Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.01.2005. In der NZZ untersucht Richard Wagner die neue Obszönität in der rumänischen Literatur. In der FR spricht der irakische Schriftsteller Jabbar Yassin Hussin über die anstehenden Wahlen. In der Zeit erklärt Paolo Flores d'Arcais, wie George Bush die amerikanische Demokratie in den Untergang treibt. In der Welt protestiert Gerhard Besier gegen die Geschichtspolitik von Sachsens neuen Nationaldemokraten. In der SZ bildet Felix Ensslin einen politischen Konsens zur Geschichte der RAF. Und die FAZ sieht das vollkommene Menschsein in der französischen Grammatik entfaltet.

NZZ, 20.01.2005

Der Schriftsteller Richard Wagner beschreibt ausführlich die Entwicklung der Literaturszene in Rumänien, die fünfzehn Jahre nach der politischen Wende zur Normalität, aber auch zu mehr Eros gefunden habe. Gerade in den letzten Jahren habe sich eine Generation zu Wort gemeldet, die "Stilanarchie" mit "Provokation" verknüpfe: "In einer konservativen Gesellschaft, in der die Prüderie sowohl von der kommunistischen Zensur als auch von der orthodoxen Kirche gepflegt wurde, ist jede Sexmetapher von sensationeller literarischer Wirkung. Folgerichtig heißt ein Roman dieses Herbstes 'Letopizdet' (etwa: Fotzenchronik)."

Aram Lintzel spricht mit der Band "Tocotronic" über ihr neues, in nur neun Tagen (statt wie das letzte in eineinhalb Jahren) aufgenommenes Album "Pure Vernunft darf niemals siegen". Die Texte wimmelten nur so von "schwer verdaulichen Metaphern", findet Lintzel. Die Band hingegen meint, es werde in der Musik zu wenig gewagt und benutzt die "in Richtung Kitsch" radikalisierten Liedtexte, "um in Bereiche vorzustoßen, wo das Eis dünn wird, wo man sich an der Grenze zur Peinlichkeit bewegt".

Besprochen werden "Push The Button", das neue Album der Chemical Brothers, das vom New Musical Express böse verrissen wurde (zu Unrecht, findet Rezensent Hanspeter Künzler), Marc Forsters "zauberhafter" Film "Finding Neverland" über den Vater von Peter Pan mit Jonny Depp in der Hauptrolle sowie das Erstlingswerk "Enzyklopädie vom Schnee" der amerikanischen Autorin Sarah Emily Miano (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FR, 20.01.2005

"Diese Wahlen sind sehr wichtig", sagt der irakische Schriftsteller Jabbar Yassin Hussin in einem Interview mit Fridolin Furger. "Es geht darum, eine psychologische Schranke zu überschreiten, denn seit fast zwei Jahren gab es nur Flickwerk. Die Wahlen werden alle vor die Tatsache stellen, dass das Rad des politischen Prozesses sich zu drehen beginnt. Dies wird der Mehrheit der Iraker, die Wahlen wünschen - etwa 85 Prozent - Vertrauen geben und die Gegner entmutigen. Ein Ende der Gewalt bedeutet das nicht, aber es wird die Debatte auf eine neue Stufe heben. Es geht um den Grundstein eines zukünftigen Systems.

Weiteres: Alexander Kluy ernennt in Times mager in etwas abstruser Logik Thomas Mann zum prominentesten Opfer der gegenwärtigen Gesundheitsreform. Mangels Patienten muss die berühmte Davoser Valbella-Klinik, Vorbild für das Lungensanatorium im "Zauberberg", schließen und soll sogar abgerissen werden.

Besprochen werden Martin Scorceses Howard-Hughes-Biopic "The Aviator", Sam Gabarskis Film "Der Tango der Rashevskis" ("Zum Heulen. Zum Lachen. Zum Tangotanzen" findet Heike Kühn), Michael Winterbottoms experimenteller Hardcorefilm "9 Songs", Irwin Winklers Musicalfilm "De-Lovely" und eine große Carsten-Nicolai-Retrospektive in der Frankfurter Schirn.
Stichwörter: Biopic, Irak, Thomas Mann, Tango, Wahlen

FAZ, 20.01.2005

Eleonore Büning hat die Oper in Ljubljana besucht, um endlich einmal Jacques Offenbachs patriotische Grand Opera "Les Fees du Rhin" zu hören: "Fast ist es schon wieder eine Operettenpointe, dass ausgerechnet die freundlichen Slowenen als erste darauf kamen, diese verschollene deutsche Nationaloper der Bühne zurückzugewinnen. Und ausgerechnet der aus Köln am Rhein stammende, in Frankreich so erfolgreiche jüdische Komponist Jacques Offenbach hatte die Stirn, der Wiener Hofoper anno 1864 diese große patriotische Oper vorzulegen, in der vom ersten bis zum vierten Akt wieder und wieder ein hinreißend hymnenhaftes Deutschlandlied angestimmt wird, welches für Plot und Personenführung eine übernatürliche Schlüsselfunktion erfüllt: 'Du schönes, deutsches Vaterland' - diese Formel bannt böse Geister, heilt Kranke und bringt verlorenen Verstand zurück."

In der Reihe "Lexikalische Grenzgänge" macht uns Joseph Hanimann mit dem französischen Subjonctif bekannt und erklärt, was die französische Sprachgemeinschaft der deutschen voraus hat: "ihr festes Vertrauen, dass korrektes Sprechen nicht nur eine Frage von Anstand, Stil und wirksamer Überzeugung, sondern auch eine des vollkommenen Menschseins, ja des Humanismus sei".

Weitere Artikel: Kerstin Holm berichtet über Proteste gegen Putins Rentenreform: Danach sollen Rentenempfänger statt staatlicher Gratisleistungen wie symbolische Mieten oder kostenlose ärztliche Versorgung künftig finanzielle Zuwendungen erhalten (die natürlich viel geringer ausfallen als die gestrichenen Leistungen). Doch "gerade in Russland kann man täglich beobachten, wie sozial schwache Mitbürger ihre Restmittel vertrinken, statt sie in Gesundheit zu investieren." In einem Interview äußert der Historiker Fritz Stern seine "Abscheu" vor dem Pomp, mit dem George W. Bush seine Amtseinführung feiert. Für Stern nähern sich die USA derweil "einer christlich-fundamentalistisch verbrämten Plutokratie". Passend dazu gibt es auf der letzten Seite einen Comic von Art Spiegelman: "Oy! schon wieder Amtseinführungsblues!" Hhm. gratuliert dem Literaturwissenschaftler Klaus Doderer zum Achtzigsten. Walter Haubrich gratuliert dem Schriftsteller Ernesto Cardenal zum Achtzigsten. Hans-Peter Riese dem Bildhauer Eugen Gomringer zum Achtzigsten, Harald Hartung dem Dichter Eugen Gomringer ebenfalls zum Achtzigsten.

Auf der Filmseite informiert uns Andreas Kilb über die Kubrick-Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau. Michael Althen stellt das australische Filmmagazin Rouge vor. Und Cate Blanchett erklärt in einem kurzen Interview, warum sie ihren Kollegen Andy Serkins beneidet: Er "kann weiterarbeiten, ohne dass die Leute dauernd sagen: 'Hey, das ist ja Gollum!'"

Besprochen werden Hans W. Geissendörfers Film "Schneeland", die Aufführung von Ferdinand Bruckners "Früchte des Nichts" im Staatsschauspiel Stuttgart, eine Jawlensky-Ausstellung im Museum Wiesbaden und Paul Dukas' Oper "Ariane et Barbe-Bleu" in Zürich.
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Zeit, 20.01.2005

Gestählt durch Silvio Berlusconi, gegen den er mit seiner Zeitschrift MicroMega tapfer focht, fragt Paolo Flores d'Arcais "Ist Amerika noch eine Demokratie?", und antwortet nein, sondern es verkörpere sich in Bush der Populismus und Fundamentalismus einer protestantischen Mehrheit: "Die Tatsachen sagen uns, dass in den USA eine dramatische Konfrontation zwischen Demokratie und Populismus stattfindet, also zwischen den Verfechtern der Demokratie und jenen, die ihr gleichgültig gegenüberstehen. Wir erleben einen Kreuzzug des Populismus gegen die Demokratie. Für den Augenblick ist es ein siegreicher Kreuzzug, aber er könnte, wenn es schlimm kommt, die amerikanische Demokratie in einen ruhmlosen Untergang treiben."

Weitere Artikel: Im Aufmacher scheut sich Jens Jessen nicht, Martin Scorseses Film "Aviator" mit Leonardo DiCaprio in eine Reihe mit "Citizen Kane" zu stellen. Katja Nicodemus schildert ihre persönliche Begegnung mit dem Schauspieler ("Er mag Worte wie Ewigkeit, Zeitalter, Nachwelt, Vermächtnis.") Michael Mönniger meditiert in der Leitglosse über die Gleichzeitigkeit der Einweihung eines Pariser Shoah-Memorials und neuer zynischer Äußerungen des Rechtsextremisten Jean-Marie Le Pen. Hanno Rauterberg empfiehlt Günter Behnischs Neubau der Akademie der Künste am Pariser Platz, der demnächst eröffnet wird, abends zu besuchen, denn tagsüber wirke seine Glashülle "grau und unnahbar". Klaus Hartung kommentiert die glücklose Politik des Berliner Kultursenators Thomas Flierl. Und Peter Roos meldet die Rückkehr des Herbert Achternbusch auf die öffentliche Bühne.

Den Literaturteil eröffnet Konrad Heidkamp mit einer begeisterten Besprechung eines jazzhistorischen Bandes - die Übersetzung von Ashley Kanes Buch "A Love Supreme" über die Entstehung von John Coltranes berühmter Platte gleichen Titels.

Im Dossier führen Hanns-Bruno Kammertöns und Stehpan Lebert ein riesengroßes biografisches Interview mit dem Produzenten und Filmemacher Bernd Eichinger, der demnächst in Berlin den "Parsifal" inszeniert und Patrick Süskinds Roman "Das Parfüm" verfilmen lässt. "Tom Tykwer wird die Regie führen. Wir sind in Verhandlungen mit Dustin Hoffman und Alan Rickman, der in den 'Harry-Potter'-Filmen als der böse Zauberer Voldemort zu sehen war. Die Hauptrolle wird Ben Wishaw übernehmen, der mit seinen nur 22 Jahren kürzlich in London als Hamlet die Theaterwelt zu Ovationen hinriss."

In den Zeitläuften erinnert Jan-Christian Wagner an die Befreiung von Auschwitz vor 60 Jahren.

TAZ, 20.01.2005

Gisa Funk ärgert sich über die SZ-Klassikerbibliothek: "Wenn das auf 50 Bände konzipierte Sortiment am 26. Februar vollständig sein wird, werden es genau 4 Frauentitel sein - gegenüber 46 Büchern männlicher Autoren. Was dann einer Quote von acht Prozent entspricht. Oder anders gesagt: Frauen erklimmen in Deutschland häufiger eine politische Chefposition (immerhin noch eine Quote von zehn Prozent), als dass sie es in die erlauchte Riege der SZ-Klassiker schaffen."

Weitere Artikel: Christina Broecking porträtiert den südafrikanischen Jazzmusiker Abdullah Ibrahim. Besprochen werden Martin Scorceses Film "The Aviator", Michael Winterbottoms Arthouse-Erotik "9 Songs" und zwei neue Filme von Ulrike Ottinger: "Zwölf Stühle" und "Südostpassage".

Und Tom.

Welt, 20.01.2005

Heute findet in Dresden ein vom Hannah-Arendt-Institut organisiertes Forum über "Strategische und ethische Probleme des Bombenkriegs" statt. Sächsische Landespolitiker wie der Dresdner Stadtrat von der FDP haben dieses Forum kritisiert, weil es kurz vor dem sechigsten Jahrestag der Bombardierung Dresdens die Gefühle der Opfer verletzen würde. Gerhard Besier, Leiter des Hannah-Arendt-Instituts, protestiert gegen diese Kritik: "Wissenschaftler sollen ihr Recht auf freie Darstellung ihrer Forschungsergebnisse einschränken, um der NPD keinen Anlass zu Kampagnen zu geben. Erneut knicken bürgerliche Politiker ein, statt den demokratischen Verfassungsstaat und seine Errungenschaften offensiv zu verteidigen und die Feinde der Demokratie mit Sachargumenten in die Schranken zu weisen. Wer die Landtagsdebatten der vergangenen Wochen verfolgt hat, kann sich über diese Haltung kaum wundern. Da wird laviert und verblüffend unsicher agiert, wenn die 'Nationaldemokraten' verbalradikal an den Grundlagen unserer freiheitlichen Gesellschaft rütteln und keinen Hehl daraus machen, dass sie ein anderes Deutschland wollen. Die beiden heimlichen NPD-Sympathisanten aus den anderen Fraktionen, die bei geheimen Abstimmungen bisher mit den Rechtsradikalen stimmten, komplettieren das Bild einer gefährlichen Hilflosigkeit auf seiten der demokratischen Parteien."

SZ, 20.01.2005

"Ich glaube, das lässt außer Acht, dass es einen breiten politischen Konsens über die Geschichte der RAF gibt", entgegnet Felix Ensslin in einem Gespräch mit Jörg Heiser dem Argument, die RAF-Ausstellung in den Berliner Kunstwerken könne einer Aufarbeitung ihrer Geschichte zuwider laufen. Den Konsens nämlich, "dass einige Wenige in absoluter Selbstüberschätzung und Verblendung Waffen in die Hand genommen und sich zu Richtern über Leben und Tod aufgeworfen haben. Ich sehe keine ernst zu nehmende Diskussion in der Bundesrepublik, auch nicht in der Linken, die das in Frage stellen würde. Wäre das anders, könnte man diese Ausstellung tatsächlich nicht machen."

Weitere Artikel: Die SZ dokumentiert zur Feier seiner heutigen Amtseinführung einen fiktiven Nachruf des amerikanischen Schrifstellers und Historikers Greil Marcus auf George W. Bush. Wir schreiben das Jahr 2018, und der Ex-Präsident ist in einem Krankenhaus in Houston im Alter von 72 Jahren an Herzversagen gestorben. "Während seiner gesamten Karriere wurde der Politiker Bush von seinen Gegnern fahrlässig unterschätzt." Katharina Mütter fordert, dass angesichts der immer älter werdenden Gesellschaft die Konzepte für altersgerechte Häuser und Städte endlich jünger werden müssen. Katajun Amirpur sorgt sich angesichts des Washingtoner Säbelrasselns Richtung Teheran um den Einfluss Europas. Sie zitiert das Reformer-Blatt Sharq: "Die europäischen Staaten kommen dadurch in eine sehr schwierige Lage. Wenn Europa den Iranern nicht garantieren kann, dass Beschlüsse auch von den Amerikanern akzeptiert oder zumindest respektiert werden, dann wird der Iran den Dialog mit Europa beenden."

Susan Vahabzadeh und Fritz Göttler haben sich mit Helmut Dietl über seinen neuen Film "Vom Suchen und Finden der Liebe" unterhalten. Fritz Göttler verabschiedet die Filmschauspielerin Virginia Mayo: "Sie war eine der tollsten Frauen der Nachkriegszeit." Stefan Koldehoff berichtet von einem neuen, privaten Berliner Museumsprojekt, den Schauhallen in Oberschöneweide, wo nach den Plänen des Frankfurter Galeristen Hellmut Schuster und des Berliner Anwalts Sven Herrmann im Januar 2007 ein neues Zentrum für Moderne Kunst entstehen soll, welches unter anderem vom New Yorker Whitney Museum mitbespielt werden soll. Ralf Berhorst war auf einer Tagung an der FU Berlin, die dem Thema "Mitleid" gewidmet war. Lothar Müller gratuliert dem konkreten Poeten Ernst Gomringer zun achtzigsten Geburtstag.

Besprochen werden Michael Winterbottoms Sex-Romanze "9 Songs", Katrin Ottarsdottirs Road-Movie "Bye bye Bluebird", Irwin Winklers Cole-Porter-Film "De-Lovely", und Bücher, darunter Andreas Oplatkas Biografie des Grafen Stephan Szechenyi, dem Gründer des modernen Ungarn (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).