Wilhelm Genazino

Die Liebesblödigkeit

Roman
Cover: Die Liebesblödigkeit
Carl Hanser Verlag, München 2005
ISBN 9783446205956
Gebunden, 203 Seiten, 17,90 EUR

Klappentext

Lange schon lebt der Apokalypse-Spezialist und Seminarleiter eine Menage a trois, ohne dass die Frauen davon wissen. Doch langsam kommt er in ein kritisches Alter, und das Liebesleben leidet immer mehr unter der Anstrengung, Sandra und Judith voneinander fern zu halten. Eines Tages beschließt er, sich von einer der beiden zu trennen - doch welche soll es sein? Die Entscheidung, die sein Leben erleichtern sollte, macht alles nur noch auswegloser. Ein ironisches Bekenntnis zum "Durcheinander des Liebeslebens".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 12.03.2005

Dem Rezensenten Ijoma Mangold hört man die Enttäuschung förmlich an. Denn hier hat sich einer in die Nesseln gesetzt, der ihm sehr am (literarischen) Herzen liegt. In seinem jüngsten Roman "Die Liebesblödigkeit" werfe Wilhelm Genazino schlichtweg all das über Bord, was seine Poetik ausmache: die mit Ekel gemischte Demut seines Erzählers, die Weigerung vor der endgültigen Formulierung und der besondere Humor, das "existentielle Begleitgeräusch der individuellen Art seiner Figuren, durch die Welt zu gehen". Der "Riese der Delikatesse", der Wilhelm Genazino nun einmal sei, falle hier seinem eigenen Erzähler zum Opfer. Denn dieser ist von Beruf ein meinungsgesättigter Lesungsreisender in Sachen Gesellschafts-Apokalypse. Der berufliche selbstzufriedene Zynismus des Erzählers (der genau weiß, wonach er klingen muss, um nach mehr zu klingen) schlägt sich jedoch "eins zu eins" auf den Roman nieder, bringt Humor vom Reißbrett und streckenweise "angestrengt parlierenden Feuilleton-Leitartikel" hervor, klagt Mangold, obwohl nichts der eigentlichen Poetik Genazinos fremder sei als Zynismus und Meinungswahn. "Vielleicht", überlegt Mangold, "ist das alles im Sinne der psychischen Gesundheit von Genazinos Held nur zu begrüßen". Im Sinne der literarischen Gesundheit des Romans jedoch ist es das sicher nicht.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 24.02.2005

Wilhelm Genazinos neuer Roman liest sich so spannend wie ein "Psychokrimi", findet Rezensent Helmut Böttiger. Dennoch warnt er vor dieser Genrebezeichnung, die "viel zu harmlos" ist für das, was der "geniale Schwarzmaler" in sein Werk gepackt hat. Genazino, "Protokollant" des gesellschaftlichen Bewusstseins, lässt in seinem aktuellen Buch einen freischaffenden Apokalyptiker Wochenendseminare zu allen möglichen Katastrophen der postmodernen Welt halten und erreicht so die "größtmögliche Nähe zu seiner eigenen Existenz" als freier Schriftsteller. Darüber hinaus zeichnet der Autor ein Bild des Alterns, liefert "sublime" Prosastudien über die Atmosphäre in Sanitätshäusern und verwandelt soziologische Analysen "unmerklich in Literatur". Ein Autor, der die "passenden" Sätze angesichts der "Verhunzung" der Welt findet, hat nun ein Buch vorgelegt, nach dessen Lektüre man, verspricht Böttiger, diese Welt anders sieht.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 18.02.2005

Wie so ein typischer Genazino-Titel, wieder diese typische Genazino-Welt, freut sich Ursula März: nicht absurd, nicht surreal, aber in einem "leicht asymmetrischen Verhältnis zur Realität". Dabei sei Wilhelm Genazino eigentlich ein empirischer Beobachter, der diese "Verschiebung ins Seltsame" einfach, wie März schwärmt, durch seinen "poetischen Dichtegrad" und das "Kunstlicht der Ironie" erzeuge. In "Liebesbödigkeit" geht es einen Mann von 52 Jahren, einen Apokalypse-Spezialist und Liebhaber zweier Frauen, der glaubt, sich angesichts des heraufziehenden Alters zwischen beiden entscheiden zu müssen. Ganz großartig findet März diese Gestalt: "ein wenig daneben, ein wenig frappierend und ein wenig dubios". Und um eventuellen Missverständnissen vorzubeugen, erklärt März den Titel mit Verweis auf Genazino als eine Anlehnung an Hölderlins Satz "Vor den Göttern ist die Blödigkeit des Menschen angemessen."

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 08.02.2005

Dass Wilhelm Genazino so kurz nach Erhalt des Georg-Büchner-Preises einen neuen Roman vorlegt, hatte Gerrit Bartels schon befürchten lassen, der Autor wolle nun Bestseller schreiben und könne sich damit überheben. Hat er aber nicht, stellt Bartels erleichtert fest. Auch "Die Liebesblödigkeit" besitzt seines Erachtens alle Genazino-Qualitäten, sei aber in der melancholischen Grundierung etwas dunkler, in der Gesellschaftskritk etwas schärfer, gar verzweifelter als sonst geraten. Im Mittelpunkt des Romans steht ein in die mittleren Jahre gekommener Protagonist, der angesichts seiner wachsenden Zipperlein und drohenden Alters der Meinung ist, er müsse sich nun endgültig für eine der beiden Frauen entscheiden; ob er dies tut - wir vermuten nein -, verrät Bartels nicht. Die Alters- und Liebesthematik sei eh nur vordergründig, meint der Rezensent, das Hauptthema sei vielmehr eine pessimistisch gefärbte Zivilisationskritik, die sich im Beruf des Protagonisten ausdrücke, der ein professioneller Zivilsationsapokalyptiker, Katastrophenfachmann, Panikberater, Fitmacher gegen die Zumutungen des Alltags ist. Doch trotz der düsteren Illustration der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart gingen Genazino die Distanzmomente nicht verloren, freut sich Bartels, Witz und Selbstironie seien in hinreichendem Maße auch in "Die Liebesblödigkeit" gewährleistet.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 05.02.2005

"Die Liebesblödigkeit", wirbt der Rezensent Roman Bucheli, ist ein Roman, der sich dem Leser nicht auf Anhieb erschließt. Denn auf den ersten Blick erscheine die Geschichte um die zunehmenden Leiden des alternden Liebhabers zweier (ob dieser Gleichzeitigkeit ahnungsloser) Frauen wie ein Buch über das Altern oder auch über "das Scheitern in der Liebe und im Leben". Auf den ersten Blick, so der Rezensent weiter, schrecke man als Leser auch vor der Erzählerfigur zurück, die sich unfähig fühle, an ihrer zunehmend als Belastung empfundenen Situation etwas zu ändern und sich lieber dem Pathos des Leidens ergebe. Dies, so Bucheli, ist zwar typisch für Genazinos Figuren, doch dieser Erzähler scheine alle ihm vorangegangenen "Lebensuntüchtigen" in seiner "Egozentrik mit Hingabe" und seiner "Virtuosität des Scham- und Schuldempfindens" noch übertreffen zu wollen. Doch diese - zugegebenermaßen - Lächerlichkeit des Leidens, so der Rezensent, sei nur der erste Eindruck, denn der Erzähler sei sich dieser Lächerlichkeit durchaus bewusst. Die Einsicht der Lächerlichkeit bringe keine Erlösung. Im Gegenteil: Es kristallisiere sich immer mehr die Erkenntnis heraus, dass "wahre Tragik erst darin besteht, die tragische Existenz nicht als Pose zu durchschauen". Auf den zweiten Blick, so das abschließende Fazit des Rezensenten, hat Genazino "ein ergreifendes Protokoll der Melancholie" geschrieben, "das sprüht vor Witz und Esprit".
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