Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.09.2005. In der taz bewältigen Daniel Cohn-Bendit und Claus Leggewie gemeinsam die deutsche Gegenwart. Die FR ist in einer derartig verdrehten Sexualform. Die FAZ rät arbeitslosen Hochqualifizierten zur Emigration nach Indien und Kate Moss zur Einwanderung nach Deutschland. In der Welt erklärt die Hamburger Chefdirigentin Simone Young, warum sie gerne bunte Programme dirigiert. Die NZZ kritisiert die ungebremste Egomanie deutscher Künstler, die permanent oberflächliche Meinungen zur deutschen Politik kundtun. Die SZ analysiert die deutsche Bewunderung für Skandinavien.

TAZ, 21.09.2005

In einem gemeinsam unterzeichneten Essay versuchen Daniel Cohn-Bendit und Claus Leggewie auf den Tagesthemen-Seiten den komplizierten Wählerauftrag zu interpretieren. "Gegen die Schröder'sche Kanzlerdemokratie - mit ihren Chefsachen, Kommissionen und gefühlten Mehrheiten - muss man die ramponierte parlamentarische Demokratie stärken. Auf Dauer diktieren ohnehin nicht mehr die Parteikartelle der schwachen Großen die Spielregeln, und im Europäischen Parlament wird gelegentlich vorexerziert, wie man auch mit variablen Mehrheiten vernünftig Politik macht. Es gibt einen untergründigen Trend zur Europäisierung der politischen Systeme und Usancen, ein Referenzraum europäischer Öffentlichkeit und Kommunikation wächst zusammen, ohne dass es den nationalen Akteuren immer klar wäre. Es wäre gut, wenn die Grünen auch in dieser demokratiepolitisch bedeutsamen Frage nicht links oder rechts, sondern vorn wären."

Zu lesen ist außerdem ein Nachruf auf den Holocaust-Überlebenden und Nazi-Verfolger Simon Wiesenthal, dessen Wiener Zentrum zuletzt aber auch in der Kritik stand und mit "umstrittenen Mitteln" nach NS-Tätern gesucht haben soll. (hier und hier). Auf der Meinungsseite begründet Stefan Reinicke, weshalb aus dem so genannten Jamaikabündnis nichts werden wird: weil FDP und Grüne Welten trennten.

Nennt die FAZ ihre Quellen nicht, oder kennt sie sie nur nicht? Das fragt sich Jürgen Berger im Kulturteil. Der Stroemfeld Verlag hatte der FAZ eine kleine literaturgeschichtliche Sensation mitgeteilt: Goethes berühmtestes Gedicht "Wanderers Nachtlied" ist erstmals 1800 erschienen und nicht, wie man bisher glaubte, 1815. Zwei Wochen später veröffentlichte der Germanist Wulf Segebrecht einen Artikel in der FAZ, wo er diese Entdeckung bekanntgab, aber ohne auf die eigentlichen Finder des Gedichts hinzuweisen. "Bleibt die Frage, warum Segebrecht auf die Publikation nicht eingeht. Hatte er Kenntnis vom Reuß-Aufsatz und unterschlug ihn? Oder kannte er den Aufsatz tatsächlich nicht und kam parallel zum selben Befund? Im ersten Fall hätte Segebrecht als Wissenschaftler nicht unbedingt korrekt gehandelt. Im zweiten muss man sich fragen, warum die FAZ ihren Autor nicht davon unterrichtet hat, dass zur gleichen Zeit eine Veröffentlichung zum selben Thema herausgekommen war. Spricht man mit Wulf Segebrecht, ist die Antwort eindeutig. 'Es war mir nicht bekannt, dass die Kleist-Kenner das inzwischen auch ermittelt hatten', sagt er". (Mehr über diesen Streit beim Institut für Textkritik)

Weiteres: Max Hägler erklärt, inwiefern im "grün-schwarz verschatteten" bayrischen Biergarten die "Kinder des Bürgertums" im Jamaikabündnis ganz "sozial, ökologisch, basisdemokratisch und pazifistisch" zueinander finden könnten. Jochen Becker stellt die Wiederauflage des Bewegungsklassikers "Züri brännt" auf DVD vor und fragt, ob die Schweizer 80er-Revolte womöglich kein Protest gegen Modernisierung, sondern die "Sehnsucht nach Stadterfahrung und Global City" gewesen ist. Nina Apin schreibt über den Alltag von Halle-Neustadt, dessen charakteristischer "Leerstand" derzeit von Schauspielern, Architekten und Künstlern aus aller Welt während der "Internationalen Sommerschule Halle" attackiert wird.

Und Tom.

FR, 21.09.2005

In einem kleinen Artikel widmet sich der Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch der Entstehung der sexuellen Frage. "Es ist eine historische Errungenschaft, wenn die Essensfrage um die soziale und die soziale Frage um die sexuelle und geschlechtliche Frage erweitert wird. Das, was bei uns Sexualität genannt wird, ist aber eine provinzielle und in sich paradoxe Errungenschaft. Denn das Sexuelle wird gleichzeitig dramatisiert und verschwiegen, hervorgehoben und verborgen, verlangt und verboten, verallgemeinert und individualisiert. Eine derartig verdrehte Sexualform gibt es nur in Europa und Nordamerika."

Weitere Artikel: Christian Holl stellt den Bau des Architekten Max Dudler für das Museum Ritter im schwäbischen Waldenbuch vor, das nun die Kunstsammlung von Marli Hoppe-Ritter, einer Enkelin des Gründers der Schokoladenfabrik, beherbergt und in dem das Quadrat nicht ungefähr eine Rolle spielt. In Times mager räsoniert Hilal Sezgin am Beispiel der Familie einen Landarztes Jahrgang 1895 über die Gefahren der Vorsicht.

Besprochen werden Inszenierungen von Tschechows "Drei Schwestern" am Schauspiel Hannover und Dürrenmatts "Das Versprechen" im Hamburger Thalia Theater, außerdem Bettina Bruiniers Inszenierung von Kleists "Amphytrion" am Mainzer Staatstheater und ein "pointiertes" Konzert des Kammertrios Lisa Batiashvili, Adrian Brendel und Till Fellner mit Beethoven, Schumann, Mauricio Kagel an der Alten Oper Frankfurt.

FAZ, 21.09.2005

In einer Serie für Auswanderer, die unsere verzagte Republik verlassen wollen, meldet Martin Kämpchen großen Bedarf für Indien an: "Die südindische Zeitschrift The Week hat Anfang August aufgezählt, dass Computeringenieure und Fachleute im Bereich der Informationstechnologie fehlen, ebenso Piloten, Flugzeugingenieure und Ingenieure in der Automobilindustrie. Fachärzte und Spezialisten im gehobenen Gesundheitswesen, Spezialisten in der Biotechnologie, der Pharmaindustrie und in den lebensmittelverarbeitenden Industrien würden verzweifelt gesucht. In einem so riesigen Land wie Indien gehen die Defizite sofort in die Hunderttausende."

Für die letzte Seite besucht Kerstin Holm das vor kurzem eröffnete Deutsche Historische Institut in Moskau und erläutert einen seiner Hauptzwecke: "Ein ewiges Problem, bei dessen Bewältigung das Deutsche Historische Institut mithelfen will, ist der Zugang zu russischen Archiven. Persönliche Kontakte sind entscheidend. Wer sie nicht hat, kommt auch an Dokumente aus nicht gesperrten Beständen oft nicht heran."

Weitere Artikel: In der Leitglosse schreibt Michael Jeismann zum Tod von Simon Wiesenthal. Dirk Schümer folgt neuesten Peripetien im chaotischen Personalgerangel an der Mailänder Scala. Gemeldet wird, dass Jürgen Habermas den mit 575.000 Euro dotierten Preis der Ludvig-Holberg-Gedenkstiftung aus Norwegen erhält. Michael Gassmann liest eine Handreichung der Kirchen über Musik in Kirchenräumen und fragt sich, was dort unter dem Begriff "religiöse Musik" verstanden wird. Jürgen Kaube berichtet von der Vorstellung der religiösen Enzyklopädie Religion in Geschichte in Gegenwart in Berlin. Annette Zerpner begleitet das Kinderliteraturfestival in Berlin auf neuen Wegen. Werner Jacob nimmt ein Modell des von Zaha Hadid entworfenen künftigen Kulturhauses der Stadt Basel in Augenschein. Der Kulturwissenschaftler Nico Stehr und der Meteorologe und Donaldist Hans von Storch fragen nach "Katrina", wie eine Klimapolitik aussehen soll, die vor derartigen Katastrophen schützt.

Auf der Medienseite berichtet Gina Thomas über eine von Rupert Murdoch kolportierte Äußerung Tony Blairs über die angeblich amerikafeindliche Berichterstattung der BBC aus New Orleans.

Auf der letzten Seite berichtet Hannes Hintermeier von der Pressekonferenz des neuen Leiters der Frankfurter Buchmesse, Jürgen Boos. Und Felicitas von Lovenberg rät dem von einem Drogenskandal heimgesuchten Mannequin Kate Moss zur Emigration nach Deutschland.

Besprochen werden eine Franz-Marc-Ausstellung in München ("Marc legt dem Betrachter die Schöpfung gewissermaßen noch einmal in die Hände, transformiert in eine Fremdheit, die nur Kunst schaffen kann", schreibt eine beglückte Rose-Maria Gropp, das FAZ.Net bringt Bilder), Jacques Audiards Film "Der wilde Schlag meines Herzens", Dürrenmatts "Versprechen" im Hamburger Thalia Theater und Juri Andruchowytschs "Orpheus" und Lessings "Nathan" in Düsseldorf.
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Welt, 21.09.2005

Zum ersten Mal ist in einer bedeutenden deutschen Oper eine Chefdirigentin (und Intendantin) angetreten, Simone Young in Hamburg. Im Gespräch mit Manuel Brug erläutert sie ihre Pläne: "Ich möchte mich nicht so einengen. Ich bin am Pult vor der Partitur von 'La Traviata' genauso glücklich wie vor der 'Turangalila--Sinfonie' von Messiaen. Ein Opernhaus wie dieses braucht einen bunten Spielplan, ich bewege mich bewusst durch das gesamte Repertoire."

Weitere Artikel: Stefan Tolksdorf besucht das ganz dem Quadrat in der Kunst gewidmete Museum Ritter in Stuttgart. Michael Stürmer fragt, ob es überhaupt noch traditionelle Konservative gibt. Michael Pilz sucht nach Jamaica im deutschen Unterbewussten. Sven Felix Kellerhoff stellt das monumentale Buchprojekt "Der Ort des Terrors" über das KZ-System der Nazis vor.

Besprochen werden Gert Jonkes Stück "Die versunkene Kathedrale" in Wien und Hans Werner Henzes "Bassariden" in Köln.

NZZ, 21.09.2005

Joachim Güntner hat sich im deutschen Kulturbetrieb unter anderem bei Thomas Brussig, Alexander Kluge und Martin Walser nach Meinungen zum Ergebnis der Bundestagswahl umgehört und wundert sich über die grenzenlose Auskunftsfreudigkeit einiger Künstler und Schriftsteller: "Irritierend ist daran nicht die ungebremste Egomanie, mit welcher so manche Befragten ihre politischen Präferenzen zum Besten geben. Das eben will man ja hören, darauf hat der Medienbetrieb sich und sie dressiert. Unbefriedigend aber darf man finden, dass es in der Regel beim wahlkämpferischen Erguss bleibt. Ein bisschen mehr Analyse, Sondierung eines doch allgemein als Überraschung geltenden Wahlergebnisses, wäre zu wünschen."

Weitere Artikel: Kerstin Stremmel besucht die Austellung "Ansichten Christi" im Kölner Wallraf-Richartz-Museum und ist höchst erfreut über die "eigenwillige, aber sinnvolle thematische Abfolge". Marc Zitzmann meldet das Angebot des russischen Künstlers Surab Zereteli, dem bretonischen Dörfchen Ploermel eine sieben Meter hohe Bronzestatue von Papst Johannes Paul II. zu schenken.

Besprochen werden Bücher, darunter Kirsten Mahlkes historische Betrachtung auf Amerika "Offenbarung im Westen" und Eginald Schlattners letzter Teil der "Siebenbürgen"-Trilogie "Das Klavier im Nebel".

Berliner Zeitung, 21.09.2005

Auf der Kommentarseite prophezeit Christian Bommarius kühl eine große Koalition. Ohne Merkel: "Die 98,6 Prozent, die sie bei ihrer Wiederwahl als Fraktionsvorsitzende erhielt, verlängern nicht ihre politische Lebenserwartung, sondern steigern nur ihren Wert als Pfand in den anstehenden Koalitionsverhandlungen." Und ohne Schröder: "Schröders derzeit zu besichtigender Versuch, eine - von ihm schon immer gewünschte - große Koalition unter seiner Führung durchzusetzen, wirkt wie ein Musterbeispiel machiavellistischer Praxis, ist aber ein Lehrstück aus dem Handbuch des Hochstaplers. Er hat gedroht, eine große Koalition unter christdemokratischer Führung werde es mit ihm nicht geben - nun, dann gibt es sie vermutlich ohne ihn. Die Partie um die große Koalition verlangt ein Damenopfer. Die Union wird es mit Merkel leichten Herzens erbringen, aber dafür von der SPD fordern, ihren König - Gerhard Schröder - Matt zu setzen."

SZ, 21.09.2005

Im Aufmacher beschäftigt sich Thomas Steinfeld mit dem Phänomen der deutschen Bewunderung für Skandinavien quer durch alle politischen Lager. Dort sei gelungen, wovon man "hierzulande zu lange vergeblich träumt: die Integration einer beinahe amerikanischen Marktwirtschaft in den Sozialstaat, mit stetem Wachstum und regelmäßigen Überschüssen im Staatshaushalt". Die beneidenswerte Offenheit des Arbeitsmarkts etwa habe verschiedene Gründe, einer davon: "Die Bosheit, die es braucht, um aus Arbeit und Arbeitslosigkeit eine Frage von Charakter und Durchsetzungsfähigkeit zu machen, und umgekehrt: die schwärmerische Bewunderung, ja Zuneigung, die hierzulande jedem halbwegs erfolgreichen Unternehmer gezollt wird, sind Produkte einer Moralisierung der Arbeit, die in den skandinavischen Ländern unbekannt ist."

Am Kunstkrimi um ein Tizian-Bild, das nach Entfernung seiner Übermalung nun sieben Millionen Euro wert ist, zeigt Stefan Koldehoff, wie schwierig die Echtheit von Kunstwerken zu beweisen ist. Lothar Müller kommentiert das Gerangel von Fernsehen und Printmedien um die Rolle des "Leitmediums" und wie sich der Kanzlerauftritt vom Wahlabend hier einreihen lässt: in "diesem bellenden Kanzler" schien der "bissige Geist einer Kampagne in der Boulevardzeitung Gestalt angenommen zu haben".

Auf der Schallplattenseite porträtiert Karl Bruckmann Evan Parkers Electro-Acoustic Ensemble, in der Kurzbesprechungs-Kolumne "Das dreckige Dutzend" geht es unter anderem, um neue Alben von Kevin Koyne, Al Kooper und John Prine. Wiederentdeckt wird der britische Songwriter Bill Fay, vorgestellt wird das zweite Album der Gruppe Hidalgo. Zu lesen ist außerdem ein Interview mit dem etwas bizarren (wallende Gewänder, Rauschebart, schulterlange Locken) Singer/Songwriter Devendra Banhart.

Besprochen werden außerdem der Horrorfilm "Dark Water" (mehr) von Walter Salles, ergänzt um ein Interview mit der Hauptdarstellerin Jennifer Connelly, eine Inszenierung von Gert Jonkes "Die versunkenen Kathedrale" am Wiener Burgtheater, die Aufführung von Mike Leighs neuem Stück "Two Thousand Years" in London, eine Aufführung von Haydns berühmtester Oper "L?anima del filosofo" bei den Eisenstädter Haydn-Tagen und Bücher, darunter eine Studie über das römische Gastmahl und der Briefwechsel zwischen Karl August Böttiger und Auguste Duveau. (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr)