Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.01.2005. Die New York Times hat den ersten wirklich guten Film in diesem Jahr gesehen: Fatih Akins "Gegen die Wand". Die FAZ findet die Fassade des Neubaus der Akademie der Künste vornehm, aber fahl. Auch die Welt ist nicht gerade begeistert. Die taz interviewt den Künstler Carsten Nicolai. Die FR protestiert gegen Pläne Manfred Stolpes, den Berliner Schlossplatz kommerziell bebauen zu lassen. Die SZ hält sich an Lacan: Noch besser als Musik ist, wenn es still ist. Das gilt besonders für Adam Green.

FAZ, 21.01.2005

Dieter Bartetzko hat das neue Gebäude der Akademie der Künste am Pariser Platz 4, direkt neben dem Hotel Adlon besichtigt. Seine Eindrücke sind ähnlich zwiespältig wie die Hanno Rauterbergs in der Zeit. Die Innenräume und der Übergang zu den Liebermann-Sälen, die vom Originalgebäude übriggeblieben sind, scheinen ihm gelungen, die Glasfassade nicht: "Die Fassade wird unwillkürlich als Fehlstelle wahrgenommen, als Lücke im steinern-feierlichen Takt der Platzwände. Fahl trotz Vornehmheit erscheint das Grau ihrer metallenen Stützen, kalt das Glas und hilflos zugleich, als würde sich der ganze Bau unter der Masse des schludrigen Rekonstruktionsprotzes ducken, den das angrenzende Hotel Adlon in den Berliner Himmel wuchtet." (Bilder hier.)

Weitere Artikel: Jürgen Kaube bedauert im Aufmacher den Verfall des Humboldtschen Bildungsideals an den deutschen Universitäten. Paul Ingendaay bedauert in der Leitglosse, dass ein Sprecher der Kirche in Spanien, der sich vorsichtig positiv zum Gebrauch von Kondomen äußerte, auf der Stelle vom Vatikan zurückgepfiffen wurde. "hd." stellt die Pläne Peter Ruzickas für die Salzburger Festspiele 2006 vor. Christian Schwägerl berichtet von der Eröffnung des Einsteinjahrs durch den Bundeskanzler. Wolfgang Sandner gratuliert dem Opernregisseur Peter Konwitschny zum Sechzigsten.

Auf der Medienseite bereitet uns Michael Hanfeld auf einen am Montag beginnenden Prozess vor, in dem ein Fotograf gegen den Regierungssprecher Bela Anda klagt, der angeblich Fotos verschwinden ließ. Und Jörg Thomann verreißt die erste regelmäßige Ausgabe der neuen Harald-Schmidt-Show.

Auf de letzten Seite flaniert Andreas Rossmann über die Kölner Möbelmesse und stellt einen Trend zu modernen Klassikern der Möbeldesigns fest. Oliver Tolmein gibt eine Diskussion unter Grünen über Sterbehilfe und Patientenverfügungen wieder. Und Hanneas Hintermeier fürchtet, dass der Radfahrer Erik Zabel aus dem Team von T-Mobile für die Tour de France ausgestoßen wird.

Besprochen werden eine Ausstellung über den Designer Karim Rashid (Homepage) in München, Michael Winterbottoms "pornografische Etüde" (so Michael Althen) "Nine Songs", eine Ausstellung über Wandfriese des Bildhauers Otto Geyer, welche das Treppenhaus der Alten Nationalgalerie in Berlin schmücken, und große Deutsche des Ordens pour le merite zum Gegenstand haben und eine neue Choreografie von Dominique Dumais in Mannheim.

In der FAZ-Online wird außerdem das Programm des Berlinale-Wettbewerbs vorgestellt.

Weitere Medien, 21.01.2005



Fatih Akins "Gegen die Wand" ist "der erste sehr gute Film in diesem jungen Jahr", freut sich Manohla Dargis in der New York Times. Er mag "jene vor den Kopf stoßen, die kulturellen Relativismus gutheißen, egal, wie schädlich seine Konsequenzen, oder die vergessen, dass die Freiheit von Religion genauso wichtig ist wie die Freiheit der Religion. Mr. Akins Hingabe an seine Charaktere ist so kompromisslos wie seine Menschlichkeit, damit gibt er das politisch korrekte Mitleid, das so oft Geschichten über kulturelle Außenseiter verpestet, dem Spott preis."

FR, 21.01.2005

Empört kommentiert Thomas Medicus Pläne des Bundesbauministers Manfred Stolpe, das Berliner Schlossplatzareal von privaten Investoren bebauen und rein kommerziell nutzen zu lassen. Eine "überwiegend kulturelle Nutzung", wie sie der Bundestag 2002 beschlossen hatte, wäre damit ausgeschlossen. "Hätte ein Plan in der offenbar von bestimmten Ministerialen favorisierten Form der privaten Investition wie kommerziellen Nutzung Erfolg, wäre für Berlin eine einmalige Chance dahin. Der Schaden, die symbolische Mitte nicht kulturell zu nutzen, wäre für die deutsche Hauptstadt unabsehbar. Den Kunstsammlungen der Spreeinsel auf dem Schlossplatz ein kulturpolitisch sinnvolles Äquivalent hinzuzufügen, dürfte dann kaum noch möglich sein. Aus der Konkurrenz der kulturell maßgeblichen Weltstädte hätte sich Berlin hinausmanövriert."

Weiteres: Florian Malzacher stellt "Diskreter seitlicher Eingang - A squatting Project" vor, "eine Art praktische Grundlagenforschung" zur Aufhebung der Trennung zwischen Publikum und Bühne am Wiener Tanzquartier. Hier suchen zur Zeit Jennifer Lacey und Nadia Lauro neues künstlerisches Terrain zwischen Installation und Performance. In Times Mager plädiert Hilal Sezgin für die Einrichtung von Tagesstätten für die Schweinehunde von freiberuflichen Schreibtischtätern.

Besprochen werden zwei neue Filme von Ulrike Ottinger: "Zwölf Stühle" und "Südostpassage", der eine dauert dreieinhalb Stunden, der andere sechseinhalb, aber beide Filme dürften gern doppelt so lang sein, findet Peter W. Jansen.
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TAZ, 21.01.2005

Der Künstler Carsten Nicolai macht mit Klängen Kunst (mehr hier), etwa wenn er Milch mit Bässen in Wellenbewegungen bringt. Im Interview erklärt er, worum es ihm dabei geht: "Da ist etwas, was ich schon immer auflösen wollte: nämlich das klassische, solide, das schwere und mächtige, sinnstiftende und aussagegebende Kunstwerk. Deshalb ziehe ich mich zurück und zeige den Aufbau, da braucht es weder eine künstlerische Handschrift noch ein konkretes Ergebnis. Stattdessen zeige ich relativ nüchtern all das Equipment, das nötig ist, um zu experimentieren. Wenn man sich darauf einlässt, kann man aber auch eine skulpturale Qualität spüren." Interviewer Harald Fricke vergleicht seine Arbeitsweise mit der eines Ingenieurs, was Nicolai sich gern gefallen lässt. "Das ist ein bisschen untergegangen in unserer überbildeten Gesellschaft, in der jeder gleich Architekt sein will. Dabei sind Ingenieure als technische Verwalter zwar nicht die großen Kreativen; aber sie zeigen einem, dass man die innere Struktur erst begreifen muss, um weiterzukommen. Kein Architekt kommt um das ingenieursmäßige Wissen über Statik herum, so ähnlich sehe ich das auch für die Kunst." Nicolais Arbeiten kann man sich zur Zeit in einer großen Retrospektive in der Frankfurter Schirn ansehen.

Besprochen werden Hans W. Geissendörfers Film "Schneeland", Techno-CDs von Abe Duque, Tiefschwarz und Sven Väth und - in der tazzwei - das neue Album von Tocotronic, "Pure Vernunft darf niemals siegen".

Schließlich Tom.
Stichwörter: Techno, Tocotronic, Sven Väth

NZZ, 21.01.2005

Anneli Klostermeier besucht die serbische Performance-Ikone Marina Abramovic, die bis vor kurzem noch in Braunschweig risikofreudige Diplomkünstler in "Körperkunst" unterrichtete. Vor nichts scheint sie zurückzuschrecken, um ihren vorzugsweise nackten Körper als Kunstinstallation zu präsentieren: "So übergoss sie 1975 einen körpergroßen, auf dem Boden liegenden Sowjetstern mit Benzin, legte sich hinein und ließ ihn anzünden; aufgrund des Sauerstoffmangels wurde sie ohnmächtig... In Neapel stand sie sechs Stunden lang den mit Messern, Beilen, Nadeln und Peitschen ausgerüsteten Besuchern mit ihrem Körper zur freien Verfügung."

Vor sechzig Jahren wurde die Zweite Republik gegründet, vor fünfzig erhielt Österreich den Staatsvertrag. Paul Jandl beobachtet die turbulenten Vorbereitungen im "Gedankenjahr" der Österreicher. "Ein virtueller Bombenangriff mit Detonationslärm, Suchscheinwerfern und Sirenen würde, so war es geplant, über die Stadt hereinbrechen. Damit wollte man an die letzte und schwerste Bombennacht des Jahres 1945 erinnern. Nach massiven Protesten auch des Wiener Bürgermeisters ist man gerade dabei, die Sache noch einmal zu überdenken... Als prominenter Geldgeber wurde McDonald's genannt. Der amerikanische Schnellimbiss, so sieht es das Konzept vor, soll 'McCare-Pakete' sponsern."

Weiteres: Der serbische Schriftsteller Bora Cosic schreibt einen Nachruf auf Edo Murtic (hier einige Bilder), einer Schlüsselfigur der zeitgenössischen kroatischen Kunst. Joachim Güntner sieht den deutschen Kulturbetrieb für das Schillerjahr gerüstet. Christine Wolter bespricht Luca Ronconis Inszenierung von Schnitzlers "Professor Bernhardi" im Piccolo Teatro in Mailand: "eine bittere, hochintelligente Inszenierung, großes zeitnahes Theater".

Auf der Medienseite erklärt Georg David, wie sich MTV nach dem Kauf von Viva mit vier Wellen positionieren will: "Früher reichte es, Videoclips abzuspielen, um die Jungen ins Plattengeschäft zu locken und ihnen dort das Geld aus der Jeansjacke zu ziehen. Heute holt die Zielgruppe ihre Musik aus dem Internet, also braucht es andere Methoden, um Umsätze zu erzielen. Das Zauberwort heisst Interaktion. Das Musikfernsehen ist tot, es lebe das Jugend- und Konsumfernsehen - inklusive Anruf-Shows, Handy-Zusatzgebühren und Klingeltonwerbung. Oder wie es eine Pressemitteilung von MTV-Viva formuliert: 'Hot Music, Games und Fun.'"

Auf der Filmseite schildert Christoph Egger, wie sich die Solothurner Filmtage von einer chaotischen Werkschau zum gepflegten Festival gemausert haben. Besprochen werden Martin Scorseses Howard Hughs-Hommage "Aviator" und Randa Chahal Sabbas Hochzeitsfilm "Le Cerf-Volant".

Welt, 21.01.2005

Gespielt wird überall, aber nicht jedes Spiel ist jedem verständlich, erklärt die Berliner Kulturwissenschaftlerin Natascha Adamowsky im Interview. "Auf einer Spielemesse habe ich ein japanisches Spiel gesehen, bei dem man einen Zug lenkt. Aber der Zug fährt nur aus dem Bahnhof ab und kommt gleich wieder an. Der Reiz hat sich mir nicht erschlossen. In Japan ist es der Hit." Ärgerlich findet Adamowsky Kritik an Computerspielen. "Die Gesellschaft hat sich vor Romanen gefürchtet, dann vor dem Fernseher, heute werden Computer verantwortlich für Gewaltbereitschaft gemacht. Die Urgroßelterngeneration hat ganz Europa verwüstet ohne ein einziges Computerspiel. Und trotzdem ist es nicht gut, wenn jemand keine Freunde hat, sich die Eltern um ihn nicht kümmern, er von morgens bis abends mit dem Computer spielt. Aber man muss fragen: Was läuft da schief, und erst zuletzt: Was ist das für ein Computerspiel? Ich halte das oft für sehr ärgerliche Ersatzschauplätze, um nicht über Erziehung, Schule, Politik reden zu müssen."

Weitere Artikel: Rainer Haubrich missfällt die von Günter Behnisch gebaute Berliner Akademie der Künste am Berliner Platz, die demokratisch, transparent und offen sein sollte: "Zwar strahlt die Fassade nach Anbruch der Dunkelheit von innen heraus, lenkt die Blicke tief ins Innere. Aber tagsüber erweist sich die immer wieder beschworene 'Transparenz' als eine modische Lüge. Die meiste Zeit ist diese Fassade ein schwarzes Loch, und aus der Nähe entpuppt sich die mit großem theoretischem Aufwand gerechtfertigte Front als stumpfgraue Allerweltskonstruktion." Und Reinhard Wengierek hat die Dreharbeiten zu Florian Henckel von Donnersmarcks "Das Leben der anderen" (mehr) besucht. Der Film handelt "von Künstlern und Spitzeln, von Kunst und Politik, von Anpasserei, Verrat und Dissidententum. Also von der DDR."

SZ, 21.01.2005

Zum Zitat des Tages wählen wir eine Frage von Jürgen Otten an den Regisseur Michael Thalheimer, der jetzt seine erste Oper aufführen will: "Lacan sagt, und er sagt es im Widerspruch zu Wittgenstein, dass die Sprache mehr Möglichkeiten hat als das Denken. Wenn wir dem zustimmen und hinzufügen, dass die Musik mehr Möglichkeiten hat als die Sprache, dann wäre das, was sie tun, in der Tat etwas Außerordentliches. Hat die Musik mehr Möglichkeiten als die Sprache? Und: Hat die Stille vielleicht noch mehr Möglichkeiten als das Klingende?"

Das findet auch Lulia Encke, der der Saisontiger Adam Green, der neue Bob Dylan, der Urenkel von Kafkas ewiger Verlobten Felice Bauer, also "the latest shit" mit seiner Mischung aus geborgter Souveränität, "Anmaßung, Altklugheit und Naivität" einfach nur auf die Nerven geht: "Adam Green hat eine schöne Baritonstimme. Seine Lieder klingen allerdings so, als hätte der Zappelphilipp sie mit Hilfe der Plattensammlung seines jetzt fünfzigjährigen Onkels komponiert. Da wird gegaukelt und geschaukelt, getrappelt und gezappelt, weil es langweilig sein könnte, einfach mal stillzuhalten."

Weiteres: Alexander Kissler kommentiert das geplante Antidiskriminierungsgesetz, von dem er fürchtet, dass es zu einer Verrechtlichung fast sämtlicher Bereiche der Gesellschaft führt. Johan Schloemann berichtet, dass sich Autoren und Verlage auf eine neue Vergütungsregeln geeinigt haben: Danach sollen Autoren künftig mit zehn Prozent am Netto-Erlös jedes verkauften gebundenen Buches beteiligt werden, bei Bestsellern mit entsprechend mehr, bei Taschenbüchern mit weniger. Ulrich Kühne war dabei, als der Kanzler das Einstein-Jahr eröffnete. Christian Jostmann greift den spanischen Streit um die Blaue Division auf, die 1941 den deutschen half, die Sowjetunion zu überfallen. Sabine Kebir berichtet von einer Tagung in Berlin, die sich darum bemühte, den Begriff Genozid zu klären.


Besprochen werden die Manet-Schau in der Neuen Pinakothek München, die nur die beiden Bilder "Frühstück im Atelier" und "Bar in den Folies Bergere" samt Skizzen und Röntgenaufnahmen zeigt und Willibald Sauerländer in Entzücken versetzt ("das schönste fest für die Augen!"), Hans W. Geißendörfers "Schneeland" und Bücher, darunter Michael Crichtons Öko-Thriller "Welt in Angst" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).