Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.08.2005. Die knuffig-knusprige Anna Netrebko versetzt die Feuilletons in Schwingung. Die FAZ ruft "Danke, Anna!" Die NZZ seufzt: "Mon Dieu, welche Aufregung". Die SZ gesteht "Überraschung und Glück" beim Hören und Betrachten der "Traviata" in Salzburg. Die NZZ betrachtet außerdem ein Kunstwerk von Xiao Yu in Bern und fragt: Ist der Kopf eines Fötus auf dem Körper einer Möwe echt?

Welt, 09.08.2005

Die Welt druckt heute den ersten Teil eines sehr langen Interviews ab, das der Journalist Aatish Taseer mit dem islamischen Fundamentalisten und "Gotteskrieger" Hassan Butt führte. Butt, 25 Jahre alt, wurde in Manchester geboren, doch für Großbritannien empfindet er "überhaupt nichts. Mit den Briten habe ich kein Problem, doch wenn sie jemand angreift, habe ich damit auch kein Problem." Für Butt hat der Westen keine Zukunft. "Ich habe gerade das Buch 'Jihad' von Giles Kepel gelesen - nicht, um daraus etwas zu lernen, sondern um herauszufinden, ob diese Menschen uns verstehen. In der Vergangenheit, ich meine vor 100 oder 200 Jahren, konnten die Briten das osmanische Kalifat oder andere islamische Reiche deshalb so schnell zerstören, weil sie unter den Moslems lebten und sich Mühe gaben, das zu verstehen, was sie zu zerstören trachteten. Heute ist den Sicherheitskräften die Fähigkeit abhanden gekommen, zu begreifen, wie Moslems ticken - ich meine natürlich echte Moslems, solche, die sich nicht schämen, über ihre Überzeugungen zu reden. Aus diesem Grund wird dieser Krieg gegen den Terror verloren gehen, eben weil Leute wie Kepel uns nicht verstehen." Der zweite Teil des Interviews erscheint morgen. Das Original können Sie in Prospect lesen.

FAZ, 09.08.2005

Recht beschwingt kommt Eleonore Büning aus der Salzburger "Traviata" unter Willy Decker und Carlo Rizzi. Besonders freut sie sich über die allgemeine Anteilnahme am Ereignis: "Dass die Gattung Oper diese massenhafte mediale Aufmerksamkeit genießt und einmal ausnahmsweise nicht als elitäres Minderheitenprogramm gehandelt, sondern zur besten Sendezeit dargeboten wird, liegt wohl in erster Linie daran, dass die knuffig-knusprige russische Sopranistin Anna Netrebko sich so gerne fotografieren und interviewen lässt. Danke, Anna! Aber auch der muntere mexikanische Startenor Rolando Villazon mit seinen Kulleraugen und Clownerien ist ein gefundenes Fressen für die Medien. Beide sprühen Jugend, Leben, Temperament. Es wäre beinahe nicht nötig, dass sie zu allem Überfluss auch noch so fabelhaft singen."

Weitere Artikel: In der Leitglosse erinnert Dirk Schümer daran, dass Silvio Berlusconi fast siebzig ist, was er aber durch wiederholte Haarverpflanzungen in den Sommerferien zu kaschieren sucht. Henning Ritter macht sich im Aufmacher Gedanken um Neuwahlen und Föderalismus. Andreas Kilb schreibt zum Tod von Ilse Werner. Der amerikanische Professor David Poeppel gibt zwar zu, dass seine Provinzuni (die University of Maryland) viermal so gut dotiert ist wie die Humboldt-Universität, macht aber als eigentliches Problem der deutschen Unis die grassierende Mutlosigkeit aus: "No guts no glory". Peter Jochen Winters freut sich, dass die Berliner Statue Leopolds I., des Fürsten von Anhalt-Dessau (1676 bis 1747) an ihren angestammt Platz zurückgekehrt ist. Hardy Reich schildert eine Begegnung mit dem venezolanischen Autor Luis Britto Garcia (mehr hier), der das Regime seines Präsidenten Hugo Chavez im Namen der Globalisierungskritik und des eigenen südamerikanischen Wegs verteidigt. Melanie Mühl beschreibt die Schwierigkeiten junger Akademikerinnen, Kinder und Beruf unter einen Hut zu bringen. Dietrich Worbs annonciert den Abriss der Berliner Landhausklinik.

Auf der DVD-Seite werden wiederaufgelegte Filme aus der Nazizeit und Biopics über dieselbe besprochen. Auf der Medienseite feiert Michael Hanfeld die neue Talkshow von Bettina Rust auf Sat 1

Auf der letzten Seite erinnert Iris Hanika an die Firma Topf und Söhne, die kein Problem darin sah, ihre Kapazitäten im Krematoriumsofenbau für Auschwitz zur Verfügung zu stellen. Felicitas von Lovenberg macht sich anmutige Gedanken zum Umstand, dass "Harry Potter" auch unter den Gefangenen von Guantanamo zirkuliert. Und Heinrich Wefing porträtiert den Autor und Staatsrechtler Bernhard Schlink, der heute vorm Bundesverfassungsgericht Schröders Standpunkt verficht.

Besprochen werden eine Ausstellung in den Hallenser Franckeschen Stiftungen über die Geschichte des Pietismus, eine Ausstellung niederländischer Meister in der Londoner Queen's Gallery und eine Henry-Moore-Ausstellung in Würth.

NZZ, 09.08.2005

Kunstskandal in der Schweiz! Im Berner Kunstmuseum wird gerade unter dem Titel "Mahjong" die Sammlung chinesischer Gegenwartskunst von Uli Sigg präsentiert. "Und eines dieser Werke, das 1999 Tausende von Besuchern im venezianischen Arsenale gesehen haben, sorgt nun für Aufregung", berichtet Samuel Herzog. "'Ruan', eine Vogelfigur mit menschenähnlichem Kopf (Vorsicht, Bild), die der Künstler Xiao Yu in Formaldehyd schwimmen lässt. Für Adrien de Riedmatten, den Betreiber der Internetseite Bureau audiovisuel francophone (BAF), stellt das Betrachten von 'Ruan' einen 'grausamen Horror' dar. Für ihn steht auch fest, dass das 'Machwerk' eine 'originale geköpfte Möwe darstellt, auf deren Körper der echte Kopf eines Fötus oder zu früh geborenen Kindes aufgesetzt wurde'. Deshalb habe er sich entschieden, die Angelegenheit vor die Justiz zu bringen." Das Museum reagierte prompt: Sollte sich herausstellen, dass wirklich ein menschlicher Kopf benutzt wurde, werde auf jeden Fall "ein Symposium mit Fachleuten aus Ethik, Kunst, Medizin und Theologie durchgeführt".

"Mon dieu, welche Aufregung." Peter Hagmann beschreibt den Rummel um die Traviata-Aufführung in Salzburg mit Anna Netrebko. "Vor den Bildern gibt es kein Entrinnen: Anna beim Shoppen, Anna mit dem Lebenspartner, Anna auf der Party, Anna in St. Petersburg - wo sie im Marinsky-Theater als Putzfrau gearbeitet haben und von dem Dirigenten Valery Gergiev entdeckt worden sein soll. Das Leben: ein Traum." Auf der Bühne kam dann die Stunde der Wahrheit. "Dass Anna Netrebko über eine außerordentliche Stimme verfügt, steht außer Frage. Ihr Sopran, der mit jenem der Callas in keiner Weise zu vergleichen ist, kommt aus der Tiefe der Kehle, strahlt deshalb mit opulenter Resonanz, ohne dabei zur Schwere zu neigen. Das Timbre, kompakt und zugleich reich an Obertönen, ermöglicht ihr Kraftentfaltung, erlaubt ihr aber auch, den Bereich des Leisen mit ganz eigener Intensität zu erkunden." Alles in allem also eine reife Leistung. Nur "wo Anna Netrebko auf sich selbst gestellt ist, beim langsamen Sterben im dritten Akt, bleibt das Geschehen etwas auf Distanz: schön gesungen - und voll der schönsten Hoffnungen".

Besprochen werden Bücher, darunter eine Studie des russischen Linguisten Andrei Zaliznjak über die Echtheit des Igorlieds, die Maja Turowskaja entzückt hat, O. V. Vijayans "Legenden von Khasak" und Nadeem Aslams "Atlas für verschollene Liebende" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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FR, 09.08.2005

Mit gemischten Gefühlen kommt Oliver Tepel aus der Vorführung von Alexander McQueens Catwalk Videos, denen eine Ausstellung im NRW-Forum gewidmet ist. Wunderbare Bilder hat er gesehen. "Vieles in seiner Bildsprache erinnert an den kalkulierten Schock der britischen Kunst der Neunziger, Damien Hirst ist nicht fern. Anderes bezieht sich auf die Ästhetik von Matthew Barneys Filmen, und immer wieder leuchtet bei McQueen etwas von dem Modeverständnis der radikalen Dandylegende Leigh Bowery auf: die Inszenierungen, das Spiel mit dem Körper und auch die Abkehr von kommerzieller Verwertbarkeit." Kurz: "Es will Kunst sein und bleibt auch entkernte Verkaufsshow, etwas zwischen Präsentation und Performance, das plötzlich alle Botschaften, gerade weil sie so treffend vermittelt werden, zum Marketingwerkzeug entleert. Zwischen Frust und dem Wunsch nach Inhalt reibt sich die Aussage auf, entblößt offene Stellen wie Wunden. Diese Leere erzeugt eine Traurigkeit, die weder die zusätzlich ausgestellten Standfotos, noch die sechs gezeigten Originalkleider füllen. Ziemlich allein trabt man an den lärmenden Schirmen zurück und würde doch bei nächster Gelegenheit eine McQueen-Präsentation besuchen, wenn man denn dürfte, einfach nur so, um dabei zu sein, für den Moment."

Weitere Artikel: Daniel Kothenschulte hat Wettbewerbsfilme aus Deutschland, Iran und Frankreich in Locarno gesehen und ein gemeinsames Thema ausgemacht: Die verlorene Familie. Peter W. Jansen schreibt zum Tod von Ilse Werner. In Times Mager grübelt Elke Buhr über die Zukunft des Musikvideos.

Besprochen werden politische Bücher, darunter der von Michael Hagner herausgegebene Band über den Physiker als Phänomen, "Einstein on the Beach" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 09.08.2005

In der Reihe Political Studies ist diesmal der Schriftsteller Wilhelm Genazino dran, der sich als "Wahlzyniker" outet und die Vertreter der hiesigen Politikerriege einen nach dem anderen abwatscht. "Bleibt die arme Angela Merkel. Sie tut mir inzwischen fast schon leid. Treuherzig spricht sie von Ludwig Erhard, ohne zu ahnen, dass Erhards Schicksal auch das ihre werden wird. Die CDU wird sie abbauen, egal, ob sie Kanzlerin oder Oppositionsführerin werden wird. Die CDU hat schon an ihrer Frisur so lange herumgemeckert, bis Angela Merkel endlich nachgab und jetzt genau so schmuck ausschaut wie Petra Gerster. Es wird ihr nichts nützen. Denn Angela Merkel hat noch etwas Unannehmbareres, etwas Unaustauschbareres als ihre Frisur, und das ist ihre flache, piepsige, lächerliche Stimme. Die Stimme reicht für eine Lehrerin oder für eine Landrätin, für mehr nicht."

Daniel Schreiber hat von Harry G. Frankfurts Essay "On Bullshit" gehört, der sich, schon 1986 verfasst, als Kommentar zum aktuellen Politikstil in den USA gerade zum Bestseller mausert. "Während sich der Lügner der Fakten sehr wohl bewusst ist, wenn er sein Gegenüber täuscht, verweigert sich der Bullshit-Künstler den Maßgaben des Wahren komplett. Alles, was für ihn zählt, ist es, die Situation so glatt und erfolgreich wie möglich zu meistern."

Weiteres: Matthias Lilienthal, Intendant des HAU-Theaters in Berlin, hält es für das ideologiebedingte Schicksal regierender SPD-Kanzler, am Ende zu implodieren. Helmut Höge scheint es, als ob alle auswandern wollen und berichtet von Problemen dabei. In der zweiten taz identifiziert Susanne Lang den Sound der Grünen bei ihren Wahlkampfauftritten als "hastenden Retro". Dominic Johnson bricht eine Lanze für die Entwicklungshilfe in Afrika, die gerade in Niger wieder einmal ihre Funktionstüchtigkeit beweise. "RKR" verabschiedet sich von der verstorbenen Schauspielerin Ilse Werner, dem "letzten Küken des NS-Films". Auf der Medienseite lässt Susanne Lang Bettina Rusts Premiere mit ihrer Sendung "Talk der Woche" als boulevardesk, aber "leidlich unterhaltsam" durchgehen.

Und Tom.

SZ, 09.08.2005

Reinhard J. Brembeck wohnt in Salzburg der Geburt der Künstlerin Anna Netrebko bei. Fehlten dem Superstar der Opernszene bisher "Leichtigkeit, Feuer, Koloratursicherheit" und vor allem die "Fähigkeit zum doppelbödigen Spiel zwischen exaltierter Lebenslust und unabwendbarer Todesnähe" ist nun bei Willy Deckers Neuinszenierung von Verdis "La Traviata" in Salzburg der Knoten geplatzt. Decker sei Dank. "Die Applausordnung, sonst immer streng eingehalten, bietet dieses Mal eine bedeutsame Abweichung. Die Primadonna holt nicht, wie üblich, den Dirigenten auf die Bühne, sondern, erleichtert hüpfend wie ein kleines Mädchen, den Regisseur. (...) Dabei vollbringt Decker keine Wunder der Textexegese oder des Regietheaters. Sein Wunder ist eines, das aus harter Arbeit und beherrschtem Regiehandwerk resultiert - umso größer sind Überraschung und Glück."

In Kirkuk entscheidet sich zwischen Turkmenen, Kurden und Arabern die Zukunft des Irak, meint der irakische Schirftsteller Najem Wali und erzählt die Geschichte der Stadt, die schon immer umkämpft war. "Noch in den siebziger Jahren tourten Vertreter der Parteispitze durch die irakischen Universitäten, um Propaganda für die 'blühende Zukunft' zu machen, die 'junge arabische Absolventen in at-Ta'amim' erwarte. Sie beschwatzten alle nicht-kurdischen Studenten, sich zu verpflichten, nach dem Abschluss in die Provinz at-Ta'amim zu ziehen. Dafür bot der Staat ihnen ein Haus, ein Auto und 15 000 Dinar (damals etwa 45 000 US-Dollar!), attraktive Gehälter und Sondervergütungen."

Weitere Artikel: Alexander Kissler verabschiedet sich angesichts der jüngsten Klonerfolge von einer verantwortungsvoll gestalteten Zukunft. Die Forschung sei der Politik immer einen Schritt voraus. Martina Knoben weilt in Locarno und hat Filme von Romuald Karmakar, Florian Hoffmeister und Isabelle Stever gesehen. In einer Zwischenzeit denkt Wolfgang Schreiber an den Musiker Hanns Eisler, der den Netrebko-Kult bestimmt nicht gut geheißen hätte. Das FBI hat zuwenige Übersetzer und zuviel abzuhörendes Überwachungsmaterial, was Petra Steinberger an der Effizienz der amerikanischen Geheimdienste überhaupt zweifeln lässt. Thomas Thieringer schreibt zum Tod der Ufa-Schauspielerin Ilse Werner.

Sonja Zekri berichtet nicht nur von Korruptionsvorwürfen bei der Renovierung des Bolschoi-Theaters in Moskau, sondern schildert auch eine besondere Theatererfahrung in Berlin. Mit zwei Schauspielern auf den Vordersitzen und drei Zuschauern auf der Rückbank geht es in einer Citroen Deesse durch Berlin. Eine Idee von Tom Stromberg und Stefan Pucher."Es ist eine höchst intime Seherfahrung auf dieser Rückbank, und dass man nicht einfach aufstehen und gehen kann, steigert das Ganze fast ins Klaustrophobische." Jenny Hoch porträtiert den ungarischen Regisseur Arpad Schilling, der beim "Young Directors Project" der Salzburger Festspiele eine "Phädra"-Adaption inszenierte.

Im Medienteil meldet Klaus Otto, dass ARD und ZDF vor dem Kartellamt gegen die Fernsehexpansion des Springer Verlags vorgehen wollen. Der Vorsitzende des Hörfunk-Branchenverbandes Radiozentrale e.V. Lutz Kuckuck plant ein bundesweit gesendetes Duell der Kanzlerkandidaten zum Anhören. Auf der Literaturseite würdigt Thomas Steinfeld die verstorbene lettische Dichterin Visma Belsevica vor allem als politische Intellektuelle. Denn "es gehört einiges an gutem Willen dazu, solche Gedichte für große Lyrik zu halten."

Besprochen werden Takashi Miikes Film "Izo" und Bücher, darunter Rudolf Schierers "gut lesbares" Handbuch über "Die Zeit des karolingischen Großreichs 714-887" sowie William Boyds "herrlich altmodischer" Roman "Eines Menschen Herz" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).