Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.12.2005. In der SZ verteidigt Renate Künast Multikulti als Tatsache. Die Berliner Zeitung annonciert den unumgänglichen Trend zum Visual Kei. In der taz schließt Jan Philipp Reemtsma jede Legalisierung von Folter kategorisch aus. Die NZZ hängt österreichischen Gedanken des Jahres 2005 nach. Und laut FR leben wir (zumindest aber die Systemtheorie) unter den noch gar nicht recht begriffenen, hier aber erstmals beschriebenen Bedingungen einer polykontexturalen Heterarchie.

Welt, 23.12.2005

Die Zahl der umgenutzten oder abgerissenen Kirchen steigt, meldet Dankwart Guratzsch. Canalettos Bild vom Dresdner Zwingergraben kann in der Villa Hammerschmidt bleiben, berichtet Uta Baier. Rückgabeforderungen der Erben des Vorbesitzers Max Emden wurden zurückgewiesen. Regisseur Stefan Bachmann wird in Berlin Kleists "Amphitryon" inszenieren, kündigt Matthias Heine an und erzählt eine kurze Geschichte der komplizierten Beziehung zwischen Bachmann und Berlin. Eckhard Fuhr schreibt über zwei Bilder von Caspar David Friedrich, die nach Bränden und langen Irrwegen jetzt neben anderen Werken Friedrichs im Pommerschen Landesmuseum hängen. Und Wieland Freund findet es unzeitgemäß, über Weihnachten zu spotten.

Besprochen wird das neue Album der Strokes.

FAZ, 23.12.2005

Eine Geschichte aus China, "wie sie ein Kleist oder Kafka hätte ersinnen können", erzählt Mark Siemons im vorweihnachtlichen Aufmacher. Allein, sie ist wahr. Es geht darin um einen Wahnsinnigen, der einen Mann erschlug und sich dann, als man ihn in einen Käfig sperrt, als Glücksspiel-Orakel erweist. Juristen aber protestieren nun gegen die Sache mit dem Käfig. Siemons stellt die Sache in einen allgemeineren Kontext: "Zur Zeit wird in China mit erweiterten Handlungsspielräumen für lokale Verwaltungen auf Dorf- und Gemeinde-Ebene experimentiert, und bislang ist weder der rechtliche noch der finanzielle Rahmen dafür geklärt. Die Geschichte ist nicht ausgestanden. Und es ist offensichtlich, dass sie nicht bloß handhabbare Elemente hat."

Weitere Artikel: Joseph Hanimann unternimmt einen Rückblick auf den keineswegs enttäuschenden Pariser Theaterherbst - allerdings "grollt" auch hier ein pekuniärer "Dauerfrust durch die Reihen der freien Truppen". Wie Stalin einst versuchte Menschen und Affen zu "lebenden Kampfmaschinen" zu kreuzen, das erzählt Lorenz Jäger. Andreas Rossmann berichtet, dass das Wallraf-Richartz-Museum jetzt doch keinem Stifterrat unterstellt wird. Martin Kämpchen informiert über den Rückzug der Gurus aus dem öffentlichen Leben Indiens. Der Schriftsteller Durs Grünbein stellt sein Lieblingsmärchen "Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen" vor. Von wachsender Akzeptanz deutscher Literatur in den USA (und auch anderswo) berichtet das New Yorker Auslandsbüro. Einen kurzen Nachruf gibt es auf den hauptberuflichen Bibliothekar und nebenberuflichen Proust-Biografen George Painter.

Außerdem: Von einem literarhistorisch aufregenden Fund erzählen in einer "exemplarischen Studie über das Verhältnis von historischer Wirklichkeit und dichterischer Fiktion" Burghard Dedner und Eva-Maria Vering: Neu entdeckt wurde eine Quelle Georg Büchners für sein Drama "Woyzeck". Hannes Hintermeier hat sich nach Marktl begeben und den blühenden Papst-Tourismus beobachtet. Carsten Ruhl schickt einen Alarmruf aus Marl: Dort droht der Abriss einer von Hans Scharoun entworfenen Schule. Andreas Platthaus stellt den in New York reüssierenden, bei uns aber fast unbekannten Zeichner Christoph Niemann vor. Oliver Tolmein informiert über juristische Probleme mit dem Transsexuellengesetz.

Besprochen werden eine Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin, die die Beziehungen zwischen dem christlichen Weihnachten und dem jüdischen Chanukka aufzeigt, eine Ausstellung in Weimar, die sich um die Stipendiaten der Villa Romana in Florenz dreht, und Bücher, darunter Hartmut Langes Novelle "Der Wanderer", eine Ausgabe der Briefe Stefan Zweigs aus den Jahren "1932-1942", Sachbücher und politische Bücher (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 23.12.2005

Jan Philipp Reemtsma schließt im Interview mit Jan Feddersen jede Legalisierung von Folter kategorisch aus: "Wir müssten ein Gesetz machen - und dann müsste über Methoden geredet werden, über all dies muss man sich im Parlament streiten. Und das müsste in Parteiprogramme hineingeschrieben werden, denn ich möchte ja wissen, wie die Partei, die ich wähle, sich zu dieser Frage verhält. Und schließlich bekämen wir eine öffentliche Diskussion über Foltermethoden. Darf man Schlafentzug machen? Darf man Leuten Knochen brechen? Darf man sie unter Strom setzen? Darf man Zigaretten auf ihnen ausdrücken? Was darf man eigentlich? Überlegen Sie, was das bedeuten würde."

Daniel Bax porträtiert die patriotische palästinensische Sängerin Rim Banna, deren Album "The Mirrors of My Soul" auch dem "westlichen Ohr schmeichelt": "Der Song 'Sara' etwa handelt von einem 16 Monate alten Mädchen aus einem Dorf bei Nablus, das während der zweiten Intifada zum Opfer eines israelischen Scharfschützen wurde. Und der Titelsong, der auf einem Poem der palästinensischen Dichterin Zuhaira Sabbagh beruht, ist den 336 Kindern gewidmet, die seit Beginn der zweiten Intifada in israelischen Gefängnissen interniert wurden."

Saskia Draxler stellt das Büro Friedrich vor, das in Peking einen unabhängigen Kunstort namens "Universal Studios" unterhält. Und Thomas Winkler bespricht einige Reeditionen und Hommagen aus Anlass von Hildegard Knefs 80. Geburtstag.

Schließlich Tom.
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Berliner Zeitung, 23.12.2005

Jens Balzer unterrichtet uns über neue Trends in der Rockmusik, auf die wir uns im Jahr 2006 einzustellen haben. Ganz eindeutig: "Das nächste große Ding auf den deutschen Pop-Bühnen heißt Visual Kei (mehr hier) und kommt aus Japan. Dabei handelt es sich um eine Art flott gezupften Hardrock mit ungewöhnlich vielen Rhythmus- und Harmoniewechseln sowie - was das Wesentliche ist - deutlichen Anleihen bei der Bildsprache der neueren japanischen Manga und des älteren westlichen Glamrock."

NZZ, 23.12.2005

Paul Jandl resümiert das "Gedankenjahr" 2005, in dem sich die Österreicher mit sechzig Jahren Kriegsende, fünfzig Jahren Staatsvertrag und zehn Jahren EU-Mitgliedschaft beschäftigten: "Begriffliche Unschärfen der österreichischen Selbstwahrnehmung hat das offizielle 'Gedankenjahr' kaum beseitigt. Im generellen Jubel über die historischen Eigenleistungen hat man die tragende Rolle der Alliierten bei der Befreiung Österreichs kaum gewürdigt. Auch die weit über 1945 hinausreichende Frage nach den Opfern der NS-Zeit blieb großteils ausgeklammert."

Weitere Artikel: Richard Bauer bringt einen lebhaften Bericht über die 19. Buchmesse im mexikanischen Guadalajara. Urs Hafner erzählt, wie ein Berner Gericht 1935 gegen antisemitische Verschwörungsphantasien - "Protokolle der Weisen von Zion" - vorging.

Besprochen wird eine Ausstellung im Centre Pompidou, die das Lebenswerk der Designerin und Architektin Charlotte Perriand würdigt, und Engelbert Humperdincks "Hänsel und Gretel" im Theater St. Gallen

Auf der Filmseite schreibt Erwin Schaar über die Ausstellung "Pasolini und der Tod" in München. Besprochen werden Gaby Dellals Arbeitslosenkomödie "On a Clear Day", Philip Grönings Dokumentarfilm "Die große Stille" und ein Dokumentarfilm über den Schweizer Automobilrennfahrer Jo Siffert, "Live Fast - Die Young".

FR, 23.12.2005

Das aufklärerische Denken, in dem wir bis heute befangen sind, ist, wie der Systemtheoretiker Peter Fuchs leider feststellen muss, heillos unterkomplex, ja tendenziell fundamentalistisch, weil "monokontextural". Die gesellschaftliche Wirklichkei sieht anders aus, nämlich "polykontextural". Und das heißt, "dass die in dieser Gesellschaft möglichen Beobachtungen aufgehört haben, miteinander oder ineinander verrechnungsfähig zu sein. Sie sind nicht mehr hierarchisierbar, sondern bieten das (nicht bildlich darstellbare) Bild einer Heterarchie, die sich allenfalls in quasiphysikalischen Analogien als 'Beobachtungsverschränkungen' lesen lassen, für die gilt, dass sie nicht auf einen Autor oder gar nur auf eine puissance invisible, eine unsichtbare Macht zurückzuführen sind." Wie schön, dass Gott der Herr uns die Begriffe der Systemtheorie geschenkt hat, mit denen wir das alles begreifen können!

Weitere Artikel: Harry Nutt glossiert in Times Mager den Ausgang des Bundesliga-Rechtepokers. Mit gemischten Gefühlen und argen Invektiven - "die hässlichste Band aus der Elternschreck-Ecke" - kommentiert Daniel Bartetzko die aktuelle Tour der Band Uriah Heep. Gemeldet wird, dass auch King Kong das deutsche Kinojahr nicht mehr retten kann. Von der "Nokia Night of the Proms" in der Frankfurter Festhalle berichtet Judith von Sternburg.

Besprochen werden eine opulente Ausstellung zum "Barock im Vatikan" in der Kunst-und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn, eine Ausstellung im Schloss Wilhelmshöhe in Kassel, die die Entwicklung des Historienmalers Rembrandt vor Augen führt, und eine Frankfurter Ausstellung mit Werken von Stefan Keller und Wolfgang Klee.

SZ, 23.12.2005

Renate Künast weigert sich eine Debatte mitzumachen, die eine angeblich naive Multikulti-Ideologie gegen "Leitkultur" ausspielen will: "Um es systematisch durchzugehen: Die multikulturelle Gesellschaft ist keine Ideologie; sie ist eine Tatsache - wie ein Wetterumschwung. Man kann sich über ihn freuen oder ärgern, aber es ist sinnlos, ihn zu negieren. Klug beraten ist man allerdings, wenn man sich rechtzeitig auf ihn einstellt. Die multikulturelle Gesellschaft bringt Integrationsprobleme mit sich, die jahrzehntelang verdrängt wurden. Das ist aber kein Versäumnis grüner Multikulti-Blauäugigkeit, sondern deutscher Gastarbeiterpolitik." (Künasts Büro war nicht so intelligent, ihren Artikel wenigstens auf der eigenen Homepage online zu stellen.)

Weitere Artikel: Bernd Graff wendet sich im Aufmacher gegen das Verbot angegblich gewaltverherrlichender Videospiele und plädiert zugleich für intelligentere Spiele. Kai Strittmatter berichtet, dass in der Türkei zwei Autoren nach dem Paragrafen verurteilt wurden, der auch dem Prozess gegen Orhan Pamuk zugrundeliegt. Jürgen Berger schildert, wie in Aachen unter einem neuen Team ein neuartiges regionales Theater mit direktem Stadtbezug gemacht wird. Gerhard Matzig besucht ein architekturhistorisch wertvolles, aber wegen drangvoller Enge unvermietetes Haus von Le Corbusier in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung, das jetzt zum Museum umgewidmet wurde. Alexander Menden erzählt die Geschichte des protestantischen nordirischen Dramatikers Gary Mitchell, der in seinen Stücken die Gewalttätigkeit der Extremisten seiner eigenen Bevölkerungsgruppe anprangerte und jetzt untertauchen musste, weil er bedroht wird. Klaus Englert freut sich, dass Goyas Fresken in der Kirche San Antonio de la Florida in Madrid nach jahrelanger Restaurierung wieder zugänglich sind.

Besprochen werden die von Catherine David kuratierte Ausstellung "The Iraqi Equation" in Berlin und einige Bücher, darunter Irene Nemirovskys Romanfragment "Suite francaise".

Auf der Medienseite lobt Evelyn Roll Heike Makatsch in der Rolle der poliogelähmten Margarete Steiff, Erfinderin des gleichnamigen Teddybärs. Der Film wird heute Abend auf Arte ausgestrahlt.