Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.08.2004. "Getötet wird sowieso für alles und jedes", erklärt Elfriede Jelinek in der FR. Die NZZ hat in London Madonnas charmelose, kalkulierte Muskelprotzen-Show gesehen. In der Berliner Zeitung sieht Oskar Negt die Zukunft der Mittelschicht in der Luft. Die FAZ warnt vor einer konzeptionellen Neuorientierung des Bauernstands.

FR, 24.08.2004

In einem ausholenden Essay reflektiert Elfriede Jelinek (mehr) nach Lektüre der Studie "Sexualisierte Gewalt. Weibliche Erfahrungen in Konzentrationslagern" über "weibliche Nichtidentität" und das "weibliche Opfer". Dieses habe in der Antike "seine Größe bekommen und behalten. Agamemnon, der Heeresfürst, opfert seine Tochter, ein Verbrechen, das sich fortpflanzen wird, wie von selber, bis zu seiner Ermordung durch die Gattin Klytämnestra und dann deren Ermordung durch ihren Sohn Orest und daraus die großen Sprünge in der Zivilisation: vom Mutterrecht zum Vaterrecht zum abstrakten Recht, zum Symbolischen, zur Verrechtlichung selbst, der symbolische Tausch Tod gegen Strafe, so wie das Geld letztlich die Abstraktion des Tauschs ist. Getötet wird sowieso für alles und jedes."

Gewohnt luzide denkt Ursula März über die "inflationäre" Konjunktur nach, die derzeit die gesellschaftliche Figur "berufstätige Mutter" als "Medienerzählung" erfahre. "Kaum eine andere Figur als die der berufstätigen Mutter ist so ideal dafür geeignet, Interesse an ihrer sozialen, materiellen, faktischen Disposition zu behaupten und dieses Interesse gleichzeitig im Befindlichkeitsnebel des Mentalen, Psychologischen zu vernachlässigen."

Weiteres: In der Textreihe über die historischen Hintergründe anlässlich der Debatte um die Errichtung eines "Zentrums gegen Vertreibungen" in Berlin weist heute der Literaturwissenschaftler und Professor für Ästhetik, Karol Sauerland, die fortdauernde Aktualität des Themas nach. Thomas Medicus erläutert die Pläne zur städtebaulichen Neuordnung des Berliner Kulturforums. Dirk Fuhrig stellt das türkische Kulturfestival "Simdi Now" ("Jetzt") vor, das erstmals in Berlin stattfinden wird. Und in Times mager macht sich Silke Hohmann über Viva-Moderatorin Sarah Kuttner und die Diebe von Munchs "Schrei" lustig. Gratuliert wird schließlich dem Architekten Karljosef Schattner zum achtzigsten Geburtstag,

TAZ, 24.08.2004

Die "Tragik der Schönheitsoperation" erkennt Daniel Schreiber in den "belebenden Kollisionen von Theater und amerikanischer Popkultur, Genderfragen und Martial Arts" beim größten Theaterfestival der Vereinigten Staaten, dem Fringe Festival in New York. Neben einem "zu erwartenden politischen Schwerpunkt mit Arbeiten zwischen Bush-Bashing und Terrorangst-Pathos" machte er dabei einen "überraschenden Trend zur Auseinandersetzung mit Hollywood, Pop und Teenage-Kult aus".

Weitere Artikel: Kolja Mensing schreibt an seinem Drehbericht über das Ghetto Grohner Düne in Nord-Bremen weiter: "Keine Mützen diesmal, sondern Sturmhauben" (neues Videomaterial hier). Robert Hodony kommentiert die Überlassung von 41 Werken an die Dresdner Gemäldegalerie durch Gerhard Richter. Christian Broecking beschäftigt sich mit der New Yorker Oktoberrevolution im Jazz 1964. Und in der tazzwei kommentiert Susanne Lang die Verleihung des Nachwuchspreises "First Steps" für Regisseure - nebst Drehbuchproben und Macherzitaten.

Besprochen werden die Tagebücher des Schriftstellers, Diplomaten, Kunstmäzens und "weltläufigen Dandys" Harry Graf Kessler (siehe auch unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

Und hier Tom.

NZZ, 24.08.2004

Hanspeter Künzler hat das Madonna-Konzert in London besucht und sich geärgert: "Hinter der singenden Madonna prangt das surreal-kitschige Bild eines Jesus, der ein pulsierendes Herz in der Hand hält. Auch 'American Life' (Bilder von zerfetzten Leibern, Spitalbetten und Tränen) sowie eine atemberaubend grässliche Version von John Lennons 'Imagine' stimmen missmutig (stell dir eine Welt ohne Besitz vor - in London kostete jedes Ticket zwischen 90 und 150 Pfund). Früher ließ Madonna von sich obszöne Fotos machen. Heute ist nur noch obszön, wie sie das Leiden der Welt für ihre charmelose, kalkulierte Muskelprotzen-Show gekidnappt hat."

Weiteres: Klaus Bartels meditiert über die Etymologie des Wortes "Kanzler". Paul Jandl war bei einer Sitzung in Wien, wo die Bildung eines länderübergreifenden Rechtschreibgremiums verhandelt wurde. Besprochen werden eine Ausstellung des Video-Künstlers Aernout Mik im Münchner Haus der Kunst, ferner Kunst-Installationen in der freien Natur beim "Kultursommer Greina 2004" sowie die Uraufführung einer Komposition von Harrison Birtwistle mit dem Cleveland Orchestra.

Die Buchrezensionen befassen sich unter anderem mit Lars Gustafsons Roman "Der Dekan" und dem Sammelband "Iconic Turn" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

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Stichwörter: London, Wien

Berliner Zeitung, 24.08.2004

Im Feuilleton nimmt Harald Jähner die Demonstrationen gegen Hartz IV zum Anlass, um mit dem Soziologen Oskar Negt über die soziale Situation in Deutschland zu sprechen. Für Negt bedeuten die "Gewinne von heute häufig die Arbeitslosen von morgen". Der Leser erfährt auch etwas über die tendenzielle Veränderung in der Mittelschicht Brasiliens, die "auch bei uns angelegt" sein soll: "... diese Mittelschicht lebt praktisch nicht mehr auf dem Boden dieser Gesellschaft. In Sao Paulo, um ein Beispiel zu nennen, gibt es einen Taxi-Verkehr ganz eigener Art: 600 Hubschrauber sind unterwegs als Taxis. Die reich gewordene Mittelschicht lebt praktisch in der Luft. Sie bauen nur noch Häuser mit Helikopter-Landeplätzen und gehen nicht mehr auf die Straße. Das ist doch eine gespenstische Situation ...."

FAZ, 24.08.2004

Stephan Wackwitz versucht zu erklären, was der Tod von Czeslaw Milosz für die Polen bedeutet: "Die Erschütterung, die in den heißen Spätsommertagen nach Czeslaw Milosz' Tod Krakauer Zeitungen, Passanten, Nachbarn, Arbeitskollegen und Politiker ergriffen hat, stößt ein Zeitfenster ins vorletzte Jahrhundert auf. Nationalpolitisch ist es in Polen 1918 zu Ende gegangen, literarisch-identitätspolitisch wird es, wenn nicht alles täuscht, am kommenden Freitag mit dem großen Modernisten zu Grabe getragen; und für immer. Das symbiotisch-expressive Verhältnis eines Schriftstellers zu seiner Nation, das Milosz und Polen verbunden hat, kommt von weit her und ist uns zeitgenössischen Deutschen fremd."

Christian Schwägerl warnt vor der "vielleicht größten konzeptionellen Neuorientierung in der mehr als zehntausendjährigen Geschichte des Bauernstands". Sie besteht darin, dass Landwirte zwar weiterhin viel Geld von der EU erhalten, doch nicht mehr als Lebensmittelproduzenten, sondern "als 'Landschaftspfleger', also als Bewahrer der von ihnen selbst geschaffenen Kulturlandschaft". Dahinter steckt laut Schwägerl ein Naturideal der Grünen, die die "Kulturlandschaft des neunzehnten Jahrhunderts als Maßstab des sogenannten 'Naturschutzes'" propagieren. Schwägerl plädiert statt dessen für ein "Nebeneinander von Wildnis und Wirtschaftsland".

Weitere Artikel: Dirk Schümer berichtet, dass Silvio Berlusconi den Kulturhaushalt Italiens um gut ein Drittel kürzen will. "Schon jetzt berichten italienische Medien über unhaltbare Zustände ... Die stets überlaufenen Uffizien mussten aus Personalnot vor einigen Wochen beinahe die Hälfte ihrer Säle schließen, was zu Tumulten beim zahlenden Publikum führte. Und im sizilianischen Piazza Armerina organisierten amerikanische Touristen spontan eine Reinigung der römischen Bodenmosaiken vom herumliegenden Müll." Christian Geyer stellt Walker Percys "Die Wiederkehr" als sein Lieblingsbuch vor. Achim Heidenreich hat "Musik im Phonwaschgang" bei den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik gehört. Dieter Bartetzko gratuliert dem Baumeister Karljosef Schattner zum Achtzigsten.

Auf der Medienseite erklärt uns Zhou Derong, wie die chinesische Regierung den Medienmarkt für ausländische Investoren öffnet, zugleich aber dafür sorgt, dass die Zensur weiterhin funktioniert. Es ist ganz einfach, lesen Sie selbst! Heike Hupertz stellt die Kandidaten für den Filmpreis First Step Award vor.

Auf der letzten Seite porträtiert Andreas Platthaus eine Comicfigur von Bernd Pfarr: Herrn Sondermann. David Wagner ist auf der B1 durch Berlin marschiert und lässt uns an seinen Beobachtungen teilhaben. Das Orchestersterben in Berlin geht weiter, meldet Eleonore Büning auf der letzten Seite. Nach der Abwicklung der Berliner Symphoniker will Kultursenator Flierl nun das Berliner Sinfonie-Orchester (BSO) und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) fusionieren, obwohl beide Orchester einen "ausgezeichneten Ruf" haben und die Auslastung der Konzerte bei achtzig bis sechsundachtzig Prozent liegt.

Besprochen werden eine Ausstellung über den Baumeister Geoffrey Bawa im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt, Calixto Bieitos Inszenierung der "Celestina" in Edinburgh und die Ausstellung "Ost-Westlicher Ikarus" im Winckelmann-Museum in Stendal.

SZ, 24.08.2004

In einem kleinen Wutanfall wettert "tost" gegen das "gleich dreifach verlogene" Wort "holen" ("Hol' mir mal 'ne Flasche Bier"), das jetzt "in widerlicher Art" auch in den Sport eingezogen sei ("Medaillen holen"). Es "raubt jedem Erwerb, jedem Gewinn, jedem Sieg das Glücks-, ja Schicksalhafte, das zu ihm gehört. Im 'Holen' spricht der eingebildete Souverän, ein Ausbund an Anmaßung und Tücke. Ein deutsches Wort und sehr modern."

Weitere Artikel: Jens Bisky stellt "Schrumpfende Städte", das "wichtigste Projekt" der Bundeskulturstiftung vor, das sich ab dem 4. September in einer Ausstellung in den Berliner KunstWerken erstmals präsentiert. C. Bernd Sucher denkt über Intendantenwahl und Zukunft der Salzburger Festspiele nach. Alexander Kissler informiert über die sich beschleunigende Spaltung der anglikanischen Kirche. "bch" räsoniert über die Zahnarzthelferin als solche, und irgendwie dazu passend erteilt uns Burkhard Müller in der kleinen feinen Serie über den Satzbau eine Lektion in Flexionsendungen ("Nicht verschlucken!"). "lmue" testet derweil die nach "oben offene" (Arnulf) "Baring-Skala" des Unmuts ("Vergessen wir Hartz!"). Gratuliert wird schließlich noch dem Architekten Karljosef Schattner zum achtzigsten Geburtstag. Und in der "Zwischenzeit" erzählt Harald Eggebrecht eine (schwer allegorische) Geschichte vom guten Onkel aus Amerika auf einer deutschen Kirmes.

Besprochen werden eine Ausstellung von Zeichnungen Michelangelos und seiner Zeitgenossen in der Wiener Albertina, das einzige Deutschlandkonzert von Greg Dulli und den "Twilight Singers", die Halbzeit im Bayreuther "Ring" mit den letzten Aufführungen von Jürgen Flimms "Rheingold" und "Walküre", eine DVD-Sammlung mit frühen Arbeiten, Filmessays und Experimenten von Jean Luc Godard, Krzysztof Kieslowski, Lars von Trier, Nanni Moretti und anderen, außerdem der erste russische Blockbuster: "Nachtwache" von Timur Bekmambetow.

Und natürlich Bücher, darunter Gao Xingjians Roman "Das Buch des einsamen Menschen", eine Biografie über Georg Brandes, ein Band mit Polaroids von Andreij Tarkovskij, eine Studie über "Die Geldmacher. Das geheimste Gewerbe der Welt" und schließlich zwei Bände zu Amerika: das "Schwarzbuch USA" und ein von David Halberstam herausgegebener Sammelband "Defining America" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).