Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.12.2003. In der taz schildert der Orientalist Bernard Lewis die göttliche Strafe für Selbstmordattentäter. Die NZZ meditiert über Stalins "unerschütterliches Weiterleben". Äußerst zwiespältige Aufnahme fanden Elfriede Jelineks "Bambiland",  Christoph Schlingensiefs Inszenierung dieses Stücks am Burgthater sowie die Festnahme Saddam Husseins.

TAZ, 15.12.2003

Im Gespräch mit Daniel Bax verrät der Islamwissenschaftler Bernard Lewis (mehr) Wissenswertes über die tödliche Kombination aus Öl und Wahhabismus und die Belohnung der Selbstmordattentäter. "Die islamischen Quellen besagen, dass die Strafe für den Selbstmord darin besteht, in aller Ewigkeit den Akt des Selbstmords zu wiederholen. Wenn ein Mensch sich erhängt, so wird er alle Ewigkeit damit verbringen zu würgen. Wenn ein Mensch sich vergiftet, so wird er alle Ewigkeit mit Bauchschmerzen verbringen. Und wenn er sich eine Bombe um den Bauch bindet, dann besteht die Strafe darin, sich in aller Ewigkeit in die Luft zu sprengen."

Ralph Bollmann kommentiert auf den Seiten der tazzwei, dass in Venedig gestern das restaurierte (mehr) Teatro La Fenice eröffnet und gleich wieder geschlossen wurde: "Ein Symbol für ganz Italien, findet Bollmann, ein Zeichen für "die extreme Spaltung der Gesellschaft, die Ignoranz der Bürokratie, der Egoismus des Geschäftsinteresses, aber auch das Talent zu wahren Wundern der Improvisation". Christian Füller sieht bei den Studentenprotesten nur die sich selbst reproduzierenden Eliten und keine breite Front aus Arbeitlosen und Sozialhilfeempfängern.

Christoph Schultheis macht Thomas Gottschalk und die ihm widerstrebende Bild-ZDF-Spendengala "Ein Herz für Kinder" zum Thema seiner Kolumne auf der Medienseite. Besprechungen widmen sich Germaine Greers "Der Knabe", das recht schwärmerische Plädoyer für junge Männer als Lustobjekt, sowie Elfriede Jelineks Stück "Bambiland" in der Version von Christoph Schlingensief am Wiener Burgtheater - "wahnwitzig, triumphierend, hemmungslos überzogen".

Und schließlich TOM.

SZ, 15.12.2003

Der "Fall Saddams" beschäftigt das Feuilleton der SZ. Ulrich Raulff überlegt, wo, wie und vor allem wer ein Urteil fällen kann über den Tyrannen. "Hier ein Diktator, der unzählige Leben zerstört hat, Völker ausgepresst und Länder vernichtet hat - und dort das dürre Regelwerk der Prozeduren und der individuellen Schuldzuschreibung." Andrian Kreye weist fast wehmütig darauf hin, was für ein idealer Feind der "Sadist, der Tyrann vom Tigris, der Barbar von Bagdad" doch gewesen sei. Auf der Dritten Seite schildern übrigens Heiko Flottau und Hans Leyendecker, wie die Verhaftung vonstatten ging.

Wolfgang Schreiber porträtiert den Dirigentenstar Christian Thielemann, der ab Herbst die Münchner Philharmoniker leiten wird und sich auf die "Provinz" schon freut. Schreiber würdigt auch den verstorbenen Berliner Musikpublizisten Joachim Matzner. Jörg Häntzschel freut es, dass aus dem berühmten Farnsworth House (mehr) von Ludwig Mies van der Rohe nun ein Museum werden soll. Siggi Weidemann wägt Herkunft und Zukunft der neuen Einheitskirche Hollands ab. Thomas Thieringer ist frohen Mutes, dass die Umstrukturierung der Dresdner Theaterlandschaft klappt. Andrian Kreye stellt uns die den Demokraten nahestehende amerikanische Wahlorganisation MoveOn vor, die mit Filmpartys und Telefonaktionen junge Wähler mobilisiert.

Auf der Medienseite spricht Michael Frank mit Freimut Duve, der nach sechs Jahren als Medienbeauftragter der OSZE seinen Hut nimmt (mehr), sich über mutige Journalisten freut, aber auch die neue indirekte, institutionelle Zensur anprangert. " Wenn jemand frech wird, kann man eine Redaktion mit riesigen Mieterhöhungen erpressen. Oder die Feuerwache schicken, die ein Redaktionsgebäude feuerpolizeilich für Monate schließt."

Besprochen werden Christoph Schlingensiefs rituelle Reinigung des Burgtheaters mit Elfriede Jelineks "Un-stück" "Bambiland", zwei sehr unterschiedliche Neuinszenierungen der "Elektra" von Richard Strauss in Neapel und in Zürich, das epochemachende neue Album Keep Going des Songwriters Stephen Duffy, und Bücher, darunter Gitta Honeggers Biografie Thomas Bernhards, die Edition der schönen und bissigen "Briefe 1904 bis 1927" von Hugo Ball sowie Adam Zagajewskis Lyrikband "Die Wiesen von Burgund" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

FR, 15.12.2003

Wien war verstört, bemerkt Stephan Hilpold sichtlich schadenfroh, nachdem er Christoph Schlingensiefs Version der Irakkriegs-Mediensuada "Bambiland" von Elfriede Jelinek (der vollständige Text ist wie viele andere hier zu lesen) gesehen hat. Das Stück kommt als Film daher und steht - Jelinek hin oder her - unter dem Zeichen der Schlingensiefschen Triple A's: "Angst, Attaismus und Ausbruch", wobei besonders das Finale Hilpold gefesselt hat. "Nun brandet die Musik des Max Knoth auf, die uns an diesem Abend kaum mehr verlassen wird. 'Wir haben jetzt den Flughafen in Besitz', die ersten Worte aus Jelineks Götterepilog spricht die Carstensen wie eine Verkündigung. Es folgt auf der riesigen Leinwand eine immer wieder durchbrochene pornografische Liturgie, mitsamt der wohl ersten (gefilmten) Ejakulation in der Geschichte der Burg. Der Krieg, er entfesselt sich bei Schlingensief als riesiges libidinöses Abenteuer. Und wir haben uns mit ihm gemein gemacht."

Die Israelis werden auf dem eigenen Staatsgebiet bald die Minderheit der Bevölkerung stellen, konstatiert der Tel Aviver Soziologe Natan Sznaider. Eine Gefahr, aber auch ein Grund für zaghafte Friedensbemühungen. Denn "damit wird ein Parteien übergreifender Konsens des Zionismus verletzt". Petra Kohse liefert ein Stimmungsbild der großen Berliner Studentendemo. In Times mager erinnern die Bilder des festgenommenen Saddam Hussein Harry Nutt an die "Großstadtberber", die in Höhlen und Verschlägen der Metropolen hausen.

Bücher werden heute besprochen, und zwar "No Global - New Global", ein Buch über die Identität und die Strategien der Antiglobalisierungsbewegung, "Der einsame Patriot", Jane Kramers Biografie eines amerikanischen Extremisten sowie "Frauen für die Front", Rosemarie Killius' Gespräche mit Wehrmachtshelferinnen (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).
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NZZ, 15.12.2003

Felix Philipp Ingold kommentiert "Stalins unerschütterliches Weiterleben" in den russischen Medien. "Im Trend sind gegenwärtig alle möglichen - und unmöglichen - Legendenbildungen, die zu einer wenigstens partiellen Rehabilitierung Josef Stalins Anlass geben könnten", und weiter: "Wenn es vor dreißig Jahren, in der damaligen UdSSR, offizielle Bestrebungen gab, Stalin als 'Generalissimus' der Sowjetarmee und als Retter Europas vor 'Hitlers faschistischen Horden' zu rehabilitieren, so wird heute weit konsequenter und gewiss erfolgreicher daran gearbeitet, ihn mit dem Image eines umsichtigen Staatsmannes und eines allseits kompetenten, ja genialen Intellektuellen auszustatten."

Weitere Artikel: Für Joachim Güntner zeugt die Rettung der Sammlung Fürstenberg fürs schwäbische Ländle zwar von "kunstfrohem Bürgersinn", nicht aber von universalistischem Geist. "Kulturpflegerische Absichten mischen sich mit Lokalpatriotismus und Staatsräson." Besprochen werden Christoph Schlingensiefs Inszenierung des Irakkrieg-Stücks "Bambiland" am Wiener Burgtheater (das Barbara Villiger Heilig gähnend langweilig fand), die umjubelte Premiere von Richard Strauss' "Elektra" im Zürcher Opernhaus, ein Abend des Bejart Ballet Lausanne, eine den Mythos der Modelleisenbahn erkundende Ausstellung in der Kunsthalle Tübingen sowie die Badener Neujahrsblätter zum Thema "Multikulturalität".

FAZ, 15.12.2003

Gerhard Stadelmaier ist mit seinem Verriss von Elfriede Jelineks neuem Stück "Bambiland" inklusive der Vernichtung von Christoph Schlingensiefs Mise en scene des Stücks wegen dringender welthistorischer Spektakel nur auf Seite 3 des Feuilletons gelandet, und das obwohl das Stück auch auf den Irak-Krieg Bezug nimmt. So heißt es jedenfalls, denn: "das Stück wurde nicht gespielt. Der Theaterzettel lügt. Das Theater sägt offenbar den Ast ab, an dem es länger schon als faulige astvergessene Frucht hängt. Und die entsprechenden Würmer wimmeln ziemlich an diesem Abend. Und verzehren schmatzend ihre Subvention." Doch andererseits: "ist es sehr die Frage, ob man bedauern soll, dass 'Bambiland' nicht vorgeführt worden ist."

Auf Seite 1 liefert das FAZ-Feuilleton eine dreiflügelige Hermeneutik der gestrigen Ereignisse: Jürgen Kaube nimmt Carl Schmitt und Hans Blumenberg zur Hand, um Fragen zu stellen wie: "Konnte man sich diesen Tyrannen als gnostischen Asketen vorstellen, der unter der Erdoberfläche einem Weltuntergang nachsinnt, der besser wäre als die eigene Gefangenschaft?" Andreas Platthaus erläutert, warum die Militärs die Verstecke des Diktators nach dem Comic-Helden Wolverine (Bild) benannten: "Er ist ein angeschlagener, aber ein zäher Kämpfer, und sein Triumph ist gewiss, denn er besitzt übernatürliche Heilungskräfte - die ideale Verkörperung Amerikas nach dem 11. September." Und Patrick Bahners malt sich aus, was ein "gesprächiger und kooperativer" Hussein bei seiner Festnahme so gesagt haben mag: "Ich bin der haarige Hussein, der bekannte Massenvernichtungswaffensammler. Meine Spezialität ist es, Besatzungsoffizieren den Kragen umzudrehen."

Weitere Artikel: Jürgen Kaube glaubt im B-Aufmacher auf Seite 3, dass die Demokratie in Europa trotz Polens Halsstarrigkeit bei den Verhandlungen über die Verfassung noch nicht verloren ist. Kerstin Holm schildert Russland nach den Wahlen als Klientelgesellschaft. Andreas Rossmann meldet die Gründung einer Beethoven-Stiftung in Bonn. Heinz Ludwig Arnold schreibt zum Tod des Romanautors Günter Seuren. Irene Bazinger gratuliert der Schauspielerin Inge Keller zum Achtzigsten.

Auf der letzten Seite legt Hannes Hintermeier ein Porträt des Verlags Bastei Lübbe vor, der mit seinen Groschenheften nach wie vor Erfolg hat. Andreas Rosenfelder resümiert ein Kolloquium über die "Himmelssscheibe von Nebra" und die Sternkunde der Ureuropäer. Und Michael Althen schreibt eine kleine Hommage auf Jamie Lee Curtis, die zur Zeit in dem Film "Freaky Friday" zu sehen ist.

Auf der Medienseite schildert Josef Oehrlein die mörderischen Arbeitsbedingungen von Journalisten in Kolumbien.

Besprochen werden neue Choreografien für das Royal Ballet in London, Strauss' "Elektra" unter Martin Kusej und Christoph von Dohnanyi in Zürich, der algerische Film "Rachida" und einige historische Neuerscheinungen (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr).