Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.07.2004. In der SZ spottet Leon de Winter über die Scheinheiligkeit der UNO in Sachen Israel: "Eine Gruppe von Serienmördern beklagt über einen Taschendieb". In der FAZ erzählt Elke Heidenreich, wie sie mit leichter Hand Mozarts "Gärtnerin aus Liebe" umschrieb: "Elke, das ist jetzt kein literarisches Riesending." Die NZZ hat langsam genug von Berliner Theater, zumal in Avignon. Die FR fliegt  zum Mond. Und alle trauern um den genialischen Carlos Kleiber.

FAZ, 20.07.2004

Elke Heidenreich erklärt im Interview, warum sie überhaupt kein Problem damit hatte, die Dialoge zu Mozarts Singspiel "Die Gärtnerin aus Liebe" neu zu schreiben: "... dieses hier ist ein Machwerk, das mit Mozart nicht viel zu tun hat. Mozart hat seine Arien geschrieben, seine Musik geschaffen, aber die Texte dazu sind unsäglich. Ich habe mir gesagt: Elke, das ist jetzt kein literarisches Riesending. Das musst du mit leichter Hand machen. Das sind Menschen, die sich unterhalten, im Urlaub, in Italien. Also leichte Hand, schöne Musik, und der Rest ergibt sich." (Man spürt förmlich, wie Wolfgang Sandner im Laufe des Interviews dahinschmilzt!)

Aro. hat mit Rupert Neudeck über die neueste Aktion der Cap Anamur gesprochen. So ganz einverstanden ist er mit seinem Nachfolger nicht. Es "ärgert" ihn, dass "die Flüchtlinge schon am 20. Juni aus dem Meer gerettet wurden und erst am 28. Juni zwei Fernsehteams an Bord gehen und das Schiff extra dafür bis vor die tunesische Küste geschickt worden ist. Das kostet ja alles auch Geld. Wir sind immer sehr pfleglich mit Geld umgegangen, das war unser ganzer Stolz, denn wir haben uns bewusst gemacht, dass wir von den zwanzig Euro der Oma leben und dass uns Hunderttausende Geld geben, die es selbst nicht dicke haben.'"

Weitere Artikel: Andreas Rosenfelder war bei einer Gesprächsrunde am Rande des Hip-Hop-Festivals "Urban Stylez" in Köln. In der Leitglosse serviert uns Gerhard Stadelmaier die süßesten Hasen in Schlingensiefs kommender "Parsival"-Inszenierung: "die Kollegen Theaterkritiker". Timo John stellt einen Kirchenneubau von Susanne Gross in Freiburg-Rieselfeld vor. Lorenz Jäger ist unzufrieden mit der Darstellung des 20. Juli im Film: Wer die "verzweifelt-patriotischen, die christlich-ethischen Motive des deutschen Widerstands" kennen lernen will, dem empfiehlt er statt dessen einen "Edelstein der deutschen Literatur über die Epoche zwischen 1939 und 1945", nämlich "Untergetaucht unter Freunden" von Claus Victor Bock. Martin Mosebach stellt sein Lieblingsbuch, das "Agni Puranam" vor. Wolfgang Sandner schreibt den Nachruf auf den Dirigenten Carlos Kleiber.

Auf der Medienseite zieht Michael Hanfeld erste Erkenntnisse aus der großen Stasi-Studie der ARD. Gemeldet wird, dass Gunter Thielen ab 2007 den Vorstandsvorsitz der Bertelsmann Stiftung übernehmen wird. Neu in den Vorstand kommt außerdem Brigitte Mohn. Auf der letzten Seite porträtiert Martin Lhotzky den "kürzlich emeritierten Professor des Instituts für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien" Michael Mitterauer. Michael Martens beschreibt Griechenlands ewige Zweite: Thessaloniki. Und Regina Mönch berichtet von einer selbst für Berliner Verhältnisse ungewöhnlich kraftlosen Sitzung des Kulturausschusses, auf der Thomas Flierl von seinen Regisseuren forderte, ihre Ost-West-Kompetenz fruchtbarer zu machen. Hintergrund ist die Entlassung von Volker Hesse (Maxim-Gorki-Theater) und Bernd Wilms (Deutsches Theater).

Besprochen werden eine Ausstellung mit Video-Arbeiten von Anri Sala in den Hamburger Deichtorhallen und die Ausstellung von Reiner Specks Petrarca-Bibliothek im Museum für Angewandte Kunst in Köln.

FR, 20.07.2004

In einem schönen, historisch ausholenden Text erinnert Christian Thomas an die erste bemannte Mondlandung vor 35 Jahren - und vor allem ihre denkerisch-utopischen Vorwegnahmen. "Seitdem Dichter zum Mond aufbrachen, taten sie es mit unterschiedlich schwerem Gepäck. Im Anfang galt das Gedankenfliegen an und für sich. Lukian, der griechische Schriftsteller, der als Pionier der literarischen Mondfahrer gilt, machte im zweiten Jahrhundert nach Christus mal Windhosen, mal Adlerschwingen für einen erfolgreichen Mondtransfer verantwortlich. Jahrhunderte nach seiner Wahren Geschichte war es die Leiter, die einen guten Stand hatte bei der Eroberung des Trabanten. So wurde sie im Jahre 1516 in Ariosts Rasendem Roland an den Himmelskörper angelehnt, also zu einer Zeit, in der das Universum sich immer stärker von einem religiösen Obdach zu einem kosmologischen Unruheherd entwickelte. Oder bereits entwickelt hatte?"

Weiteres: In Times mager kommentiert Harry Nutt die Gehaltsverzichtforderung für Manager und gibt es den Politikern "populistisch einmal so" zurück: "Wir brauchen keine Gaben von Managern, sondern politische Politik. Auf alles andere lässt sich verzichten."Stefan Schickhaus würdigt in einem Nachruf den verstorbenen Dirigenten Carlos Kleiber. Und auf der Medienseite erklärt der italienische Karikaturist Vauro, der seit 20 Jahren für Il manifesto tätig ist, seine Arbeit im Berluscon-Staat und beharrt darauf "Die Satire zwingt dich zu einer Synthese. Sie muss inopportun sein und gegen den Strich gehen, ist nicht 'politisch korrekt', sie braucht eine Art bösartigen Infantilismus wie der kleine Oskar Matzerath in der Blechtrommel von Günter Grass. Es ist eine Bösartigkeit der Wahrheit."
Stichwörter: Günter Grass, Satire

NZZ, 20.07.2004

Marc Zitzmann war beim Theaterfestival in Avignon und hat sich vornehmlich geärgert. Zum einen hat ihn der dort grassierende Berlin-Hype gestört: "Dass auch in Hamburg, München und Bochum Theater gespielt wird, vermag der der deutschen Bühnenwelt unkundige Besucher in Avignon nicht einmal zu erahnen." Und auch die sonstigen Inszenierungen haben ihm nicht zugesagt. Zwölf hat er gesehen, nur zwei haben ihm gefallen, der Rest klingt so: "Kaum gelungener "Isabella's Room" von Jan Lauwers: zwei lange Stunden voller szenischer Mätzchen, hilfloser Verrenkungen und unmotivierten Geschreis. In Rodrigo Garcias "La Historia de Ronald, el payaso de McDonald's" mussten sich die drei Halbnackten auf der Bühne minutenlang in Milch und Traubensaft suhlen, unter wilden Zuckungen."

Weiteres: Peter Hagmann schreibt einen Nachruf auf den Dirigenten Carlos Kleiber. Georges Waser besuchte die Ausstellung des Bildhauers Henry Moore (mehr) in der Londoner Dulwich Picture Gallery. Außerdem werden die neue Dauerausstellung im historischen Museum Frankfurt besprochen sowie der Auftakt des Musikfestivals "Verbier Festival & Academy".
Die Buchrezensionen widmen sich unter anderem dem Erzählband "Feldstudien" von Rachel Seiffert (mehr hier in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).



Anzeige

TAZ, 20.07.2004

Der Kulturteil frönt der Besprechung. Harald Fricke führt durch die große Donald-Judd-Retrospektive in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. Claudia Gass sah Marc von Hennings Inszenierung von "Richard III" am Stuttgarter Schauspielhaus. Eine Buchbesprechungen gilt einer Verabschiedung der französischen Theorieschulen "After Theory" und dem Glasgow-von-unten-Roman "Spät war es, so spät" von James Kelman (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr)

Die tazzwei kämpft mit allen Mitteln. Heute stellt Martin Reichert den neuen Film von Larry Clark "Ken Park vor, der Jugendliche "in allen Stellungen" zeigt. "Es ist eben schon etwas daran, wenn ein junges Mädchen beschreibt, wie sie sich 'die Hörner abstößt', eine Lebensphase, die man jungen Männern für gewöhnlich zugesteht, während Frauen sich bis heute schwer tun, eine auf reine Triebbefriedung ausgerichtete Sexualität zu leben."

Robin Alexander behauptet, dass sich unser Geschichtsbild auf Grund der "Hitlerverliebtheit" des Fernsehens zusehends verändere: "Mit dem Nationalsozialismus ist es wie mit dem Fußball: Das Fernsehen kann nicht genug davon bekommen." Und Bernhard "der Übervater" Pötter erklärt, wie er die eigene Kindheit überlebt hat.

Und hier TOM.

SZ, 20.07.2004

Viel Stoff heute in der SZ!

Von zehn Dringlichkeitssitzungen der UN befassten sich sechs mit Israel, keine mit Ruanda oder dem Sudan. Dafür wurde der Sudan in die Menschenrechtskommission gewählt, und selbst als China Tibet annektierte, rief die Vollversammlung nicht den Internationalen Gerichtshof an - aber zu Israels Sperrwall. Der Schriftsteller Leon de Winter schüttelt den Kopf über so viel Scheinheiligkeit: "Eine Gruppe von Serienmördern beklagt sich beim Richter über einen Taschendieb - so ungefähr haben sich die Dinge in den vergangenen Monaten in Den Haag abgespielt".

Zum Tod des genialen Dirigenten Carlos Kleiber schreibt Joachim Kaiser: "Auch wenn der immer unsteter und seltener dirigierende Carlos Kleiber unserer Welt schon lange abhanden gekommen schien, jetzt, da sein Tod das Ende zur eiserner Gewissheit macht, spürt man erschrocken die bizarre Beziehung, wie sie zwischen dämonischer Begabung und dämonischem Nichtfunktionieren-Wollen zu bestehen scheint. Ob Benedetti Michelangeli, Glenn Gould, Friedrich Gulda oder eben Carlos Kleiber: Sie alle konnten und wollten nicht, sie vermochten nicht 'mitzumachen'. Provozierten nolens-volens Skandale, Enttäuschungen, wunderliches Archiv-Material. Scheußliche Vorstellung, dass auch alle diese Dinge gespeichert wurden und werden."

Caroline Neubaur, Enkelin von Ludwig Beck schreibt zum 20. Juli: "Vor Jahren hätten sich viele Rückblicke am Hamletartigen der Attentäter noch gestoßen. Im Gegensatz zu den Ruckreden wäre etwas mehr Hamletisierung jedoch unendlich angebracht. Denn diese Hamletisierung ist - schlimm genug, dass Hamlet alles mit sich allein abmachen musste - das Diskussionsforum der Demokratie. Das Bild meines Großvaters als eines solchen Hamlet, freilich eines sehr lakonischen Hamlet, konnte später auch die Erinnerung an ihn mit der Demokratie versöhnen. Was man den Verschwörern nachträglich vorgeworfen hat - das Kreisen in den eigenen Gedanken, Endlosdebatten, 'Verschwörerkränzchen' spöttelte schon Stauffenberg -, war ihre Tugend." Ulrich Raulff denkt außerdem darüber nach, ob es sich bei dem gescheiterten Attentat eher um eine Tragödie oder ein Trauerspiel handelt. 

Weiteres: Gustav Seibt erkennt in Francesco Petraca den ersten "überparteilichen, also freischwebenden, wurzellosen Intellektuellen", der "nicht mehr kirchlichen, sondern aus überlegener Geisteskultur heraus argumentierenden Moralisten". Und eine hübsche Boshaftigkeit kann er sich zum Schluss nicht verkneifen: "Seit Petrarca glauben Intellektuelle gern, in solchen finsteren Zeiten zu leben, und ihnen dünkt, mit ihrer schönen Sprache könnten sie die schlechten Zeiten wieder herrichten."

Mehr zu Petrarca gibt es von Burkhard Müller und Volker Breidecker zu lesen. Alexander Kissler berichtet, dass die liberalen jüdischen Gemeinden Chancen haben, in den Zentralrat aufgenommen zu werden. In der Zwischenzeit begutachtet Evelyn Roll die derzeitige Verfassung des Kanzlers. Helmut Mauro schreibt zum Tod des Autors Karl Günther Hufnagel.

Besprochen werden eine Hommage an Jean Baudrillard im ZKM Karlsruhe und Wenzel Müllers "Zauberzither" an der Kölner Oper.