Heute in den Feuilletons vom 04.08.2004

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.08.2004. Die SZ findet das Jugendorchester von Caracas genauso gut wie die Berliner Philharmoniker. Der Guardian bringt einen posthumen Essay von Edward Said über künstlerische Spätwerke. Die FR grübelt in Salzburg über Abendgarderobe und Mozartliebe. Der Bayreuther Flimm-"Ring" wird von taz und FAZ ungnädig verabschiedet.

TAZ, 04.08.2004

Kein Meisterstück, aber immerhin luzide Unterhaltung liefert Alex Proyas mit seiner Verfilmung von Isaac Asimovs Science-Fiction-Romanvorlage "I, Robot", findet Georg Seeßlen: "Will Smith ist ein schäbiger Retro-Cop in einer schmutzig banalen Zukunft, in

denen einzig und allein die Robot-Diener das Leben erträglich machen. Sie sind freilich radikal privatisiert; sie dienen offensichtlich nur ihrem Besitzer, und sie tun das im Sinne treuer persönlicher Loyalität, aber mit der Traurigkeit eines missbrauchten Objekts. Diese Privatisierung, so viel verrate ich, ist in Bezug auf das Asimovsche 'Ethos' der Robots der Kick zur Lösung des Problems. Denn was ist mit Mensch gemeint, ein Individuum, ein soziales Glied oder eine existenzielle Gattung? Das Problem nämlich liegt nicht in der inneren Evolution zum lebendigen und bewussten System, sondern es liegt im Maschinen-Bewusstsein des Menschen. Das Tolle an einer Ich-Maschine ist es, dass sie die Probleme des menschlichen Subjekts zugleich widerspiegelt und verschärft." Mehr über Asimovs "Gesetze des Roboters", erfährt man in der tazzwei von Niklaus Hablützl, der außerdem die Seite asimovlaws vorstellt.

Weitere Artikel: Frieder Reininghaus fragt sich, warum Jürgen Flimm ein so gefragter Regisseur ist und vermutet, es liegt am sozialdemokratischen Mittelmaß seiner Helden: "Flimm bleibt Flimm, und das ist guter Willen. Auch in Bayreuth, wo der von ihm zum Millennium inszenierte 'Ring des Nibelungen' am Wochenende nun zum fünften und letzten Mal vorgeführt wurde. Unverdrossen erscheinen Flimms Götter dort als kontemporäre Mittelständler - und so als Leute, die gesellschaftlich nicht oben sind; aber auch keine vulkanischen, diabolischen Antipoden." Jörg Sundermeier ärgert sich über den Hit "Wir sind wir" - das ist "Nationalismus in windelweichem Pop verpackt", findet er. Außerdem überlegt die taz, wer das Kursbuch übernehmen könnte. Kandidat heute: der Piper Verlag.

Auf der Medienseite berichtet Steffen Grimberg, dass Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit ein Interview mit der Berliner Zeitung absagte, weil ihm der Interviewpartner Jan Thomsen nicht passte. In der tazzwei erzählen Hartmut Metz und Arno Frank die Geschichte des Schachgenies Bobby Fisher, der in Japan gegen seine Auslieferung in die USA kämpft. Und auf der Meinungsseite erklärt die Historikerin Brigitte Hamann, warum der Erste Weltkrieg mehr über die Grundstruktur moderner Kriege lehrt als der Zweite: "Wenn man sich mit dem Ersten Weltkrieg beschäftigt, lernt man viel über die Schwäche und den Leichtsinn von Politikern. Diese Sicherheit, mit der man auch heute noch in Kriege geht und denkt: Es kann uns nichts passieren, wir haben die mächtigste Militärmacht überhaupt. Damals wurde der klitzekleine Krieg gegen Serbien innerhalb von drei Tagen zum Weltkrieg. Dieses Risiko muss sich heute jeder Staatsmann überlegen, bevor er überhaupt einen Krieg anfängt."

Schließlich Tom.

NZZ, 04.08.2004

Carlo Caduff, Kulturanthropologe und derzeit Doktorand in Berkeley, denkt über die Patientenverfügung (mehr dazu hier) nach. Ob der vorher festgelegte Patientenwille tatsächlich zur Autonomie des Patienten beiträgt - Caduff hat da seine Zweifel: "Über die Bedingungen des modernen Lebens und Sterbens soll man sich nicht täuschen. Der bürokratische Betrieb beruht auf Standardisierung; auf die vorgegebenen Fragen sind klare Antworten erwünscht und gefordert: Organtransplantation - ja oder nein, Ruhigstellung - ja oder nein, künstliche Ernährung - ja oder nein, künstliche Beatmung - ja oder nein, Dialyse - ja oder nein, Antibiotika - ja oder nein. Immerhin ist auf dem entsprechenden Formular des 'Humanistischen Vereins Deutschlands' die Möglichkeit vorgesehen, auf die Frage, ob die Ärzte den potenziellen Patienten bei Komplikationen konsequent sterben lassen sollen, mit 'weiß nicht' zu antworten. Auch dies - eine Entscheidung."

Weitere Artikel: Patricia Benecke wirft einen Blick auf die britischen Regionaltheater, die dank eines Subventionsanstiegs erfolgreicheres und weniger provinzielles Theater machen. Heute abend beginnt das Filmfestival in Locarno. Präsident Marco Solari spricht im Interview über die künftige Leitung des Festivals.

Besprochen werden eine Architektur-Ausstellung in Rotterdamer NAI und Bücher, darunter Eberhard Straubs historische Studie "Das spanische Jahrhundert" und ein Bildband über Diderot (mehr in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
Stichwörter: Ernährung, Rotterdam, Tausch

Weitere Medien, 04.08.2004

Die deutschen Zeitungen geben uns noch ein bisschen Zeit zum Herumsurfen, und so finden wir im Guardian einen langen Auszug aus Edward Saids letztem Essay, in dem er über künstlerische Spätwerke nachdenkt. Oft würden sie als besonders versöhnlich geschildert, schreibt er. "But what of artistic lateness not as harmony and resolution, but as intransigence, difficulty and contradiction? What if age and ill health don't produce serenity at all?" Und meint damit natürlich vor allem Beethoven. Der vollständige Essay steht in der London Review of Books, allerdings nicht online. Heute Abend gibt Daniel Barenboim übrigens in London ein Gedenkkonzert für Said.
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FR, 04.08.2004

Die FR dürfen wir heute nur online lesen, meldet Spiegel Online. Und zwar stand auf dem Titelkopf nicht "unabhängige" Zeitung wie sonst, sondern "abhängige Zeitung". Es handelt sich selbstverständlich um einen "technischen Fehler" wie der Geschäftsführer der von der SPD gehaltenen Zeitung Günter Kamissek laut spiegel.de betont.

Peter Michalzik grübelt in Salzburg über die Verbindung von Abendgarderobe und Mozartliebe - beim Publikum und auf der Bühne, etwa bei Stefan Herheims Inszenierung der "Entführung aus dem Serail": "Die Kostüme aber sind wieder nur der Spiegel dessen, was im Saal ohnehin zu sehen ist, mit einem Dreh in Richtung Hochzeit. Die liebenden Damen mit langen weißen Kleidern und Schleiern, die aber doch wie elegante Ballgarderobe wirken. Die Herren anlassgemäß in Frack und Weste. Dazu der Chor in allen möglichen Formen von vornehmer Abendbekleidung, natürlich wieder bis hin zur Unterwäsche. Jenes Weiß mit Rüschen, aus dem Peter Palmers jene Mischung von Keuschheit und Sex macht, die sonst nur 'Nivea' so genial herzustellen weiß, und die so wunderbar in die frische Salzburger Landschaft passt."

Weitere Artikel: In Times Mager sinniert Hans-Jürgen Linke über den Zahlenzauber der Messenger. Besprochen werden die Ausstellung "Afrika Remix" im Museum Kunst Palast in Düsseldorf und Bücher, darunter Vladimir Nabokovs "Eigensinnige Ansichten" und Gunnar Deckers Buch über "Rilkes Frauen" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

SZ, 04.08.2004

Hundert Jugendorchester und mehr als fünfzig Kinderorchester gibt es in Venezuela, mit einem davon, dem Jugendorchester "Simon Bolivar" spielte Simon Rattle in Caracas Mahler, und zwar mit einer Besetzung von 850 Musikern: "vier Tuben, zehn Querflöten, 23 Celli", 600 Sänger. "Dieses Mahler-Konzert war keinen Deut schlechter als eine Rattle-Aufführung mit den Berliner Philharmonikern", schwärmt Bernd Feuchtner.

Weiteres: Petra Steinberger greift einen Bericht aus dem Independent auf, in dem eine britische Ärztin vor der Feminisierung des Ärztestandes warnte, weil damit unweigerlich Unterbezahlung und Statusverlust einhergehen. Wolfgang Eckart trägt die bisher unbestätigten Berichte weiter, dass in Turkmenistan und Usbekistan die Pest ausgebrochen ist. Kai Martin Wiegandt berichtet von den wahren Olympischen Spielen, die derzeit in Nemea stattfinden, inklusive Tunika, Sklaven und Selleriekranz. Ralf Schnell schreibt zur Situation der Geisteswissenschaften.

Fritz Göttler bereitet uns auf Alex Proyas Roboter-Film "I, Robot" vor, wobei er auch Isaac Asimovs heilige Roboter-Gesetze erklärt. Außerdem besprochen werden Claus Guths "Holländer"-Inszenierung in Bayreuth, ein Konzert des Jazzpianisten Brad Mehldau auf Schloss Elmau, Aufführungen von "La Traviata" und "Madame Butterfly" beim Festival in Verona.

Auf der Literaturseite besucht Ulrich Raulff Jürgen Manthey, der gerade an einer Geistesgeschichte Königsbergs arbeitet. Roswitha Budeus-Budde unterhält sich den Geschäftsführern des Oetinger Verlags über Bücher, die ein Verlag gern verschenkt. Meike Fessman bespricht Adelheid Duvanels Erzählungen "Beim Hute meiner Mutter" (siehe auch unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FAZ, 04.08.2004

Vor 300 Jahren haben die Briten den Spaniern Gibraltar (www.gibraltar.gi) abgeknöpft, und seitdem streiten sie um den Landzipfel, konstatiert Paul Ingendaay im Aufmacher: "An Gibraltar kann Tony Blair ungestraft seinen Unmut über die neue spanische Regierung kühlen. An Gibraltar wird sich Spanien auf absehbare Zeit die Zähne ausbeißen."

Weitere Artikel: In der Leitglosse schreibt Christian Geyer über die Kunst des Leserbriefschreibens, die der Philosoph Georg Simmel besonders gut beherrschte. Jordan Mejias empfiehlt dringend die große Schau in Chicago um Seurats berühmtes Gemälde "La grande jatte", die nicht durch die Kunstmetropolen wandern wird, weil Chicago das Bild nicht reisen lässt. Eleonore Büning schreibt über Wiederaufnahmen in Bayreuth, unter anderem über die letzten Vorstellungen des Flimm-"Rings" ("Dieser 'Ring' ist nun abgespielt. Und während er zum letzten Male läuft, wird er schon zur Strafe für seine Halbherzigkeiten von der Furie des Vergessens verschlungen", lautet Bünings Verdikt). Walter Hinck schreibt zum Tod des Literaturwissenschaftlers Helmut Kreuzer. Jürgen Kaube gratuliert dem Juristen Hasso Hofmann zum Siebzigsten. Der Literaturwissenschaftler Heinrich Detering (mehr hiererkiest ausgerechnet die Bibel zu seinem Lieblingsbuch. Gerhard Koch hat seinen ganzen Mut zusammengenommen und sich ein parsifaleskes Orgien-Mysterien-Theater von Hermann Nitsch, samt ergebener Truppe und malerisch drapierten Schweinehälften zu Gemüte geführt ("Parsifal tritt nicht auf, denn der sind wir angeblich alle selber", erfahren wir da).

Auf der Medienseite werden weitere Dokumentationen über den Ersten Weltkrieg (der lange nicht mehr so in Mode war) sowie über den Dopingfall (oder nicht) Dieter Baumann besprochen.

Auf der letzten Seite berichtet Irmela Spelsberg, dass Polen und Deutsche gemeinsam das Welterbe Fürst-Pückler-Park in Muskau retten. Esther Kilchmann, liest jene Litfasslyrik, die uns auf sommerlichen Plakaten zu denken gibt. Wolfgang Sandner würdigt die Arbeit Solf Schäfers, der seit zehn Jahren die Darmstädter Ferienkurse für Neue Musik leitet.

Weitere Besprechungen gelten dem Film "I, Robot", eine Ausstellung über "Andachtsbilder" im Kölner Schnütgen-Museum und die Ausstellung "Kein Krieg ist heilig" über die Kreuzzüge im Bischöflichen Diözesanmuseum Mainz.