Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
01.11.2005. In der NZZ erklärt der Birminghamer Ethnologe Tahir Abbas Großbritanniens muslimische Führungsfiguren für gescheitert - und zwar auf allen Ebenen. Die taz bewundert Rosemarie Trockels Strickarbeiten in Petersburger Hängung, in denen die FR sogar die frühe Version einer postfeministischen Kampftechnik erkennen möchte. In der Welt hofft Richard Schröder auf ein Dresdener Wunder für Berlin. Die FAZ bewundert Julia Hummer für ihre dylanhafte Nonchalance.

NZZ, 01.11.2005

Tahir Abbas, Leiter des Centre for the Study of Ethnicity and Culture an der University of Birmingham, plädiert angesichts der Radikalisierung muslimischer Jugendlicher in Europa für einen "direkten und sachlichen Dialog". Allerdings haben in dieser Hinsicht, meint Abbas, "Behörden und Autoritätspersonen auf allen Seiten bis anhin versagt": "Man könnte sogar behaupten, dass Englands muslimische Führerfiguren, ob sie nun auf politischer, kultureller, intellektueller oder theologischer Ebene wirkten, durch die Londoner Attentate endgültig desavouiert wurden. Wenn viele junge Muslime desorientiert sind und im Gefühl leben, ihre bürgerlichen Rechte würden ihnen vorenthalten, dann liegt die Ursache dafür nur teilweise im größeren sozialen Kontext; vor allem aber hat die Elterngeneration diese jungen Menschen im Stich gelassen."

Weiteres: Uwe Justus Wenzel berichtet vom Fall des evangelisch-katholischen Theologen Klaus Berger, dem "Doppelagenten Jesu". Sabine Haupt stellt das Genfer Kulturzentrum Maison du Grütli vor, das sich unter der neuen Leitung von Michele Pralong und Maya Bösch mit Enthusiasmus der spartenübergreifenden Vielfalt verschrieben hat.

Besprochen werden die Aufführung von Berlioz' "Les Troyens" in Duisburg und Düsseldorf sowie Samuel Becketts Gedichte "Trötentöne/Mirlitonnades" in der Neuübersetzung von Barbara Köhler (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages).

TAZ, 01.11.2005

Isabelle Graw verleiht der Schau zum bisherigen Werk der Künstlerin Rosemarie Trockel im Museum Ludwig Köln das Prädikat "souverän". Besonders gut gefällt ihr der Heldensaal, wo Trockels sämtliche Strickarbeiten in Petersburger Hängung zu sehen sind. "Die Masche tritt folglich als malerische Figur auf. Dazu eignet sie sich deshalb besonders gut, weil Anonymität und Ausdruck in ihr zusammenfallen. Sie ist bei Trockel zumeist maschinell hergestellt und legt zugleich ein eigenwilliges Verhalten an den Tag, zumal Maschen bekanntlich unterschiedlich fallen. Anders ausgedrückt, ist die Masche bei Trockel Träger einer Art 'Restexpression'."

Weiteres: Christian Rath erfährt auf der Weltmusikmesse Womex in Newcastle-Gateshead, dass zumindest bei afrikanischer Musik die Franzosen dank ihrer Fördergelder den Ton angeben. Barbara Schweizerhof sieht auf den Hofer Filmtagen nur Arbeitslose, ob nun als Haupt- oder Nebenfiguren. Geld macht glücklich, lernt Robert Misik von der Glücksforschung, aber nur wenn man mehr als die Nachbarn hat. In der zweiten taz ruft Arno Frank die Musikerin Kate Bush, die nach zwölf Jahren Abstinenz bald ihr Album "Aerial" veröffentlichen wird, zur wahren "Königin des Pop" aus, neben deren klanglichen Fähigkeiten Madonna zur bloßen Verkleidungskünstlerin verblasst. Der Mediävistiker Eckhard Freise sorgt sich bei der Umbenennung des Westfalenstadions in "Signal Iduna Park"nicht um die Dortmunder Identität. "Dort-Mund war ohnehin nur eine westfränkische Besatzersiedlung auf konfisziertem Königsland." Jony Eisenberg bangt um die Bürgerrechte in der Großen Koalition.

Im Interview mit Daniel Bax auf den Tagesthemenseiten meint Gideon Levy, Chefredakteur der Wochenendbeilage der Tageszeitung Ha'aretz: "Israel ist heute ein viel rassistischeres Land als irgendein Land in Europa. Ein Araber in Israel zu sein, ist mit mehr Nachteilen und Diskriminierungen verbunden, als irgendwo auf der Welt ein Jude zu sein." Auf der Meinungsseite beklagt Nick Reimer nach Robert Misiks Kultur der Panik nun eine Kultur der Ignoranz in Gesellschaft und Politik, die sich von wissenschaftlichen Ergebnissen nicht mehr beeinflussen lassen.

Die einzige sonstige Besprechung widmet sich einer "anregenden" Ausstellung über den Film in der Kunst in der Kunsthalle Baden-Baden.

Und Tom.

FR, 01.11.2005

Elke Buhr deutet Rosemarie Trockels nun in einer Werkschau im Kölner Museum Ludwig ausgestellten Strickbilder als Beitrag im Krieg der Geschlechter. "Das ist nicht zuletzt eine frühe Version der postfeministischen Kampftechnik, sich Girlie-Zöpfe zu flechten und angesichts allgemeiner Misogynie auf Stöckelschuhen die Flucht nach vorne anzutreten." Und in Times mager gibt Christian Schlüter Tips fürs Heiraten in Italien.

Besprochen werden außerdem die "überzeugende" Werkschau des Turner-Preisträgers Jeremy Deller im Münchener Kunstverein, Christof Loys Inszenierung von Hector Berlioz' "Les Troyens" in der Deutschen Oper am Rhein in Duisburg und Düsseldorf, und Bücher, darunter die Memoiren des Dirigenten und Komponisten Michael Gielen sowie Gerd Helds Gedanken zu "Territorium und Großstadt" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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FAZ, 01.11.2005

Der protestantische Theologe Klaus Berger verteidigt sich gegen den Vorwurf, seinen Katholizismus verborgen zu haben: "Wenn ein Fall schwierig ist, sollte man das nicht, wie in der Titelseitenankündigung des Artikels von Edo Reents (FAZ vom 27. Oktober), zuerst dem Opfer ankreiden ('K. Berger verschleiert') und nicht seine mangelnde Offenheit und Klarheit beklagen. Denn wenn alle meine Aussagen wahr sind (wofür ich mich verbürge), dann kommt es darauf an, wie man das Mosaik zusammenlegt. Diese Aussagen sind: 'Ich bin nie aus der katholischen Kirche ausgetreten', 'ich bin Mitglied der Evangelischen Kirche', 'ich bin katholisch nach Herz und Heimat', 'ich bin ökumenisch in der Theologie und habe nie etwas anderes darüber gehört'. Wenn alles das zugleich wahr ist, gibt es nur eine richtige Lösung: Der Fall ist auf dem sanften Weg des Übertritts geregelt worden."

Weitere Artikel: Im Aufmacher legt Dietmar Dath dar, dass Heidegger der eigentliche Vordenker von Schwarzgrün sei. Andreas Rosenfelder hat die Schauspielerin Julia Hummer mit ihrer Band in Köln gehört und war angenehm überrascht von dem dylanhaften Auftritt: "Wie sie einen knappen Halbton unter jeder Note vorbeizielt, als würde sie lustlos Dartpfeile werfen, das kann man nur als kunstvolle Imitation bezeichnen." Frank Pergande berichtet über die Restaurierung eines Schlosses im mecklenburgischen Mirow. Thomas Wagner schreibt zum Tod des bretonischen Künstlers Raymond Hains.

Auf der letzten Seite erzählt Pia Reinacher, was sie bei der Lektüre von Arnold Stadlers Essay "Mein Stifter" (Dumont) gelernt hat: "In Wahrheit hatte Stifter eine Anlage zur Gewalt. Einmal steckte er die Katze ins Ofenrohr, die von Mutter und Großmutter im letzten Moment gerettet wurde." Hannes Hintermeier hat beobachtet, wie sich im Karmeliterkloster San Silvestro "fünfzehn deutsche Lateinschüler Stund um Stund, vier lange Arbeitstage ... und "unter kundiger Anleitung mehrerer Professoren eine Schneise" durch die "Bekenntnisse" des Aurelius Augustinus fräsen. Michael Jeismann kommentiert die Jagd französischer Polizisten auf zwei unbescholtene Jugendliche im Pariser Vorort Clichy-sous-Bois, die auf der Flucht in einem zwanzigtausend-Volt-Transformator starben.

Besprochen werden eine Doppelausstellung über das "Zuwanderungsland Deutschland" im Deutschen Historischen Museum Berlin, die Willem-de-Kooning-Ausstellung im Kunstmuseum Basel, Lukas Bärfuss' Stück "Der Bus" im Wiener Akademietheater, Christof Loys Inszenierung von Berlioz' "Die Trojaner" am Rhein und die Fotoausstellung "Neues Sehen" in der Berliner Kunstbibliothek.

Welt, 01.11.2005

Richard Schröder, SPD-Politiker und Vorsitzender des Fördervereins Berliner Schloss, möchte, dass auch in Berlin gelingt, was in Dresden bereits gelungen ist, und ist zuversichtlich, dass das klappt: "Die historische Fassade soll aus Spenden finanziert werden. 80 Millionen Euro sind dafür nötig. Obwohl der Baubeginn noch gar nicht feststeht, gibt es bereits über zehn Millionen fest zugesagter Spenden. Der Verband der Steinmetz-Innungen Deutschlands hat zugesagt, in Zukunft als Gesellenstücke und Meisterstücke unentgeltlich Teile der Schlossfassade fertigen zu lassen. Nur das Material müsste gestellt werden. Wer sagt eigentlich, dass in wirtschaftlich schlechten Zeiten auch die Stimmung schlecht sein muß? Die Fassade würde über mehrere Jahre 800 Arbeitsplätze schaffen, vollständig aus Spenden finanziert."

Weiteres: Eckhard Fuhr spricht mit Ludger Honnefelder, neuer Guardini-Professor für "Religionsphilosophie und katholischer Weltanschauung" an der Humboldt-Universität in Berlin, der die Universität als Ort des Dialogs zwischen Geistes- und Naturwissenschaften wiederbeleben möchte. Dankwart Guratzsch schildert die Stimmung im dank Frauenkirche überwältigten Dresden am Reformationstag. Manuel Brug fürchtet um das kulturelle Ansehen Deutschlands, wenn jetzt wieder über den Etat der Berliner Philharmoniker diskutiert wird.

Auf der Medienseite weist Jochen Hehn anlässlich der nur vorübergehend abgewendeten Insolvenz von "France Soir" auf die prekäre Lage der französischen Tageszeitungen hin.

Besprochen wird die Schau "Entdecken und Besitzen" im Wiener Museum für Moderne Kunst, in der in zehn Räumen zehn bisher nicht gezeigte Privatsammlungen präsentiert werden.

Berliner Zeitung, 01.11.2005

Birgit Walter und Wolfgang Fuhrmann berichten (leider nicht online) aus den Verhandlungen um den Berliner Kulturetat, bei denen der Kulturmacher dem Kulturmacher zum Wolf wird. Besonders die Vertreter der Schaubühne, Direktor und Regisseur Thomas Ostermeier auf der einen Seite sowie die scheidende Sasha Waltz und ihr Manager Jochen Sandig auf der anderen Front kämpften um ihre Anteile und gaben ein "höchst unwürdiges Schauspiel" ab. "Ostermeier rechnete vor, dass sein Zuschauer-Erfolg viel größer sei als der von Waltz. Schitthelm sagte, die Choreografin solle die Schaubühne mit nur 383 500 Euro verlassen, keinesfalls 500 000, wie offenbar von der Verwaltung angedacht."

SZ, 01.11.2005

Die Bayern begehen Allerheiligen und lesen die Zeitung von gestern.