Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.04.2003. In der FAZ verkündet Giorgio Agamben den Ausnahmezustand. In der NZZ kritisiert Friedrich Wilhelm Graf die harten Identitätsvorgaben konstruktivistischer Religionsintellektueller. In der taz zieht Selim Nassib eine Bilanz der Kriegsberichterstattung von al-Dschasira. In der FR fürchtet Richard Rorty, dass die Demokraten auf die Linie der Bush-Regierung einschwenken. Die SZ recherchiert nochmals zu den Museumsplünderungen in Bagdad.

FAZ, 19.04.2003

In der Reihe über die völkerrechtlichen Probleme des Irakkriegs meldet sich heute der italienische Philosoph Giorgio Agamben (mehr hier) zu Wort. Er behauptet, die USA (und irgendwie auch Israel) versuchten, im Zuge des Kampfs gegen den Terror, der Welt einen "Ausnahmezustand" aufzuzwingen, der mit Hitlers Ermächtigungsgesetz von 1933 vergleichbar sei. "Was würde geschehen, wenn die größte Militärmacht der Welt in eine Dynamik von dieser Art eintreten und sich, wie es faktisch schon der Fall ist, in einen offen antidemokratischen Staat verwandeln würde, in dem das Recht suspendiert und kontinuierlich und präventiv Krieg geführt würde aufgrund von Erfordernissen der nationalen und internationalen 'Sicherheit', über die niemand zu urteilen in der Lage wäre? Daß der Ausnahmezustand tatsächlich aufgehört hat, sich auf eine wirkliche Situation von Gefahr oder Notstand zu beziehen, und heute als eine Regierungstechnik neben anderen funktioniert, wird durch die Tatsache bewiesen, dass die Vereinigten Staaten sich auch dann auf ihn berufen, wenn die ihre Politik leitenden Motive offensichtlich von anderer Art sind."

Weitere Artikel: Christian Geyer meditiert über die neue Enzyklika des Papstes zur Eucharistie und stellt fest: "Die Hürden für ein Zusammenschmelzen der Konfessionen bleiben hoch." Joseph Croitoru wirft einen Blick in osteuropäische Zeitschriften, die sich mit dem Irakkrieg befassen. Karol Sauerland erzählt von einer polnischen Theologiestudentin, die öffentlich dagegen protestierte, dass in den Kellerräumen der Warschauer Allerheiligen Kirche antisemitische Literatur verkauft wird. Gerhard R. Koch gratuliert dem Dirigenten John Eliot Gardiner zum Sechzigsten.

In den Ruinen von Bilder und Zeiten berichtet Hans Ulrich Gumbrecht (mehr hier und hier) über ein Kolloquium an der Stanford University, bei dem sich Ingenieure, Rechtswissenschaftler, Kulturhistoriker, Philosophen und Naturwissenschaftler für eine knappe Woche zu einem Experiment mit verschiedenen Formen interdisziplinärer Arbeit zusammenfanden und über "Emergenz" diskutierten. Arno Lustiger erinnert an den Aufstand im Warschauer Ghetto vor sechzig Jahren und kritisiert, dass die Angehörigen einer der wichtigsten Kampfgruppen, nämlich des "Jüdischen Militärverbands", Zydowksi Zwiazek Wojskowy (ZZW), immer noch auf ihre Rehabilitation durch Mitkämpfer und Geschichte warten.

Auf der Medienseite zitiert Michael Hanfeld einen Brief der Kulturministerin Christina Weiß an den Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit, in dem sie "anregt", den Zusammenschluss von Berliner Zeitung und Tagesspiegel per Ministererlaubnis zu genehmigen. Für Hanfeld ist die Sache klar: damit soll die Welt vom Markt verdrängt werden. Und Alexander Bartel hat sich die Arbeit des Filmarchitekten Götz Weidner für den Film über das Grubenunglück von Lengede beobachtet.

Besprochen werden eine Ausstellung über Nicolas de Stael im Pariser Centre Pompidou, die Uraufführung von Christoph Marthalers "Lieber nicht" an der Berliner Volksbühne, William Friedkins Film "Die Stunde des Jägers", Helge Schneiders Theaterdebüt "Mendy - Das Wusical" am Schauspielhaus Bochum, Jules Massenets Opernoratorium "Marie-Magdeleine" in Bonn und Bücher, darunter G. K. Chestertons Autobiografie und Sergio Pitols Roman "Defilee der Liebe" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Auf der Schallplatten- und Phonoseite geht es um CDs von Moloko, von den Moldy Peaches, von dem Pianisten Igor Uryash, der russische Zigeunerromanzen aufgenommen hat und dazu singt!, Stabat Mater-Kompositionen von Scarlatti bis Rossini, eine Aufnahme des "Violin and String Quartet" von Morton Feldman sowie die "complete songs" von Dmitrij Schostakowitsch.

In der Frankfurter Anthologie stellt Ruth Klüger Johann Wolfgang Goethes Gedicht "Urworte. Orphisch" vor:

"Wie an dem Tag, der dich der Welt
verliehen,
Die Sonne stand zum Gruße der
Planeten,
Bist alsobald und fort und fort gediehen
Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.
So mußt du sein, dir kannst du nicht
entfliehen,
So sagten schon Sibyllen, so Propheten;
Und keine Zeit und keine Macht
zerstückelt
Geprägte Form, die lebend sich entwickelt
..."

FR, 19.04.2003

Der amerikanische Philosoph Richard Rorty (Bücher) stellt galgenhumorig fest, dass Linke wie er keine Ahnung haben, was die Regierung als Nächstes tun wird. Und dass die Demokraten wohl dem Patriotismus erliegen werden. "Es ist gut möglich, dass der Präsidentschaftskandidat der Demokraten 2004 den Republikanern aus taktischen Gründen zugestehen wird, dass die USA sich auch künftig präemptive Kriege zu führen erlauben, wann immer der Präsident es für wünschenswert hält; ohne nennenswerte Debatte im Kongress und ohne die Zustimmung unserer herkömmlichen Alliierten oder der UN. (...) So wie kein amerikanischer Politiker in der Lage war einzugestehen, dass der Vietnamkrieg ein Fehler war, so ist es möglich, dass keiner von ihnen je fähig sein wird, zu sagen, dass der Irak-Krieg eine schlechte Idee war. Es wird einen enormen Druck auf einen demokratischen Kandidaten geben, in die herzliche Selbstbeglückwünschung einzustimmen, die die Republikaner als die einzige patriotische Antwort auf unseren Sieg in Irak gelten lassen werden."

In Zimt fühlt sich Renee Zucker durch das neue Segregationsgebot des Papstes an Blutwurst und Bandnudeln in warmer Milch erinnert. Gemeldet wird, dass Interpol mit einer neuen Sondereinheit nach gestohlenen irakischen Kulturgütern fahnden will und dass Sachbuch-Autor Wolfgang Schneider bei einem Auto-Unfall ums Leben gekommen ist.

Oliver Gehrs berichtet auf der Medienseite von den Schwierigkeiten, auf die man trifft, wenn man wie Miriam Lau versucht, eine unabhängige Biografie von Harald Schmidt zu schreiben.

Besprechungen widmen sich Helge Schneiders Dramaversuch "Mendy - das Wusical" im Bochumer Schauspielhaus, Christoph Marthalers "Lieber nicht. Eine Ausdünnung", seine Version von Melvilles Bartleby an der Berliner Volksbühne, der Uraufführung von "Casino Leger" im Frankfurter Kleinen Haus, nach Texten von Feridun Zaimoglu und Günter Senke, und natürlich auch Büchern, darunter ein Bildband mit selbstgeschossenen Fotoporträts der Taliban, gesammelt von Magnum-Fotograf Thomas Dvorzak, Dan Diners frische Essaysammlung "Gedächtniszeiten. Über jüdische und andere Geschichten" und neue Gedichte von Michael Lentz,"Aller Ding" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Im Magazin spricht der Holocaust-Überlebende Leon Guz über den Aufstand im Warschauer Ghetto vor 60 Jahren, die Deutschen und seine Angst vor ihnen. "Als gerade die Tür klapperte, habe ich mich gleich gefragt: Wer klappert an der Tür? Wer kommt herein? Sie müssen wissen, ich war 21 Monate mit fünf Menschen versteckt. Zweimal waren Deutsche bei uns in der Wohnung, in dem Haus erzählten sich die Nachbarn, meine Frau verstecke Juden. Zweimal saßen also Deutsche auf dem Sofa und sprachen gemütlich mit meiner Frau, während wir vier zitternd hinter dem Tapetenverschlag warteten. Und dabei war meine Frau auch Jüdin, die uns mit einer gefälschten Kennkarte durchbrachte. 'Fräulein Josefa' hieß sie auf dem falschen Papier, 'das Fräulein Josefa'. Ach. Das ist alles zusammen nichts Fröhliches."

Weiteres: Tobias Moorstedt stellt uns die CSU-Stadträtin Edelgard Dürr vor, die seit über 30 Jahren Groschenromane im Alpenmilieu schreibt; "unter zwei Pseudonymen, Namen, die wie Bergwiesen und Quellwasser klingen". Martin Scholz lässt sich auf einer langen Frühlingsfahrt durch den Kaiserstuhl in seinem nagelneuen BMW Z4 bewundern. Dorothee Baer-Bogenschütz hat sich prächtig amüsiert auf dem Festival zu Ehren des schottischenn Nationalbarden Robert Burns: "Dankbar greift man zum Whisky".

NZZ, 19.04.2003

In der Wochenendbeilage "Literatur und Kunst" macht sich Friedrich Wilhelm Graf Gedanken über Religionsintellektuelle, die "trotz ihrer konstruktivistischen Rhetorik den Konsumenten auf den pluralen Sinnmärkten essenzialistische Ursprungsmythen und harte Identitätsvorgaben" liefern. "Prominente Vordenker des neuen Religionsdiskurses wie Edward W. Said und Cornell West polemisieren gegen 'das Abstrakte, Allgemeine und Universelle' und wollen 'das Konkrete, Spezifische und Partikulare' umarmen. Sie definieren sich von den Opfern her, denen sie durch Narrative des Leidens starke Identitäten offerieren, sind dem akademischen Status nach aber 'movement intellectuals', die alle Privilegien der 'symbolic analysts' genießen. An ihnen wird die changierende Rolle vieler Religionsintellektueller prägnant sichtbar: Sie wollen das religiöse Feld nicht mit analytischer Distanz deuten, sondern zugunsten ihrer Gruppe aktiv umgestalten."

Der Giacometti-Biograf James Lord ("Einige bemerkenswerte Männer") hat Daniel Kurjakovic und Sebastian Lohse im Gespräch erklärt, warum er nur schlecht Erfundenes beschreiben kann, reale Menschen oder Ereignisse dafür umso besser. Thomas Mann hatte es ihm einst in einem Brief erklärt: "'Soviel kann ich aufgrund der unzähligen Briefe, die ich von Ihnen erhalten habe, sagen: Sie haben die Gabe der Bewunderung. Und dies ist etwas sehr Wertvolles, ohne das ich nie die Person geworden wäre, die ich heute bin.'" Den Reportern erscheint das einleuchtend: "In der Bewunderung scheint ein philosophischer Sinn für Großzügigkeit, Offenheit, Aufrichtigkeit, Rezeptivität und Waghalsigkeit wirksam, die sich als Bedingung ästhetischer Produktion entfaltet - für Lord vielleicht gar der eigentliche erotographische Impuls."

Weitere Artikel: Marli Feldvoss zeichnet die Entwicklung des Liebesfilms nach. Martin Meyer stellt den Künstler Jacques Callot (1592-1635) vor, ein Pionier der grafischen Kunst, der über die Schlachtfelder des 30-jährigen Krieges zog. Besprochen werden die Tizian-Ausstellung in der Londoner National Gallery und Bücher, darunter die neun Bände der Kritischen Schleiermacher-Gesamtausgabe.

Im Feuilleton resümiert Uwe Justus Wenzel das Symposion zur Wiederbelebung der Beziehungen zwischen Amerika und Europa in Elmau, und Georges Waser untersucht die Motive des Kunstsammlers Charles Saatchi.

Besprochen werden Verdis "Due Foscari" in Brüssel, Falk Richters Inszenierung von Caryl Churchills "Die Kopien" im Schauspielhaus Zürich und Bücher, darunter Gerard Genettes "Figures V.", Sayed Kashuas Roman "Tanzende Araber" und Bettina Balakas Erzählband "Unter Jägern" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).
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TAZ, 19.04.2003

Im Resümee seines Tagebuches würdigt der Schriftsteller Selim Nassib den arabischen Sender Al Dschasira als Instrument der Demokratie, das die arabische Welt dringend braucht. "Der Sender ist, was er ist, genauso orientierungslos und widersprüchlich wie die arabische Welt selbst. Aber er gibt jenen das Wort, welche allen das Dilemma vor Augen führen: wie der Aggression von außen Widerstand leisten, ohne sich unter dem Banner der eigenen Tyrannen zu versammeln? Wie der Demokratie beipflichten, ohne sich unter das Banner der Vereinigten Staaten zu scharen? Al Dschasira hat sich darauf beschränkt, das Informationsmonopol zu brechen, das von den arabischen Regimes für lange Zeit aufrecht gehalten wurde, und jene Regeln ins Recht zu setzen, welche seine Journalisten während ihrer Arbeit bei der BBC oder anderswo gelernt haben."

Christoph Marthaler hat Melvilles Bartleby an der Berliner Volksbühne inszeniert. Der Titel "Lieber nicht" soll die spontane Antwort Marthalers auf den Vorschlag von Matthias Lilienthal gewesen sein. Eva Behrendt freut es, dass sich Marthaler jedweder Globalisierungskritik entzieht und sich dagegen auf die Geschichte beschränkt. "Wenn die Pianisten improvisierten Unfug treiben mit englischen und amerikanischen Hymnen, verweigern sich die Instrumente und verstimmen mitten im Spiel. Und kaum beginnt man, hier nun doch einen aktuellen Kommentar zu vermuten, fährt einem ein liebenswürdig kauziger Klavierlehrerhumor in die Parade, etwa, wenn sechs Leute beim Umblättern der Liszt-Noten zusammenstoßen, wenn die Fingerübung zur gymnastischen Exerzitie gerät oder einer der Pianisten für fünfzehn Minuten in Pascal-von-Stocki-Schmalz erstarrt."

Weiteres: Burkhard Brunn erinnert an Ostern 1982 mit Joseph Beuys, als der auf der documenta VII die nachgemachte Zarenkrone von Iwan dem Schrecklichen in einen Osterhasen umschmolz. Michelle Li war auf einer unzeitgemäßen Hochzeit zugegen, auf der ein Amerikaner und eine Französin neue transatlantische Verbindungen schmiedeten. Eine Meldung befasst sich mit der Kultur-Sondereinheit von Interpol und dem Rücktritt eines Bush-Beraters aufgrund der "kulturellen Tragödie" im Irak.

Auf der Medienseite vermutet "fra", dass bei einer Übernahme der Berliner Zeitung durch Holtzbrinck das letzte Stündlein von Welt und Morgenpost geschlagen hätte.

Besprochen wird einzig und allein David T. Twohys U-Boot-Gespenster-Schmonzette "Below".

Das tazmag zu Ostern: Der jetzige Papst war zu schlecht, um hier zu studieren, die Marx-Bibliothek ist die zweitgrößte der Welt, das Ziel ist die Versöhnung von Theologie und Wissenschaft: Markus Grill hat sich in der Gregoriana umgesehen (taz-Hintergrund), der ältesten und angesehensten päpstlichen Universität in Rom. "Bevor das Essen beginnt, schmettern die fünfzig Jesuitenzöglinge ein 'Tanti auguri!' für den Mitbruder, der heute Geburtstag hat. Es geht lustig zu am Tisch, und Markus Luber rechtfertigt schon bald feurig die deutsche Kirchensteuer, von der ein Mitbruder aus Malaysia gar nicht glauben kann, dass es so was gibt. Nach dem Mahl begeben sich die Studenten geschlossen einen Stock höher in den Rekreationsraum, lassen sich unter üppig barocken Deckengemälden in die Sessel fallen und genießen den Espresso, den zwei Kommilitonen servieren."

Außerdem: Bernd Hans Martens erinnert sich an den allerersten Ostermarsch (taz-Überblick) 1960, mit seiner Cousine Cornelia und Anti-Atomwaffen-Plakaten. Barbara Bollwahn de Paez Casanova (puh!) schaut, was noch übriggeblieben ist vom Freistaat Christiania (taz-Geschichte), von Hippies gegründet in den Siebzigern nahe Kopenhagen. Heide Platen widmet sich der ruchlosesten aller Frauen, Mantis religiosa, der Gottesanbeterin. Gabriele Lesser versucht zu zeigen, wie falsch der Aufstand der Juden im Warschauer Ghetto (taz-Geschichte) interpretiert wurde und immer noch wird. Schließlich noch das Kaulquappentagebuch von Dominik und Sylvia Meise (taz-Hintergrund).


Und dann noch Tom.

SZ, 19.04.2003

Der Irak und seine geplünderten Kunstschätze: Heiko Flottau hat mit einem verzweifelten Mouajad Damerji gesprochen, bis vor kurzem Generaldirektor der irakischen Antikenverwaltung. Der vermutet, dass Profis zu Gange waren und nicht nur "ein unwissender plündernder Mob ins Museum eingedrungen sei. Unter den Räubern müssen auch Leute gewesen sein, die genau wussten, was sie stehlen - und was sie nicht stehlen wollten. So hätten die Diebe etwa eine Hammurabi Statue und den 'Schwarzen Obelisken' stehen lassen - weil die Originale dieser Kunstwerke in Paris und in London stehen. (..) Hätte er die Katastrophe vorausgesehen, fügt Damerji hinzu, wäre er für die Zeit des Krieges mit einem Gewehr ins Museum umgezogen und hätte jeden Plünderer erschossen - 'selbst wenn ich dabei gestorben wäre'.

Dazu gibt es ein Interview mit der ebenso hoffnungslosen Margarete van Ess, der Leiterin der Abteilung Bagdad des Deutschen Archäologischen Instituts. Es war, berichtet sie, "als würde mir der Boden unter den Füßen weggezogen. In zwei Tagen wurde die Forschung von über 100 Jahren vernichtet, die durch irakische und internationale Gelder finanziert wurde." Andrian Kreye berichtet von der internationalen Kritik an der US-Regierung, die nichts gegen die Plünderungen unternommen hat. Und Willi Winkler erzählt das Märchen von Saddam Hussein el-Takriti, der nun im Halbdunkel der Howard-Hughes-Suite im 22. Stock des 'Desert Inn' in Las Vegas weilt.

Weiteres: Wolf Lepenies sieht eine große Zukunft für Europa, als Zwerg auf den Schultern der USA. Dazu muss es aber erst einmal dreifach wehrhaft werden. Alexander Menden gratuliert dem Londoner Jurist und Autor Sir John Mortimer zum Achtzigsten, "einer der wenigen Menschen, denen es gelingt, Aphoristiker und trotzdem sympathisch zu sein". In der Reihe Briefe aus dem 20. Jahrhundert befasst sich Wolfram Groddeck mit einem Brief Robert Walsers an die Redaktion der "Individualität" aus dem Jahr 1926, in dem Walser Hans W. Keller wohlwollend gemein rät: "Geben Sie nicht nutzlos Geld aus: das sollte Ihr Programm sein." Gemeldet wird, dass die Versteigerung des Nachlasses von Andre Breton in Paris 46 Millionen Euro erbracht hat.

Auf der Medienseite verraten uns Hans-Jürgen Jakobs und Klaus Ott, wie Leo Kirch und der FC Bayern die Fußball-WM 2006 nach Deutschland geholt haben. Alexander Görlach hat sich in der deutschen Redaktion von Radio Vatikan umgesehen, im Palazzo Pio gegenüber der Engelsburg. Henning Klüver berichtet aus Italien, wie Literaturnobelpreisträger und Theaterlegende Dario Fo im Internet ein alternatives Fernsehen plant, ohne Berlusconi.

Auf der Literaturseite weiht uns Herrmann Unterstöger ein, dass die hebräische Fassung der Bibel, die Septuaginta, jetzt ins Deutsche übersetzt wird und warum der Rizinus nun zum Kürbis wird.

Besprochen werden Christoph Marthalers Hommage an Melvilles Bartleby "Lieber nicht. Eine Ausdünnung" an der Berliner Volksbühne, Helge Schneiders erste Theaterarbeit "Mendy - das Wusical" in Bochum, Harald Clemens' Inszenierung von Jaan Tättes "Bungee jumping" am Münchner Cuvillies- Theater, William Friedkins neuer Film zum amerikanischen Verfolgungswahn "Die Stunde des Jägers", das Geburtstagskonzert von Sopranistin Montserrat Caballe in München, und Bücher, darunter drei neue Berlin-Bücher, Svetlana Vasilenkos moderne Heiligenlegende "Die Närrin" sowie ein prächtiger Bildband über die Werke von Klimt, Kokoschka und Schiele in den zeitgenössischen Salons Europas (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

In der SZ am Wochenende lesen wir eine Kurzgeschichte von Maxim Biller (Bücher) vom Krieg, wie er sich in der Münchner Maximilianstraße anfühlt. "Er saß immer noch an der Bar. Er starrte zum Fernseher hinauf, und er hatte keine Ahnung, was er dort sah. Er dachte, ich hätte damals bei Marcia in Georgetown bleiben sollen, ich hätte sie ab und zu betrogen und sie mich auch, und wir wären trotzdem glücklich geworden, und Frederic wär? jetzt nicht Soldat, dafür hätte ich schon gesorgt. Sie dachte: Er ist so alt und so langsam, wieso liebe ich ihn."

Alle Welt wartet auf das Buch der Bücher, die Memoiren von Bob Dylan. Karl Bruckmaier weiß, warum bis jetzt noch jeder Versuch fehlgeschlagen ist. Etwa dieser: "Versuch A: Frisch ans Werk mit 'Jokerman'-Metaphorik und ein wenig Hattie Carroll und Edgar Alan Poe für das Nobelpreis-Komitee: Mein Name sei Dylanbein. Warzenschwein. Höllenpein. Born under a bad sign mit einer giftigen Natter in my hand. Siebter Sohn eines siebten Sohnes. Sturmumtost meine Wiege in Minnesota."

Weiteres: Schock-Rocker Marilyn Manson freut sich im Interview, dass die Leute ihn genau so beurteilen, wie er es geplant hat. "Ich bin ein Pin-Up-Boy für das Versagen der amerikanischen Gesellschaft." Helmut Schödel schreibt aus der italienischen Grenzstadt Gorizia, wo Schlachtvieh aus ganz Europa eintrifft. Marcus Jauer unternimmt zu guter Letzt eine frühlingsfröhliche kleine Rundreise durch die Freizeitidyllen rund um die Hauptstadt der ehemaligen DDR.