Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.04.2004. In der Welt fürchtet Sibylle Berg einen Krieg islamischer Männer gegen die Frauen. Die SZ fürchtet einen Religionskrieg gegen den Islam. In der taz hält es Koranforscher Christoph Luxenberg für möglich, dass es sich beim Islam um eine Strömung des Christentum handelt. Die NZZ wünscht sich ein Mäzenatentum, das einfach nur gibt. Und die FAZ entdeckt in Peter Zadeks "Peer Gynt" das wahre Leben.

Welt, 10.04.2004

In der Literarischen Welt bespricht Sibylle Berg die Autobiografie der Palästinenserin Souad, "Bei lebendigem Leib", die sehr schnell lernt, was eine Frau wert ist: "weniger als ein Schaf, sie bringt kein Geld ein, und ihr einziger Zweck ist es, ungefähr mit 15 verheiratet zu werden". Souad wurde von ihrem Bruder mit Benzin übergossen und verbrannt, nachdem sie mit einem Mann geschlafen hatte, der sie heiraten wollte. "Diese Geschichte, die just in diesem Moment nicht weit von uns wiederholt wird, zeigt: Der Krieg der Männer gegen die Frauen ist nicht vorbei. Interessant, dass dieser Aspekt bei der öffentlichen Diskussion um Religionsfreiheit, bei dem fast ängstlichen Bemühen gerade der Deutschen um politische Korrektheit, verschwiegen wird. Fundamentalismus ist STEINZEIT. Ist dumpfe Männerherrschaft und Männergewalt. Und wenn selbst fundamentalistische Islamisten Deutschland als "fast islamisches Land" bezeichnen, sollten gerade wir Frauen aufwachen und uns wehren. Haben wir in Jahrhunderten den christlichen Fundamentalismus überwunden, um unkommentiert den islamischen willkommen zu heißen?", schreibt Berg.

TAZ, 10.04.2004

An Ostern beschäftigt sich selbst die taz mit Religiösem. Fürwahr interessant ist die These des Koranforschers Christoph Luxenberg (mehr), der im Gespräch mit Edith Kresta behauptet, der Islam wäre ursprünglich eine Strömung des Christentums gewesen, die zu politischen Zwecken umfunktioniert wurde. "Er sollte gewissermaßen als Ideologie dienen, die ihre Effizienz bei der Bildung eines arabischen Nationalbewusstseins und einer einheitlichen arabischen Sprache und Kultur nachhaltig bewiesen hat. So lässt sich historisch nachvollziehen, weshalb eine Trennung von 'Religion und Staat' im Islam - bisher jedenfalls - undenkbar ist, wenn auch eine aufgeklärte muslimische Elite sich verstärkt dafür einsetzt."

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber, plädiert in den Tagesthemen gegenüber Lukas Wallraff und Philipp Gessler für eine harte Linie in der Auseinandersetzung mit islamischen Terroristen. '"Unsere Rechtskultur dürfen wir nicht zur Disposition stellen - auch nicht um des Dialogs mit den Muslimen willen."

Jürgen Berger wundert sich über die bizarren Attacken der FAZ auf den Frankfurter Stroemfeld Verlag und dessen Nachdruck der Erstausgabe von Franz Kafkas "Verwandlung". Hanns Zischler und Klaus Wagenbach warfen dem Verlag in zwei Artikeln zunächst vor, fälschlicherweise die zweite Auflage, und als sich das selbst als Fehler erwies, zumindest den falschen Einband benutzt zu haben. Allerdings gilt auch hier: "Ob es dafür tatsächlich einen Beleg gibt, ist bis heute ein Geheimnis der FAZ."

Eine Serie über Europas neuen Antisemitismus eröffnet Micha Brumlik auf der Meinungsseite mit einer Suada gegen die "skandalöse" Geschichtsbeugung von Lettlands früherer Außenministerin Sandra Kalniete. Brigitte Werneburg kolportiert erste Schätzungen, was die siebenjährige Leihgabe der Flick-Sammlung die Stiftung Preußischer Kulturbesitz kosten wird. "Rund 1,5 Millionen, liest man nun, kostet allein die Auftaktschau im Herbst." In der zweiten taz widmet sich Cord Riechelmann hingebungsvoll und aufschlussreich dem Gesang der Amseln, dessen Aufbau zwar entschlüsselt, dessen Inhalt aber nach wie vor rätselhaft ist.

Auf der Medienseite singt Claus Niedenthal eine Hymen auf Franz Xaver Gernstl, der im br Fernsehen macht, "das es sonst gar nicht mehr gibt". Und Ralf Sotschek porträtiert den neuen BBC-Chef Michael Grade, der angeblich weiß, wie man "Scheiße an Arschlöcher" verkauft.

Im tazmag lesen wir ein schönes Stück von Ralph Bollmann, der sich vor sieben Jahren aufmachte, alle achtzig deutschen Opernbühnen zu besuchen (mehr über die deutsche Opernlandschaft). Georg Etscheit berichtet von der neuen barocken Sinneslust der Kirchgänger. Und Ralf Sotschek stellt ein konfessionsübergreifendes Zeitungsprojekt in Nordirland vor (mehr zum Nordirland-Konflikt).

Besprechungen widmen sich Peter Zadeks Version von Henrik Ibsens "Peer Gynt" am Berliner Ensemble als "wüsten Bilderbogen mit viel Geplänkel", Joe Johnstons Western Hidalgo, und Büchern, namentlich Linda Melverns Standardwerk über den Genozid in "Ruanda", Jean Hatzfelds Gespräche mit Überlebenden des Massakers "Nur das nackte Leben", Pierre Merots aufgekratzter Säuferroman "Säugetiere" sowie Jakob Ejersbos Kiffer- und Generationenroman "Nordkraft".

Schließlich Tom.

NZZ, 10.04.2004

Barbara Villiger Heilig hat Peter Zadeks Inszenierung des "Peer Gynt" im Berliner Ensemble gesehen: "Armes Theater nennt man, Grotowsky zitierend, diese Art von Inszenierung gern. Der Schein trügt. Zadek hat monatelang geprobt (von 'arm' keine Rede: Die Probenzeit kostet). Aber der Schein trügt nicht wirklich, sondern ist, als Quintessenz des 'Peer', ein tollkühn grandioses Spiel mit dem Schein und somit eine Rückbesinnung auf urtheatralische Mittel und Möglichkeiten. Form und Inhalt fallen in eins, als hätte sich Zadek Ibsens Notiz hinter die Ohren geschrieben: 'Für uns kann selbst das formal Unschöne kraft seiner innewohnenden Wahrheit schön sein.'"

Samuel Herzog sieht die staatlichen Museen am Gängelband privater Sammler. Generell "scheint die Zeit eines Mäzenatentums, das einfach nur gibt, ohne gleichzeitig zu fordern, der Vergangenheit anzugehören. Die meisten Sammler sind heute nicht mehr bereit, ohne Gegenleistung etwas von ihren Schätzen herzugeben. Oft wollen sie mit Hilfe ihrer Sammlungen erreichen, was sie für Geld allein nicht bekommen können: öffentliche Anerkennung, Aufmerksamkeit, auch Zuneigung vielleicht. Das reale Kapital einer Sammlung will also dann gegen symbolisches Kapital eingetauscht sein. Jedenfalls scheint es oft ein Mangel an öffentlicher Anerkennung oder staatlichem Engagement zu sein, der Sammler aus der Schweiz vertreibt." Und Herzog zählt auf: Baron Hans Heinrich Thyssen-Bornemisza, Friedrich Christian Flick, die Sammlung "Im Obersteg", die "Brücke"-Sammlung des Würzburger Unternehmers Hermann Gerlinger und die Staechelin-Sammlung.

Weitere Artikel: Der Wirtschaftshistoriker Wolfgang Oppenheimer erinnert an den vor hundert Jahren gestorbenen Bankier Jacques Necker. Besprochen werden Christine Mielitz' Inszenierung des "Parsifal" in der Wiener Staatsoper und Bücher, darunter Frank Schirrmachers "Methusalem-Komplex" und Ludwig Hohls Pariser Notate (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Vor wenigen Tagen hat im Basler Antikenmuseum eine Tutanchamun-Schau ihre Pforten geöffnet. Aus diesem Anlass ist die Beilage Literatur und Kunst fast vollständig dem Thema Altes Ägypten gewidmet. Thomas Macho überlegt, was daran heute noch so faszinierend ist und kommt zu dem Schluss, es ist der Umgang der Ägypter mit dem Tod: "... kaum eine Kultur hat jedoch derartige Anstrengungen unternommen, den Weg in dieses Jenseits technisch, architektonisch, künstlerisch und kollektiv sichtbar vorzubereiten und zu gestalten. Sind wir nicht selbst in vergleichbarer Lage? Gipfelt das gegenwärtige Zeitalter nicht in dem Versuch, den Tod - bei gewaltigen ökonomischen Folgelasten und technischen Anforderungen - immer weiter hinauszuschieben, ja womöglich mit Hilfe der Genforschung oder Informatik ganz aufzuheben? Es ist die altägyptische Sehnsucht nach dem 'ewigen Körper', deren Erfüllung wir heute wieder erhoffen."

Weitere Artikel: Hubertus Adam beschreibt die Einflüsse der ägyptischen Bauten auf die Architektur. Amin Farzanefar schreibt über Ägypten im Kino, Christian Broecking über den Jazzpianisten Sun Ra und sein mythisches Ägypten, Richard Merz über ägpytische Moden im Tanz, Hartmut Fähndrich über das alte im neuen Ägypten, Jeroen van Rooijen über altägyptische Einflüsse in der modernen Kostümgeschichte und Ludger Lütkehaus hat C. W. Cerams "Götter, Gräber und Gelehrte" wiedergelesen. Außerdem: Eberhard Jüngel untersucht das Verhältnis von Theologie und Politik in den Schriften des Theologen Karl Barth. Und Sabine Haupt erinnert an den vor hundert Jahren geborenen Schriftsteller Ludwig Hohl.
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FR, 10.04.2004

Rupert Neudeck, Gründer von Cap Anamur und den Green Helmets, hat auf der Leipziger Buchmesse eine Laudatio auf den bosnischen Schriftsteller Dzevad Karahasan gehalten, der für sein "Tagebuch der Aussiedlung" (hier seine anderen Werke) geehrt wurde. Die FR druckt den Vortrag leicht gekürzt (den vollständigen Text lesen sie hier). "Bosnien ist das Land Europas, nein, der ganzen Welt, in der das Experimentum Crucis gelehrt und gelernt werden kann: die leidenschaftliche Auseinandersetzung zwischen europäischen Muslimen, wie Dzevad Karahasan einer ist, und den Christen, zumal den bosnischen Franziskanern. (. . .) Hier in Sarajevo müsste das neue Bündnis zwischen dem heiligen Franziskus von Assisi und dem Sultan geschmiedet werden, damit der Islam anerkannt und die Christen mit ihren Gebeten und geistlichen Bedürfnissen neben der Moschee ihre Kirche bekommen. Und wo dann auch der Islam seine Kraft zu einer inneren Reform an Haupt und Gliedern bekommen kann."

Im Feuilleton freut sich K. Erik Franzen, dass die europäische Erinnerung an Vertreibungen vor allem dezentral organisiert ist. Hilal Sezgin schlägt einen Bogen vom Osterhasen zum Versuchskaninchen. "In diesen Fällen keine Wiedergeburt." Rudolf Maria Bergmann stellt uns den Würzburger Architekten Bruno Bruckner vor, der mit seiner stillen Belebung historischer Bauernhäuser "so ungleich viel mehr leistet als die Gurus der Zunft". Renee Zucker beendet ihren Indien-Trip und kehrt zurück "in das satte Trübe-Tassen-Deutschland".

Auf der Medienseite gratuliert Harald Keller dem Fernsehkollegen Wolfgang Menge zum Achtzigsten. Stephan Börnecke sucht vergebens den Prime-Time-Tierfilm. Besprochen werden eine Retrospektive zu William Kentridge im Düsseldorfer K20, die Uraufführung von Kathrin Rögglas Beraterstück "Wir schlafen nicht" in Düsseldorf ("In dieser Sperrigkeit, die fast eine Notwendigkeit des Scheiterns von Inszenierungen beinhaltet, liegt der Reiz", meint Stefan Keim), Peter Zadeks Inszenierung von Henrik Ibsens "Peer Gynt" am Berliner Ensemble und ein Liederabend nach Stücken von Henry Purcell in der Staatsoper Hannover.

SZ, 10.04.2004

Gustav Seibt warnt anlässlich Paul Bermans Traktat "Terror und Liberalismus" und dessen Rede vom islamischen Faschismus davor, den Kampf gegen den Islamismus in einen Religionskrieg gegen den Islam ausarten zu lassen. "Das müssen wir nach Möglichkeit vermeiden. Erstens weil es ein Unrecht gegen den Islam wäre; er mag zurückgeblieben sein, terroristisch ist er nicht. Zweitens aber, weil Religionskriege nicht gewonnen werden können. Verfolgung und Kampf haben Religionen immer nur stärker gemacht. Selbst kleine Häresien ließen sich allenfalls um den Preis von Massenmorden auslöschen. In einem antiislamischen Ideologiekampf ist ausgeschlossen. (...) Europas höchste Kunst ist jetzt wieder gefragt, seine Fähigkeit, Religionsfrieden zu stiften."

Der italienische Theatermacher und Literaturnobelpreisträger Dario Fo (hier seine Website) erzählt eine erquicklich-derbe Fabel aus dem Mittelalter, um zu zeigen, wie alt und wie falsch die Idee des Organersatzes ist. Am Schluss erklärt er. "Wir sind fanatische Förderer des Klonwesens, der Genmanipulation, des freien Handels mit Organen und des mehrfachen Wechsels bis zum ewigen Leben. Amen!"

Alexander Kissler berichtet, dass Forschungsministerin Edelgard Bulmahn nicht gegen die umstrittene EU-Entscheidung zur verbrauchenden Embryonenforschung klagen will. Willi Winkler beerdigt die getaktete Arbeitszeit und plädiert für Entschleunigung auf ganzer Linie. Heiko Flottau resümiert die Verluste des Irakischen Nationalmuseums in Bagdad. Andreas Bernard fasst eine Basler Tagung über Literatur und Schreibmaschine zusammen. Tobias Timm meldet einen Kunstskandal in Kreuzberg. "E.B." schwärmt auf der Kunst-und-Preise-Seite von den botanischen Prachtwerken bei den Buchauktionen im Frühjahr.

Auf der dritten Seite porträtiert Michael Bitala Kioko Mwitiki, der aus Nairobis Müll Kunst macht und so zum bestbezahlten Bildhauer Ostafrikas wurde (hier einige Beispiele). Für die Medienseite besucht Martin Zips in London Geoffrey Bayldon, der vor 30 Jahren als "Catweazle" berühmt wurde (und offensichtlich internetversierte Fans hat). Klaus Ott fragt schließlich: "Wie viel Staat steckt in ARD und ZDF?"

Besprochen werden Christine Mielitz' und Donald Runnicles' Inszenierung des "Parsifal" an der Wiener Staatsoper, Peter Zadeks Inszenierung von Henrik Ibsens "Peer Gynt" am Berliner Ensemble mit "sehr viel Tralala", Sylvain Chomets Trickfilm Das große Rennen von Belleville, ein "Traum von einem Zeichenfilm", und Bücher, darunter A. L. Kennedys "großartiger" Roman "Also bin ich froh" sowie Carl Zuckmayers "Hauptmann von Köpenick" in einem Hörspiel von 1945 (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

In der Wochenendbeilage lesen wir eine Erzählung von Robert Bolano (mehr), die sich mit dem Phänomen des zweitklassigen Dichters beschäftigt. "Insgeheim hat Leprince sein Los als schlechter Schriftsteller akzeptiert, aber er hat auch begriffen und akzeptiert, dass die guten Schriftsteller die schlechten Schriftsteller brauchen, und sei es nur als Leser oder als Fußvolk." Sind wir nicht alle ein bisschen Autor?

Außerdem erzählt Frank Forster im Noir-Stil von einem toten Boxer, seinen Handschuhen und den Traum vom Madison Square Garden. C. Bernd Sucher hält ein leidenschaftliches Plädoyer für eine neues Mäzenatentum, den "guten Luxus". Marc Hujer erläutert das nationale Abspeckprogramm der US-Regierung. Rebecca Casati unterhält sich mit Christiane Kubrick natürlich über - Stanley Kubrick.