Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.03.2006. In der Berliner Zeitung outet sich der Schauspieler und Spiralblock-Entreißer Thomas Lawinky als einstiger IM der Stasi. In der Welt diagnostiziert Vaclav Havel bei den Ukrainern postrevolutionäre Ernüchterung. Die NZZ attestiert den Westberlinern eine prekäre Gefühlslage. Die FR erkundet die dürren Leselandschaften Ägyptens. In der SZ erklärt Jens Petersen, wie sich die Ärzte von gutbetuchten Freunden der Hausmusik zu Trötenbläsern und Schilderschwingern gewandelt haben. Und für die taz besucht Gabriele Goettle die Bestattungsunternehmerin Claudia Marschner.

Berliner Zeitung, 27.03.2006

Wie die Süddeutsche am Samstag schon berichtete, hat sich der durch die Spiralblock-Affäre (mehr hier und hier) zu Skandal-Ruhm gelangte Schauspieler Thomas Lawinky als IM der Stasi geoutet. Ulrich Seidler berichtet heute in der Berliner Zeitung sehr genau, was ihm Lawinky von seiner Karriere als "auffälliger" Jugendlicher in der DDR und von seiner Anwerbung bei der NVA erzählt hat. "Anfangs verfasste er 'Legastheniker-Berichte', dachte sich also blödsinnige Geschichten aus, weswegen er Ärger mit seinem Führungsoffizier bekam, der ihm unmissverständlich deutlich machte, dass Tricksen nicht funktioniert. Lawinky wurde klar, dass die jetzt nicht mehr losließen. Sie wollten Ergebnisse sehen. Er fing Briefe ab, er gab Auskünfte über Westverwandtschaft von Kameraden weiter. 'Die Frage ist, wann kippt man um.' Es ging darum, achtzehn Monate durchzuhalten und nicht im Knast zu landen, wie etwa seine heutigen Regisseure, Sebastian Hartmann, der mehrmals arrestiert wurde, und Armin Petras, der in Schwedt saß... Er brachte es in der Armee zum eigenen Laden und machte viel Geld mit Walkmans. Gleichzeitig verstrickte er sich immer mehr und setzte sich selbst unter Druck. Das ging in einem Fall bis zur Denunziation. Lawinky meldete, dass ein Unteroffizier desertieren wolle. Der wurde beim Ausgang in Zivil erwischt und saß für Monate in Neubrandenburg."
Stichwörter: DDR, Geld, Armin Petras, Stasi

Welt, 27.03.2006

Auf der Forumsseite konstatiert Vaclav Havel eine postrevolutionäre Ernüchterung in der Ukraine, die bei den ersten freien Wahlen ausgerechnet die Kommunisten gewählt hat. "Während meiner Zeit im Gefängnis hatte ich mich jahrelang nach der Freiheit gesehnt, doch als ich endlich entlassen wurde, musste ich andauernd Entscheidungen treffen. Wenn man plötzlich jeden Tag mit vielen Optionen konfrontiert wird, bekommt man Kopfschmerzen und möchte manchmal unbewusst ins Gefängnis zurück. Diese Depression ist wahrscheinlich unvermeidbar. Aber auf gesellschaftlicher Ebene wird sie letztlich überwunden, sobald neue Generationen heranwachsen." Denn die Ukraine, so Havel, gehört zu einem vereinigten Europa, nicht zu Russland.

Im Kulturteil berichtet Mariam Lau über eine Tagung auf dem Petersberg, wo das Allensbacher Institut eine Studie über deutsch-türkische Stimmungsbilder vorstellte. Holger Kreitling schreibt über die Macht der Töne in Abhörfilmen wie "Das Leben der Anderen". Hanns-Georg Rodek erinnert an die erfolgreichste deutsche Filmserie aller Zeiten, den "Schulmädchen-Report". Von Eckhard Fuhr erfahren wir zwei Neuigkeiten über den Spiralblockentreißer Thomas Lawinky: Der tote Schwan, den Lawinky dem Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier in den Schoß warf, war ein Stoffhuhn. Und Lawinky war ein Stasi-IM. Paul Badde erklärt die überraschende Streichung des Titels "Patriarch des Abendlandes" im neuen Päpstlichen Jahrbuch 2006. Hellmuth Karasek erinnert sich in seiner Kolumne an David Leans Film "The Brief Encounter".

Besprochen werden ein Tschechow-Wochenende in Berlin: "Die Vaterlosen" an der Volksbühne, inszeniert von Stefan Pucher, und "Der Kirschgarten" am Deutschen Theater, inszeniert von Barbara Frey, außerdem die Ausstellung "Salvador Dali - La Gare de Perpignan" im Kölner Museum Ludwig und das Musical "Dirty Dancing" in der Hamburger Neuen Flora.

TAZ, 27.03.2006

Gabriele Goettle besucht Claudia Marschner, die das Bunte Bestattungs-Institut in Berlin gegründet hat und ihre Lust an der Farbe historisch untermauern kann. "Die klassische Sargfarbe zum Beispiel im Hochmittelalter war dunkelblau. Es gab pompöse Särge, die in der Kapelle standen, und über der Gruft ging unten der Sargboden auf und der Leichnam flog polternd in die Tiefe. Es gab vieles. Und auch heute sind ja die meisten Särge nicht schwarz, sondern es ist ja eine einzige braune Soße." Das Sterben sei nicht überall so farblos. "Wir haben ja nicht, wie die Mexikaner, ein traditionelles buntes Totenfest. Wir haben einen flauen Totensonntag, und unsere Friedhöfe sind keine Begegnungsstätten mehr, sondern sie veröden. Es gibt auch keine Familiengräber mehr. Das ist ein Spiegel der Gesellschaft." (Hier auch ein podcast von Claudia Marschner)

Weitere Artikel: Der erfolgreiche Radiosender La Colifata in Buenos Aires wird von den Patienten einer Nervenklinik betrieben, berichtet Anne Herberg auf den Tagesthemenseiten. Der Musiker Manu Chao hat dem Sender schon ein Album gewidmet. Auf der Meinungsseite ärgert sich Claudia Pinl über "neokonservative Publizisten" wie Frank Schirrmacher, Matthias Matussek und Udo di Fabio, die bei der Rettung der Großfamilie das Selbstbestimmungsrecht der Frauen ignorieren. In der zweiten taz führt der freundliche Michael Tschernek ein freundliches Interview mit dem freundlichen Folkmusiker Jack Johnson. Der taz-Volontär David Denk schreibt zur europaweiten Demonstration der Praktikanten am Samstag.

Und Tom.
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FR, 27.03.2006

Michael Lüders besichtigt in Kairo die ägyptische Literaturproduktion. "Die Herausforderungen, denen sich Schriftsteller und Verleger in Ägypten und in den übrigen arabischen Ländern stellen müssen, sind elementar. Die Analphabetenquote ist hoch, in Ägypten liegt sie bei fast 50 Prozent. Eine Lesekultur gibt es auch in der zahlenmäßig kleinen Mittel- und Oberschicht kaum. Ein Buchhandel, der diesen Namen verdient, existiert nicht. In der 17 Millionen Einwohner zählenden Metropole Kairo, dem kulturellen Zentrum der arabischen Welt, gibt es gerade einmal ein Dutzend gut sortierter Buchläden. Der Vertrieb reicht kaum über das eigene Land hinaus: Ägyptische Bücher sind etwa in Libanon nur schwer erhältlich - und umgekehrt. Stattdessen erscheint ein Buch, das in einem arabischen Land erfolgreich ist, in einem anderen als Raubdruck."

Weiteres: Steffen Richter bescheinigt dem Großprojekt "Last & Lost", das eine Fotausstellung in München, einen Bild- und Textband sowie Veranstaltungen in Berlin umfasst, zwar insgesamt eine "außerordentliche ästhetische Produktivkraft", auf dem Symposium "Literatur und Topografie" im Literarischen Colloquium Berlin hat er allerdings wenig gelernt. Harry Nutt ist sich in Times mager sicher, dass uns die Demografie-Debatte weiter beschäftigen wird.

Besprochen werden Ludger Engels "radikal durchlässige" Inszenierung von John Cages fünf "Europeras" in Aachen und ein Auftritt der Folksängerin Joan Baez in Frankfurt.

NZZ, 27.03.2006

Claudia Schwartz untersucht die "prekäre Westberliner Gefühlslage", die durch den Niedergang des Westens entstanden ist. "Während Ostberlin im deutsch-deutschen Transformationsprozess eine symbolhafte Rolle zufiel, fehlt dem Westen der Hauptstadt noch heute die Orientierung zwischen Nostalgie und Aufbruch. Nur schwer kommt man darüber hinweg, dass in der internationalen Aufmerksamkeit der eigene Mythos längst einem gesamtstädtischen Berlin-Bild gewichen ist. Der Ost-Hype brachte als Kehrseite der Medaille ein Bashing der angeblich toten West-City mit sich, das bis heute anhält und mit der Realität oft wenig zu tun hat. Die berühmte Paris-Bar an der Kantstrasse begleiten seit Jahren Gerüchte um eine bevorstehende Schließung. Und trotzdem ist das Restaurant Abend für Abend bis auf den letzten Platz besetzt."

Weitere Artikel: Andreas Breitenstein resümiert die Veranstaltung "Last & Lost" in Berlin, ein Symposium über Literatur und Raum. In der Reihe "Was ist eine gute Religion?" schreibt heute Bischof Wolfgang Huber. Sabine B. Vogel stellt Höhepunkte aus vier Biennalen des letzten Jahres vor. Joachim Güntner kommentiert die Forderung der Deutschen Akademie nach Geld und Hilfe für den Rechtschreib-Rat. Alexandra Kedves berichtet von dem Symposium "4+1 übersetzen traduire tradurre translatar". Che. schreibt zum Tod des Filmregisseurs Richard Fleischer.

SZ, 27.03.2006

Der Arzt und Schriftsteller Jens Petersen ("Die Haushälterin"), erklärt, warum Ärzte unter der schlechten Bezahlung genauso leiden wie unter einem antiquierten Heldenklischee: "Ärzte - waren das nicht Freunde der Hausmusik, Toskana-Fahrer, Exponenten des gehobenen Mittelstandes? Sonnengebräunte Tennisspieler mit prickelnden Liebschaften? Oder Pfuscher, die mit großem Trara entlarvt werden konnten? Woher kommen plötzlich all die blassen, zerzausten Trötenbläser, Scheibenputzer und Schilderschwinger in der Tagesschau? Das Bild des Arztes hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten gründlich gewandelt. Vielleicht ist das Interesse der Öffentlichkeit am derzeitigen Protest weniger durch die skandalösen Arbeitsumstände junger Klinikärzte, sondern vor allem durch die Diskrepanz zweier Klischees begründet: hier das des überkommenen Helden in Weiß, Vertreter einer von Zuversicht und Wohlstand geprägten Nachkriegs-BRD; dort das des Sklaven im weißen Kittel, Symbol für Überforderung, Mangel und die Erosion der Sozialsysteme."

Weitere Artikel: Henning Klüver meldet helle Aufregung in Italien nach dem Start von Nanni Morettis Berlusconi-Film "Il Caimano". Vor allem schürt offenbar das Ende gewaltigen Furor: Ein Justizgebäude, in dem Berlusconi gerade zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt wurde, wird in die Luft gesprengt. Auf der Literaturseite erzählt Willi Winkler, wie das FBI Max Horkheimers nach New York geflüchtetes Institut für Sozialforschung überwachen ließ: Dank des einzigartigen Freedom of Information Acts sind die Akten online einzusehen. Mit mehreren Beiträgen begeht die Redaktion den vierzigjährigen Geburtstag der Videokunst, der fünf Museen Ausstellungen gewidmet haben. Stefan Koldehoff meldet, dass der Unternehmer Gerard Corboud droht, seine Impressionisten-Sammlung aus dem Kölner Wallraf-Richartz-Museum abzuziehen. Yvonne Gebauer überkommt eine Tapeten-Fantasie. Fritz Göttler schreibt einen Nachruf auf den "weisen" Hollywoodregisseur Richard Fleischer. Wolfgang Schreiber meldet den Tod der Dirigentin Sarah Caldwell.

Besprochen werden Mozarts "Il Sogno di Scipione" in Klagenfurt, Alvis Hermanis' Inszenierung von Antonio Buero Vallejos Stück "Brennende Finsternis" in Zürich, "Dirty Dancing" als Musical in Hamburg, Wes Cravens "Red Eye", Amin Maaloufs Libanon-Roman "Die Spur des Patriarchen" und Politische Bücher (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 27.03.2006

Sabine Berking verfolgte ein Berliner Symposion zum Buch- und Ausstellungsprojekt "Last & Lost", das die Grenzen Europas erkundet. In der Leitglosse freut sich "TILL" über eine kommunikative Bahn. Andreas Rossmann berichtet über einen Exodus der wichtigsten Lektoren aus dem Dumont Literaur- und Kunstverlag, offenbar als Reaktion auf die Berufung von Marcel Hartges zum neuen Geschäftsführer. Außerdem erlebte Rossmann Bruce Nauman bei einer Pressekonferenz in Düsseldorf aus Anlass des neuen Kunstpreises der Stadt. Wolfgang Schneider verfolgte eine PEN-Tagung zum neuen deutschen Urheberrecht in der Berliner Akademie der Künste.

Auf der Medienseite unterhält sich Jan Freitag mit der Schauspielerin (und ehemaligen Viva-Moderatorin) Jessica Schwarz (Bilder) über Theater im Fernsehen - Schwarz ist heute bei Arte in einer "Lulu"-Verfilmung zu sehen. Auf der letzten Seite erzählt Alexander Kosenina vom Fund eines lange als verschollen geltenden medizinischen Gutachtens über die Zurechnungsfähigkeit Johann Christian Woyzecks, das schließlich zur Hinrichtung des Vorbilds für Büchners Drama führte. Und Jakob Strobel y Serra schreibt ein kleines Profil Aleida Guevaras, einer Tochter des Che, die den Deutschen gerade die frohe Kunde vom kommenden Sozialismus bringt.

Besprochen werden Tschechows "Kirschgarten" in Barbara Freys Inszenierung am Deutschen Theater (Gerhard Stadelmaier ist recht mild gestimmt), ein Konzert Joan Baez' in Frankfurt ("Ihr ist die Aura einer lebensklugen Frau zugewachsen, einer, die gefasst Zeugnis ablegt vom Scheitern ihrer Generation", schreibt Dieter Bartetzko), das internationale Ausstellungsprojekt "On Difference" im Württembergischen Kunstverein Stuttgart, ein Frankfurter Konzert Christoph von Dohnanyis und des NDR-Sinfonieorchesters mit Mahlers Fünfter, die beiden türkisch-deutschen Filme "Brudermord" und "Aus der Ferne", und eine "Zauberflöten"-Inszenierung Achim Freyers in Moskau.