Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.08.2003. Das große Thema des Tages ist die Popkomm. Die Zeit könnte auf die munter versinkende Musikindustrie inzwischen gut verzichten. Die FAZ würde allerdings das Album als Kunstform vermissen. In der taz fordert der Universal-Chef Tim Renner Quoten für deutschsprachige Musik. Die NZZ besucht unterdes die neuen Russen in Baden-Baden. In der SZ fragt Michael Brenner, wo bei der Kritik an Israel der "Spaß aufhört und der Antisemitismus beginnt".

Zeit, 14.08.2003

Thomas Groß fällt ein strenges, aber gerechtes Urteil über die Musikindustrie, die sich heute ein letztes Mal in Köln zur Popkomm versammelt, um gemeinsam zu weinen. Die fällige Frage lautet da: Brauchen wir diese Industrie eigentlich? "Die Distribution von Musik - jahrzehntelang eine sichere Bank - läuft auf elektronischem Wege ganz gut ohne sie. Auch die Produktion ist ihr zu einem beträchtlichen Teil entglitten... Bleibt die klassische dritte Säule: die Entdeckung und Vermarktung von Stars." Und wozu das führt, haben wir ja jüngst sehen können: "Superduper-Megaevents bringen immer bloß Stars hervor, wie content provider sie sich vorstellen." (Siehe zur Popkomm auch Robin Meyer-Luchts Virtualienmarkt - "wir brauchen einen Ernst Rowohlt der Musikindustrie!")

Der Kunsthistoriker Luca di Blasi stellt in einem kleinen Essay Fragen zur tief inneren Verwandtschaft von Terror und künstlerischer Avantgarde. Sie ist eng: Aber sind die Künstler verhinderte Terroristen oder umgekehrt? Nun, der Terrorist verhindert Kunst, so di Blasis Pointe: "Im Ausnahmefall, im Aufblitzen echter Gewalt oder Souveränität, erscheinen avantgardistische Gewaltsimulationen läppisch und überflüssig. Mit dem Einbruch des Megaterrorismus ist die Zeit einer in terroristische Fantasien abgeglittenen Neoavantgarde abgelaufen." Jüngst wiesen wir bereits auf einen Essay di Blasis über den "Cynical chic" Boris Groys' im Merkur hin.

Weitere Artikel: Henrike Thomsen würdigt die mäzenatische Arbeit des jetzigen Aga Khan, der durch sein Aga Khan Development Network moderne Bildung bis nach Afghanistan bringen will. Katja Nicodemus interviewt Charlotte Rampling zu ihrer Rolle in Francois Ozons Film "Swimming Pool". Hubertus Adam besucht das von Zaha Hadid entworfene Kunstmuseum in Cincinnati. Jens Jessen berichtet vom Weltkongress der Philosophie, der in diesem Jahr in Istanbul stattfindet. Und die Schriftstellerin Julia Schoch fragt, warum es um Himmels willen seit Jahren in Mode ist, sich tätowieren zu lassen.

Auf der Aufmacherseite des Literaturteils kommentiert Elisabeth von Thadden den schon wieder sanft entschlafenen Streit um Ted Honderichs bei Suhrkamp erschienenes Buch "Nach dem Terror" mit der Rechtfertigung palästinensischer Selbstmordattentate. Und Volker Ullrich liest Eric Hobsbawms Autobiografie. Im politischen Teil findet sich ein Essay von Ivan Krastev vom Center for Liberal Strategies in Sofia, der erklärt, "warum die postkommunistischen Staaten atlantisch denken".

Auf Seite 1 erklärt Susanne Gaschke all jenen jungen und mitteljungen Menschen, die über die in Saus und Braus lebenden Senioren jammern, dass nicht diese Senioren, sondern sie selbst den Generationenvertrag kündigten - indem sie keine Kinder bekommen.

SZ, 14.08.2003

Der Historiker Michael Brenner versucht auszuloten, wo bei der Kritik an Israel "der Spaß aufhört und der Antisemitismus beginnt". Die Trennlinie sieht Brenner in dem "Entwachsen alles Jüdischen zum nurmehr Symbolhaften". "So wie die Juden nach der Schoa zu Symbolen der Opfer schlechthin geworden sind, so ist Israel zum Symbol des rassistischen Staates und Terrorregimes geworden. Niemand möchte Antisemit sein, aber gleichzeitig sehen angesehene Denker immer weniger Probleme darin, die jüdischen Bürger Israels kollektiv zu verdammen und den Terror ihnen gegenüber zu rechtfertigen. Natürlich müssen weder Honderich noch ein anderer Philosoph die israelische Politik mögen. Irritieren aber muss die nahezu ausschließliche und damit symbolhafte Verurteilung Israels, die fast schon zum Gemeingut geworden ist. Hat jemals ein deutscher Politiker im Wahlkampf Flugblätter verteilt, die Repräsentanten der islamischen Religion verunglimpfen, weil diese Verbindung zu Staaten haben, in denen Menschen ausgepeitscht oder ihnen die Hände abgehackt werden?"

"Streiten wir uns nicht um Worte.... halten wir uns an Tatsachen. Und Tatsache ist, dass in unserer idealtypischen Literatursendung nicht länger nur vom guten, sondern auch und vor allem vom lieben Buch die Rede sein sollte", schreibt Robert Gernhardt in einem Beitrag, in dem er ein fiktives Paar nach dem Vorbild einer Tiersendung eine Literatursendung entwerfen lässt, die erstaunliche Ähnlichkeit mit Elke Heidenreichs neuer Büchersendung hat.

Weitere Artikel: Zum letzten Mal Popkomm in Köln: "Ehrlichkeit, Fan-Nähe, Sportsgeist - kann es sein, dass man sich in der Krise auf alte Werte besinnt?" fragt Christian Seidl beim Hören neuer deutschsprachiger Rockmusik. Dirk Peitz hat mit Universal-Chef Tim Renner über die Krankheit der Musikindustrie gesprochen. Alex Rühle lästert über den "kruden Unsinn" in Pop-Pressetexten, wo er "die Rolling Metaphors featuring Stilbruch durchs Land touren" sieht und fordert ab sofort Lesereisen und Hörbuchsampler mit den "wummernden Floskeln". "ofux"schließlich teilt noch mal mit, dass die nächste Pokomm unnwideruflich in Berlin stattfinden wird.

Kristina Maidt-Zinke beschreibt, wie sie in diesem heißen Sommer die Sehnsucht nach dem Süden verlor. "G.K." trauert um das Weltkulturerbe der Palladio-Landschaft rund um Vicenza, die er jetzt von einer Autobahn frech durchschnitten, mehrere Villen der Gotik, der Renaissance und des Barocks aus ihrem ländlichen Zusammenhang gerissen sieht. Susan Vahabzadeh hat sich mit Francois Ozon über seinen neuen Film "Swimmingpool" unterhalten. Auf Jens Bisky wirkt Dresden ein Jahr nach der Flut lebendiger und schöner als zuvor. Und auf der Medienseite schreibt Detlef Esslinger einen sehr lesenswerten Beitrag zu Lutz Hachmeisters Schleyer-Dokumentation ("nicht die Entführung und Ermordung ist das Thema, sondern sein Leben").

Besprochen werden: Jan de Bonts neuer Lara-Croft-Film "Tomb Raider II", in dem Angelina Jolie Kritiker Fritz Göttler als traurige Enkelin Sigmund Freuds rührte, und dessen Actionszenen er angenehm luftig fand, Hans Werner Henzes Spätwerk "L'Upupa und der Triumph der Sohnesliebe" in Salzburg, der Film der neuseeländischen Regisseurin Niki Caro "Whale Rider". Ingo Petz beschreibt, wie die Maori mit dem "Whale Rider" ihre Kultur zurück gewinnen) und Bücher, darunter ein Sammelband zur Frühgeschichte des Porträts (mehr in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

FR, 14.08.2003

"Denn einzig auf die Entblödung kommt es an! Ohne sie gäbe es weder Vergessen noch Verzeihen - und also keinen kulturellen Fortschritt", stellt Christian Schlüter angesichts von Bohlen-Ex-Freundin Nadja Abdel Farrag ("Mit Fug und Recht dürfen wir sie als die einzige bekannte Ich-AG bezeichnen, die überhaupt funktioniert") genannt "Naddel" fest. Für ihn ist Abdel Farrag eine "Ikone des Scheiterns" und ein "Fanal des Fortschritts" zugleich, weil sie alle Scham und Pein nicht mehr im veril-zerquälten Selbstopfer auf sich nimmt, sondern an uns, ihr Publikum delegiert: "Dieser Form des psychosozialen Outsourcings gehört die Zukunft."

Weitere Themen: Silke Hohmann berichtet von der 15. Musikmesse Popkomm, zum letzen Mal aus Köln. In ihrer Gerichtsreportage erklärt Verena Mayer anhand eines sympathisch-dynamischen Räubers, dass auch für Berufsverbrecher gilt: "Wer es im Beruf zu etwas bringen will, muss sich richtig vermarkten."

Besprochen werden die Uraufführung der Hans-Werner-Henze-Oper "L'Upupa und der Triumph der Sohnesliebe" in Salzburg, Francois Ozons Film "Swimmingpool" und der neue Lara-Croft-Film "Tomb Raider II".
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NZZ, 14.08.2003

Geschichten von den "Neuen Russen" in Baden-Baden erzählt uns Barbara Spengler-Axi. "Seit etwa sieben Jahren sind die Russen die wichtigsten Gäste der Kur- und Bäderstadt Baden-Baden, um die zweihundert sollen hier leben. Sie haben Villen gekauft, die sich zwischen sanft ansteigenden Hügeln verstecken. Hinter den überwachten Portalen ihrer Parkanlagen genießen sie die kultivierte Abgeschiedenheit aller wirklich Reichen. Man hält sich hier ohnehin nur wochenweise auf und pflegt ein diskretes Erscheinungsbild. Der Immobilienmakler Wolfgang Peiffer weiss, dass es in luxusorientierten russischen Kreisen als chic gilt, eine Eigentumswohnung oder eine Villa in Baden-Baden zu besitzen. Die Stadt hat sich auf ihre verwöhnten Gäste eingestellt. Edle Restaurants führen eine russische Speisekarte, hochpreisige Schuh- und Ledergeschäfte informieren ihre Kunden im Schaufenster, dass man hier Russisch spricht."

Besprochen werden die Blues-Sammlung "When the Sun Goes Down - The Secret", das Polo-Hofer-Filmporträt von Mirjam von Arx "abXang", Hans Werner Henzes "Oper" von "unbestechlichem Wohlklang" "L'Upupa" bei den Salzburger Festspielen und Bücher, darunter Almudena Grandes' Epos "Die wechselnden Winde (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 14.08.2003

"Die Angst vor Deutschtümelei ist ein typisch deutscher Reflex." sagt Tim Renner, Deutschlandchef von Universal in einem Interview mit Daniel Bax und Thomas Winkler am Rand der Musikmesse Popkomm. Es geht natürlich um die deutsche Quote. "Aber: Wir wollen keinen Wettbewerbsvorteil für Deutsches, wir wollen nur Wettbewerbsgleichheit. Momentan hat man mit deutschsprachigen Titeln so gut wie keine Sendemöglichkeit. Denn zuhören sollen die Leute beim Moderatoren, der die Zuhörer an den Sender bindet, und bei der Werbung. Deutsche Sprache wird nicht gespielt, weil sie stört. Das Geschäftsprinzip des Radios hat zur Folge, dass deutscher Pop abgeschafft wird, und damit blockiere ich die kulturelle Identitätsfindung eines Landes... Wenn man nicht will, dass diese Gesellschaft auf ein McDonalds-Niveau verkommt, wenn man will, dass neue Impulse gesetzt werden, dann muss man dafür sorgen, dass die Kanäle offen bleiben und für Pop ist nun mal Radio der Kanal. Was wir hierzulande an großen Stars haben, hat seine Karriere ausnahmslos zu einer Zeit begonnen, als die Radiolandschaft noch eine vollkommen andere war. Ich kann mit jedem Taxifahrer und meinem Nachbarn über Grönemeyer reden, aber nicht über Rammstein."

Auf der Meinungsseite kommentieren Natan Sznaider und Günther Jacob die neue Lust am historischen Leid: "Spätestens 1990 begann man in Deutschland zu begreifen, dass man sich auf die veränderte Wahrnehmung des Holocaust beziehen muss und auch mit Gewinn beziehen kann. Statt nur monoton immer wieder einen Schlussstrich zu verlangen, begann man sehr eigenwillige deutsche Lehren aus dem Holocaust zu ziehen und dabei stolz auf den Standortvorteil zu verweisen. Kein Tag vergeht seither, an dem nicht über deutsche Opfer, deutsches Leid zu lesen ist. Nicht um Täter geht es, sondern um Opfer. Und die ultimativen Täter wollen Teil der globalen Opfergemeinde von Vertriebenen und Verbrannten sein. Opfer werden als Opfer aus der Geschichte herausgenommen, Tat und Untat damit verschleiert."

Weiteres: "Kann irgendjemand da draußen noch eine einzige Martial-Arts-Szene in einer westlichen Produktion ertragen?" fragt außerdem Diedrich Diederichsen vor Inaugenscheinnahme des neuen Lara-Croft-Films. "Ich nicht." Aber dann: "Hier gibt der Film eine lustige Antwort. Im Kampf mit einem chinesischen Waffenwirbler nimmt Lara Croft plötzlich altpreußisch Haltung an und präsentiert das Gewehr. Noch ein paar Exerzierroutinen des alten Fritz, und der restlos verwirrte Chinese hat den Kampf verloren. Der Kung-Fu von Köpenick." Anne Kraume schreibt ein andächtiges Porträt des alten Berliner Salonlöwen Nikolaus Sombart, und Frieder Reininghaus berichtet von den Salzburger Festspielen.

Besprochen werden: Francois Ozons Film "Swimmingpool" (hier ein Interview mit Ozon) und der Film der neuseeländischen Regisseurin Niki Caro "Whale Rider".


Auf der Medienseite freut sich Anne Haemming, dass das Musikportal Laut.de nach fünf Jahren immer noch existiert.
Und natürlich TOM.

FAZ, 14.08.2003

Anders als Thomas Groß in der Zeit macht sich Edo Reents in seinem Popkomm-Artikel Sorgen um die Musikindustrie - aus künstlerischen Gründen: "Wenn nicht bald etwas geschieht, steht die Zukunft der Tonträger auf dem Spiel. Waren diese früher in Form der Langspielplatte und auch der CD das Äquivalent für das künstlerische Werk, so ist heute zu befürchten, dass mit den CDs auch das Format 'Album' irgendwann verschwindet."

Weitere Artikel: Heinrich Wefing findet einen gewissen Reiz daran, dass in Kalifornien nicht ergraute Ordinarien wie in hiesigen Bürgerkonventen, sondern Figuren wie Arnold Schwarzenegger (joinarnold.com) gegen die etablierte Politik antreten. Gerhard Stadelmaier verabschiedet sich vom Schauspieler Albi Klieber, der im Alter von 48 Jahren gestorben ist, Dirk Schümer freut sich in der Leitglosse, dass es im Supermarkt nun auch nach italienischen Rezepten zubereitetes Hundefutter gibt. Rose-Maria Gropp gratuliert Wolf Wondratschek zum Sechzigsten. Kerstin Holm besucht auf einer ihrer Museumsreisen in die russische Provinz die Stadt Tscheboksary an der mittleren Wolga, wo das Volk der Tschuwaschen siedelt, "in dem sich finnougrische Stämme mit wolgabulgarisch-tatarischen Turkvölkern vermischt haben". Gina Thomas schreibt zum Tod der britischen Aristokratin und Hitler-Freundin Diana Mosley.

Für die letzte Seite liefert Paul Ingendaay apokalyptische Bilder aus Portugal: "Das große mittelportugiesische Dreieck zwischen Castelo Branco, Abrantes und Portalegre, dem Grenzort zur spanischen Extremadura, ist Schauplatz einer gigantischen Verwüstung. Man kann stundenlang fahren, ohne die Katastrophe je aus den Augen zu verlieren." Heinrich Wefing schildert den Rechtsstreit um eins von 14 Exemplaren der amerikanischen Bill of Rights, das einst im amerikanischen Bürgerkrieg erbeutet wurde und jetzt versteigert werden soll - aber ist das rechtens? Und Wiebke Hüster porträtiert Nele Hertling, die sich in Berlin unermüdlich für den modernen Tanz einsetzt.

Auf der Filmseite unterhält sich Michael Althen mit Francois Ozon, dem Regisseur von "8 Frauen" und jetzt "Swimming Pool". Andreas Kilb äußert sich in seinem Bericht vom Filmfestival in Locarno enttäuscht über Sönke Wortmanns neuen Film "Das Wunder von Bern". Auf der Medienseite ruft ein offensichtlich aus dem Urlaub heimgekehrter Michael Hanfeld: "Willkommen im Freizeit- und Gedächtnispark Deutschland, Haim Saban!" Und Heike Hupertz porträtiert Meg Whitman, die so viel Erfolge als Chefin von Ebay feiert, "während Amazon.com und Yahoo immer noch nicht gelernt haben, das Wort Profit ordentlich zu buchstabieren" (und die FAZ natürlich genau weiß, wie man im Internet Geld verdient).

Besprochen werden Hans Werner Henzes in Salzburg uraufgeführte Oper "L'Upupa", die Wolfgang Sandner als "ein einziges betörend duftendes und tönendes Ornament, eine orientalische Arabeske voller Klangzauber und buffonesker Spielereien" feiert, eine Werkschau des Karikaturisten Dieter Hanitzsch im Bonner Haus der Geschichte und ein Konzert des Cellisten Heinrich Schiff mit Berio und Beethoven in Salzburg.