Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.07.2004. Die FR präsentiert Thomas Fliers Fünfjahresplan für die Berliner Theater. Die taz schildert die Nöte des Berliner Naturkundemuseums mit Blaps Mortisaga. In der SZ stimmt Jean Rouaud einen Abgesang auf den Pariser Kiosk an. Die NZZ lässt sich von Santeria behexen. Die FAZ feiert Angela Merkels historischen fünfzigsten Geburtstag.

FR, 21.07.2004

Nikolaus Merck war dabei als Kultursenator Thomas Flierl im Berliner Ferien-Kulturausschuss seinen Fünfjahresplan für die Berliner Theater vorstellte: "Unmissverständlich machte Flierl klar, wie er das Hauptstadt-Theater zu seiner wahren Größe zurückführen will: per ordre de mufti. Dem PDS-Senator schwebt eine Theaterlandschaft vor, in der jedes Haus eine spezifische Aufgabe übernimmt. Kein Mischmasch mehr, kein Supermarkt, sondern klar voneinander abgegrenzte Profile, Dekonstruktion und Medientheater an der Volksbühne, zeitgenössische Kombination von Tanz- und Sprechtheater im Zeichen der Globalisierung an der Schaubühne und staatstheaterhafte Peymanniaden am Berliner Ensemble." Der Rest waren Nebelkerzen.

Nicht sehr erfreut waren die Polen über Veranstaltung zum Warschauer Aufstand in Berlin. Organisiert hatte sie der Bund der Vertriebenen, berichtet Ulrich Clewing, und er weiß auch, warum: "Es war an Ralph Giordano, in seinem Beitrag über die Gräuel in Warschau 1944 als erster die Worte 'Zentrum gegen Vertreibungen' unterzubringen. Damit gelang es ihm, die Verbindung zu ziehen, auf die es unausgesprochen so sehr ankam auf dem 'Weg zum Miteinander': die Verbindung nämlich zwischen der Fähigkeit des Gedenkens des Leids anderer und der daraus resultierenden grundsätzlichen Eignung, endlich die Definitionsmacht auf dem Gebiet zu übernehmen. Da verwundert es nicht, wenn in Polen der Vorwurf der Instrumentalisierung des Warschauer Aufstandes laut wird."

Weiteres: In Times Mager ärgert sich Burkhard Müller-Ullrich über Hartz IV und die Lücke, die mit der verschobenen Auszahlung von "Arbeitslosengeld II" verbunden ist. Besprochen werden die Ausstellung "Michelangelo und seine Zeit" in der Wiener Albertina und Bücher, darunter Stephen Shores "Uncommon Places" und Gedichte von Silke Scheuermann (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 21.07.2004

Jochen Schmidt (mehrbesucht den Paläobiologen Rene Grube (mehr) im hoch angesehenen, heute jedoch entsetzlich heruntergekommenen Naturkundemuseum in Berlin: "Die alte Heizung wird nur lauwarm, wegen der Einfachfenster trägt man im Winter Schal. Wenn er hier spätnachts am Mikroskop Pollen studiert, laufen fette Ratten durch den Raum. Außerdem leisten ihnen Blaps mortisaga Gesellschaft, Totenkäfer, die von den Forschern in einer Badewanne gesammelt werden. Seit dem Krieg ist hier nicht viel renoviert worden ..." Grube hat "für die dekadente Romantik des Naturkundemuseums nicht viel übrig, aber für Besucher ist es immer noch ein zauberhafter Ort. Jedes Berliner Kind ist mit den berühmten Saurierskeletten aufgewachsen, die aus dem Fundort Tendaguru in Tansania, damals deutsche Kolonie, stammen. Das kaiserliche Vorzeigeprojekt ist allerdings noch immer nicht vollständig ausgewertet, im Keller lagern seit 90 Jahren Kisten mit tonnenweise Gestein und Sediment. Erst kürzlich ist darin wieder ein Zahn gefunden worden."

Weiteres: Helmut Höge stellt die Aktiengesellschaft Goya vor, die im Schöneberger "Metropol" den "ultimativen" Hauptstadt-Club eröffnen will. Besprochen wird Larry Clarks Film "Ken Park".

Schließlich Tom.

SZ, 21.07.2004

Der französischen Schriftsteller Jean Rouaud stimmt einen Abgesang auf den Pariser Straßenkiosk an, diese "Bibliothek der menschlichen Leidenschaften", deren Betreiber jetzt so schmählich im Stich gelassen werden. "Die Presse mit ihrer Attitüde von heldenhafter Solidarität, die Presse, die ja stets dazu bereit ist, sich im Namen der Meinungsfreiheit zu erzürnen oder sich angesichts der Verletzung der Würde zu entrüsten, die Presse hat die tapferen Wächter des Morgengrauens vergessen, von denen sie doch in so hohem Maß abhängt. Sie hält sie für so unwichtig, sorgt sich so wenig um ihr Überleben, dass sie seit einigen Jahren auf dem direkten Weg zur Gratiszeitung ist. Das ist ungefähr so, als würde man von den Journalisten verlangen, ohne Bezahlung allein um der Ehre der Information willen zu arbeiten."

Weitere Artikel: Michael Frank kommentiert die widerwärtigen Vorgänge im Priesterseminar der Diözese von St. Pölten. Petra Steinberger erkennt im arabischen Opfermythos die "perfekte Unterdrückungsstrategie der heutigen Gewaltherrscher im Nahen Osten". Jens Bisky referiert, dass der Wissenschaftsrat der Stiftung Weimarer Klassik organisatorische Erstarrung, Überalterung und Ideenlosigkeit bescheinigt hat. Christoph Oellers berichtet von einer Tagung zu den drei Diktaturen des 20. Jahrhunderts, Tim B. Müller von einer zur deutsch-jüdischen Kulturgeschichte auf Schloss Elmau. Dirk Peitz hat sich zur Eröffnung das Rock'n'Popmuseums im westfälischen Gronau angesehen.

Besprochen werden Michael Bully Herbigs Klamotte "(T)raumschiff Surprise", die Fritz Göttler als "geniale Langzeitstudie bundesdeutscher Bürgerlichkeit" begreift, Benjamin Brittens "Rape of Lucretia" bei den Münchner Opernfestspielen, die Schau von Caravaggios "Martyrium der Hl. Ursula" in Mailand, ein Ullmann-Abend im Rahmen des Schleswig-Holstein-Festivals, eine Wiederentdeckung von Rossinis "Ciro in Babilonia" in Bad Wildbad und Bücher, darunter Thomas W. Laqueurs Kulturgeschichte der Onanie "Solitary Sex" und Margit Schreiners Roman "Heißt lieben" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).
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NZZ, 21.07.2004

Knut Henkel war in Havanna und hat sich im dortigen Zentrum der Yoruba-Gemeinde umgesehen, wo die Santeria-Religion praktiziert wird. Von den nigerianischen Sklaven nach Kuba gebracht und lange Zeit unterdrückt, kann diese Glaubensform nun wieder offen ausgeübt werden, zum Beispiel in Form der traditionellen Neujahrsbotschaft : "Jedes Jahr ziehen sich die 500 wichtigsten Priester der Santeria am 30. Dezember zur traditionellen Befragung der Götter, der Orishas, zurück. Zwei bis drei Tage später geben sie dann ihre Jahresprognose bekannt."

Weitere Artikel: Jürgen Tietz widmet sich den architektonischen Feinheiten des wiederhergerichteten Lutherhauses in Wittenberg. Volker S. Stahr bespricht eine Ausstellung über die Kreuzzüge im Dom- und Diözesanmuseum Mainz. Und Kurt Malisch hat sich die Aufführung von Benjamin Brittens Oper "The Rape of Lucretia" bei den Münchner Opernfestspielen angeschaut.

Die Buchbesprechungen befassen sich unter anderem mit dem historischen Roman "Rausch" von John Griesemer und mit einer Studie über den "Mythos Rütli" (mehr hier in unserer Bücherschau ab 14).

FAZ, 21.07.2004

Patrick Bahners widmet den Feiern zum fünfzigsten Geburtstag Angela Merkels und den dazugehörigen launigen Politikerreden einen epischen Artikel. Auffällig war bei der Veranstaltung, dass sich die CDU-Vorsitzende eine Rede des Hirnforschers Wolf Singer wünschte, welche aber laut Bahners dann "durch eine Banalität (erstaunte), die an die Bauernregeln von Mr. Chance denken ließ, dem reinen Tor, der in Hal Ashbys Film durch Zufall Präsidentenberater wird" - und dies, nachdem uns diese Zeitung über Monate mit Singers Thesen traktierte! Bahners macht immerhin noch folgende Beobachtung: "Dass sich die Vorsitzende der CDU zu ihrem Geburtstag als Festredner einen Forscher wünschte, der das Christentum zu einer wissenschaftlich überholten Denkform erklärt, ist ein historisches Datum. Generalsekretär Meyer begrüßte nach den Familienmitgliedern und Parteihonoratioren als Vertreter gesellschaftlicher Gruppen lediglich in sozialökumenischer Eintracht die Herren Rogowski und Bsirske, aber keine Repräsentanten der Kirche."

Weitere Artikel: Christian Geyer meditiert in der Leitglosse über das neue Buch des Literaturwissenschaftlers Terry Eagleton "After Theory" ("der Buchtitel ist natürlich ein Hammer"). Heinrich Wefing berichtet über ein kritisches Gutachten des Wissenschaftsrates zur Tätigkeit der Stiftung Weimarer Klassik. Zhou Derong erzählt, wie Richard Rorty bei einem chinesischen Vortrag mit einer Kritik an Kant in den Fettnapf trat, glaubt aber mit Verweis auf ein historisches Beispiel, dass dies keine dauerhaften Folgen zeitigt ("Habermas etwa kam, wurde wie ein Popstar gefeiert - und wieder vergessen"). Andreas Platthaus gratuliert dem Philosophen Volker Gerhardt zum Sechzigsten. Dietmar Dath erklärt Ronald M. Schernikaus Roman "legende" zu seinem Lieblingsbuch. Gustav Falke resümiert eine Tagung zur Zukunft der Eugenik in Jena. Heinrich Wefing gratuliert dem DDR-Architekten Ulrich Müther zum Siebzigsten. Martin Thoemmes erzählt von Auseinandersetzungen bei der Verleihung des Thomas-Mann-Preises an Uwe Johnson vor 25 Jahren.

Auf der Medienseite stellt Mechthild Küpper den ARD-Bericht über Stasi-Tätigkeiten in ihren Sendern vor. Julia Stehka berichtet außerdem, dass russische Nachwuchsjournalisten, die in Deutschland Praktika machten, mit Aushorchung durch den russischen Geheimdienst zu rechnen haben.

Auf der letzten Seite erinnert Wolfgang Sandner an die Verdienste des Milliardärs Calouste Gulbenkian und seiner Stiftung für das Kulturleben in Portugal. Andreas Rosenfelder berichtet vom ersten Prozesstag des wegen Drogenkonsums und anderer Ausschweifungen angeklagten Malers Jörg Immendorff ("dessen hängende Schultern seine fortschreitende Lähmung wie seine Verzweiflung verraten"). Und Dirk Schümer zeichnet ein Profil der niederländischen Dichterin Hella S. Haasse, die heute den höchsten niederländischen Lteraturpreis erhält.

Besprochen werden Michael Herbigs Komöde "(T)Raumschiff Surprise", Benjamin Brittens Oper "Rape of Lucrezia" in Deborah Warners Inszenierung in München, eine Austellung mit Werken von Karlsruher Akademie-Professoren in der Städtischen Galerie Karlsruhe.