Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.09.2005. Die Schockwellen der Wahl haben nun auch das Feuilleton erreicht. In der SZ beschreibt der Politologe Franz Walter, wie sich die Gesellschaft in neue Stämme auffächert. Paul Nolte benennt sie in der taz: kulturelle Optimisten und Pessimisten. In der Welt findet Jörg Immendorf die PDS unappetitlich. Die FAZ versucht die Stimmung auf Wahlpartys sowie Schröders Allmachtsgefühle nachzuempfinden.Die FR sieht ein Revival der Konsensdemokratie. Nur die NZZ bleibt unpolitisch und bestaunt das Premierenfeuerwerk in Basel.

TAZ, 20.09.2005

Die taz gibt sich heute komplett dem Rausch der Politik hin: Die Parteien denken noch in Lagern, doch die Wähler sind schon weiter, kommentiert der Historiker Paul Nolte das Wahlergebnis gegenüber Thilo Knott in der zweiten taz. "Die Gesellschaft ist nicht mehr strukturiert nach den Etiketten 'konservativ' und 'links', wie es die Parteien gerne hätten. Es gibt vielmehr einen Kulturkampf zwischen kulturellen Optimisten und kulturellen Pessimisten. Da geht es nicht darum, ob ich mit Kirchhofs Modell nun 300 Euro mehr in der Tasche habe. Es geht auch um ein Lebensgefühl, um optimistische Weltbilder. Schröder hat bei der Agenda 2010 gesagt: Ich kann nicht anders. Er und Merkel hätten sagen sollen: So stelle ich mir eine gerechte Gesellschaft vor - und deshalb sind diese und jene Maßnahmen nötig. Das macht den Unterschied."

"Das Schwierige am politischen Poker - und jetzt ist die Zeit des Zockens - ist", meint Robert Misik im Kulturteil, "dass man ein Gespür braucht für den rechten Begriff zur rechten Zeit. Und dafür, ob die Zeit reif für den Begriff ist. Gehen die Grünen morgen in eine Koalition mit der Union und der FDP, dann wird man sie des 'Verrats' zeihen - tun sie es in sieben Wochen, zeigen sie sich vielleicht als 'offen für Neues'. Die FDP kann natürlich heute nicht Ja zur Ampel sagen, sie würde sich wieder einmal als 'opportunistisch' erweisen. Aber wenn die Hängepartie etwas länger dauert, steht der Grundwert der Liberalen, die 'Flexibilität' nämlich, womöglich wieder höher im Kurs."

Weiteres: Diedrich Diederichsen plädiert für eine Neuerfindung der Linken, nachdem sie von der Wählerschaft eine Mehrheit erhalten hat. Es sind die drei kleineren Parteien, die jede für sich die entscheidenden Parameter der zukünftigen Diskussion verkörpern, schreibt Dirk Baecker, während Norbert Bolz gleich darunter die große Politik verabschiedet. Es herrscht zwar Unruhe in der Politk, doch in Weimar sind wir noch lange nicht, beruhigt Jürgen Busche die Leserschaft. Tobias Rapp deutet das "kiefermahlende Dauergegrinse" des Kanzlers am Wahlabend als konsequenten Höhepunkt des Schröderschen Mafia-Epos. Jan-Hendrik Wulf spielt ein wenig mit dem Begriff Vertrauen herum, der diesen Wahkampf von Anfang bis Ende bestimmt hat.

In der zweiten taz werden Impressionen aus dem Deutschland nach der Wahl versammelt. Christian Schneider deutet das Ergebnis optimistisch als Lebenszeichen des deutschen homo democraticus. In zwei gegenübergestellten Kommentaren zu Schröders Performance in der Berliner Elefantenrunde am Wahlabend hält Martin Reichert den Kanzler für einen "coolen Hund", während Philipp Gessler psychoanalytisch geschult abwinkt: "Die Verletzungen in der Kindheit sitzen wohl zu tief."

Auf der Medienseite konstatiert Hannah Pilarczyk das Versagen des politischen Journalismus, der Schwarz-Gelb herbeischreiben wollte, und fordert in Zukunft mehr Distanz zur Politik und mehr Nähe zu den Wählern.

Und nicht vergessen: TOM

FAZ, 20.09.2005

Sechs FAZ-Redakteure haben am Sonntag die Wahlpartys der Parteien besucht und wenig Erfreuliches zutage gefördert. "18 Uhr: Im Willy-Brandt-Haus gefallen sich im fünften Stock vor den zahlreichen Fernsehmonitoren die SPD-Anhänger vor allem darin, ausgiebig über Frau Merkel zu lachen und innerlich und äußerlich die Gläser anerkennend bis in die schwindelerregende Höhe des Selbstvertrauens Gerhard Schröders zu heben - so viel Selbstvertrauen scheint hier jeder einmal im Leben sehr gerne, in Gehaltsverhandlungen mit seinem Chef zum Beispiel, haben zu wollen". Im Konrad-Adenauer-Haus ging es auch nicht sympathischer zu: "Für einen Moment stellt sich die Ausgangssituation bürgerlicher Politik wieder her: die Enttäuschung über den Volkssouverän. Es waren die konfessionellen Vorgängerparteien der CDU, die im neunzehnten Jahrhundert die Liberalen an der Einsichtsfähigkeit des großen Lümmels verzweifeln ließen. 'An einem solchen Abend kommen einem alle möglichen Gedanken.' Sogar der an das einstige Palladium der Steuerbürger: die Wahlrechtsbeschränkung. 'Es muß eine gewisse Prüfung geben, wer wählen darf.'"

Frank Schirrmacher sucht nach einer Erklärung für Gerhard Schröders Auftritt in der Berliner Runde: "Die rabiate, geradezu brutale Größenphantasie, mit der Schröder am Sonntag nicht nur die Moderatoren, sondern auch die deutsche Öffentlichkeit geradezu anfiel, ist ohne das Allmachtsgefühl nicht zu verstehen, das wohl das Instrument der Auflösung des Bundestags und der Neuwahl in ihm ausgelöst hat." Was den Auftritt von Schröder angeht, empfehlen wir unbedingt noch Arno Widmanns Artikel, der schon gestern im Feuilleton der Berliner Zeitung stand, gestern morgen aber leider nicht online war.

Weitere Artikel: Joseph Hanimann informiert uns, dass Jacques Chirac schon in seiner Diplomarbeit beschrieben hatte, "wie gut die Lage von New Orleans sich für einen Hafen, wie schlecht sie sich für eine Stadt eigne". Gina Thomas berichtet über die Aufstellung von Marc Quinns Skulptur der körperbehinderten, schwangeren Alison Lapper am Trafalgar Square. Kersten Knipp war bei der Lesung "Hombroich: Literatur", der ersten nach dem Tod von Thomas Kling. Aro. meldet, dass das Westfälische Landesmuseum in Münster die Cappenberger Scheiben, zwanzig farbige Kirchenglasfenster aus dem Mittelalter, erwerben konnte.

Für die Medienseite hat Judith Lembke die Arbeit der Journalisten von Phoenix am Wahlabend beobachtet. Abgedruckt ist der Schlagabtausch von Nikolaus Brender und Gerhard Schröder in der Berliner Runde. In einem kurzen Interview weist Brender den Vorwurf der "Medienmanipulation", den Gerhard Schröder angesichts des von den Prognosen stark abweichenden Wahlergebnisses erhoben hatte, zurück.

Auf der letzten Seite erzählt Dietmar Dath von seinem Besuch in White Sands, New Mexico, wo 1945 die ersten Atombombentests stattfanden. Niklas Maak porträtiert die spanische Kuratorin Chus Martinez, die Nicolaus Schafhausen als Leiterin des Frankfurter Kunstvereins nachfolgen wird. Und Martin Kämpchen schreibt über die Verbreitung des Handys in Indien.

Besprochen werden zwei Theaterstücke in Wien: Ferdinand Raimunds Zaubermärchen "Der Verschwender" in der Inszenierung von Stefan Bachmann und die Uraufführung von Gert Jonkes "Die versunkene Kathedrale" ("Die Zuschauer tobten vor Begeisterung. Es gab ja auch lebende Gänse auf der Bühne", schreibt Martin Lhotzky), Alexandra Sells Film "Durchfahrtsland", Tina Laniks Inszenierung von Shakespeares "Kaufmann von Venedig" am Deutschen Theater, schließlich Filme auf DVD, darunter die grandiose Trilogie "Infernal Affairs" von Andrew Lau und Alan Mak, eine Louis-de-Funes-Kollektion und Peter Greenaways "Ein Z und zwei Nullen".

NZZ, 20.09.2005

Pünktlich zur Start der Spielzeit im Basler Schauspiel fragt sich Alfred Schlienger angesichts des Premierenfeuerwerks, ob man eine Saison kompromissloser eröffnen kann. Theaterdirektor Lars-Ole Walburg zeigt in seiner letzten Spielzeit "drei neue Projekte, die den traditionellen Theaterbegriff deutlich auszuweiten versuchen. Und spannt dabei den Bogen von einer blutig rasenden Antike über die Logik und Logistik von Shopping-Paradiesen bis hin zu den Zivilschutzbunkern der Gegenwart, die uns vor zukünftigen Gefahren bewahren sollen."

Weitere Artikel: Mit gemischten Gefühlen kehrt Hartwig Vens von der Popkomm zurück: Keine Weltstars, keine Sinnlichkeit der Musik, dafür Goldgräberstimmung bei den digitalen Anbietern. Mark Zitzmann meldet die vorläufige Wiedereröffnung des Grand Palais in Paris, bei der ihn besonders das größte Glasdach Europas "in nie gekannter Transparenz" beeindruckt hat.

Besprochen werden die Wiederaufführung von Rolf Liebermanns "einstmals gefeierter" Moliere-Buffa "Schule der Frauen" in Biel und Bücher, darunter Hanns-Josef Ortheils Roman über eine Verlegerfamilie "Die geheimen Stunden der Nacht" und Dominik Perlers und Markus Wilds philosophische Untersuchung "Der Geist der Tiere" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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Welt, 20.09.2005

Am Donnerstag eröffnet in der Berliner Nationalgalerie eine große Jörg-Immendorff-Ausstellung. Der Maler des "Cafe Deutschland" (hier und hier) spricht im Interview mit Gabriela Walde recht freiherzig über die politische Lage. Auch die PDS kriegt ihr Fett ab: "Das ist doch unappetitlich, wenn die PDS-Nachfolgepartei und deren Spitzenkandidat sich so frech ins Fernsehen begeben dürfen und dabei unzählige Mauertote und andere Schicksale vergessen machen wollen. Und dass dieses 'Ost-Entertainment' bei den West-Spießern auch noch für gute Laune sorgt, das verstehe ich nicht."

Auch im Kulturteil: Eckhard Fuhr stellt fest, dass Deutschland gar keine Mediendemokratie ist.

FR, 20.09.2005

Christian Thomas versucht dem Wahlausgang etwas Positives abzugewinnen. "Denn im Patt drückt sich ein Votum aus, das als souveräner Sarkasmus gelesen werden muss. Es ist einer, der mit einem der geistig-moralischen Fundamente der beiden Volksparteien ernst macht. Gemeint ist damit ihr Mythos von der Alternativlosigkeit ihrer jeweiligen Politik. Jetzt gibt es dank dieses reinen Sarkasmus des Souveräns zu dieser Rhetorik der Alternativlosigkeit doch noch eine. Das Zauberwort, das Türen öffnen soll, heißt Koalitionsgespräche - also ausgerechnet Konsensdemokratie."

Für Harry Nutt beweist der Wahlausgang die bewusste Abkehr vom "stilschwachen Provinzialismus kohlscher Prägung. Als kulturelle Wahl weist das jetzige Ergebnis eine weitgehende Offenheit auf. Es markiert einerseits eine Krise der großen Volksparteien, die eben auch ihre soziale und kulturelle Bindekraft eingebüßt haben. Es verweist andererseits auf den Optionsraum einer bunten Republik, in der sich schon jetzt neue Kombinationen abzeichnen, die bis vor kurzem noch unmöglich schienen."

Weitere Artikel: In Times Mager amüsiert sich Silke Hohmann über den am Wahlabend erfundenen Begriff der Jamaika-Koalition. Außerdem resümiert sie die 9. Istanbul-Biennale für zeitgenössische Kunst.

Besprochen werden die Zürcher Uraufführung von Botho Strauß' "Nach der Liebe beginnt ihre Geschichte" in der Inszenierung von Matthias Hartmann ("raffiniert-exquisites Designertheater", findet Peter Michalzik) und zwei Theaterstücke in Wien - Gert Jonkes "Die versunkene Kathedrale" und Ferdinand Raimunds "Der Verschwender".

SZ, 20.09.2005

Die Gesellschaft tribalisiert sich, die Mitte schrumpft. Das ist das Ergebnis der Wahl, auch wenn die Parteien das immer noch nicht verinnerlicht haben, meint der Göttinger Politikwissenschaftler Franz Walter. "Und so sind die gesellschaftlichen Pole der neuen deregulierten Wissensgesellschaft bezeichnenderweise die beiden einzigen Wachstumsbereiche bei den Bundestagswahlen 2005: hier die fachbrüderschaftlichen Männerseilschaften der bundesdeutschen Manageretagen, die die FDP gestärkt haben; dort die Verlierer im Prozess neuliberaler Destrukturierung, die sich die Linkspartei als wohlfahrtsstaatliche Schutzmacht ihrer fragilen Existenz auserkoren haben. In Deutschland entsteht wieder so etwas wie die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Und falls der nächste konjunkturelle Aufschwung kommt, wird die Kluft zwischen den gleichzeitig erlebten Ungleichzeitigkeiten noch tiefer, noch schwerer erträglich."

Holger Liebs wandelt durch die neunte Kunstbiennale in Istanbul, die diesmal nicht im touristischen Zentrum angesiedelt ist, sondern da ausstellt, "wo es weh tut": "Der Persembe-Pazari-Park ist nicht einmal im neuesten Falk-Plan Istanbuls verzeichnet. Er taucht dort einfach als namenlose grüne Fläche auf. Das Künstlerduo Michael Elmgreen & Ingar Dragset hat an diesen trostlosen Ort einen begehbaren weißen Würfel hingebaut, mit Sitzgelegenheiten, funktionierendem Kamin und Panoramafenster zum Ufer hin. Das Haus ist um einen jener Büsche herumgebaut, unter denen, ein paar Meter weiter, Obdachlose auf Pappmatratzen schlafen."

Weitere Artikel: Norman Foster hat die als "Rostlaube" berüchtigte Bibliothek der FU Berlin saniert und nicht nur zur Zentralbibliothek aller Fachbereiche, sondern auch zum Zeichen höchster Effizienz ausgebaut, lobt Ira Mazzoni. Andrian Kreye berichtet, wie die juristisch versierten Shinnecock-Indianer die Bewohner von Long Island mit Schadensersatzforderungen in Angst und Schrecken versetzen. Wolfgang Schreiber fragt sich in der Zwischenzeit, ob nicht die Pragmatiker aus Politik und Wirtschaft die Avantgarde der Poesie darstellen. Der SZ-Wahlbeobachter Alfred Dorfer packt fürs Erste seine Koffer. Im Medienteil beobachtet Hans-Jürgen Jakobs den Wahlabend aus der Perspektive der Fernsehmacher.

Besprechungen gelten zwei Berliner Aufführungen, Nico Rabenalds "Muxmäuschenstill" im Maxim Gorki Theater sowie Tina Laniks "angebuhte" Version von Shakespeares "Kaufmann von Venedig" am Deutschen Theater, Rainer Werner Fassbinders "Die bitteren Tränen der Petra von Kant" als Oper von Gerald Barry in London, dem Cello-Festival in Kronberg, Rob Cohens Actionfilm "Stealth", und Büchern, darunter Susanne Langes Monografie über das Werk der Fotografen Bernd und Hilla Becher "Was wir tun, ist letztlich Geschichten erzählen", Roberto Espositos Gedanken über "Immunität" und "Gemeinschaft" sowie Ulrich Weinzierls "überwältigend ergiebige" Biografie von Hugo von Hofmannsthal (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).