Ralf Dahrendorf

Versuchungen der Unfreiheit

Die Intellektuellen in Zeiten der Prüfung
Cover: Versuchungen der Unfreiheit
C. H. Beck Verlag, München 2006
ISBN 9783406540547
Gebunden, 240 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Ralf Dahrendorf lotet in seinem neuen Buch eine Fülle von beispielhaften Biografien aus, um die Ursachen für die Unversuchbarkeit des liberalen Geistes freizulegen: Karl Popper, Isaiah Berlin, Raymond Aron und Norberto Bobbio, Hannah Arendt, Theodor W. Adorno und George Orwell treten auf - aber auch kontrastierende Persönlichkeiten wie Martin Heidegger und Ernst Jünger, Jean-Paul Sartre, Manes Sperber, Arthur Koestler oder Georg Lukacs.
Das Resultat ist eine Tugendlehre der Freiheit, die über die Zeiten hinaus Gültigkeit beanspruchen kann. Erasmus von Rotterdam ist gleichsam der Prototyp dieser "Erasmus-Menschen", einer Geisteshaltung, die weder innere Emigration erlaubt noch zum Widerstandskämpfer tauglich macht, aber mit der Besonnenheit der "engagierten Beobachtung" und der Weisheit der leidenschaftlichen Vernunft über einen Kompass verfügt, der die Erasmier auch durch solche Zeiten navigiert, in denen andere Geister häufig Schiffbruch erleiden.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 06.12.2006

Ralf Dahrendorfs Buch über Intellektuelle des 20. Jahrhunderts bietet weder historische Analysen der Bedingungen, unter denen Intellektuelle lebten und arbeiteten, noch interessiert es sich für den sozialen oder politischen Kontext seiner Protagonisten, stellt Rudolf Walther etwas irritiert fest. Dem Autor gehe es offenkundig darum, die grundsätzlichen Voraussetzungen einer intellektuellen Existenz zu benennen, die sich im letzten Jahrhundert weder zum Nationalsozialismus noch zum Kommunismus hat verführen lassen, erklärt Walther. Zum Kreis dieser von Dahrendorf als "Societas Erasmiana" bezeichneten Gemeinschaft gehören Arthur Koestler, Manes Sperber, Theodor W. Adorno und Hannah Arendt, und es werden ihnen "Kardinaltugenden" wie Konfliktbereitschaft, "engagiertes Beobachten" und vor allem Freiheit zugesprochen, teilt der Rezensent mit. Insbesondere den Begriff der Freiheit hätte sich der Rezensent gerne näher erläutern lassen und überhaupt ist ihm der Tugendkatalog des Autors zu schwammig, pathetisch und die liberale Grundhaltung Darendorfs allzu behaglich. Am Ende hat Walther den Verdacht, Dahrendorf wolle sich mit seinem Loblied auf die Intellektuellen selbst ein Denkmal als letztes Mitglied der "Societas Erasmiana" setzen.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 11.05.2006

Jenseits des politischen Tagesgeschehens sei die Überprüfung liberalen Vordenkens wohl aus der Mode gekommen, konstatiert Norbert Seitz, und so lasse sich vielleicht erklären, warum sich der Soziologe und Publizist Dahrendorf in seinem neuen Buch mit "intellektuellen Protagonisten" des vergangenen Jahrhunderts auseinandersetze. Der eigens dazu begründete "Club der Erasmier" gehe auf Erasmus zurück, der sein Freiheitsbedürfnis keiner Partei unterordnen wollte. Dahrendorf analysiere die Haltung prägender philosophischer Geistesgrößen wie Raymond Aron, Karl Popper oder Norberto Bobbio angesichts totalitärer Systeme und entwickle daraus eine Skala "zwischen Angepasstsein, innerer Emmigration und Renegatentum", aber auch Immunität und intellektueller Freiheit. Damit sei dem Autor eine "brillante Haltungsstudie" gelungen, konzediert Seitz.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 01.04.2006

Wie ein "liberaler Heiligenkalender" mutet Rezensent Warnfried Dettling das neue Buch Ralf Dahrendorfs über "Intellektuelle in Zeiten der Prüfung" an. Eingehend würdigt er Lebenswerk und Leistungen Dahrendorfs. Dessen neues Buch löst allerdings eher gemischte Gefühle bei ihm aus. Am Beispiel von großen Liberalen wie Karl Popper, Raymond Aron und Isaiah Berlin spüre der Autor darin der Frage nach, wie und warum sie den "Versuchungen der Unfreiheit" widerstanden und nicht dem Faschismus oder dem Kommunismus erlagen wie viele andere. Dettling hält Dahrendorf vor, die soziologische Kernfrage seines Themas - welche Konfigurationen zwischen Person, kultureller Tradition und sozialer Umwelt haben es mehr oder weniger wahrscheinlich gemacht, dass Menschen in jenen "Zeiten der Prüfung" sich so oder anders verhalten haben? - nahezu ganz auszublenden. Umso ausgiebiger feiere er stattdessen seine Helden der Freiheit, mit denen er zumeist persönlich gut befreundet war. So komme es, urteilt der Rezensent, "dass sich eine feierliche, andächtige, religiöse Grundmelodie durch das Buch zieht, wie man sie von der katholischen Heiligenverehrung, von Freimaurerlogen oder anderen kultischen Vereinigungen kennt".

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 21.03.2006

Unaufgeregte Zustimmung erhält Dahrendorfs Essay über die Verantwortung der Intellektuellen von Rezensent Martin Meyer. Im ersten Teil blicke der Autor zurück auf die ideologischen Versuchungen, denen Intellektuelle im letzten Jahrhundert ausgesetzt waren durch den Faschismus einerseits und den Kommunismus andererseits. Auf diesem nun wahrlich wohlerforschten Gebiet, so Meyer, konzentriere sich Dahrendorf souverän auf das Wesentliche, wenn er die hinter den Ideologien stehenden Versprechungen und Bindungen herausarbeite. Im zweiten Teil gründe der Autor eine Art virtuellen Ritterorden der besonnenen Vernunft mit Erasmus als Gralshüter. Karl R. Popper, Raymond Aron und Isaiah Berlin sind die ersten Ehrenmitglieder der "Socieatas Erasmiana" und zugleich Leitfiguren von Dahrendorfs Reflektionen über die richtigen Tugenden für aus seiner britisch pragmatischen Sicht richtige Intellektuelle: "Mut, Gerechtigkeit, Besonnenheit und Weisheit". "Weltläufigkeit" nennt Rezensent Meyer die von Ralf Dahrendorf zugleich verkörperte und geforderte Haltung einer emotional herabgestimmten politischen Vernunft.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 14.03.2006

Franziska Augstein betrachtet Ralf Dahrendorfs neues Buch nicht gerade als das gelungenste Werk des liberalen Lords. Worum es eigentlich geht, ist für sie zunächst nicht recht ersichtlich. Ein wenig geht es ihres Erachtens um die Frage, warum viele Intellektuelle des 20. Jahrhundert Ideologien wie Kommunismus, Faschismus oder Nationalsozialismus folgten. Aber so interessiert an dieser Frage scheint ihr der Autor dann doch nicht zu sein. Das Buch stellt sich für Augstein zunehmend als Lobeshymne auf eine Reihe von Vorzeige-Liberalen dar, allen voran Isaiah Berlin, Karl Popper und Raymond Aron, die Dahrendorf als tugendhafte Mitglieder des fiktiven liberalen Club "Societas Erasmiana" vorstellt. Die Auswahl der Mitglieder hält Augstein für willkürlich. Im Übrigen kann sie das Konzept der liberalen "Erasmier" nicht überzeugen. Dahrendorf erkläre nicht, warum es manche Menschen nicht nötig haben, sich einer Ideologie anzuschließen. Mit fortschreitender Lektüre wird für Augstein eines immer klarer: Dahrendorf schreibt hier im Grunde über sich selbst, über gute Bekannte, was er an ihnen schätzt und was ihn mit ihnen verbindet.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.03.2006

Kritisch geht Jürgen Kaube mit Ralf Dahrendorfs Buch über "Intellektuelle in Zeiten der Prüfung" ins Gericht. Im Mittelpunkt des Buches steht eine Reihe von Porträts liberaler Intellektueller wie Raymond Aron, Isaiah Berlin oder Karl Popper, die die extremen Ideologien des zwanzigsten Jahrhundert ablehnten und stets die Idee der Freiheit hochhielten. Dahrendorfs Begriff der Freiheit als Fehlen von Zwang und Fähigkeit eines jeden, tun zu können, was er will, fällt nach Ansicht Kaubes allerdings "überraschend weltarm" aus. Er hält dem Autor vor, Freiheit und Individualität als außergesellschaftliche Tatbestände darzustellen und für ein vorsoziologisches Verständnis von Freiheit zu plädieren. Kritik übt er zudem am Vorgehen des Autors, den Liberalismus nicht mit denselben Mitteln zu analysieren, die auf seine Gegner angewandt werden. Und schließlich bleibt für Kaube bei Dahrendorfs Glorifizierung seiner Lieblingsliberalen unklar, "was uns Tugendkanon und Heiligenlegende der unversuchbaren Intellektuellen für die Gegenwart lehren sollen".
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