Wolf Erlbruch

Nachts

(Ab 4 Jahre)
Cover: Nachts
Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1999
ISBN 9783872948342
gebunden, 32 Seiten, 10,12 EUR

Klappentext

Der kleine Junge, der seinen Vater zu einem Spaziergang durch die Nacht überredet, erlebt eine Menge unglaubliches. Wolf Erlbruch zeigt in seinen Bildern, was Kinderaugen im Dunkeln entdecken.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 22.03.2000

In einer Sammelbesprechung rezensiert Ursula Sinnreich vier Kinderbücher, die sich mit dem Thema „Nacht“ beschäftigen.
1) Wolf Erlbruch: "Nachts" (Verlag Peter Hammer)
„Ein kleines Meisterwerk“ nennt Ursula Sinnreich dieses Buch, in dem ein kleiner Junge an der Hand seines Vaters durch die Nacht spaziert. Aber anders als der Vater macht der kleine Fons bei diesem Spaziergang die fantastischsten Entdeckungen. Sinnreich lobt ganz besonders die Illustrationen, bei denen sich Erlbruch auch der Collage-Technik bedient habe. Als Beispiele dafür zählt sie unter anderen die Mondsichel auf, die aus „Landkartenmaterial“ besteht und ein Hasenkleid, das aus „Infinitesimalrechnungsübungen“ zusammengeschnitten ist. Darüber hinaus habe der Illustrator mit geschickter Hand fantasievolle Bilder gemalt, durch die „das Land der Träume Wirklichkeit geworden“ zu sein scheint.
2) Anke Pitschmann/Eveline Pitschmann-Meier: "MondTag" (Verlag Pro Juvente)
Die Idee, was wohl passieren würde, wenn tagsüber der Mond anstelle der Sonne scheinen würde, scheint der Rezenentin sehr gut zu gefallen. Denn dadurch verändere sich nicht allein die Wahrnehmung, sondern auch die Sprache: man läuft Gefahr, sich einen „Mondbrand“ zuzuziehen und mit Hilfe eines „Mondschirms“ schützt man sich vor grellem Licht. Der „traumhaft unwirkliche Charakter“ der Bilder entstehe vor allem durch die Perspektive. Pitschmann-Meiers Bilder suggerieren eine Blick aus der Höhe bzw. großer Entfernung, wodurch die „Räume weder eine untere noch eine obere Begrenzung zu haben scheinen“.
3) Jacques Duquennoy: "Gespenster Operation" (Ars Edition)
„Ein überaus witziges Bilderbuch“ ist die „Gespenster Operation“ nach Ansicht der Rezensentin. Dabei sieht sie nicht nur die „sich seuchenhaft ausbreitenden Arzt-Serien“ im Fernsehen auf die Schippe genommen. Mit großer Sympathie schildert Sinnreich die Leiden des armen Gespenstes, dessen innere Uhr nicht mehr richtig tickt und das von Gespenster-Ärzten ganz professionell im Gespenster-OP kuriert wird. Dass dabei auch Gespenster ins Schwitzen kommen, erwähnt sie genauso begeistert wie die „liebevoll zittrige“ Zeichnung, mit der der Illustrator den „flatterhaften“ Patienten dargestellt habe.
4) Coby Hol: "Als der Mond aufging" (Nord Süd Verlag)
Die Bilder dieses Buches findet Ursula Sinnreich in „ihrer klaren Einfachheit bemerkenswert“. Sie lobt die Farben und den Anschein, als ob die Formen „aus Papier und Stoffbahnen“ ausgerissen worden seien. Allerdings stellt sie in dieser Hinsicht einen Kontrast zum Inhalt der Geschichte bzw. den vermittelten „Konventionen“ fest. Denn von dem moralisch erscheinendem Unterton des Buches, in dem der Mond zur Strafe für mangelnde Dankbarkeit seine runde Form einbüßt, ist die Rezensentin nicht gerade begeistert.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 15.03.2000

In einer Sammelrezension bespricht Monika Klutzny die folgenden fünf Bilderbücher:
1) Kafka/di Gennaro (Illustr.): "Ein Bericht für die Akademie"
Ist dies eines der Bilderbücher, die "eigentlich" für Erwachsene gedacht sind, fragt sich Klutny, und verneint die Frage kategorisch. Zwar kann ein kindliches Lesepublikum vielleicht nicht die Kakfkasche Parabel in aller Tiefe deuten; aber die "magische Anziehungskraft" dieser Bilder von Affen mit menschlichem Anzug und Habitus wird sie einführen in das Vokabular der "Sprache der Bilder", - etwas, was die lustige Niedlichkeit von Bilderbüchern sonst kaum je zu bieten hat, findet sie.
2) Wolf Erlbruch: "Nachts"
Wäre Erlbruch nicht schon ein bekannter Illustrator (Stichwort: Maulwurf, Goethezitate), würde dies schmale Bändchen total unverdient untergehen, meint die Rezensentin. Es lebt aus dem Kontrast zwischen nöligem Vater, der den Text bestreitet, und den um einen Nachtspaziergang bettelnden Sohn, dessen wilde, überschlagende Fantasien die Bilder abgeben. Nicht kunterbunt, dafür umso lohnender, urteilt Klutzny.
3) Nadia Budde: "Trauriger Tiger toastet Tomaten"
Auch diese Autorin/Illustratorin ist - obschon von Kritikern hochgelobt - keine Bestsellerlieferantin: zu schrill und absurd sind ihre Sprach- und Bildeinfälle, um als allgemein "kinderzimmertauglich" angesehen zu werden. Umso heftiger plädiert Klutzny dafür, den kindlichen Humor nicht nur mit harmlosen Albernheiten abzuspeisen, sondern ihm mehr Futter á la Budde zu gönnen.
4) Volker Pfüller: "Ziegenbock und Bratenrock"
Blöde Lehrer werden verhohnepiepelt mit köstlichen Bildern und Sprüchen (`Die Schlechten schreiben, wie sie mechten, aber die Guten schreiben exakt wie Konrad Duten.`); ein für jedes Kind ergötzliches Buch, meint Klutzny, das in einer vielversprechenden neuen Bilderbuch-Edition des Aufbau-Verlags (Hrsg: Ute Blaich) erschienen ist.
5) Shakespeare/Spirin (Illustr.): "Der Sturm"
Eine durch die Bilder des russischen Illustrators "kunstvoll akzentuierte" Prosa-Nacherzählung der Schakespearschen Romanze, schreibt die Rezensentin; sie hebt hervor, dass dieser (wie die anderen) Titel zur Vermittlung begeisterte Erwachsene braucht. Aber das, so findet sie, spricht kein bisschen gegen anspruchsvolle Bilderbücher.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 11.11.1999

Jens Thiele feiert Erlbruchs neues Bilderbuch für die nächtliche Schönheit seiner Illustrationen. Ein kleiner Sohn geht mit dem übermüdeten Vater durch die Nacht. Viel passiert, auch wenn der Vater davon nichts bemerkt. Ganz verzaubert beschreibt Thiele Erlbruchs "verschachtelte Bildräume, fremd und verrätselt, zeichenhaft und kühl" und wünscht sich noch viele Bilderbücher von diesem Autor.