Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.11.2005. In der SZ fordert und fördert Heinz Bude Visionen für eine neue SPD unter Leitung des guten Hirten Gerhard Schröder. Die NZZ erinnert an das jüdische Exil in Schanghai. Die FAZ analysiert die Lage im Kaschmir.

Welt, 02.11.2005

"Wenn kleine Ereignisse große Folgen haben, benutzt man gern die Metapher vom Tropfen, der das Fass zum Überlaufen oder die vom Funken, der das Pulverfass zum Explodieren bringt. In den jeweiligen Fässern sind Potenziale gespeichert, die kurz davor sind, die Form zu sprengen", kommentiert Eckhard Fuhr die Berliner Ereignisse. "Im Berliner Nebel sucht man diese Potenziale aber vergeblich."

Ganz hingerissen ist Hanns-Georg Rodek von der Leichenbraut in Tim Burtons neuer Komödie "Corpse Bride": "Sie wirkt auf makabre Weise ziemlich sexy, mit den Riesenaugen und aufgespritzten Lippen, und ihr Fleisch ist nur am linken Arm und rechten Fuß abgefault; nichts also, was sich mit einem gut geschnittenen Abendkleid nicht beheben ließe."

Weiteres: Als "Handwerker mit Genie" preist Kai Luehrs-Kaiser den estnischen Dirigenten Paavo Järvi. Sven Felix Kellerhoff erinnert an einen ausgesprochen nutzbringenden Fund vor sechzig Jahren: die Mitgliederkartei der NSDAP. Uwe Wittstock besucht die Ausstellung zum Abschluss des Schiller-Jahrs in Mannheim.

Und Jeff Gedmin verleiht in seiner Kolumne dem Schuhputzer die ihm zukommende Eleganz und Würde.

TAZ, 02.11.2005

Bert Rebhandl erinnert an den italienischen Regisseur Pier Paolo Pasolini, der heute vor 30 Jahren ermordet wurde. "Pasolini war zeitlebens auf der Suche nach einer Klasse, deren Vitalität sich gegen den Konformitätsdruck in der Moderne durchsetzen würde. Weil er dabei ständig neue Besetzungen vornahm und neue plebejische Idole fand, musste er immer zugleich erklären und diskutieren, erzählen und dokumentieren, theoretisieren und werben. Sein politisches Ideal war nicht zuletzt von sexueller Attraktivität geprägt. Das Klassensubjekt einer künftigen Gesellschaft entschied sich für ihn auch daran, ob die Menschen schön sind."

Besprochen werden eine Ausstellung im Berliner Literaturhaus über den "Projektemacher, Akzentesetzer, Silbenstecher und Stifter" Walter Höllerer und die Erzählsammlung "Der Zitronentisch" von Julian Barnes (siehe unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und hier Tom.

FR, 02.11.2005

"Nicht komisch, nicht tragisch" findet Christian Schlüter den Abgang von Franz Müntefering und Edmund Stoiber, sondern "nur noch kläglich": "Ohne befreienden Witz und ohne eine die Beteiligten sichtbar schmerzende oder rührende Erkenntnis."

Weiteres: Zu Allerseelen räsoniert Hans-Jürgen Linke in Times mager über das deutsche Bestattungswesen. Und auf der Medienseite buchstabiert Peter Steinke die Bedrohung durch die "Riesenspinne" Google durch: "Die Angst geht um - selbst beim Software-Riesen Microsoft: Als wieder einmal ein MS-Mitarbeiter von Google abgeworben wurde, rastete Konzernchef Steve Ballmer angeblich aus. Er werde Google 'killen', wurde Ballmer zitiert. Er ließ sogleich dementieren."

Besprochen werden eine Ausstellung über psychedelische Kunst in der Frankfurter Schirn Kunsthalle, Herlinde Koelbls Fotografien posierender TV-Kriminalistinnen in der Ausstellung "Die Kommissarinnen" im Deutschen Filmmuseum und Bücher, darunter "Vogelgrippe", eine "Art Kulturgeschichte des Virus" des amerikanischen "Kultautors" Mike Davis, der Roman "Aus der Geschichte der Unterhaltungsmusik" von Erwin Einzinger, eine Biografie über Erika Mann und "Verleugnetes" in der Familie Mann von Viola Roggenkamp (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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NZZ, 02.11.2005

Urs Schoettli erzählt, wie Zehntausende von Juden sich vor dem Holocaust nach Schanghai retten konnten. Ein Visum oder ein Pass war hier nicht notwendig, so dass allein 1939 12 000 Flüchtlinge kamen. "Gegen die Zuwanderung agierten einflussreiche Elemente in Schanghais 3000 Personen zählender deutscher Gemeinde. Bereits 1932 hatte die NSDAP in Schanghai eine Zweigstelle errichtet, und auch die Gestapo operierte mehr oder weniger offen. Dessen ungeachtet begann sich im Stadtteil Hongkou eine 'Jewish Town' mit rund 10 000 Menschen zu etablieren. Obschon rund 70 Prozent der Flüchtlinge nur schlecht und recht durchs Leben kamen, begann bald ein reges Kulturleben zu florieren. Es gab Konzerte, Amateurtheater, und zwischen 1939 und 1946 erschienen in Schanghai mehr als dreißig Zeitungen und Zeitschriften in deutscher, jiddischer und polnischer Sprache."

Günter Seufert weiß, dass die Mehrheit der Türken hinter Friedenspreisträger Orhan Pamuk steht. "Bis auf ganz rechte und extrem kemalistische Blätter hat die Presse von der Preisverleihung wohlwollend und auch mit Stolz berichtet." Thomas Grob stellt den russischen Schriftsteller und "melancholischen Postmodernen" Andrei Bitow vor.

Besprochen werden Sabine Boss' "zum Ende hin vielleicht etwas abfallende" Deutschschweizer Kriminalkomödie "Undercover" mit Viktor Giacobbo sowie Lucian Hölschers "lesenswerte" Abhandlung zur "Geschichte der protestantischen Frömmigkeit in Deutschland".

FAZ, 02.11.2005

Martin Kämpchen versucht, die Lage im Kaschmir nach dem Erdbeben einzuschätzen. Zehntausende werden wohl noch sterben, weil man sie nicht versorgt. Die Rettungsmaßnahmen verzögern sich auch, weil Indien und Pakistan nicht recht wissen, ob sie sich misstrauen oder zusammenarbeiten sollen: "Während die Inder den Opfern sofort Hilfe anboten, zögerten die Pakistaner, nahmen sie schließlich, aber nur unter gewissen Bedingungen, an, steckten wieder zurück, warteten auf offizielle Bestätigungen; dann warteten indische Stellen auf genaue Pläne und Regeln - kurz, ein Wirrwarr von widersprüchlichen Aktionen entstand, in dem Hilfsbereitschaft mit Argwohn, Not mit militärischen Bedürfnissen rang. Diese Phase ist noch nicht überwunden. Es bleibt unklar, ob die Not die Menschen dauerhaft verbinden wird oder ob sie den Terroristen in Kaschmir und in den Städten neue Gelegenheit gibt, Hass und Sezessionswünsche zu schüren."

Weitere Artikel: Andreas Platthaus kommentiert den Rücktritt Franz Münteferings. Gina Thomas mokiert sich in der Leitglosse über ein neues Vademecum mit Fragen nach britischen Eigenarten, das neuerdings einbürgerungswilligen Ausländern zu Prüfung vorgelegt und - und dessen Fragen die meisten Briten selbst nicht zu beantworten wüssten. Henning Ritter schreibt zum Tod des Judaisten Friedrich Niewöhner. Michael Gassmann begutachtet die Orgel in der Frauenkirche. Jürgen Richter fürchtet um den Erhalt der barock-klassizistischen Siechenhofkirche im thüringischen Ohrdruf. Dirk Heißerer stellt einen bisher unbekannten Brief Thomas Manns an einen sinnsuchenden Jugendlichen des Jahres 1954 vor. Auf einer Seite werden Artikel aus einem demnächst erscheinenden Fernsehlexikon vorabgedruckt, an dem FAZ-Redakteure mitarbeiteten.

Auf der Medienseite interpretiert Michael Hanfeld einen neuen Machtkampf zwischen dem Vorstand der Mitarbeiter KG, den Aust-Erben und dem Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust. Ferner berichtet Michael Hanfeld, dass die Senderechte für die Bundesliga noch zu haben sind. Michael Hanfeld meldet auch, dass Dumont-Schauberg in einer Erklärung bekanntgegeben hat, durchaus ernsthafte Kaufabsichten für den Berliner Verlag gehegt zu haben. Und Josef Oehrlein schreibt über ein Fernsehgespräch, dass Diego Maradona für einen argentinischen Sender mit seinem Idol Fidel Castro führte.

Auf der letzten Seite schreibt Amir Hassan Cheheltan einen fröhlich mäandernden Stimmungsbericht aus Teheran über eine Ausstellung westlicher Kunst, das iranische Atomprogramm und den seinem Schicksal gegenüberstehenden iranischen Menschen an und für sich. Niklas Maak gratuliert der Berliner Architekturgalerie Aedes zum 25. Jubiläum. Und Jürg Altwegg nimmt ein Buch (Auszug) des 93-jährigen, in Frankreich verehrten Abbe Pierre aufs Korn, der bekannte, fleischlichen Begierden nachgegeben zu haben und somit womöglich seine Heiligsprechung verspielte.

Besprochen werden eine Ausstellung des Historienmalers Girodet im Louvre, Tim Burtons Film "Corpse Bride", Konzerte des Festivals "Neue Stimmen" in Gütersloh und eine Ausstellung mit Architekturfotografien Julius Shulmans in Frankfurt.

SZ, 02.11.2005

Der Soziologe Heinz Bude erklärt im Aufmacher, warum Gerhard Schröder nun "den Willy Brandt machen", sich der krisengeschüttelten SPD annehmen und sie zu neuen Ufern führen müsse. "Schröders Projekt für die SPD ergäbe sich aus seinem Einsatz für die Umgestaltung des deutschen Sozialstaates: Die Arbeit am Mythos des europäischen Sozialmodells, das seine automatischen Ressourcen verloren hat, aber seine moralischen Verpflichtungen nicht aufgeben kann. Es ginge darum, 'Fordern und Fördern' nicht nur als populäre Formel zu verkünden, sondern als sozialdemokratisches Projekt zu begründen. Dafür war Müntefering natürlich nicht der Richtige." Auch Edmund Stoibers Rückzug deutet Bude positiv, als Chance für einen Generationswechsel. Nun könne Angela Merkel endlich "über ihren Schatten springen und Friedrich Merz ins Kabinett holen".

Unter der Überschrift "Diaspora lernen" zeigen die Soziologen Michal Bodemann und Gökce Yurdakul, wie sich türkische Einwanderer am Vorbild deutscher Juden orientieren. So hätten etwa türkische Repräsentanten damit "begonnen, sich des jüdischen Narrativs zu bedienen: Gedenkfeiern zu den Pogromen in Mölln und andernorts beispielsweise nehmen sich das Gedenken an die Novemberpogrome 1938 zum Vorbild und jüdische Repräsentanz ist bei diesen Anlässen besonders erwünscht."

Weitere Artikel: Alexander Menden informiert über den drohenden Bankrott britischer Orchester aufgrund von Steuernachzahlungen. Eva-Elisabeth Fischer berichtet vom 10. Holland Dance Festival in Den Haag, wo es viele Überraschungen und einige "sexuelle Untiefen" gab. Martin Knoben resümiert die in diesem Jahr "eher durchschnittlichen" 39. Hofer Filmtage, auf denen sie "viel Braves" gesehen hat. Holger Liebs schreibt einen Nachruf auf den als "Plakatabreißer" bekannt gewordenen französischen Künstler Raymond Hains.

Besprochen werden Tim Burtons Film "Corpse Bride", ergänzt um ein Interview mit Burton, eine umfangreiche Retrospektive mit Arbeiten von Rudolf von Alt in der Wiener Albertina, eine zweiteilige Inszenierung von Berlioz' "Les Troyens" in Duisburg und Düsseldorf und ein Münchner Konzert mit dem Geiger Pinchas Zukerman. Außerdem Bücher, darunter der Roman "Der goldene Pelikan" von Stefan Chwin, Antal Szerbs Roman über Marie Antoinette "Das Halsband der Königin", ein Sammelband zur "Anatomie der Subjektivität" sowie die Hörversion von Brian Stanley Johnsons "Christie Marys doppelte Buchführung", gelesen von Martin Semmelrogge (siehe auch unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).