Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.06.2003. In der SZ plädieren Navid Kermani und Wolf Lepenies für die Einrichtung einer Akademie islamischer und jüdischer Kulturen. Die taz bekommt Schleimhautzucken bei der Lektüre Hillary Clintons. In der FR erklärt Herfried Münkler den USA, warum sie im Irak scheitern. Die NZZ meditiert über die Rolle des Mopeds beim Aufstieg Vietnams. Die FAZ erinnert an den 17. Juni in Jena und Bitterfeld.

SZ, 10.06.2003

Navid Kermani (mehr hier) und Wolf Lepenies plädieren in einem "Manifest" für die Einrichtung einer Akademie islamischer und jüdischer Kulturen. Der Kern ihrer Begründung einer solchen Institution: "Dass der Nahe Osten wieder zum Raum einer miteinander geteilten, multireligiösen - und eines Tages vielleicht sogar politischen, transnationalen - Einheit werden könnte, ist eine Idee, die in der europäischen und in der deutschen auswärtigen Kulturpolitik eine viel zu geringe Rolle spielt. (...) Europa ist gegenwärtig in Gefahr, sich zu verlieren, weil es sich zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Dem Judentum und dem Islam - und auch dem östlichen Christentum - einen exterritorialen Ort zu bieten, an dem die Gemeinsamkeiten ihrer Geschichte und Kultur wieder lebendig werden, wäre nichts weniger als die über Europa hinausweisende, fruchtbare Ausweitung eines europäischen Projekts: Es wäre der Fortgang der Aufklärung."

Weitere Artikel: Andrian Kreye stellt den amerikanischen Juristen Noah Feldman (mehr hier und hier) vor, der als Leiter der entsprechenden Kommission eine neue Verfassung für den Irak erarbeiten soll. Willi Winkler beschreibt, wie die heutige Jugend die "ehemalige Jugendmusik" von Led Zeppelin erlebt. Herzog & de Meuron an allen Enden der Welt: Jörg Häntzschel stellt den neuen Prada-Tower der Schweizer Architekten in Tokio vor. Volker Breidecker resümiert ein Stuttgarter Kolloquium über die Filme der Avantgarde. Anke Sterneborg kommentiert den Deutschen Filmpreis, und "rkl" amüsiert sich über die Bemühungen des Hamburger Kultursenats, für die Fußball-WM 2006 ein geeignetes Kulturprogramm zu kreieren. Auf der Medienseite wird die Serie über große Journalisten mit einem Porträt von Alfred Kerr fortgesetzt.

In der Kolumne Zwischenzeit schwärmt Claus Heinrich Meyer vom Zentralen Verzeichnis Antiquarischer Bücher, ZVAB. Joachim Sartorius stellt in seinen "Nachrichten von der Poesie" die indische Lyrikerin Sujata Bhatt (hier ein Gedicht) vor. "midt" informiert über sittliche und sicherheitstechnische Probleme Ägyptens angesichts einer Kunstaktion mit dem Nofretete-Kopf. Gemeldet wird schließlich, dass ein Großteil der im Irak entwendeten Kunstschätze in einem zweiten, bisher geheim gehaltenen Tunnel entdeckt wurde.

Besprochen werden eine Inszenierung von "Richard III." am Londoner Globe Theatre, Mozarts Oper "Entführung aus dem Serail" bei den Karajan-Pfingstfestspielen in Baden-Baden, Kompositionen von Carlevaro, Sciarrino und Xenakis bei "Viva Musica" in München, die achte und letzte "Zonenrand-Ermutigung" am Staatstheater Cottbus, "Utopien?!", der Film "Ganz und gar" von Marco Kreuzpainter sowie Bücher, darunter das Berliner Kriegstagebuch einer Anonyma, eine Kollektiv-Biografie der NS-Rasseexperten und der Roman "Als Gast" von Peter Kurzeck. (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

TAZ, 10.06.2003

Die interessanten Sachen sind heute gleichmäßig auf die Zeitung verteilt. Greift vielleicht bereits das avisierte neue Konzept? Auf den Tagesthemenseiten jedenfalls erledigt Renee Zucker die Erinnerungen von Hillary Clinton: "Man muss wohl amerikanischer Wahlberechtigter sein, um dabei nicht mittelschweres Schleimhautzucken zu bekommen." Die Memoiren ihres Mannes erscheinen laut taz übrigens im nächsten Sommer (mehr hier). Und Stefan Kuzmany berichtet über eine "Fachtagung Männer und Sex(ualität)" der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin ("Erste Überraschung: Es sind viele Frauen gekommen").

Auf den Kulturseiten stellt Stefanie Tasch die Ausstellung "Warum! Bilder diesseits und jenseits des Menschen" im Berliner Martin-Gropius-Bau vor, und stellt gleich eingangs fest: "Bevor man auch nur irgendetwas von der Ausstellung gesehen hat, mokiert man sich schon. Dieses deklamatorische Ausrufezeichen hinter dem Warum insistierend originell. Und wo ließe sich wohl räumlich oder gar geografisch ein Bild diesseits oder jenseits des Menschen einsortieren? Davor? Dahinter? Im Diesseits? Im Jenseits? Und was hätten die Bilder da verloren?"

Weitere Artikel: Christiane Kühl berichtet vom Theaterfestival Sterijino pozorje im serbischen Novi Sad, Christina Nord kommentiert die Verleihung des diesjährigen deutschen Filmpreises, und Susanne Messmer kündigt die zweite Folge der Sendung "Lesen!" mit Elke Heidenreich an, Stargast: Marcel Reich-Ranicki. Auf der Medienseite wird Alfred Biolek verabschiedet, der heute seine letzte Sendung hat, und seine Nachfolgerin Sandra Maischberger vorgestellt.

Besprochen werden der Band "viva la poesia. schule für dichtung - nick cave, falco und allen ginsberg", eine Sammlung der Poetikvorlesungen, die die drei an der Wiener Schule für Dichtung gehalten haben, und eine Hörspielversion von Michel Houellebecqs letztem Roman "Plattform". In der Sektion Politisches Buch gibt es heute einen kleinen Südosteuropa-Schwerpunkt: Vorgestellt werden eine Studie des Historikers Mark Mazower über den Balkan, eine Untersuchung über die "Balkan-Mafia" und der Band "Birnbaum der Tränen. Lebensgeschichtliche Erzählungen aus dem alten Jugoslawien" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr)

Und hier TOM.

FR, 10.06.2003

Auf der Medienseite bestätigt ein Bericht von Wolfgang Hettfleisch, was die taz in ihrem Kommentar am Tag nach dem Tod Möllemanns klarsichtig vorausgesagt hatte: der Geist, den Möllemann beschwor, werde ihn überleben. Im Internet-Diskussionsforum von Focus sei das derzeit nachzulesen: " Wer Möllemann auf dem Gewissen hat? Die Juden natürlich! Mossad, zionistische Weltverschwörung, jüdisches US-Kapital - suchen Sie sich was aus. (...) Doch die aufrechten Verschwörungstheoretiker im elektronischen Focus-Briefwechsel, stets auf Du und Du mit den kriminellen Machenschaften des jüdischen Kapitals, haben noch Hoffnung. Etwa darauf, dass es 'die Israel-Lobby' nicht schaffen wird, 'die Menschen so einschüchtern, dass sich niemand traut, die Wahrheit zu auszusprechen'. Die Leute im Focus-Forum trauen sich. Und wie!" Eine kleine Kostprobe: "Möllemann wurde von lauthals krächzenden Juden, die den Hals nach all den zurecht gezahlten Kriegsentschädigungsgeldern nicht voll genug kriegen (Friedman und Co.), von den arschkriechenden Medien und von den Kollegen so sehr gehetzt, dass es unmöglich für ihn wäre, nach einem Rücktritt ein normales Leben zu führen ohne auf der Straße erkannt zu werden mit dem Ruf ,Da ist ja Mölle, der alte Judenhasser'."

Auf den Kulturseiten beschreibt Herfried Münkler (mehr hier) Probleme der Nachkriegsordnung im Irak, und versucht zu erklären, weshalb die Amerikaner "gerade mit einem an den deutschen und japanischen Erfahrungen orientierten Konzept in Irak Schiffbruch erlitten" hätten: "Für das Funktionieren der US-Militärregierung in Deutschland wie Japan war entscheidend, dass sie die administrativen Strukturen der eroberten bzw. besetzten Gebiete auf der unteren und mittleren Ebene, sieht man von der Entfernung der NSDAP-Mitglieder und Gestapo-Leute ab, umstandslos übernehmen konnten ... Genau dies aber ist in Irak nach der Einnahme Bagdads und der größeren Städte nicht der Fall gewesen. Offensichtlich haben weder die amerikanische Militärführung noch die Administration in Washington damit gerechnet, dass sich die irakischen Verwaltungsstrukturen im Augenblick der Besetzung eines Gebiets durch die US-Armee in Nichts auflösten."

Weitere Artikel: Daniel Kothenschulte kommentiert die Verleihung des Deutschen Filmpreises, und in der Kolumne Times mager beschäftigt sich Harry Nutt mit dem Vorabdruck von Hillary Clintons Memoiren im Spiegel. Besprochen wird eine Inszenierung von Joanna Laurens "Drei Vögel" am Darmstädter Staatstheater.
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NZZ, 10.06.2003

In der NZZ erzählt Susanne Oswald, wie die wirtschaftliche Entwicklung Vietnams mit einer Motorisierung der Bevölkerung einhergeht. Autos sehe man zwar nur selten auf den Straßen, denn trotz des enormen wirtschaftlichen Aufschwungs liege das Bruttoinlandsprodukt immer noch kaum über dem der ärmsten Länder der Welt. Dafür gelte das Moped - aufgrund der enormen Verbreitung der Marke in Vietnam Honda genannt -, als unverzichtbares Statussymbol. Es gelte geradezu als rückständig, auch nur kleinste Entfernungen zu Fuß zurückzulegen. Bei allem Glauben an den Fortschritt, so Ostwald, spiegelt sich im Straßenverkehr sehr deutlich die patrachalische Gesellschaft Vietnams wieder: "Eins verstehen die Vietnamesen ... nicht: dass Männer auf dem Moped auch hinter einer Frau sitzen können. Zwar ist es auch im patriarchalischen Vietnam längst selbstverständlich, dass Frauen alleine unterwegs sind. Doch eher geht ein Tiger zu Fuß, als Sozius seiner Tigerin zu sein."

Andrea Köhler schreibt zu Hillary Clintons Buch "Gelebtes Leben": "Erinnert man sich heute nicht beinahe sehnsüchtig an eine Ära, in der die Liebschaften von Amerikas Staatsoberhaupt einen solchen Medienrummel entfachen konnten?".

Weitere Artikel: Udo Taubitz porträtiert den britischen Schriftsteller Philip Hensher.

Buchbesprechungen widmen sich Herwarth Röttgens Monografie zu Cavalier D'Arpino, Eoin McNamees Roman "Blue Tango", eine Studie Ernst-Peter Wieckenbergs über "Johann Heinrich Voss und Tausend und eine Nacht", Charlotte Brontes Roman "Stancliffe's Hotel" und zwei Büchern von und über Rawls. (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Weiterhin werden besprochen: Die Aufführung von Mozarts "Entführung" im Festspielhaus Baden-Baden, die Eröffnung der Schubertiade in Schwarzenberg und eine Agenturmeldung gibt die Wiederentdeckung des Schatzes von Nimrud bekannt, welcher seit dem Fall von Bagdad vermisst wurde. Kai Bumann glänzt mit einer Übersetzung des Gedichts "Ein Unheilbarer" der polnischen Dichterin Anna Swirszczynska (1909-1984).

FAZ, 10.06.2003

In einem sehr persönlichen Artikel erinnert Wolfgang Schuller an den 17. Juni in Provinzstädten wie Jena und Bitterfeld und daran, dass bei diesem Aufstand im Grunde "kaum soziale Forderungen" gestellt wurden. Die Forderungen lauteten: "Ende der Diktatur, Beseitigung ihrer Organe, freie Wahlen, deutsche Nationalversammlung, Wiedervereinigung und - ohne Wenn und Aber - Freiheit." Um so peinlicher, so Schuller, eine Gedenktafel in Jena, die behauptet, es sei den Aufständischen nur um eine "Veränderung ihrer Gesellschaft" gegangen. "Warum kein Stolz auf den Aufstand? Warum kein Stolz auf die Selbstbefreiung, ja, auf beide Selbstbefreiungen, auf die von 1953 und die von 1989? Oder wenigstens: Warum haben die sich windenden Verfasser dieses verhüllenden, vertuschenden und deshalb beleidigenden Textes nicht einfach gesagt, was war?"

Weitere Artikel: Jordan Mejias schreibt über den Hype zu den Memoiren Hillary Clintons, die sich pünktlich zum Erscheinen des Buchs eine Stunde bei der Talkmasterin Barbara Walters in Szene setzte. Karol Sauerland freut sich über den EU-Beitritt Polens, der nun per Referendum endgültig beschlossen ist. Gerhard Stadelmaier erinnert an den Komiker Theo Lingen, der heute hundert Jahre als geworden wäre. Gemeldet wird, dass Severin von Eckardstein den berühmten Königin-Elisabeth-Klavierpreis bekommen hat und dass der Von-der-Heydt-Preis an den Kinderbuchautor und -illustrator Wolf Erlbruch geht.

Michael Althen kommentiert die Verleihung der deutschen Filmpreise, wo "Good Bye Lenin!" abräumte. Kerstin Holm setzt die Städteserie "Geld oder Leben" mit einem Artikel über die Kulturpolitik in der Stadt Moskau fort. Jochen Hieber gratuliert dem Autor Peter Kurzeck zum Sechzigsten. Jürg Altwegg berichtet in einer Zeitschriftenschau über Versuche, den kommunistischen Parteidichter Louis Aragon zu rehabilitieren.

Auf der Bücher-und-Themen-Seite setzt sich Jens Beckert anhand amerikanischer und deutscher Bücher aus den letzten Jahren mit dem großen Thema des Erbens auseinander. Auf der Medienseite verabschiedet Stefan Niggemeiier den Talkmeister Alfred Biolek, der heute seine letzte "Boulevard"-Sendung bestreitet. Und Michael Hanfeld schildert (erbitterte) Reaktionen auf den Vorschlag des NRW-Ministerpräsidenten Steinbrück, die Gebühren für die öffentlich-rechtlichen Sender vorerst nicht zu erhöhen. Auf der letzten Seite freut sich Andreas Platthaus, dass sich im Gefolge des Manga-Booms auch die Comic-Szene in Deutschland belebt, und er stellt Comiczeitschriften wie Comixene, Zack! Und Plaque vor. Ferner schreibt Joseph Hanimann ein kleines Profil des französischen Außenministers Dominique de Villepin, der mit dem Buch "Eloge des voleurs de feu" eine achthundertseitige Hommage auf die Lyrik im allgemeinen sowie sämtliche Lyriker vorgelegt hat.

Besprochen werden die Ausstellung "Theatrum Mundi - Die Welt als Bühne", die aus Anlass des 350-jährigen Bestehens der Oper in München im Haus der Kunst gezeigt wird, eine Ausstellung über die Farbe Weiß im Ulmer Stadthaus und Mozarts "Entführung" im Festspielhaus Baden-Baden.