall. Diese Biennale ist enorm präzise, melancholisch und fast irritierend ernsthaft um Pathos, Erschütterung und Katharsis durch Kunst bemüht. Was die Kuratoren versuchen, ist eine archäologische Tiefenbohrung in das wackelige Fundament des neuen Berlins und in die verschwundenen Schicksale und Geschichten - und in die Geschichte des Sehens und Zeigens von Kunst."

Weiteres: In der Randglosse berichtet "igl" an, dass Springer-Chef Mathias Döpfner nach jahrzehntelangem Zwist den Schriftsteller Günter Grass zu einem Versöhnungstreffen eingeladen hat. Grass will kommen, wenn sich der Konzern für seine einstigen Attacken auf Heinrich Böll entschuldigt. Frank Rutger Hausmann schreibt über die Verwerfungen zwischen der Dichterin Hilde Domin und dem Romanisten Hugo Friedrich. Jürgen Dollase preist die "klassisch-perfekte Kochtechnik" der Neuen Flämischen Schule. Jordan Mejias blättert durch amerikanische Zeitschriften, die sich mit "Innovationen" beschäftigen. Andreas Rosenfelder begeistert sich für das Videospiel "Psychonauts". Wolfgang Sandner gratuliert dem Klarinettisten Giora Feidman zum siebzigsten Geburtstag.

Auf den Seiten der früheren Tiefdruckbeilage schreibt der ungarische Autor Laszlo F. Földenyi anlässlich der Berliner Ausstellung über Melancholie. Patrick Bahners würdigt den englischen Historiker A.J.P. Taylor, der vor hundert Jahren geboren wurde.

Auf der Medienseite berichtet Ulrich Friese, dass der nach der BBC zweitgrößte Sender Großbritanniens, ITV, zum Verkauf steht.

Besprochen werden Alvis Hermanis? Inszenierung von Antonio Buero-Vallejos Diktatur-Drama "Brennende Finsternis" ("Man sieht interessante Bewegungen merkwürdiger Leute. Kein Drama", meint Gerhard Stadelmaier), Tschechows "Die Vaterlosen" in einer Inszenierung des "hoffnungslos einfallslosen" Stefan Pucher an der Berliner Volksbühne, Ambroise Thomas? "Hamlet"-Adaption an der Deutschen Oper Berlin, eine Ausstellung europäischer Kartografie im Zeitalter der Entdeckungen in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel und Gernots Roll Neuverfilmung des "Räuber Hotzenplotz".

Auf der Plattenseite werden die neuen Alben von The Kooks und We Are Scientists vorgestellt, die "Deutschen Sinfonien" von Hanns Eisler und zwei neue Einspielungen von Jean Sibelius? zweiter Symphonie. Bücher werden auch besprochen, darunter Katharina Hackers Roman "Die Habenichtse" und Franz Schuhs Essays "Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

In der Frankfurter Anthologie stellt Joachim Sartorius Rainer Kirschs "Sonett" vor:

"Und als die siebente Stunde Frühe schlug
Erwachten wir sehr blass in ihrem Bette..."

Berliner Zeitung, 25.03.2006

Im Gespräch mit Michaela Schlagenwerth identifiziert die Autorin Necla Kelek die türkischen Väter als primäres Emanzipations- und damit Integrationshindernis. Sie jedenfalls habe die Trennung vom Vater als Befreiung empfunden. "Er wusste, er kann die Familie nicht mehr steuern, und statt von seinem Thron herunter zu steigen, sich anzupassen und mit uns zu leben, ist er weggegangen und ich habe ihn nie wieder gesehen. Als er gegangen ist, haben mein Bruder und ich über Wochen in allen Zimmern, selbst im Bad das Licht angelassen, als Feier, weil der Vater fort ist. Wie traurig, das der eigene Vater weggehen muss, damit man glücklich sein kann. Darum geht es doch, die Väter müssen sich ändern."
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NZZ, 25.03.2006

In der Beilage Literatur und Kunst befragt sich der in Kanada lebende serbische Schriftsteller David Albahari selbst zu seinem Traum vom grenzenlosen Europa: "Es ist ein Leichtes, die Grenzen abzuschaffen - den Zaun zu durchbrechen oder die Mauer niederzureißen -, aber was tun mit den Erinnerungen, mit den Grenzen, die in unsere Köpfe eingemeißelt sind? Die Geschichte der Menschheit ist eine einzige Auseinandersetzung um Grenzen: des Körpers, des Geistes, der Nation. Ohne sichtbare Grenzen sind wir verloren, wir taumeln, straucheln und errichten schnell neue, solche, die man nicht sehen kann. Wenn Sie mich fragen, so ist mir eine sichtbare Grenze, deren Zweck klar ist, lieber als eine unsichtbare, von deren Existenz man nichts weiß, die aber genauso, wenn nicht noch mehr, verletzen kann."

In Folge des Streits um die Mohammed-Karikaturen legt die Beilage außerdem einen Schwerpunkt auf den großen Kampf um die Bilder. Der Kunsthistoriker Hans Belting schreibt etwa über die neue Macht der Bilder: "Im 'Bilderkrieg' behaupten Bilder in zweierlei Hinsicht eine neue Dominanz. Sie bieten scheinbar Ersatz für alle jene Informationen, die nicht mehr verfügbar sind, seit die globale Welt unübersichtlich geworden ist. Eine Welt, die sich abbilden lässt, wirkt durchschaubarer, als sie es tatsächlich ist. Bilder werden als Beweise für all jenes angerufen, was man nicht mehr sieht und nicht mehr weiß, selbst wenn es Meinungen und Überzeugungen sind, die sich in ihnen entlarven, wie man es den Karikaturen vorwarf... Und Bilder kompensieren, in einer weiteren Hinsicht, als Stellvertreter auch die Verluste an Handlungsmöglichkeiten, die in einer globalen Welt erfahren werden."

Friedrich Wilhelm Graf plädiert für kritische Distanz nicht nur gegenüber den endlosen Bilderschleifen in den Medien: "Intellektuell reizvoller dürfte es sein, begriffsgeschichtlich informiert, einmal jenen neuen Sprachkulten nachzugehen, in deren Tempeln 'Vorbilder' angebetet werden, 'Leitbildern' Respekt erwiesen und 'Menschenbildern' normative Weisungskraft zuerkannt wird." Und Peter Geimer entlarvt die "Irrtümer der Bilderstürmer".

Zum Feuilleton: Eher widerwillig hat sich Marc Zitzmann den "lieu d'expression artistique et culturelle" im Flagship-Store von Louis Vuitton in Paris angesehen und überlegt, ob er die präsentierten Bilder nackter Frauen unter "Busen und Business" oder unter "Kunst und kalter Kaffee" abheften soll. Paul Jandl berichtet, dass sich das Wiener Auktionshaus Dorotheum mit einer "nichts beschönigenden" Studie seiner Geschichte im Nationalsozialismus gestellt hat.

Besprochen werden Alvis Hermanis' Inszenierung von Antonio Buero Vallejos Franco-Drama "Brennende Finsternis" ("Bilder voller Poesie und einer gehörigen Portion Kitsch - doch was wollen sie uns eigentlich sagen?", fragt Barbara Villiger Heilig), eine Ausstellung zu Patricia Highsmith in der Landesbibliothek Bern und Bücher, darunter verschiedene Tagebücher aus der Sowjetunion der dreißiger Jahre, Ilija Trojanows Roman "Der Weltensammler", Nicholas Shakespeares Erkundungen "In Tasmanien", Nicolas Borns gesammelte Gedichte, H. C. Artmanns Prosaband "Fleiß und Industrie", Julia Kissinas Erzählband "Vergiss Tarantino" und Vesna Goldsworthys Erinnerungen "Heimweh nach Nirgendwo" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

TAZ, 25.03.2006

Einigermaßen ambivalent fällt Harald Frickes Urteil zur vierten Berlin Biennale aus. Alles schön bunt, aber auch ziemlich desinteressiert am politischen Überbau: "Vielleicht ist diese Tauchfahrt in die Eingeweide der Esoterik exemplarisch für die 4. Berlin Biennale. Lange schon war eine Ausstellung nicht mehr dermaßen auf Effekte aus, wurde das Publikum von obsessiven Phantasmagorien so sehr in Beschlag genommen. Nachdem die letzte documenta die Politikfähigkeit zeitgenössischer Kunst beweisen sollte und die von Ute Meta Bauer 2004 geleitete 3. Berlin Biennale als Themenpark zur Stadtsoziologie angelegt war, haben sich Gioni, Subotnick und Cattelan vom Primat der Theorie verabschiedet."

Weitere Artikel: Die Kinderwünsche der FAZ kommentiert Dirk Knipphals. Tilman Baumgärtel unternimmt eine Erkundungsfahrt durch das philippinische Unbewusste.

Besprochen wird Stephan Puchers Inszenierung von Tschechows "Die Vaterlosen" an der Berliner Volksbühne.

Aus Kiew berichtet Barbara Oertel für die zweite taz vom Versuch des Ex-Boxweltmeisters Vitali Klitschko, Bürgermeister der Stadt zu werden - die aktuellen Umfragen bieten ihm freilich wenig Hoffnung. Martin Reichert erklärt anlässlich des 85. Geburtstags der Klementine-Darstellerin Johanna König, dass in der Werbung längst Prominente dominieren. Den aktuellen Stand im tz-Sportskandal erläutert Steffen Grimberg.

Im Dossier des taz mag berichtet Rebekka Rust aus Sierra Leone, wo noch immer neunzig Prozent der Frauen beschnitten werden: "In Freetown, der Hauptstadt Sierra Leones, gilt die 60-jährige Mami Saio als eine der Besten. Sie ist seit über vierzig Jahren Beschneiderin und ist bekannt für ihre Professionalität, Routine und Schnelligkeit: 'Oft beschneide ich hundert Mädchen auf einmal. Für zwanzig brauche ich etwa eine halbe Stunde', berichtet sie stolz. Um Aufträge muss sie sich keine Sorgen machen. Sie hat einen lukrativen Job. Allein das Abschneiden der Klitoris kostet zwischen 30 und 150 US-Dollar." Im Interview spricht die in Somalia geborene Faduma Korn über das Thema.

Weitere Artikel: Aus Buenos Aires informiert Anne Huffschmidt über die Schwierigkeiten Argentiniens, nach dreißig Jahren an den Militärputsch zu erinnern. Tina Veihelmann stellt Thomas Jurke vor, der ein Macher ist und im brandenburgischen Aurith allerhand anpackt.

Rezensionen finden sich zu Ilja Trojanows Buchpreis-Gewinner-Roman "Der Weltensammler", Jan Faktors "verunglückter" Schelmenroman "Schornstein", Elke Heinemanns Roman "Der Spielplan", neue Bücher über Tiere, Peter von Matts Studie "Die Intrige" und zu Fadela Amaras Buch über muslimische Brüder als Tyrannen ihrer Schwestern (mehr in der Bücherschau).

Und Tom.

FR, 25.03.2006

Alles in allem sehr angetan zeigt sich Elke Buhr von der vierten Berlin Biennale, die in diesem Jahr die ganze Auguststraße in Beschlag nimmt: "Es ist eine sehr lesbare Biennale geworden, zugänglich für Mensch und Maus, ohne dabei dumm zu sein. Sie beschwört das Unheimliche vielleicht ein paar Mal zu oft, und ja, sie stiehlt ihren Charme den Ruinen, aber nicht, ohne ihnen dabei etwas zurückzugeben, nämlich Aufmerksamkeit für deren spezifische Geschichte. Die KuratorInnen mit dem touristischen Blick haben den Mythos von Berlin-Mitte auf ihre ganz eigene Art noch einmal nachgespielt. Sie haben sich ihr Berlin erträumt, die Kunst wie einen Rahmen darüber gelegt und zeigen jetzt beides vor, mit einem Entdeckerstolz, der einfach mitreißt."

Weitere Artikel: In ihrer "plat du jour"-Kolumne führt Martina Meister in das unappetitliche Werk des Tortenwerfers Noel Godin ein. Karin Ceballos Betancur hat den Nachruf auf den Sänger Pio Leyva verfasst. Auf der Medien-Seite findet sich eine Besprechung von Dietmar Schönherrs autobiografischem Roman "Sternloser Himmel" (mehr in der Bücherschau des Tages).

Besprochen werden Stefan Puchers Inszenierung von Tschechows "Vaterlose" an der Berliner Volksbühne, David Böschs Inszenierung von Werner Schwabs "Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos" in Essen, die Wiederaufnahme einer Frankfurter Inszenierung von Rossinis "Il viaggio a Reims", eine Aufführung von Joe Ortons Groteske "Seid nett zu Mr. Sloane" am Staatstheater Mainz und ein Auftritt des Tänzers und Fotografen Antony Rizzi im Frankfurter Mousonturm.

Tagesspiegel, 25.03.2006

In einem sehr interessanten Interview spricht der weißrussische Künstler Artur Klinau, der wegen des "Last & Lost"-Festivals in Berlin ist, über die postmoderne Diktatur Lukaschenkos, das graue Transitsystem, die anziehende Surrealität von Minsk und das Gesetz, das er in diesem Gespräch zum Glück gleich mehrfach bricht. "Es gibt bei uns ein Gesetz, das die Verunglimpfung des Staates verbietet. Seine Auslegung geht so weit, dass es, um ins Gefängnis zu kommen, schon genügen kann, zu behaupten: Der weißrussische Wodka ist nicht gut. Dieses Gesetz ernst zu nehmen, ist absurd."
Stichwörter: Berlin, Glück, Minsk, Wodka

SZ, 25.03.2006

Jörg Heiser hat die 4. Berlin Biennale besucht und zeigt sich - trotz Kritik an der einen oder anderen Entgleisung - durchaus angetan vom Konzept der Kuratoren: "Die vierte Berlin Biennale ist in zweierlei Hinsicht gnadenlos konsequent. Erstens bleibt sie von Anfang bis Ende stur bei ihrem thematischen Grundton: Paranoia, Unheimlichkeit und Depression. Und zweitens ist sie überwiegend kuratiert nach bestimmten Arbeiten, nicht so sehr nach Oeuvres allgemein... Die Strategie, in der weit gesteckten Klammer existenzieller Fragen unsentimental auf Psychoanalyse und Surrealismus zurückzukommen und die pochende Ahnung, dass hinter der Normalität Abgrund und Verschwörung lauern, als unseriös zu unterdrücken, ist im Großen und Ganzen aufgegangen."

Weitere Artikel: Der durch die Stadelmaier-Affäre bekannt gewordene Schauspieler Thomas Lawinky zeigt sich im Gespräch mit Christine Dössel nicht sehr erfreut über seinen Ruhm: ""Ich will durch Leistung auffallen, nicht durch so eine aufgebauschte Scheiße." Fritz Göttler berichtet, dass Hollywood nun ernsthaft damit beginnt, Spielfilm-Downloads anzubieten. Über die Geldnöte der Kulturstädte Weimar, Wolfenbüttel und Wittenberg informiert Jens Bisky. Tobias Kniebe beschwert sich, dass Nichtskönner wie die "Grup Tekkan" oder Tobias Regner die populärkulturelle Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Vom 95. Deutschen Bibliothekartag in Dresden berichtet Burkhard Müller. Der Theologe Martin Ohst kommentiert befremdet, aber nicht ohne Verständnis die Evangelisierungsbemühungen der "ProChrist"-Organisation. Andrian Kreye stellt Sir Norman Fosters ersten Bau in Amerika vor: die Konzernzentrale von Hearst in New York. Von der 37. Jazzwoche in Burghausen berichtet Oliver Hochkeppel. Besprochen wird Julian Fellowes' Film "Geliebte Lügen".

Auf der Literaturseite finden sich Rezensionen zu Alexandra Lavizzaris Studie über berühmte Kindsmusen, Eli Zaretskys Geschichte der Psychoanalyse mit dem Titel "Freuds Jahrhundert" und Tanja Dückers' Roman "Der längste Tag des Jahres" (mehr in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Der bunt illustrierte Aufmacher der SZ am Wochenende ist dem Fotografen Martin Parr (Fotografien hier und hier) gewidmet, der auf der letzten Seite auch interviewt wird und versichert, die Menschen keineswegs zu hassen: "Ich finde die Menschen liebenswert, und nein, Hass ist natürlich nicht der Antrieb, meine Bilder zu machen." Hier ein Auszug aus dem Loblied Willi Winklers: "Martin Parr sieht die Menschen, wie sie sind, er sieht sie in vielen Abstufungen von Rot - und er mag die Unvollkommenheit. Er ist der Troubadour der festbetonierten südenglischen Strände, der Minnesänger der Speckrollen und Stiernacken, der Hymniker des vorfabrizierten Individualglücks."

Weitere Artikel: Der Schriftsteller Christian Kracht berichtet in Text und Bild (nur im Print) von einem Aufenthalt in Afghanistan - er hat dort eine kleine Rolle in Christophe de Ponfillys im April anlaufendem Film "Der Stern des Soldaten" gespielt. Kerstin Weng porträtiert den einst erfolgreichen Star Blümchen, die nun mit Unterstützung von Bernd Begemann zurück ins Musik-Business will. Christian Mayer erzählt die Geschichte von "Aufstieg und Selbstdemontage des amerikanischen Kommunistenjägers Joseph McCarthy". Kurt Kister lässt sich für "Es war einmal" von Angela Merkel dazu inspirieren, an den Rubikon und die Schlacht von Alamo zu erinnern.