Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.04.2004. "Das Theater ist tot, und ihr habt es umgebracht", ruft Robert Menasse in der SZ den deutschsprachigen Bühnen zu. In der FAZ fordert der Demograph James W. Vaupel viele neue Stellen für Demographen - dann wird's schon nicht so schlimm kommen. Die NZZ stellt das Chicagoer Label Thrill Jockey vor. Alle sinnieren über den rätselvollen Ernst Welteke und seinen berühmten Satz: "Ja, soll ich das denn alles selbst bezahlen?"

TAZ, 08.04.2004

"Die Völker der Welt haben sich, koste es, was es wolle, auf die Autobahn der Globalisierung begeben, selbst wenn diese sie ruiniert", schreibt Selim Nassib auf der Meinungsseite in einer Bestandsaufnahme zur spiegelbildllichen Gemeinschaftsideologie von Terror und dem Antiterrorkrieg. "Nur der Islam und hier besonders die diktatorisch beherrschte, rückständige, von Frustrationen angesichts vergangener Glorie beherrschte arabische Welt stellt sich ihr entgegen. Dies alles wäre ohne große Bedeutung, hätte die Geologie nicht unter den Füßen der Araber den größten Teil aller Erdölreserven konzentriert.

Für Andreas Busche zeigt die Beschlagnahmung von Herschell Gordon Lewis' Splatter-Klassiker "Blood Feast" deutlich wie schon lange nicht mehr den Wahnsinn der bundesdeutschen Rechtsprechung, die seiner Ansicht nach "jeden Sinn für Verhältnismäßigkeit verloren hat. Der panische Schrei nach mehr Jugendschutz und die übereifrige Exekutive können dabei jedoch nicht verhehlen, dass der Staat es bis heute versäumt hat, im Bereich der Medienerziehung entscheidende Schritte zu unternehmen."

Weiteres: Ulrich Clewing verabschiedet den US-Architekten Pierre Koenig (mehr hier). In der tazzwei verdankt Diedrich Diederichsen Gus Van Sants jüngstem Highschool-Film "Elephant" neue Einblicke in das Phänomen Pubertät: "dass in Pubertät und Adoleszenz nur eine Membran Alltag und Metaphysik trennt: Kontingenz, Tod, Schicksal, Sexualität, Unendlichkeit."

Vesprochen werden Sylvain Chomets Animationsfilm "Das Rennen von Belleville", die Ausstellung "Body Extensions" im Zürcher Museum Bellerive, Olivier Dahans Film "Die purpurnen Flüsse 2 - Die Engel der Apokalypse" und der nun als CD erschienene Mitschnitt eines legendären Bob Dylan Konzerts von 1964 in New York.

Und TOM.

FR, 08.04.2004

Im Zusammenhang mit der Adlon-Affäre von Bundesbankpräsident Ernst Welteke zitiert Harry Nutt den 1994 verstorbenen amerikanischen Soziologen Christopher Lasch, der einst ähnlich unheilvolle 'Verhedderungen' als Problem der neuen Eliten beschrieben hat: "Die neuen Eliten ... zu denen Banker, Makler, EDV-Spezialisten, Ärzte, Professoren und Journalisten gehören, entkoppeln sich in ihrem globalen Aktionsraum zunehmend von demokratischen Werten. Sie herrschen in globalen Transiträumen und verlieren den Kontakt zur Welt. Es sei, so Lasch, eine unzureichend legitimierte neue Herrschaftsklasse entstanden, die Macht ohne Verantwortung ausübt und so zu allererst eine 'blinde Elite' ist."

"Es scheint, als sei es ihm gleichsam im Windschatten seiner technischen Fähigkeiten erlaubt gewesen, zum Chronisten der DDR-Gesellschaft zu werden", schreibt Peter Iden zum Tod des Leipziger Malers Wolfgang Mattheuer (mehr hier). "Für die Abgeschlossenheit und Unterdrückung dieser Gesellschaft ebenso wie für ihre Wünsche und Sehnsüchte hat er die treffendsten und (und bittersten) Chiffrierungen gefunden. Sie bezeugten Befindlichkeiten in dem Land und sind, sieht man die Bilder heute wieder, von erstaunlicher Klarsicht."

Weiteres: Steffen Mensching gratuliert Christoph Hein ("eine Mischung aus Heinrich Heine und Groucho Marx") zum sechzigsten Geburtstag und in der Kolumne Times Mager hört Christian Thomas zur Zeit und zu seinem Unbill aus allen offenen Fenstern durch die Frühlingsluft Rosenstolz-Zeilen "wie Pollen" fliegen.

FAZ, 08.04.2004

Der Rostocker Demograph James W. Vaupel zeigt in einem längeren Essay Genugtuung über "die Explosion des Interesses" an seiner Wissenschaft, deren Ergebnisse lange so machtvoll verdrängt wurden, fordert jetzt auch gleich eine Menge Stellen ("Deutschland gibt heute jährlich weniger als einen halben Euro pro Person für demographische und gerontologische Forschung aus - der hundertfache Betrag wäre angebracht") und führt aus, warum: "Selbst die besten unter den neueren demographischen Studien müssen noch als Pionierarbeit angesehen werden. Sie sind eher das erste Wort denn das letzte. Im Gegensatz zur begrenzten Zahl konstruktiver Beiträge ist ein Großteil der jüngsten Diskussion über die Bevölkerungsentwicklung geprägt von Übertreibungen, Schreckensszenarios, uninformierten Spekulationen und Fatalismus."

Andreas Platthaus ist völlig aus dem Häuschen über Sylvain Chomets skurrilen und geschichtssatten Zeichentrickfilm "Das Rennen von Belleville", obwohl er zugibt: "Spätestens wenn die dynamitfischenden Drillinge ihre allabendliche Froschmahlzeit zubereiten, ist die Grenze des guten Geschmacks erreicht."

Weitere Artikel: Andreas Platthaus kommentiert den "kommunikativen Amoklauf" des so gut wie ehemaligen Bundesbankpräsidenten Ernst Welteke (hier ein passendes Foto) und zitiert noch mal seine berühmte Frage: "Ja, soll ich das denn alles selbst bezahlen?" Eduard Beaucamp schreibt zum Tod des "imponierend dickköpfigen, aufsässigen, streitlustigen Zeitgenossen" und Malers Wolfgang Mattheuer. Tilman Spreckelsen stellt die Tagebuchaufzeichnungen des Harry Graf Kessler aus den Jahren 1892 bis 97 vor, die ab heute in der FAZ vorabgedruckt werden. Kerstin Holm meldet, dass der neue russische Kulturminister Alexander Sokolow die bisher wenig flexible Position seiner Regierung in Beutekunstfragen revidieren zu wollen scheint. Hubert Spiegel gratuliert Christoph Hein zum Sechzigsten.

Auf der Filmseite erzählt Dirk Schümer vom Erfolg des Films "Non ti muovere" mit Penelope Cruz in Italien. Der Filmforscher Enno Patalas besucht die Ausstellung "Pioniere in Celluloid" im Berliner Centrum Judaicum.

Auf der Medienseite besucht Nils Minkmar den berühmten Fernsehautor Wolfgang Menge, der am Samstag achtzig wird.

Auf der letzten Seite fragt der Theologe Klaus Berger aus gegebenem Anlass: "Was hat die Betrachtung des Leidens Christi mit der Religion der Liebe zu tun?" Kerstin Holm erzählt die Geschichte der tschetschenischen Terroristin Sarema Muschachojewa, die zu zwanzig Jahren Gefängnis verurteilt wurde, obwohl sie sich der Polizei ergeben und sie auf die Spur anderer Terroristen geführt hatte. Und Paul Ingendaay denkt noch mal über den traurigen Abgang des spanischen Ministerpräsidenten Jose Maria Aznar nach, der jetzt einen Ruf an die katholische Georgetown Universität erhält: "Die Geschichtsbücher werden nicht umhinkönnen, in seinem Scheitern auf der Ziellinie auch ein spätes Urteil über seine persönliche Kälte und die systematische Düpierung des politischen Gegners zu sehen."

Besprochen werden die Fotoausstellung "Snapshots" mit einem von Timm Starl heftig kritisierten Durcheinander von Privatfotografien in Wien, Peter Ruzickas Oper "Celan", dirigiert von ihm selbst und inszeniert von Günter Krämer in Köln, die Ausstellung "Prinzenbad" des Malers Lukas Duwenhögger in Hamburg, und die 58. Arbeitstagung des traditionsreichen Darmstädter Instituts für Neue Musik und Musikerziehung (bei der es nicht so trocken zuging wie der Titel der Veranstaltung klingt).

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NZZ, 08.04.2004

Anlässlich der aktuellen Veröffentlichungen stellt Olaf Karnik das musikalische Spektrum des experimentierfreudigen Chicagoer Indie-Labels Thrill Jockey (mehr hier) vor und kommt beim Hören des neuen Tortoise-Albums "It's All Around You" ins Schwärmen: "Ähnlich der Dramaturgie einer Sinfonie fließt hier ein Segment ins nächste - bald exotisch und düster, bald tief wie Dub, bald mit kitschigen Streicherarrangements. Es sind die Klangfarben, die diese Musik strukturieren. Das Ohr schweift umher, wie das Auge im Blick aufs Cover - Panoramen künstlicher Paradiese in unglaublichen Farben" (mehr zur Tortoise und eine Hörprobe des neuen Albums gibt es hier).

Weitere Artikel: Zum 70. Geburtstag von Kisho Kurokawa erinnert Hubertus Adam an die bedeutenden Bauten und Entwürfe des japanischen Architekten. Der Jazzpublizist Christian Broecking hat sich auf die Suche nach innovativen Entwicklungen in der Jazz-Szene der "Post-Marsalis-Generation" begeben und berichtet, etwas ergebnislos, von seiner Exkursion durch New York. Besprochen werden die Retrospektive des Malers Antoni Tapies im Macba, Barcelona und die deutsche Ausgabe von Saddams Husseins Roman "Zabibah und der König" - eine "auf keinen Realitätssinn gegründete und mit ihren eigenen Thesen nicht zu Rande kommende Fabel", die sich "am Schluss in plapperndes Chaos auflöst", wie uns eine wenig überraschte Angela Schader verrät.

Auf den Filmseiten werden vorgestellt: "Hidalgo" von Joe Johnston (mehr hier), "Vodka Lemon" von Hiner Saleem (mehr hier), Michael Schorrs Tragikomödie "Schultze Gets the Blues" (mehr hier), Gerhard Polts Römer-Burleske "Germanikus" (mehr hier).

SZ, 08.04.2004

"Das Theater ist tot- und ihr habt es umgebracht!" ruft der österreichische Schriftsteller Robert Menasse (mehr hier) den deutschen Regisseuren zu. Soziale Gerechtigkeit geht perdu, das Gewaltmonopol des Staates ist längst eine Leiche, die Idee von Bildung ist tot, der Freihandel macht unübersehbare Massen unfrei, "tot sind alle Lehren, die aus den Katastrophen des 20. Jahrhunderts gezogen wurden und am Ende wenigstens noch in Sonntagsreden leben durften, tot alle Tabus, die zumindest einen dünnen zivilisatorischen Lack auf den Masken der gesellschaftlichen Wölfe auftrugen. Eine Zeit zeigt ihr Gesicht - nur auf dem Theater ist keines zu sehen. Sondern beeindruckende Sprach-Mannequins, die auf dem Laufsteg 'Textflächen' wie Roben vortragen. Eine Generation wunderbarer Schauspieler wird um ihre Karrieren, selbst wenn sie eine machen, betrogen, weil ihr Tod einkalkuliert ist bei einem Spiel, in dem es immer hilfloser um das Überleben der Institution Theater geht." Schade, dass dieser Text auf der letzten Seite des SZ-Feuilletons steht.

Benjamin von Stuckrad-Barre erzählt in bewegenden Szenen wie er als Angestellter eines Labels höchst persönlich die Musikindustrie ruinierte: "80.000 Mark, glaube ich, waren es, die ich damals für eine wunderbare CD mit Texten und Liedern von Wiglaf Droste verballern durfte. Bundesweite Bauzaunplakatierung, das geht ins Geld, sag' ich Ihnen." 

Weitere Artikel: Der Kunsthistoriker Wolfgang Kemp illustriert den neuenntbrannten Streit über den historischen Jesus anhand einer Bildbeschreibung von James Tissots Gemälde "Was Unser Herr am Kreuz sah". Windkrafträder sind schön, findet Holger Liebs im Gegensatz zu einem Hamburger Nachrichtenmagazin. Alex Rühle spekuliert über die Gründe des Absturzes von Antoine de Saint-Exuperys Kriegsaufklärungsflugzeug im Jahr 1944, dessen Wrackteile jetzt im Meer vor Marseille entdeckt und eindeutig identifiziert wurden. Henning Klüver berichtet, dass sich die "charismatische Leitfigur der italienischer Linksradikalen, Marco Panella, seit zwei Tagen im Hungerstreik befindet, um einen Gnadenerlass für den seit acht Jahren wegen Mordes inhaftierten Linksintellektuellen Adriano Sofri zu bewirken. Jens Bisky schreibt den Nachruf auf den Maler Wolfgang Mattheuer.

Alexander Kissler informiert über den Streit zwischen dem Zentralrat der Juden in Deutschland und der Union Progressiver Juden. Letztere droht der Bundesregierung mit einer Klage, weil sie durch den Staatsvertrages der Bundesregierung mit dem Zentralrat das Prinzip der Religionsfreiheit verletzt und sich von einer finanziellen Förderung ausgeschlossen sieht. Jörg Häntzschel schreibt zum Tod des kalifornischen Architekten Pierre Koenig. Thomas Meyer war in Kassel auf einer Tagung zum hundertsten Todestag des jüdischen Philosophen Franz Rosenzweig. Adam Szymczyk und Anke Kempkes verabschieden den polnischen Konzeptualisten Edward Krasinski. Anke Sterneborg hat mit Tim Burton über seinen neuen Film "Big Fish" gesprochen, und auf der Medienseite gratuliert Christine Kögel der Mutter aller Frauenzeitschriften "Brigitte" zum fünfzigsten Geburtstag.

Besprochen werden Gus van Sants Schulmassaker-Film "Elephant" ("ein wahrhaft radikales Werk"), Tim Burtons neuer Film "Big Fish" (nach Ansicht von Susan Vahabzadeh vielleicht Burtons bester Film), Filme vom Honkong-Filmfest im Münchner Werkstattkino und Bücher, darunter der Roman der Berliner Germanistin Marielouise Jurreit "Der Antrag" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).