Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.02.2005. Die Nachrufe auf Harald Szeemann und die Berlinale dominieren heute die Feuilletons. Außerdem: Die NZZ staunt über die Plakate, mit denen die chinesische Regierung ihre Untertanen erzieht. Die New York Times trauert um Hunter S. Thompson. In der FAZ prophezeit Frank Schirrmacher, dass die Deutschen in Zukunft nicht nur weniger, sondern auch weniger deutsch sind.

NZZ, 21.02.2005

Der Staatswissenschaftler Matthias Messmer ist tausende von Kilometer durch das chinesische Binnenland gereist. Während seine Mitreisenden Hühnerfüße verspeisten, las er die allenthalben aufgehängten Belehrungs-Plakate. "Die auf einer Reise ins Landesinnere häufig angetroffene Losung 'Sohn und Tochter sind gleich viel wert!' mag zwar nicht gerade das Credo des philosophischen Schwergewichts ausdrücken, ja ist vielmehr Maxime der auf die Bevölkerungskontrolle bedachten Staatsführung, doch wird damit - Konfuzius hin oder her - an die Moralität und den Familiensinn appelliert. 'Der Mensch hat Pflichten', ist ein weiterer Spruch, dem man häufig begegnet, etwa in riesigen Lettern entlang von Fahrbahnen, womit der Bevölkerung klar gemacht wird, dass es sich bei Infrastrukturanlagen um Staatseigentum handle, man deshalb - ganz nach dem Legalisten Han Fei - 'die Straße lieben und das Gesetz beachten' soll. Eine andere, nicht weniger patriotisch anklingende Lieblingsdevise der Oberen lautet: 'Fleißig an der Entwicklung des Westens arbeiten.'"

Weiteres: Karlheinz Schmid, Mitherausgeber der "Kunstzeitung", schreibt zum Tod des Ex-"documenta"-Chefs Harald Szeemann, der im Jahr 2000 als erster Nicht-Künstler den Max-Beckmann-Preis für seine "bahnbrechenden Ausstellungen" erhalten hatte. Christoph Egger lobt die sorgfältige Auswahl der Wettbewerbsfilme der Berlinale. Besprochen werden die Premiere der Monteverdi-Oper "Incoronazione di Poppea" in Zürich und Elfriede Jelineks Bearbeitung der Oscar Wilde-Komödie "Bunbury" in Wien.

TAZ, 21.02.2005

Die Berlinale wird vorne auf den Tagesthemenseiten hinauskomplimentiert. Cristina Nord hat in der "mittelmäßigen" Ausgabe den Wagemut vermisst. "Zu viele mehr oder minder gelungene Polit- und Familiendramen, zu viel Konsenskino - das hatte in der Häufung von 22 Filmen etwas Ermüdendes ." Im Gespräch mit Gewinnerregisseur Mark Dornford-May erfährt Jakob Bühre, dass es in Südafrika um die zehntausend Chöre gibt. Sabine Leucht weiß, dass Julia Jentsch weiterhin bescheiden bleibt. Wir hatten uns schon Sorgen gemacht.

"Berührend" findet Katrin Bettina Müller im Feuilletonaufmacher die erste Operninszenierung von Sasha Waltz. Die Choreografin hat sich Henry Purcells "Dido & Aeneas" ausgesucht, die Kritikerin schmilzt in der Staatsoper unter den Linden dahin. "Als ob sich die Töne der Komposition Purcells an die Füße der Tänzer heften könnten und mit ihnen den Raum wieder und wieder überschwemmten."

Ulf Erdmann Ziegler verabschiedet den "Grübler, Rebell und Meisterkurator" Harald Szeemann. In der zweiten taz berichtet Martin Weber, wie ihm und einigen anderen "Experten" exklusiv und konspirativ das neue Album "Nahaufnahme" von Marius Müller-Westernhagen gezeigt wurde. Peter Unfried distanziert sich von Hans Weingartners Helden wie Ottmar Hitzfelds Exverein. Jan Feddersen gräbt einige der verschwiegenen Bush-Anhänger im deutsch-grünen Milieu aus. Niklaus Hablützel bricht eine Lanze für den oft verteufelten Microsoft-Gründer Bill Gates. Auf der Medienseite überbringt Reinhard Wolff unterhaltsame Kunde aus Schweden: Dort hat das Fernsehen zur Empörung der italienischen Politik mit Berlusconi für seine Unabhängigkeit geworben.

Georg Blume berichtet als Tagesthema über das gewachsene Prestige von Greenpeace in China. Die Regierung sieht in ihnen eine Verbündeten gegen die überwiegend profitorientierten Provinzregierungen. Sven Hansen notiert den jüngsten Erfolg: das öffentliche Anprangern illegalen Holzschlags durch Asia Pulp&Paper (auf ihrer Seite ist die Welt in Ordnung).

Besprechungen widmen sich Johan Simons' Inszenierung der "Zehn Gebote" an den Münchner Kammerspielen nach Krzysztof Kieslowskis filmischen Dekalog sowie Dan Browns Debütroman "Diabolus" in der deutschen Ausgabe.

Und Tom.

Berliner Zeitung, 21.02.2005

"Zum Abschluss der Berlinale kommentiert Anke Westphal die große Katerstimmung: "Ein großes Nörgeln über das Wetter, die zweitklassigen Stars und den mittelmäßigen Wettbewerb hat sich erhoben und ist doch vielmehr Ausdruck einer gewissen Kosslick-Müdigkeit. In einem Akt herzhafter Vorwärtsverteidigung zog die Berlinale selbst schon mal überschwänglich Bilanz: Für ihren Chef waren es die modernsten und am besten organisierten Filmfestspiele - was ein Gruß an all jene ist, die sich weder an die schrottigen Wettbewerbe etwa von Cannes 2003 und Venedig 2004 erinnern, noch Auftritte wie die von Anjelica Houston oder Cate Blanchett anerkennen mögen. Für das Berliner Wetter kann Dieter Kosslick nun mal nichts, und er kann auch nichts dafür, dass die Oscars vorverlegt wurden und damit ungut an die Berlinale heranreichen." Und auch mit einer Vorverlegung ließen sich die Probleme nicht lösen, meint Westphal: "Da ist es schon klüger, sich weiter zu einem politischen Profil zu bekennen, auch wenn man damit nicht immer und nicht alle gewinnen kann."
Anzeige

SZ, 21.02.2005

Fritz Göttler spürte auf der Berlinale zwar schon nach wenigen Tagen einen Anflug von Gleichgültigkeit, wenn er nun aber mit dem Prominenzkalkül des Festivalchefs abrechnet, wirkt er wieder recht lebendig. "Ein zähes Festival wurde es also, aber, Dieter Kosslick, tough ain't enough. Nie hat man in Cannes diskutiert, mit wie viel Starpower ein Film festivalfähig wäre und ob das Publikum nicht doch mal einen sagenhaft guten Film verkraften würde, der ohne Stars daherkommt - die Filme und die Stars sind in Cannes einfach da und bilden eine selbstverständliche Einheit."

Der Kunsthistoriker Beat Wyss erinnert sich an den verstorbenen Ausstellungsmacher und "geistigen Gastarbeiter" Harald Szeemann. Und an die documenta 5 (von der offiziell und online nicht viel übrig ist). "Der Katalog oder besser: dieser sperrige Ordner mit speckig-orangefarbener Plastikhülle, übervoll mit losen Blättern, unleserlich, aber unverzichtbar, sprengt bis heute das Format einer ordentlichen Kunstbibliothek. Es war dem Schweizer vorbehalten, die deutsche Institution documenta von einem Musterbetrieb moderner Umerziehung nach dem Krieg ins heitere Chaos der Postmoderne zu überführen." Außerdem gibt es Stimmen von Chris Dercon, Thomas Hirschhorn, Hans Ulrich Obrist und Bazon Brock.

Weiteres: Doris Dörrie inszeniert "Rigoletto" an der Bayerischen Staatsoper, und Egbert Tholl macht ein Interview, an dessen Ende die beiden sich mit Musik berauschen. Dörrie ist eindeutig empathischer: "Ja. Diese Kadenz im ersten Duett, die ist reiner Sex." Alexander Kissler hält das gerade von der UN verabschiedete Klonverbot zwar für praktisch folgenlos, aber trotzdem für ein wichtiges Signal. Jens Bisky klagt über Daniel Cohn-Bendit und Joschka Fischer, die einen Abend lang "geistlos" über Hannah Arendt plauderten. Jürgen Berger berichtet vom Kongress des Frankfurter Schauspiels namens "Schöner wär's, wenn's schöner wär", auf dem sich Globalisierungsgegner mit der Kultur trafen. Im Medienteil schildert Hans-Jürgen Jakobs die nun abgeschlossene Rehabilitierung von Leo Kirch: die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen wegen Unregelmäßigkeiten in seinem Medienkonzern eingestellt.

Besprochen werden gleich drei Berliner Premieren, Henry Purcells einzige Oper "Dido and Aeneas" unter Sasha Waltz, Monteverdis "Il ritorno d"Ulisse in patria" (Die Rückkehr des Odysseus) an der Staatsoper und Leos Janaceks letzte Oper "Aus einem Totenhaus" in der Version von Volker Schlöndorff an der Deutschen Oper, Oscar Wildes "Bunbury" in der "Ernst ist das Leben"-Fassung von Elfriede Jelinek unter der Regie von Falk Richter am Wiener Akademietheater, eine Retrospektive des Pop-Art-Künstlers James Rosenquist in Wolfsburg, und Bücher, Thomas Gunzigs Debütroman "Tod eines Zweisprachigen", Anna Bergmanns Kulturgeschichte des "entseelten Patienten" sowie zwei Bücher über Seefahrt und Handel im Mittelalter (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Weitere Medien, 21.02.2005

In der New York Times finden wir einen Nachruf auf Hunter S. Thompson ("Fear and Loathing in Las Vegas", mehr hier und hier), der sich gestern erschossen hat.

FR, 21.02.2005

Zurückhaltend bis stellenweise bissig resümiert Daniel Kothenschulte die Berlinale. Nicht die schlechteste sei sie gewesen, die gab es schon im vergangenen Jahr. Auch dem Gewinner "U-Carmen eKhayelits" kann er nicht aus vollem Herzen applaudieren. "Kein Beobachter hatte diese gleich zu Beginn des Festivals platzierte Township-Oper mit Libretto in der südafrikanischen Landessprache Xhosa noch auf dem Schirm - vielleicht, weil der durch Clip-geschulte Schnitte rhythmisierten, ansonsten aber recht einfach gefilmten Performance noch immer etwas Aufgesetztes anhaftet, das schon Premingers Fassung zum Problem wurde? Oder weil die Verbindung von profaner Aktion und artifiziellem Gesang in den klassischen Bühnen- und Fernsehinszenierungen eines Peter Sellars weit mitteilsamer wäre? Hoffen wir nicht, dass Roland Emmerich nun auf den Geschmack gekommen ist und uns demnächst sein digital animierter Fliegender Holländer ins Haus steht."

Weiteres: Peter Iden schreibt zum Tode des "großen, kühnen" Schweizers und Ausstellungsmachers Harald Szeemann. Als er als Leiter der documenta 5 das Budget um unerhörte eine Million Mark (schöne Zeiten!) überzog und von den Ämtern gescholten wurde, antwortete er so kurz wie berühmt: "Künstler sind wir - Kinder sind wir." Peter Michalzik nutzt Times mager, um Tom Strombergs Pläne einer Shakespearekompagnie im eigenen Schloss zu kolportieren. Auf der Medienseite berichtet Jan Rath, warum er nach 30 Jahren als Journalist in Simbabwe nun Hals über Kopf fliehen musste. Und Michael G. Meyer kündigt an, dass Pro7-Sat1 ein deutsches Programm in den USA starten wollen.

FAZ, 21.02.2005

Frank Schirrmacher, Autor des "Methusalem-Komplotts" über die Alterung unserer Gesellschaft, wirft den Politikern vor, das demografische Problem immer noch nicht verstanden zu haben. Zum Beispiel wird es nicht nur weniger Deutsche geben, sie werden nicht mal deutsch: "Die heute Vierzigjährigen, die große Gruppe der letzten Babyboomer, sind von Eltern in diese Welt gesetzt worden, die zumeist zwischen 1930 und 1933 geboren wurden. Die Eltern, die heute Kinder in diese Welt setzen müssten, sind niemals geboren worden. 334 der 339 Kinder, die in die Eberhard-Klein-Oberschule in Berlin gehen, sind keine Deutschen. Von den jungen Erwachsenen, zu denen diese Kinder in fünf bis acht Jahren zählen, werden eine gewaltige Zahl weder richtig Deutsch sprechen können noch eine angemessene Ausbildung haben. Im schlimmsten Fall werden diese ohnehin schon wenigen, schlecht ausgebildeten Erwachsenen dann zusätzlich dem staatlichen Sozialbudget zur Last fallen." (Ist das nicht auch eine Folge von 16 Jahren Verzicht auf Integrationspolitik durch den von dieser Zeitung so verehrten Helmut Kohl?) Mit dem Artikel eröffnet Schirrmacher eine morgen beginnende Reihe der Bevölkerungsforschers Herwig Birg über das Handwerkszeug der Demografie.

Michael Althen zieht eine eher laue Bilanz der Berlinale, nimmt deren Chef Dieter Kosslick aber in Schutz gegen die Sponsoren: "Und dann meldet sich allen Ernstes auch noch der so genannte Kommunikationsleiter eines der Hauptsponsoren zu Wort und fordert mehr Glanz als Substanz im Wettbewerb. Da kann man nur erwidern, dass ein Wagen wie der Phaeton auch dadurch nicht glamouröser wird, dass irgendwelche Stars davor abgelichtet werden. Womöglich möchten die Herrschaften demnächst noch selbst bestimmen, welche Filme eingeladen werden, um ihre Produkte ins rechte Licht zu rücken."

Weitere Artikel: In der Leitglosse meldet Andreas Rossmann, dass Dortmund ein Stahl-Museum bekommt und schlägt gleich noch eins für die untergegangenen Biermarken der Stadt sowie für die Borussia vor. Thomas Wagner schreibt zum Tod des großen Ausstellungsmachers Harald Szeemann. Camilla Blechen berichtet, dass die große Grafiksammlung von Carl Vogel in den Prora-Bauten auf Rügen, wo sie eine hässliche Heimstatt gefunden hat, buchstäblich vergammelt. Thomas Ott fürchtet, dass gerade ausgegrabene Altertümer beim westtürkischen Dorf Yortanli durch ein Staudammprojekt untergehen könnten. Der Thomas-Mann-Experte Malte Herwig besucht das Field Museum of Natural History in Chicago, wo Thomas Mann einige literarisch verarbeitete Eindrücke von Neanderthal-Figuren empfing. Walter Hinck gratuliert dem Literatur- und Musikwissenschaftler Hans Joachim Kreuzer zum Siebzigsten. "Rh" meldet, dass die Akademie der Künste in Berlin nun doch vom Bund übernommen werden soll, womit die Unsicherheit über den Status aber noch nicht aufgehoben sei.

Auf der Medienseite empfiehlt Nina Rehfeld ein Dokudrama über die Vorbereitung der Anschläge vom 11. September, das von Channel Four produziert wurde und jetzt auf HBO lief. Hinzugestellt ist ein Interview mit dem Schauspieler Adnan Maral, der einen der Terroristen spielte. Irene Bazinger hat sich eine heute laufende Dokumentation über Fritz Kortner angesehen.

Auf der letzten Seite ist eine Reihe von Aphorismen Elias Canettis abgedruckt, die demnächst im Hanser-Verlag erscheinen. Jordan Mejias zitiert amerikanische Pressereaktionen auf den Film "Der Untergang". Und Andreas Kilb würdigt die Schauspielerin Julia Jentsch, die für ihre Darstellung der Sophie Scholl einen Bären gewonnen hat.

Wichtige Besprechungen gibt es heute auch: Wolfgang Sandner hat sich Monteverdis "Ulisse" und Volker Schlöndorffs Inszenierung von Janaceks "Totenhaus" in der Drei-Opern-Stadt Berlin angehört und -gesehen. Wiebke Hüster berichtet über Anne Teresa de Keersmakers neue Choreografie "Dash" in Brüssel. Und Gerhard Stadelmaier zeigt sich ganz und gar nicht zufrieden mit Elfriede Jelineks Übersetzung von Oscar Wildes Stück "Bunbury", die jetzt am Wiener Akademiethater aufgeführt wurde ("Die Jelinek bringt den Wilde vom Kopf auf den Po, vom Hirn auf den Unterleib, von der Pointe auf den Pimmel."). Weitere Besprechungen gelten David Mouchtar-Samorais Theaterprojekt "Hans im Glück" in Freiburg, einer Ausstellung mit Giorgio Morandis Landschaften in Bottrop, einer "Almira" zur Eröffnung der Händel-Festspiele in Karlsruhe und Sachbüchern, darunter Lutz Dammbecks Recherche "Das Netz" über den Unabomber.