Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.03.2006. Die taz entdeckt den vollen Umfang der Klitoris. Die FR erkennt bei Peter Handke auf gespaltene Persönlichkeit. Spiegel Online weiß, wer "Wolfstotem", das erfolgreichste chinesische Buch seit der Mao-Bibel geschrieben hat. In der SZ schwärmt der Autor Thomas Brussig von Florian Henckel von Donnersmarcks DDR-Film "Das Leben der Anderen". Paradoxes Unbehagen bereiten den Feuilletons die französischen Studentenproteste: Revolutionäre, die Unkündbarkeit fordern.

TAZ, 21.03.2006

In tazzwei bespricht Heide Oestreich Claudia Haarmanns Buch "Untenrum - Die Scham ist nicht vorbei" mit neuen Erkenntnissen über die weibliche Sexualität: "In der Tat müsste einen auch nachdenklich stimmen, warum etwa der volle Umfang der Klitoris erst 1998 entdeckt wurde: ein etwa neun Zentimeter großer Schwellkörper, der sich um Vagina und Harnröhre legt und nur zum geringsten Teil sichtbar ist, wie in einem sehenswerten Arte-Themenabend aus dem Januar 2004 berichtet wurde. Spätestens diese Entdeckung machte die jahrzehntelang erbittert geführte Debatte um Vaginal- oder Klitoralorgasmus hinfällig. Und doch ist sie so wenig propagiert worden, dass heute noch zahllose Autorinnen mühselig erklären müssen, dass ihre Orgasmen komischerweise nicht in dieses binäre Schema passen."

In der Feuilletonreihe über eine angebliche neue Bürgerlichkeit fordert Robert Misik einen neuen Moralismus der Linken. Dirk Baecker liest ein Heft der Zeitschrift Current Sociology, in der sich muslimische Soziologen mit den Problemen der islamischen Welt auseinandersetzen und den Finger auf zwei Wunden legen: die Korruption ihrer Gesellschaften und ihr wissenschaftliches Zurückbleiben. Auf der Medienseite unterhält sich Steffen Grimberg mit Norbert Schneider von der Medien-Anstalt NRW.

Besprechungen gelten einer Ausstellung über Josef Albers und Laszlo Moholy-Nagy in der Tate Modern, dem Filmfestival im finnischen Tampere und Mel Brooks Musical "The Producers" in der Verfilmung von Susan Stroman.

Schließlich Tom.

FR, 21.03.2006

In Times mager meditiert Ina Hartwig über die Frage, was den "wunderbaren Schriftsteller" Peter Handke "dazu treibt, sich Slobodan Milosevic nahezufühlen" und erkennt auf "gespaltene Persönlichkeit": "Wie anders wäre zu begreifen, dass einerseits die eigensinnigste, ganz der individuellen Erfahrung verpflichtete Literatur im Abseits der Politik entsteht, auf der anderen Seite aber eine ideologisch-aggressive Borniertheit an den Tag gelegt wird, die sich sehnt nach einem vermeintlich unverdorbenen Kollektiv."

Martina Meister wirft einen sorgenvollen Blick auf die Studentenproteste in Frankreich: "Bei der Demonstration am Samstag defilierten junge Menschen Seite an Seite mit Gewerkschaftlern und Beamten, die in den vergangenen Jahren geringste Reformversuche blockiert haben, aber letztlich nur die Pfründe ihrer Generation verteidigen. Gemeinsam ist dieser seltsamen Regenbogen-Koalition der naive Glaube, die Globalisierung mit nationalen Rezepten verhindern zu können."

Besprochen werden die Ausstellung "Faites vos jeux!" im Kunstmuseum Siegen über Kunst und Spiel seit Dada, Armin Petras' Dramatisierung von Christoph Heins Roman "Horns Ende" in Leipzig und Konzerte der Berliner Philharmoniker sowie des Festivals MaerzMusik.

Berliner Zeitung, 21.03.2006

Jens Balzer macht uns auf ein pophistorisches Ereignis in Berlin aufmerksam, von dem wir mal wieder gar nichts mitgekriegt haben: den ersten Deutschland-Auftritt der japanischen Rockband Moi dix mois: "Mehrere hundert herrlich enthemmter Mädchen in Rüschenkleidern und schwarzen Landgräfinnenmänteln haben am Sonntag den Huxley's-Club an der Hasenheide in ein gefährlich kochendes Kinderzimmer verwandelt. Zum ersten Mal war hier in Berlin die japanische Rockband Moi dix mois zu besichtigen, mit ihrem sagenumwobenen Gitarristen Mana eine der wichtigsten Gruppen des Visual Kei - jenem aus Japan kommenden, aber auch unter den jungen Leuten in Deutschland zusehends beliebten popmusikalischem Stil, in dem sich westlicher Gothic-Rock und östliche Manga-Ästhetik, geschlechtergrenzenüberschreitendes Cross-Dressing und kindchenhafte Lolita-Bekleidung miteinander verbinden."

Außerdem porträtiert Peter Uehling die japanische Pianistin Aki Takahashi, die in den USA als die führende Avantgardemusikerin ihres Fachs gilt.
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Welt, 21.03.2006

Thomas Kielinger berichtet, dass in Großbritannien nach Bekanntwerden eines fürchterlich schief gegangenen Pharma-Versuchs (sechs junge Männer liegen auf der Intensivstation, zwei davon im Koma), die Zahl der Freiwilligen für solche Versuche sprunghaft gestiegen ist! Viele haben nämlich erst durch die Berichte erfahren, dass damit 3.000 Euro und mehr zu verdienen sind. Kielinger ist beeindruckt: "In Frankreich geht die Jugend für 'securite' auf die Straße, in England für Geld in das Experiment mit der Ungewissheit. Ach, Europa."

Mehrere Artikel widmen sich den Studentenprotesten in Frankreich: Michael Stürmer macht die "Allkompetenz des Staates" für alle Probleme in Frankreich verantwortlich. Michael Kleeberg vermutet bei den Studenten "schiere Zukunftsangst". Auf der Forumsseite staunt Cora Stephan über die protestierenden Studenten in Frankreich: "Was ist das für eine Welt, in der es 'soziale Spannungen' auslöst, wenn Arbeitnehmer unter 26 Jahren nicht schon mit dem ersten Job ins Sicherheitskorsett der Festanstellung von der Wiege bis zur Bahre fallen?"

Weiteres: Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck erklärt im Interview, warum er einen Film über die Stasi gedreht hat: "Ich hatte einfach diese Vision von einem Mann, der einen Krieg mit seiner eigenen Menschlichkeit führt." Matthias Heine porträtiert den Schauspieler Burghart Klaußner. Katharina Dockhorn erklärt, warum gerade so viele deutsche Filme gleichzeitig ins Kino kommen und sich gegenseitig die Zuschauer wegnehmen. Christine Knust berichtet, dass der Schauspieler Andre Eisermann in Mannheim auf offener Straße attackiert wurde, weil er Ludwig II. "als Homosexuellen diffamiere und so sein Andenken in den Schmutz ziehe". Antje Schmelcher reagiert abweisend auf die neue Bartmode - keine Dreitagebärte, sondern echte gestutzte Vollbärte! - bei den jungen Männern am Kollwitzplatz.

Besprochen werden Donizettis "Favorite" in Zürich und eine Ausstellung von Gregor Schneider im Bonner Kunstverein.

Spiegel Online, 21.03.2006

Jürgen Kremb hat den chinesischen Autor Jiang Rong getroffen, der mit seinem Buch "Wolfstotem" sämtliche Verkaufsrekorde gebrochen hat. In seinem Millionenseller geht es darum, dass die Chinesen eine folgsame Herde von Schafen seien, die etwas von der Wildheit mongolischer Wölfe bräuchten: "Nach der Mao-Bibel gab es wohl kein Druckerzeugnis mehr, das so viele Leser in den Bann zog wie dieses Buch. Seit es im April 2004 erschien, räumte der unbekannte Autor, der nur unter dem Pseudonym Jiang Rong bekannt ist, mit der kruden Melange aus Tiergeschichte, ethnologischer Betrachtung des mongolischen Graslandes und Autobiografie zehn Literaturpreise ab... Chinesischen Reportern offenbart der Autor bisher nicht seine wahre Identität. Kein Wunder: Unter seinem richtigen Namen hätte er Chinas Zensur nie passiert. Denn nach den Studentenunruhen und dem Tienanmen-Massaker vom 4. Juni 1989 saß Autor Jiang knapp zwei Jahre in Haft. Bis heute darf der Intellektuelle nicht mehr unterrichten, bekommt keinen Reisepass und darf das Land nicht verlassen. "
Stichwörter: Zensur, Mao

FAZ, 21.03.2006

In Frankreich hat der Mai schon begonnen. Jürg Altwegg berichtet aus einem Land im revolutionären Fieber, wo die Jugend schon lange den Platz des protestierenden Proletariats eingenommen hat. "Der konservativen Revolte der Jugend schließt sich fast das ganze Land an. Die Dynamik ist angelaufen. Ferien, die dem Spuk - dem neuen Klassenkampf der Generationen - ein Ende bereiten könnten, stehen nicht auf dem Programm. Aus der Sackgasse gibt es nur einen schnellen Weg: den Rücktritt Chiracs. Diesen Schritt hätte er schon nach dem Nein zur europäischen Verfassung tun müssen. Wie de Gaulle."

Weiteres: Der Frankfurter Juraprofessor Klaus Lüderssen fordert mit Blick auf die Rechtspflicht zur Hilfeleistung eine Pflicht zur Sterbehilfe. Im fünften Teil der Serie über "Leitsprachen" widmet sich Mark Siemons dem international sehr erfolgreichen Mandarin, das innerhalb Chinas aber nur etwa von der Hälfte der Bevölkerung beherrscht wird. Oliver Jungen überlegt, ob das Grubenunglück im nordfranzösischen Courrieres im Jahr 1906 der Beginn der deutsch-französischen Freundschaft war. Alexander Müller referiert eine Innsbrucker Tagung zum Literaturskandal. Wolfgang Sandner gratuliert dem Sänger Solomon Burke zum Siebzigsten. Christian Geyer regt der Ärztestreik zu einer Hommage an das Wartezimmer an, "wo die bunten Lesezirkelmappen ihren Zauber ausreizen".

Im Medienteil beklagt Nina Rehfeld den durch Finanzinvestoren erzwungenen Verkauf der Publikationen des Zeitungskonzerns Knight Ridder an den kleineren Konkurrenten McClatchy, der damit zum zweitgrößten Zeitungshaus der USA aufsteigt.

Auf der letzten Seite stellt Robert von Lucius den dänischen Schriftsteller Peter Hoeg vor, Autor von "Fräulein Smillas Gespür für Schnee", der nun nach zehn Jahren wieder einen Roman veröffentlichen wird. Tilmann Lahme bittet die Leser, ihre eingemotteten Briefe von Theodor Heuss für die geplante "Stuttgarter Ausgabe" auszugraben. Frank-Rutger Hausmann forscht nach Maria Sibylla Merian und ihrem literarisch-fiktiven Großneffen Gustav Rosander.

Auf der DVD-Seite empfiehlt Verena Lueken eine Ausgabe mit vier Western von Sam Peckinpah. Vorgestellt werden auch Dokumentarfilme von Patrick Keiller und David Leans "Begegnung" von 1945.

Besprochen werden die Uraufführung von Akram Khans Choreografie nach Steve Reichs Stück "Variations" in Köln, eine Ausstellung mit Papierarbeiten von John Wesley in der Kunsthalle Nürnberg, Armin Petras' Bühnenfassung von Christoph Heins Roman "Horns Ende" und Karin Henkels Version von Gerhart Hauptmanns "Die Ratten" in Leipzig ("Zwei Aufführungen ohne jede Notwendigkeit und Überzeugungskraft", schimpft Irene Bazinger), Dramatisierungen von Juli Zehs Roman "Spieltrieb und Max Frischs "Andorra" am Schauspielhaus Hamburg ("Zweimal ein Malheur", konstatiert Eberhard Rathgeb. "Zweimal fälllt die regieführende Jugend über Bord."), und eine Neuausgabe von Fred Wanders Roman "Der siebente Brunnen".

NZZ, 21.03.2006

Besprochen werden "La Favorite" von Gaetano Donizetti im Zürcher Opernhaus, Ralf Dahrendorfs Essay "Versuchungen der Unfreiheit" (mehr hier), Anja Hillings neues Stück "Bulbus" in Wien, das Internationale Festival für Film, Video und neue Medien in Basel, neue Romane über "Frankreich, Krieg, Holocaust" von Irene Nemirovsky und Philippe Grimbert und Wolfgang Mocks historischer Roman "Simplon".

SZ, 21.03.2006

Ausgiebig schwärmt der Autor Thomas Brussig von Florian Henckel von Donnersmarcks DDR-Film "Das Leben der Anderen", seinen vielen "großartigen Szenen" und schließt mit einem Hinweis in eigener Sache: "Als Co-Autor des Filmes 'Sonnenallee' werde ich in den nächsten Wochen des öfteren hören, dass man es so (wie in 'Sonnenallee') 'nicht machen kann', weil man es nämlich so (wie in 'Das Leben der Anderen') 'machen muss'. Das ist natürlich Quatsch. Man muss es weder so noch so machen; man kann es sowohl so als auch anders machen. Nicht die DDR-Komödien haben das DDR-Bild verzerrt, sondern das schlichte Nichtvorhandensein solcher Filme wie 'Das Leben der Anderen'. Insofern bin ich über diesen Film schon deshalb froh, weil endlich dieses Manko behoben ist."

Der Filmproduzent Alexander Thies beklagt in der Serie zur "Kinobranche im Wandel" die vielen bürokratischen und steuertechnischen Drehzahlbegrenzer, die den Filmmotor oft schon abwürgen, bevor er überhaupt gestartet werden konnte: "Die Filmbranche leidet in Deutschland - wie andere Wissensbranchen - schon immer unter der Tatsache, dass immaterielle Wirtschaftsgüter in der Bilanz nicht aktiviert werden dürfen. Folge ist, dass Aufwendungen in selbst geschaffene immaterielle Wirtschaftsgüter (zum Beispiel Honorare für die Drehbuchentwicklung) nicht den Wert der Unternehmung erhöhen, sondern als gewinnmindernder Aufwand zu behandeln, also im Jahr der Produktion komplett abzuschreiben sind."

Weiteres: Dirk Meyhöfer preist das neue Hamburger Bürogebäude "Dockland" des Architekturbüros BRT, das wie ein gläserner Ozeandampfer in die Elbe hineinragt und laut Meyhöfer selbst hanseatischen Immobilienmaklern eine sentimentale Regung abtrotzt. Thomas Thieringer berichtet vom Festival "Internationale Neue Dramatik" an der Berliner Schaubühne. Jonathan Fischer gratuliert dem großen Soul-Sänger Solomon Burke zum siebzigsten Geburtstag. Sonja Zekri meldet, dass in Moskau eines der schönsten Konstruktivismus-Bauwerke, das Melnikow-Haus (Wikipedia), an den Immobilien-Spekulanten und Senator der Autonomen Region Ust-Ordyn Burjatien, Sergej Eduardowitsch Gordejew. Ein wenig konsterniert hat Stephan Maus eine Veranstaltung der Wissenschaftsakademie des Dadaisten Rafael Horzon verlassen, Seminarthema war die "Gescheiterte Eugenik im Dschungel Paraguays", Referent Christian Kracht.

Besprochen werden eine Edvard-Munch-Ausstellung im New Yorker Museum of Modern Art, Philippe Sireuils Inszenierung von Gaetano Donizettis "La Favorite" am Opernhaus Zürich und Bücher, darunter Paul Noltes "Riskante Moderne" und John Updikes Roman "Landleben" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).