Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.05.2004. Die Welt fährt mit Colson Whitehead U-Bahn in New York. Die NZZ wandelt über eine Biennale für zeitgenössische Kunst in Dakar. Die taz wttert gegen eine "Bande reaktionärer Popschreiber" in der SZ. Die FAZ befürwortet eine Komposoition aus Kaviar, Kalbfleisch und Blumenkohl-Espuma, nur bei Zugabe einer recht großen Menge Kaviar. Wong Kar-Wais neuer Film stößt in Cannes auf gemischte Reaktionen.

Welt, 22.05.2004

In der Welt kann man heute mit Colson Whitehead (mehr hier und hier) eine Fahrt mit der New Yorker U-Bahn unternehmen, und sie beginnt so: "Nach den Treppen klacken Drehkreuze, und Taktiken entscheiden, wo man sich hinstellt und wartet. Man wird nur schwer den Verdacht los, dass der Zug, den man kriegen wollte, gerade weggefahren, dass sein letztes Quietschen in dem Moment verklungen ist, da man den Bahnsteig erreicht hat, und wenn man sich anders verhalten hätte, wäre alles besser. Man hätte früher aufbrechen, sich nicht stundenlang aufbrezeln sollen. Neue Überlegungen: ein Taxi nehmen, mit dem Bus fahren, zu Fuß gehen. Nein, es ist zu weit, und der Zug kommt gleich. Bestimmt kommt er."

Außerdem erinnert Wolf Lepenies an den großen amerikanischen Theologen Reinhold Niebuhr. Im Kulturteil erzählt der indische Autor Raj Kamal Jha "die Geschichte von Atal Behari Vajpajee und Sonia Ghandi" als Märchen.

NZZ, 22.05.2004

Zurzeit findet in Senegals Hauptstadt Dakar die Dak'Art statt, die Biennale für zeitgenössische afrikanische Kunst statt, Bettina von Lintig streift durch die Kunstszene der Stadt: "Am Hafen werden Sandbilder für Touristen hergestellt, es wirkt wie ein Zaubertrick. Weite Strecken der Avenue Pompidou bilden eine Galerie im Freien z. B. für Hinterglasmalerei, an der Corniche werden Stein- und Holzskulpturen angeboten. Wem überhaupt kein Material zur Verfügung steht, der gestaltet Gefundenes und Gebrauchtes neu. 'Wiederverwertung' heisst eine Kunstrichtung aus Afrika. Arbeiten dieser Art bieten auch Autodidakten auf der Straße oder an den Stränden an. Davon abgesehen gibt es in Dakar eine echte Kunstszene, die ihr goldenes Zeitalter unter Leopold Senghor erlebt hat und sich mit einer gewissen Dialektik seither als eigenständige Kunstwelt entfaltet."

Weiteres: Die Schriftstellerin Anne Weber erzählt, wie sie aus ihrer Bieler Künstlerwohnung in ein Großraumbüro bei Cendres & Metaux zog und dort ihr Glück fand. Hubertus Adam erfreut sich an der erfolgreichen Restaurierung und Erweiterung von Lois Welzenbachers Parkhotel in Hall.

Besprochen werden Bücher, darunter Durs Grünbeins Band "An Seneca. Postskriptum", Viola Roggenkamps Roman "Familienleben".

Die Beilage Literatur und Kunst hat sich in dieser Woche ganz der Landschaft verschrieben, immerhin etwas, was die Literatur retten kann.

"Arno Schmidt kam nur bis Gau-Bickelheim. Danach beschimpfte er jahrelang das 'Drecknest', in dem er im Dezember 1950 mit seiner Frau Alice ankam, nachdem er Niedersachsen mit einem 'Abschiedsfluch' verlassen hatte", erzählt etwa Kurt Flasch in seinem Blick auf die "Dichterlandschaft Rheinhessen".

Andrea Köhler ist den Mississippi entlang gereist, auch nach Hannibal, Missouri, hier hat Mark Twain von 1839 bis 1853 gewohnt. "Ein Twain- Museum gibt es natürlich, Tante Pollys Haus, Betty Thatchers Schlafzimmerfenster; unten am Fluss 'Aunt Polly's Bookstore'. Putzig das alles... doch atmet nun alles den wächsernen Geist der historisierenden Präparierungswut, es riecht nach Waffeln und jenem puritanischen Kleingeist, den die Amerikaner so gerne rekonstruieren, sobald es um ihre Geschichte geht.

Samuel Herzog erkundet die Paradiese, die Abenteurer in den Weiten der Weltmeere so gern entdeckten und von denen sich nur einige behaupten konnten (zum Beispiel die Vereinigten Staaten). Christoph Egger betrachtet "literarische Manifestationen polarer Landschaften", Alexander Honold übt mit Hölderlins "Hyperion" den archäologischen Blick. Bei Susanne Ostwald rühmt Thomas Hardys Wessex als "eine Landschaft im Sturm der Zeit". Bernhard Echte folgt Jean Paul nach Italien.

SZ, 22.05.2004

Hurra, eine Debatte in der SZ. Ausgelöst hat sie Burkhard Müllers Artikel vom 24.4. zum Abschied Europas vom Christentum (unsere Zusammenfassung), auf den es, erfahren wir, "eine Flut von Reaktionen" gegeben hat. Darunter jetzt auch die Überlegungen des Philosophen Christoph Türcke, die darauf hinauslaufen, dass die "unhaltbare Vorstellung" von der "Auferstehung des Fleisches" den widerständigen Kern des Christentums ausmacht: "'Wert', im Sinne von 'höchstem Gut', ist allenfalls die Auferstehung des Fleisches. Freilich ist das kein Wert, dessen man je habhaft werden könnte. Es wird diese Auferstehung nicht geben. Aber solange ihr Bild, das der durch nichts getrübten Unversehrtheit der Person, den Menschenrechten wie ein Genius vorschwebt, sind sie zumindest davor geschützt, der neoliberalen EU konform zu werden."

Im Interview erklärt Christian Thielemann, dass er nicht Musikdirektor eines "Stadttheaters" werden möchte und deshalb bei der Deutschen Oper gekündigt hat: "Ich verlange nicht, dass man uns jeden Tag die Füße küsst. Aber wenn wir sehen, dass unsere Brüder und Schwestern im Nachbarhaus diese Lohnerhöhung bekommen haben, aber wir nicht, dann ist das die eindeutige Entscheidung, aus dem zweitgrößten Opernhaus Deutschlands ein Stadttheater zu machen. Jetzt liegt die Deutsche Oper in der Bezahlung auf Platz Fünf in Berlin, und ich frage mich: 'Ist das gerecht? Ist das richtig?' Es ist nicht richtig. Da hab ich mir gedacht, man muss mal Zivilcourage zeigen. Mit Erpressung, mit Ultimatum hat das nichts zu tun. Man hat uns hingehalten und zuletzt alleine gelassen. Ich fühle mich verhöhnt."

Weiter hinten: Annonciert wird eine neue Serie, in der "Autoren, Kritiker, Übersetzer" sich mit der Frage "Wie halten Sie es mit dem Satzbau?" befassen: "Wir hoffen auf Antworten, die lexikalische Prägnanz und subjektiven Zugriff verbinden, auf eine kleine Enzyklopädie des literarischen Satzbaus am Beginn des 21. Jahrhunderts." Die Ehre, den Anfang machen zu dürfen, wird der Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff zuteil, die sich dem Kurzsatz widmet: "Der Kurzsatz ist ein Vetter der Schnellfeuergewehre, des Beat, des Filofax, von Filmschnitten, schneller als das Auge blinzelt ...". Abgedruckt ist auch ein Gedicht Gottfried Benns zum Thema.

Außerdem: In Cannes ist Tobias Kniebe beseligt aus dem "besten Werk des ganzen Festivals" getaumelt, Wong Kar-Wais "Opus Magnum" "2046". Im Museum Ludwig Köln hatte Harald Schmidt einen souveränen Ausstellungs-Eröffnungs-Auftritt und es war, seufzt Holger Liebs, alles wie einst bei Sat.1. Eine Berliner Tagung zum Thema "Autobiografie" resümiert Ralf Berhorst. Eva Marz macht sich Gedanken zu den jüngsten Hochzeiten bei Hofe. Auf der Medien-Seite porträtiert Hans-Jürgen Jakobs die "alte Tante" BBC.

Weitere Artikel: Eve-Elisabeth Fischer hat die Wiener Ausstellung "Wien - Stadt der Juden" besucht. Aus Amsterdam wird vom provisorischen Umzug des Stedelijk-Museums berichtet. Ausführlich gewürdigt wird Lars-Ole Walbergs Münchner Inszenierung der "Antigone", die sich zwischen Didaxe und Klarheit bewegt. Auf der Münchner Biennale hat Reinhard Schulz eine Inszenierung von Marc Andres radikalem Musikstück "22,13" gesehen. Johannes Willms gratuliert Charles Aznavour zum Achtzigsten und berichtet von Umwälzungen der französischen Verlagslandschaft. Besprochen wird ein einsames Buch zur "Ostmoderne" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

Von Roland Emmerichs Eiszeit-Szenario "The Day After Tomorrow" lässt sich Eckhart Nickel im Aufmacher einer katastrophisch gestimmten SZ am Wochenende an die Eiszeit-Ängste der Achtziger erinnern und bedauert dann: "Der Weltuntergang findet also wieder nicht statt". Patrick Illinger denkt noch weiter zurück: "Auch der cineastische Klimawirbel, mit dem Roland Emmerich New York und den Rest der nördlichen Erdhalbkugel unter einem Eispanzer erstickt, kommt nicht in die Nähe dessen, was vor 250 Millionen Jahren tatsächlich auf diesem Planeten geschah." Holger Liebs philosophiert über die Katastrophe als solche und vergisst weder den 11. September noch jüngste Foto-Kunst aus dem Irak. Abgedruckt ist eine "Erzählung mit Berliner Pförtner, Fernsehkomikerin, der Gruppe 'Blumfeld' und Hellmuth Karasek" von Benjamin von Stuckrad Barre. Im Interview spricht Alexander Gorkow mit Roland Emmerich über den "Untergang" und erfährt, dass dem Regisseur sein eigener Film "gar nicht" gefallen hat.
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TAZ, 22.05.2004

Stefan Irlinger startet einen Frontalangriff gegen die neokonservative Popkritik der Süddeutschen Zeitung (er sagt es erfreulicherweise ganz ausdrücklich dazu): Hier werde "mit einem veralteten und grotesk fehlinterpretierten Popbegriff herumgespackt, der in den frühen Achtzigern in Zeitschriften wie Sounds oder Spex entwickelt wurde und mittlerweile - über verschiedene mediale Schwundstufen - eigentlich im Stadium seiner vollendeten Kompostierung angekommen sein sollte. Als rhetorische Kniffe wie die bedingungslose Feier der Oberfläche, die Überbetonung des Glamourbegriffs und der unbedingte Wille zur Affirmation in den frühen Achtzigern entwickelt wurden, standen sie in einem bestimmten Kontext: Sie dienten der Abgrenzung von den ästhetischen Idealen der Hippies. Doch genau dieser Popbegriff wird heute von einer Bande reaktionärer Popschreiber unreflektiert in die Jetztzeit projiziert."

Wie schön trifft es sich, dass der Ex-Spex-Chef und amtierende King of Poptheorie Diedrich Diederichsen auch gleich etwas schreibt, und zwar über den Wunsch nach seligem Vergessen und die Kunst Charlie Kaufmans, dem schönen Schein der Videokunst ein Unbewusstes einzujagen. Kurz gesagt: Diederichsen bespricht Michel Gondrys Film "Vergiss mein nicht". Aus Cannes schwärmt Cristina Nord für das Nichts, das noch keiner schöner gefilmt hat als Wong Kar-Wai in seinem Film "2046".

Ganz andere Themen: Brigitte Werneburg kommentiert bissig Klaus-Dieter Lehmanns Stellungnahme zum Streit um die Flick-Collection. Susanne Messmer schickt eine erste "Post aus Peking" (woher kommt uns der Reihentitel nur so bekannt vor?) und berichtet von ihrem Umzug.

In der tazzwei berichtet Edith Kresta vom derzeitigen Stand der Ost-Tradition "Jugendweihe": "In einem großen Finale singen Darsteller und Jugendliche gemeinsam 'We can leave the world behind' und schwenken die gelben Rosen. Das hat Showformat. Wie im echten Variete. Lang anhaltender Applaus. Spaßkultur? Unbedingt. Inhaltsleer? Wie Feiern und Rituale so sind. Symbolisch? Sehr. Die Jugendfeier ist zweifelsohne eine Reminiszenz an DDR-Sozialisation und die Suche nach Selbstvergewisserung in einem Ritual, das die Kirchen auch nicht besser füllen können."

Im taz mag führt Nike Breyer ein langes Gespräch mit dem nachdrücklich katholischen Schriftsteller und Manieren-Experten Martin Mosebach. Der ist stolz auf so schöne Charaktereigenschaften wie diese: "Ich vermute, dass aufgeklärt oder nicht aufgeklärt zu sein weniger mit intellektueller Einsicht zu tun hat als mit dem Zugehören zu einem bestimmten Menschentypus. Ich gehöre zu dem nicht aufgeklärten und nicht aufklärbaren Menschentypus."

Monika Jung-Mounib stellt differenziert die Situation im Streit um das palästinensische Rückkehrrecht auf israelisches Gebiet dar. Sie berichtet dabei auch von neuen Erkenntnissen des israelischen Historikers Benny Morris: "Es sei eine geplante Operation gewesen, wie Morris wiederholt bestätigt, jene Teile Palästinas zu 'säubern' (das in den Dokumenten verwendete Wort), die die Juden als notwendig für die Bildung des jüdischen Staates betrachteten. Sollte Morris Bericht über die freigegebenen Dokumente bestätigt werden, wäre die palästinensische 'Erzählung' der Nakba wahr und nicht die israelische."

Besprochen werden: Ein Buch über Demosthenes und eines über die arabische Welt. Ein Krimi, ein Reisetagebuch und ein Band mit Erzählungen der Autorin Adelheid Duvanel (siehe auch unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

Nicht zu vergessen: Tom.

FR, 22.05.2004

Die in Yale lehrende Historikerin Ute Frevert hat eine Erklärung für die Fotos von Abu Ghraib: "Bleibt also die Vermutung, dass die Fotos eine Art Trotzreaktion waren. Die Macht, der sie bleibenden Ausdruck verleihen sollten, war wissentlich nur geborgt. Sie war vergänglich, konnte jederzeit entzogen werden. Niemand wusste, wie lange sie dauerte, und gerade deshalb musste sie fotografiert werden: Das Foto beweist ihre Existenz und hält die Erinnerung an sie wach, lässt das machtgestützte Lachen fortleben auch in einer Zeit persönlicher Machtlosigkeit und Tristesse."

Weitere Artikel: Sascha Westphal ist ganz außerordentlich angetan von Robert Altmans "weisem Alterswerk" "The Company" und seinen Bildern, "die nur dem Leben selbst verpflichtet sind". New York ist nicht mehr länger nur, sondern hat nun auch ein Museum für Wolkenkratzer, Oliver Herwig hat sich umgesehen. Aus Cannes berichtet Daniel Kothenschulte von Walter Salles' nettem, aber konventionellem Che-Guevara-Film, von Park Chan-Wooks "Old Boy" (der "stärkste", aber nicht der "beste" Film des Festivals) und von der überirdischen Schönheit der Bilder von Wong Kar-Wais "2046". Wem von den beiden Tarantino aber die Palme zukommen lassen könnte - das weiß er nicht so recht. Die Münchner "Antigone"-Inszenierung von Lars-Ole Walburg findet Peter Michalzik nicht schlecht und nicht gut. Renee Zucker interessiert sich in ihrer "Zimt"-Kolumne mehr für den Hund von George Tabori als für die morgige BundespräsidentIn-Wahl.

Berliner Zeitung, 22.05.2004

Auf der Meinungsseite kommentiert Arno Widmann die Forderung Salomon Korns, die Flick-Kollektion, die "aus jenen Quellen (stammt), aus denen ursprünglich das Blutgeld ihres Großvaters sprudelte" (Korn), nicht nach Berlin zu holen. "Durch seine bisherigen Äußerungen legt Salomon Korn den Verdacht nahe, dass ihn gerade die Verwendung fürs 'Schöne' stört. Der Name Flick, so Korn, dürfe nicht rein gewaschen werden, es dürfe ihm, so entgegnet er Friedrich Christian Flick, es dürfe den finsteren Seiten der Familiengeschichte keine helle hinzugefügt werden. Das ist exakt die Art von Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, der man entgegen treten muss. Die Erinnerung an die Verbrechen der Nazi-Zeit soll aufrecht erhalten werden. Friedrich Flick wird darin immer eine Rolle spielen. Aber es geht nicht um den Namen Flick. An den werden sich noch andere Geschichten heften - der Flickaussschuss zum Beispiel -, gute und schlechte. Dafür werden die Nachkommen sorgen und wir sind froh über jeden, der der Familiengeschichte eine weiße Seite hinzufügt. Wie wir froh über jeden Tag sind, an dem in Deutschland niemand zusammengeschlagen wird, weil er zum Beispiel einen Davidstern um den Hals trägt."

Im Feuilleton gratuliert Hermann Beil, Dramaturg am Berliner Ensemble, George Tabori zum neunzigsten Geburtstag

FAZ, 22.05.2004

Von vier Drei-Sterne-Restaurants in Italien werden drei von Frauen geführt, lässt uns Jürgen Dollase in seiner schönen Kolumne "Geschmackssache" wissen - und stellt natürlich den einzigen Mann vor. Missimiliano Alajmo von "Le Calandre" in Sarmeola di Rubano: "Bei einem Glas mit Kaviar, Kalbfleisch und Blumenkohl-Espuma heißt es, man möge mit dem Löffel 'gleich nach unten durchstechen und nicht umrühren'. Anders als bei Ferran Adria wird bei Alajmo aber ein durchaus traditioneller geschmacklicher Hintergrund sichtbar, der die wichtige Funktion einer klaren geschmacklichen Orientierungsmöglichkeit durchaus im Auge hat. Der Akkord wirkt leicht fremd, aber ausgewogen, weil konsequent eine recht große Menge Kaviar gegen eine eher kleine Menge Fleisch gesetzt wird."

Andreas Kilb ist herb enttäuscht von Wong Kar-wais neuem, in Cannes gezeigten Film "2046": "Er erzählt nicht bloß eine oder zwei, sondern gleich vier ineinander geschachtelte Liebesgeschichten, für die Wong ein Quartett der bekanntesten chinesischen Schauspielerinnen (Zhang Ziyi, Gong Li, Faye Wong und Maggie Cheung) engagiert hat. Er spielt auch dieselben klassischen Sambas, Rumbas, Weihnachtslieder und Opernarien so oft zu denselben kaum variierten Einstellungen von Fluren, Restauranttischen, Hotelbetten, Männer- und Frauengesichtern ab, bis man sich an beidem endgültig satt gehört und gesehen hat."

Auch Arundhati Roys neueste Rede "Wie tief sollen wir graben?" lässt Martin Kämpchen darüber staunen, dass ihre Botschaften den Zuhörer oder Leser wie Stahl durchbohrt. Beim Blättern durch osteuropäische Zeitschriften hat Joseph Croitoru festgestellt, dass der kritische Umgang mit Stalin in Russland noch immer "ein Randphänomen" ist. Andreas Rossmann war dabei, als Harald Schmidt sich im Kölner Museum Ludwig selbst ausstellte. Dieter Bartetzko gratuliert dem doppelt begnadeten Charles Aznavour zum Achtzigsten.

In den Überresten von Bildern und Zeiten ist Andreas Maiers Dankesrede zur Verleihung des Mindener Candide-Preises zu lesen. Wolfgang Sandner blickt auf die Entstehung der "West Side Story".

Auf der Medienseite erinnert Katja Schmid an die erste live übertragene Schießerei vor dreißig Jahren, und das auch gleich mit Patty Hearst im Aufgebot.

Besprochen werden zwei Doppelschauen in Basel: "Schwitters- Arp" im Kunstmuseum und "Calder - Miro" in der Fondation Beyeler, Lars-Ole Walburgs "Antigone in den Münchner Kammerspielen, Mark Andres' "nahezu metaphysische" Klangkomposition "22,23", zwei Uraufführungen der jungen Dramatikerin Rebekka Kricheldorf (der Martin Halter zwar einen scharfen Blick, Sprachwitz und Formwillen attestiert, trotzdem meint, dass es inzwischen leichter scheint, ein vielversprechender Autor zu werden als eine Lehrstelle zu bekommen).Auf der Phonoseite werden die Werkschau des "eigenwilligen, traurigen, großen Schotten" Frankie Miller, das neue Album "The King & Eye" der Residents und ein Schubert-Epilog gewürdigt.

Und Bücher, so Jose Manuel Prietos Roman "Liwadija", Kevin Bakers New-York-Roman "Die Straße zum Paradies", Peter Hennings "Linda und die Flugzeuge" und Kinderbücher (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

In der Franfurter Anthologie stellt Ulla Hahn das Gedicht "Requiem für einen Faschisten" von Theodor Kramer vor.