Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.06.2005. Die taz sieht in der WASG keine wahre Linke. Die NZZ wirft einen Blick auf die Literaturszene Südkoreas. In der FAZ fragt Mihran Dabag: Darf eine Türkei in die EU aufgenommen werden, die den Völkermord an den Armeniern leugnet? In der Welt erzählt Woody Allen, wie er es schafft, jedes Jahr einen neuen Film herauszubringen.

TAZ, 20.06.2005

Während die FAS laut Mark Terkessidis von einer Rückkehr der Linken spricht, kann er in der WASG nichts Wahlfähiges erkennen. "Zum einen bleibt völlig unklar, welchen Begriff von Arbeit die neue Partei eigentlich hat; und zum zweiten gibt es keine ernsthaften Vorschläge, wie die Vielfalt in der Gesellschaft gestaltet werden soll." In den Programmentwürfen dominierten Retro-Illusionen. "Als populäre Alternative zum allgegenwärtigen Geschwätz des Neoliberalismus fungiert in Deutschland weiterhin das romantische Ideal einer Gesellschaft, die keine Brüche aufweist. Einer Gesellschaft, die vor allem deswegen 'integriert' ist, weil alle ihre Mitglieder in Lohnarbeit stehen. Allein, diese Gesellschaft hat es nie gegeben."

Clemens Niedenthal müht sich redlich, dem Monobloc, der millionenfach verbreitete Plastikstuhl aus einem Stück, eine kulturelle Dimension einzuschreiben. "War eine solche Pragmatik, war eine Produktgestaltung, die sich radikal ihrer Funktion und mehr noch ihren industriellen Produktionsbedingungen unterwirft, nicht einst das große Heilsversprechen der so genannten klassischen Moderne? So gesehen ist das Baumarktmöbel tatsächlich eine Designikone."

In der zweiten taz bescheinigen gleich drei Journalisten der Frauenfußballnationalmannschaft, ein wenig selbst schuld zu sein an der chauvinistischen Forderung nach gewagter geschnittenen Trikots. In seiner juristischen Kolumne lästert Jony Eisenberg über das unnötige Anti-Sprayer-Gesetz. Und Stefan Kuzmany erlangt Respekt mit dem Verzehr einer scharfen Falaffel. Auf der Medienseite meldet Reinhard Wolf mit süffisantem Unterton, dass IKEA einen für Deutschland bestimmten Werbespot zurückgezogen hat, der das schwedische Mittsommernachtsfest als derbes Besäufnis darstellt.

Besprechungen widmen sich der Uraufführung von Schillers Romanfragment "Geisterseher" durch das Meininger Theater unter dem scheidenden Intendanten Res Bosshart sowie Bernd Cailloux' Roman "Das Geschäftsjahr 1968/69".

Und Tom.

Tagesspiegel, 20.06.2005

Katajun Amirpur erklärt, warum die Jugend im Iran weniger auf die radikalen Reformer setzen als auf den Pragmatiker Ali Akbar Rafsandschani, von dem sie sich zumindest einen wirtschaftlichen Aufschwung und die Beibehaltung der kleinen Freiheiten erhofft. "Eine vergleichbare politische Aufbruchsstimmung wie bei der Wahl vor acht Jahren gibt es nicht. Denn die Erfahrung der letzten Jahre hat der Jugend bewiesen, dass sie durch die Teilnahme an Wahlen keinen Einfluss auf die Politik oder gar auf einen Reformkurs der Islamischen Republik nehmen können. Die meisten denken: Viermal haben wir in den letzten acht Jahren für die Reformer gestimmt. Aber eine Reform von innen ist nicht möglich, weil man nicht ankommt gegen das Bollwerk der Konservativen. Deshalb flüchten viele. Entweder ins Private: Sie feiern exzessive Feten, betäuben sich mit Drogen. Oder sie flüchten. Schon seit Jahren wird über die Islamische Republik mit den Füßen abgestimmt. Jährlich verlassen 200000 Menschen Iran, und es würden weit mehr gehen, wenn sie könnten - meist gut ausgebildete junge Leute. Der brain drain richtet unermesslichen Schaden an."
Stichwörter: Iran, Wahlen

NZZ, 20.06.2005

Hoo Nam Seelmann wirft einen Blick auf die Literaturszene Südkoreas, das im Herbst offizielles Gastland der Frankfurter Buchmesse sein wird. "'Land der Morgenstille' nannten die Koreaner ihr Land, obwohl es im letzten Jahrhundert keineswegs ein stilles und friedliches Land war: Dem gewaltsamen Einbruch des Westens folgten die Kolonialisierung durch Japan, die Teilung des Landes, der Korea-Krieg und die Militärdiktatur. Deswegen bezeichnet Ko Un die koreanische Literatur als die 'Literatur der Wunden'. Der nun überall sichtbare Riss zwischen den Generationen der Autoren lässt sich entlang jener Trennlinie ziehen, wie unmittelbar jemand die oben genannten historischen Grossereignisse miterlebt hat. Die Koryphäen der koreanischen Literatur heute kennen die 'Wunden' aus eigener Erfahrung. Vor allem die Kolonialisierung, die Teilung und der Krieg bildeten literarische Sujets schlechthin für eine ganze Schriftstellergeneration. Dann kam der Kampf um Demokratie. Viele politisch engagierte Autoren landeten während der Militärdiktatur in Gefängnissen oder wurden ins Exil vertrieben."

Weiteres: Die Integration der seit Mitte der achtziger Jahre zugewanderten äthiopischen Juden in die Gesellschaft Israels gestalte sich äußerst schwierig, schreibt Angelika Timm: "Unter den 'schwarzen Israeli' verbreitert sich die Tendenz zur Separation, verbunden nicht selten mit Frust und Desillusionierung." Gieri Cavelty stellt den Dramatiker Lukas Bärfuss vor und Elsbeth Gut Bozzetti besucht die Cineteca del Comune di Bologna.

Besprochen werden eine Ausstellung von Lee Friedlanders Fotografien im New Yorker MoMA sowie politische Bücher, darunter zwei Publikationen über tschetschenische Selbstmordattentäterinnen und Joschka Fischers Traktat über "Die Rückkehr der Geschichte" (siehe unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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FAZ, 20.06.2005

Mihran Dabag, Direktor des Instituts für Diaspora- und Genozidforschung an der Ruhr-Universität Bochum, scheint noch an die Verhandlungen zum EU-Beitritt der Türkei zu glauben und fragt angesichts der offiziellen Haltung der Türkei zum Völkermord an den Armeniern: "Kann die Bundesrepublik wirklich die Aufnahme einer Türkei befürworten, die hinsichtlich ihrer Geschichte eine Haltung einnimmt, die einer Aufarbeitung von Gewalt und Verbrechen, wie sie in Deutschland und nun auch Europa im Gedenken an den Holocaust verbindlich geworden ist, diametral entgegensteht?"

Die EU zerstreitet sich über die Frage der Subventionen von Milchbauern und währenddessen emigrieren junge Forscher nach Amerika, konstatiert verbittert Christian Schwägerl, der bei einer akademischen Feier hören musste, dass die junge Nanoforscherin Stephanie Reich, eine große Begabung in ihrem Fach, in Europa keine Stelle fand - bis dann ein Anruf kam, "vom Massachusetts Institute of Technology (MIT). Dort hatte sich Stephanie Reich nie beworben, doch man hatte von ihr gehört und wollte sofort in ihre weitere Entwicklung investieren. Die MIT-Strategen boten ihr eine Professur an, sie unterschrieb und erhielt binnen Minuten Dutzende Willkommensmails ihrer neuen Kollegen. Wieder ein Genie weniger auf dem alten Kontinent."

Weitere Artikel: Hans-Joachim Müller stellt das neue, von Renzo Piano entworfene Zentrum Paul Klee in Bern vor und bekennt sich zu einem Gefühl der Übersättigung: "Zehn, fünfzehn, zwanzig Meter Klee, und man bittet den versponnenen Erzähler inständig darum, uns eine gnädige Erzählpause zu gönnen." Richard Kämmerlings hat den Lesungen junger polnischer Autoren im Literarischen Colloquium Berlin zugehört. Ingeborg Harms liest deutsche Zeitschriften, die sich unter anderem (so die Frankfurter Hefte) mit dem "Unbehagen am Kapitalismus" auseinandersetzen.

Auf der Medienseite fragt Michael Hanfeld, was aus dem German TV wird. Michael Hanfeld annonciert eine Ausweitung des Breitbildfernsehens ab der Fußball-WM im nächsten Jahr. Michael Hanfeld stellt die Internetadresse fairpress vor, in der von der Presse Betroffene ihre eigene Sicht der Dinge darstellen können sollen. Und Hendrik Kafsack meldet, dass die EU product placement in Fernsehprogrammen erleichtern will

Auf der letzten Seite erinnert der langjährige Afrika-Korrespondent der FAZ, Günter Krabbe, an die Ermordung des togolesischen Präsidenten Sylvanus Olympio im Jahr 1963 und an die unrühmliche Rolle Frankreichs in der Politik dieser Region. Anita Boomgaarden berichtet über die durch eine verfehlte Landwirtschaftspolitik mitverschuldete größte Dürre in Spanien seit Menschengedenken. Und Dietmar Dath porträtiert den Comic-Autor Neal Adams, der Batman wieder zu einem ernst zu nehmenden Comic-Helden machte.

Besprochen werden Dimiter Gottschefs Inszenierung von Horvaths "Geschichten aus dem Wienerwald" am Deutschen Theater Berlin, ein Konzert der Gruppe Coldplay in Köln, Konzerte der Berliner Philharmoniker unter Claudio Abbado und Simon Rattle, Strauss' "Elektra" in Paris, Inszenierungen beim Festival Theater der Welt in Stuttgart, der kapitalismuskritische Dokumentarfilm "The Corporation" und Sachbücher, darunter eine Kulturgeschichte des Wahnsinns von Roy Porter.

FR, 20.06.2005

Das deutsche Theater sucht fälschlicherweise nach Nähe, doziert Peter Michalzik. Interessanter findet er es, die Fremde bestehen zu lassen, wie er es auf seiner Expedition zum Stuttgarter Festival der Theater der Welt erlebt hat, in dem Stück "Paradise" der Gruppe MAU mit Tänzern und Sprechern von den Pazifischen Inseln. "Lange wurde nicht mehr so auf einer Bühne gestanden: Es sind die Körper, die den Raum bilden. Ein sich zum Ganzkörperschuhplattler steigerndes Klatschen eines staubig weiß-gepuderten Darstellers, ein Höhepunkt an Aktivität, beeindruckt weniger durch die technische Brillanz als durch die Entspanntheit, mit der die Kraft durch den Körper fließt. Sichtbar wird die Energie in dem bestrahlten, sich langsam bewegenden Rücken, der mal wie ein gerupfter Vogel, mal wie eine Maske aussieht."

Weiteres: Thomas Medicus bewundert bei den Auftritten elf junger polnischer Schriftsteller in Berlin die Dynamik und Experimentierfreude der Gäste. In Times mager führt Peter Michalzik das Wörterbuch weiter, mit den Stichwörtern Krise, Investor und Reform. Gemeldet wird, dass Lyriker Durs Grünbein den Friedrich-Hölderlin-Literaturpreis der Stadt Bad Homburg erhalten hat.

Besprochen werden eine "souveräne" Aufführung von Georg Friedrich Haas' Kammeroper "Nacht" im Depot Bockenheim der Frankfurter Oper.

Welt, 20.06.2005

Im Interview mit Hanns-Georg Rodek erzählt Woody Allen, wie er es schafft, jedes Jahr einen neuen Film herauszubringen - in diesem "Melinda und Melinda" - und warum das Leben immer einen tragischen Ausgang nehmen muss. "Für mich persönlich gibt es nur einen möglichen, den tragischen. Die einen Autoren schreiben über das Leben als Tragödie, und die anderen betrachten das Leben als dermaßen tragisch, daß sie darüber Witze reißen: "Wenn ich heute nicht lache, muß ich mich erschießen!" Ich glaube nicht, daß es wirklich eine Alternative gibt, sondern lediglich zwei unterschiedliche Perspektiven auf die gleiche tragische Situation."
Stichwörter: Woody Allen

SZ, 20.06.2005

MTV sendet nun auch in Afrika, berichtet Jonathan Fischer. Einige afroamerikanische Intellektuelle fürchten, dass der hauseigene Rap und Pop nun auch die Schwarzen in Afrika verderben wird. "In Amerika hätten Tarzan, der gesichtsoperierte Michael Jackson und die Gangster-Rapper bereits ganze Arbeit geleistet. Nun sei auch Afrika 'einem spirituellen Völkermord' ausgesetzt." Will Winkler ergänzt anlässlich des Live 8-Spektakels mit einem historischen Abriss der engagierten Popmusik.

Vom Wert des Stiftungsvermögens her lässt sich das Berner Zentrum Paul Klee (das eine ganz famose Website hat) nur mit dem Pariser Picasso-Museum vergleichen, meint Gottfried Knapp, der nicht nur den wellenförmigen Bau, sondern auch die erste Ausstellung enthusiastisch feiert. Im mittleren "Hügel" werden 160 Bildern geradezu "luxuriöse Existenzbedingungen" eingeräumt. "In diesem kühl-nüchternen Kultraum darf man alles vergessen, was man je an Klee-Präsentationen in anderen Museen gesehen hat. Bern stellt neue Maßstäbe auf -- nicht nur was die Präsenz der Bilder in der gestaffelten Weite und Höhe des Raums angeht, sondern vor allem was die dichte Abfolge existenziell erstrangiger Objekte aus allen Schaffens- und Krisenperioden angeht."

Auch C. Bernd Sucher, der Dimiter Gotscheffs Inszenierung von Ödön von Horvaths "Geschichten aus dem Wiener Wald" am Deutschen Theater in Berlin bespricht, protokolliert noch nie Dagewesenes. "In keiner Aufführung zuvor hatten die Beschimpfungen, die Flüche, die Beleidigungen so eine Wucht wie in dieser. Worte taugen nicht mehr zur Kommunikation, sondern wollen diese beenden. Sie sind Knüppel, Messer, Gift. Mit ihnen wird zugeschlagen, erstochen, vernichtet." Einige Szenen werde er nie vergessen, glaubt der begeisterte Sucher.

Weiteres: Fritz Göttler schreibt über die Probleme der Kinobetreiber durch Sommerflaute und DVD-Bedrohung. Stephan Handel weiß, dass die von Deutschland akzeptierte Cybercrime Convention des Europarates deutlich strenger ist als die geltenden deutschen Auflagen. "jhl" bedauert, dass Michael Arads Entwurf für das Denkmal zum 11. September auf Ground Zero so verwässert worden ist. Auf der Medienseite mokiert sich Viola Schenz über die Einfallslosigkeit der deutschen Sender, die mit dem Plagiat ausländischer Formate kompensiert wird.

Für die Literaturseite besucht Axel Timo Purr den kenianischen Schriftsteller David G. Maillu, der drei Jahre lang die mündlichen überlieferten religiösen Traditionen gesammelt, nacherzählt und nun in der sogenannten "afrikanischen Bibel" veröffentlicht hat. Wie ein Rohrspatz schimpft Burkhard Müller über die Schau "Schillers Helden heute" im Weimarer Schillerhaus. "Wenn es nicht gelingt, dem Klassiker in seinem Jubeljahr eine größere Dringlichkeit zu verleihen als hier geschehen, sollte man auf solche Schillerlocken am besten ganz verzichten."

Besprochen werden eine Düsseldorfer Ausstellung zur Kunstgeschichte des Daumenkinos, Johannes Kalitzkes Oper "Inferno" nach Peter Weiss in Bremen ("Eine Bereicherung", schwärmt Reinhard Schulz), die "Lange Nacht der Autoren" im Hamburger Thalia Theater, Michael Winterbottoms nur auf DVD erhältlicher Film "24 Hour Party People", und Bücher, darunter James McBrides GI-Roman "Das Wunder von St. Anna", Viola Türks Erinnerungen an 1968 "Der Vorhang fällt" sowie Hermann Vinkes Sachbuch für Jugendliche über das Dritte Reich (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).