Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.04.2003. In der FAZ hat Jürgen Habermas ein paar böse Fragen an den guten Hegemon USA. In der FR macht der stellvertretende Unesco-Generaldirektor Mounir Bouchenaki Amerikaner und Briten für die Plünderungen im Irak verantwortlich. Die taz fragt sich, wer oder was die ideologische Lücke im Irak schließen wird. Die NZZ sieht zu, wie Madonna Handgranaten wirft. Die SZ entdeckt eine Achse des Bösen in der Literatur.

FAZ, 17.04.2003

Nach Ende der Kriegshandlungen drängen auch die großen Intellektuellen zu Stellungnahmen. "Was bedeutet der Denkmalsturz?" lautet die Überschrift zu Jürgen Habermas' langem Artikel, und gleich die Unterzeile konstatiert: "Die normative Autorität Amerikas liegt in Trümmern." Die Frage dieser Tage formuliert Habermas so: "Schlechte Konsequenzen können eine gute Absicht delegitimieren. Können gute Konsequenzen nicht doch eine nachträglich legitimierende Kraft entfalten?" Letztlich kommt er aber zur Konsequenz, dass das Völkerrecht auch von einem "guten Hegemon" nicht gebrochen werden darf. Einen der Widersprüche, in die sich dieser gute Hegemon vestricken könnte, kleidet Habermas in eine weitere Frage: "Würde die Bush-Doktrin nicht erst recht kontraproduktive Maßnahmen für den nicht unwahrscheinlichen Fall fordern, dass die Bürger in Syrien, Jordanien, Kuweit und so weiter von den demokratischen Freiheiten, die ihnen die amerikanische Regierung bescheren will, einen unfreundlichen Gebrauch machten?"

Weitere Artikel: Im Fall Nordkorea bestehen die USA allerdings auf Multilateralismus und Gesprächen. Dabei ist Zhou Derong überzeugt: "Falls die Amerikaner in einem ähnlichen Alleingang wie zuletzt im Irak die Drecksarbeit erledigen würden, läge dies im Interesse Chinas." Gina Thomas schickt einen Artikel zur heutigen Eröffnung der Saatchi-Galerie in London. ("Man fragt sich, wie diese vom Knalleffekt lebende Zusammenstellung die Zeit überdauern wird", schreibt Gina Thomas.) Josef Oehrlein untersucht in einem längeren Artikel die kuriose Kulturpolitik des venezolanischen Präsidenten Hugo Chavez. Jürgen Kaube kommentiert ein Urteil, wonach baden-württembergische Unis für die Rückmeldung zum Studium keine Rückmeldegebühren mehr erheben dürfen, die die eigenen Kosten bei diesem Akt übersteigen. In einer Zeitschriftenschau beobachtet Jürg Altwegg eine Erneuerung des katholischen Denkens in Frankreich.

Ferner meldet Siegfried Stadler, dass Dresden sein neues Depot für die Staatlichen Kunstsammlungen mit Mitteln des Fluthilfe-Fonds bauen kann. Wolfgang Sandner meldet den Tod der Jazzpianistin Jutta Hipp. Gerhard Rohde stellt Stuttgarts neues Theaterhaus in der Rheinstahlhalle vor. Jordan Medias berichtet über eine Petition von Archäologen, die ihrer Sorge um das Los der irakischen Kulturschätze Ausdruck geben (Mejias zitiert den Yale-Archäologen Eckart Frahm, der die Plünderungen einen "kulturellen Supergau" nennt). Joseph Croitoru berichtet über einen Eklat um den angesehen Israel-Preis, der nun nicht an den Künstler Moshe Gershuni vergeben werden soll, weil er sich kritisch zur Regierung äußerte.

Auf der letzten Seite erinnert Hubert Wolf daran, dass Papst Pius XI. 1928 eine Reform der Karfreitagsfürbitte für die Juden ablehnte. Kerstin Holm porträtiert den wegen Waffenbesitzes vruteilten Nationalbolschewisten Eduard Limonow. Und von Jürg Altwegg erfahren wir, dass auch Chiracs hübscher Erziehungsminister Luc Ferry den Mammut des französischen Bildungssystems wohl um keinen Zentimeter verrücken kann. Auf der Filmseite meditiert Bert Rebhandl über die Ankunft des indischen Mainstreamkinos im Westen. Mirjam Schaub befasst sich in einem längeren Hintergrund mit der erotischen Schaulust der Frauen im Kino. Auf der Medienseite meldet Heike Huptertz, dass klassische Sender wie ABC und CBS im Irak-Krieg gegenüber CNN und Fox an Quote verloren. Jordan Mejias bespricht die Ausstellung "Entertaining America" im jüdischen Museum von New York.

Besprochen werden eine Ausstellung mit dem grafischen Werk Rembrandts im Frankfurter Städel, ein Konzert der wiederauferstandenen Yardbirds und die Ausstellung "Zeitgenössische Fotografie" im Museum Folkwang.

FR, 17.04.2003

Das Kulturerbe werde mehr und mehr zum Spielball in Kriegen, sagt der stellvertretende Unesco-Generaldirektor Mounir Bouchenaki (mehr hier) in einem Interview: "Schlimmer noch: Es ist Zielscheibe geworden. Regelmäßig sehen wir neue Beispiele. Denken Sie an die vorsätzliche Zerstörung der Buddhas von Bamian, an die vorsätzliche Zerstörung von Exponaten des Kabuler Museums und nun an die Plünderungen in Irak, die am helllichten Tag stattgefunden haben. Die Plünderer kamen doch nicht in der Nacht oder gingen heimlich vor. Jedermann konnte zusehen, die Fernsehteams haben es ja sogar gefilmt. Das ist das Erschütternde." Der sichtlich mitgenommene Bouchenaki macht ausdrücklich neben den Plünderern auch die "okkupierenden Streitkräfte" für die Zerstörung der irakischen Kulturgüter verantwortlich, sie hätten "das Kulturerbe schützen müssen, zumal wir sie vorher darauf aufmerksam gemacht haben".

Weitere Themen: Rene Aguigah hat in Zeitschriften wie "Lettre International" oder den Frankfurter Heften geblättert und stellt fest: "Der Krieg ist vorüber, heißt es; aber die Nachrichtenlage hat die Themen ... nicht erkennbar altern lassen." Helmut Holzapfel macht sich Gedanken über die Popularität des Computerspiels "Sim City" unter Architekten und Stadtplanern. Und die Kolumne Times Mager hat in Elfriede Jelineks "Bambiland" ein schildkrötenpanzerbrechendes Literaturtherapeutikum gegen die poetische Lufthoheit eines Donald Rumsfeld ausgemacht.

Auf der Medienseite berichtet Eva Schweitzer, dass die New York Times wegen ihrer angeblich unpatriotischen Haltung zum Irakkrieg in die Kritik geraten ist. Und Javier Saenz Munilla erzählt im Interview, wie Journalisten beim spanischen Staatsfernsehen gegen Manipulation kämpfen.

Besprochen werden Paul Thomas Andersons Filmkomödie "Punch Drunk Love", die Luc Tuymans-Retrospektive "Arena" im Kunstverein Hannover, William Friedkins Verfolgungsfilm "Die Stunde des Jägers", Jossi Wielers Inszenierung der Debussy-Oper "Pelleas und Melisande" an der Staatsoper Hannover, das Album "Elephant" der White Stripes und Claudio Magris' Essayband "Utopie und Entzauberung" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 17.04.2003

Daniel Bax fragt sich, wie im Irak die ideologische Lücke geschlossen werden wird, die das Verschwinden von Saddams Baath-Partei hinterlassen hat. "Führt man sich die unerwartet schwache Gegenwehr vor Augen, die dem Einmarsch der USA und Großbritannien entgegengebracht wurde, dann war die Identifikation mit dem Staat, mit der Partei oder mit Saddam Hussein zuletzt wohl nur noch bei wenigen stark ausgeprägt. Dennoch hinterlässt der Fall des Regimes ein ideologisches Vakuum. Gut möglich, dass zunächst einmal die Religion diese Lücke füllen wird."

Weitere Artikel: Thomas Winkler schreibt über den Liedermacher Peter Licht (homepage) und sein neues Album "Stratosphärenlieder": "Für die einen sind es Kinderlieder für Erwachsene, für die anderen ist es intelligente Popmusik für alle Altersstufen". Marion Löhndorf hat in London die neue Saatchi-Gallery besichtigt, und findet: der Hai passt gut in den Sitzungssaal, und Selim Nassib kommentiert in seiner Kolumne auch weiterhin die Berichterstattung des arabischen TV-Senders al-Dschasira. Auf der Internetseite gratuliert Tilmann Baumgärtel dem Zentralorgan der digitalen Revolution Wired zum zehnten Geburtstag.

Besprochen werden Rodrigo Garcias Episodenfilm "Gefühle, die man sieht" und William Friedkins Film "Die Stunde des Jägers" ("der Kosovokrieg als Splatterorgie?", fragt Harald Fricke staunend).

Schließlich TOM.

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NZZ, 17.04.2003

Ueli Bernays versucht in einer längeren Besprechung von Madonnas neuer Platte ihr Video zu "American Life" nachzuerzählen. "Schlanke Models zeigen Kleider im Military-Look, die Schau wird schauerlich gerahmt von Bildern, die grafisch stilisiertes Kriegsgerät oder Panzer im Einsatz zeigen sowie anonyme Kriegsopfer. Auf engen Toiletten, hier wo das Leben sozusagen über den schönen Schein obsiegt, macht sich derweil eine Soldateska rebellischer Frauen bereit für den Kampf gegen den kriegerischen Mode-Kult. Und später sieht man sie unter Führung von Superheldin Madonna den Laufsteg erobern. Das Publikum wird erst von Wasserwerfern auseinander getrieben; schließlich wirft Madonna eine Handgranate . . ., die vom Präsidenten selbst aufgefangen wird." Aha.

Weitere Artikel: Hanspeter Künzler verkündet in einem Artikel (in dem viele Links genannt werden) den "Boom christlicher Popmusik", der so genannten Christian Contemporary Music. Marc Zitzmann berichtet über Angriffe auf das Feuilleton von Le Monde und die wenig unbestechliche Literaturkritik in Frankreich.

Besprochen werden eine Ausstellung des Designers Ettore Sottsass in Köln und eine Menge Bücher, darunter ein neuer Jerusalem-Krimi von Batya Gur (mehr hier), der Roman " Die Schnapsstadt" (mehr hier) von Mo Yan und John Deweys Studie "Logik - Die Theorie der Forschung" (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

Auf der Filmseite berichtet Alexandra Stäheli über die Dreharbeiten zu Edith Juds Dokumentarfilm über den Künstler Dieter Roth. Besprochen werden der simbabwische Film "Yellow Card" von John Riber und Alan Parkers neuer Film "Das Leben von David Gale". Auf der Medien- und Informatikseite geht's heute mehr um Informatik als um Medien.

SZ, 17.04.2003

Unter dem schönen Titel "Die literarische Achse des Bösen: Blut an den Händen und an den Fingern Tinte - Wenn Schurken zur Feder greifen" widmet sich der Literaturteil dem literarischen Schaffen von Diktatoren, darunter natürlich Saddam Hussein oder Kim Jong Il, der seine Bücher sogar über Amazon vertreiben läßt ("ein Fall geistiger Proliferation?" fragt da Ijoma Mangold). Auch Muammar al-Gaddafi ist darunter, dessen Werk kein geringer als Pierre Salinger, der einstige Pressesprecher John F. Kennedys, als Selbstzeugnis eines sensiblen Denkers und Umweltschützers gelobt hat, wie Sonja Zerki uns wissen läßt und Burckhardt Müller schließlich beruhigt uns Deutsche, die wir noch voller Pein an Helmut Kohls Ausspruch "In Hölderlin war ich gut" denken: "Wir aber, seien wir froh, dass wir in einer Weltgegend leben, wo die Mächtigen Banausen sein können."

Heribert Prantl wundert sich, dass plötzlich alle so tun, als sei im Irak mit dem Ende des Krieges auch schon der Frieden gekommen: "Von den Bellizisten in den Feuilletons werden die Kriegsgegner, die vor einer Katastrophe und einem Flächenbrand im Nahen und Mittleren Osten gewarnt hatten, schon jetzt als Propheten des Untergangs belächelt - als ob die Gefahren schon aus derWelt wären. In der FAZ meldet sich ein großer deutscher Dichter zu Wort, ... um aus dem Schaukelstuhl heraus der Schwertmission der Briten und Amerikaner zu akklamieren."

Weitere Artikel: Alexander Kissler deutet rückblickend das vergangene Jahrhundert zweier Weltkriege und zahlreicher perfektionierter Schreckensherrschaften als einen einzigen Karfreitag. Wolfgang Kemp staunte nicht schlecht, als er bei seinem Versuch, die Grabeskirche in Jerusalem zu besichtigen, von unfreundlichen Türstehern aus der Schlange gedrängelt wurde: "In der Vergangenheit hatte man den Eindruck, dass sich die Israelis und die Palästinenser leichter würden einigen können als die Hüter der Grabeskirche. Es hat sich gebessert ... Aber der ökumenische Impetus, der die höhere Geistlichkeit erfasst, ist bei ihren Fußsoldaten, ist im täglichen Stellungskrieg der Kustoden noch nicht angekommen." Thomas Kirchner berichtet, dass die Schweiz ein Inventar aller geplünderten irakischen Kulturgüter erstellen will, weil sie nicht länger Umschlagplatz für Raubkunst sein will. Hans Pietsch findet, das Charles Saatchis Kunst-Sammlung im neuen Domizil an der Themse vom Prunk erschlagen wird. Die Filmproduzentin Annette Pisacane (mehr hier) plaudert in einem kurzen Interview über den von ihr produzierten Film "Elefantenherz". Arnd Wesemann hat beim Performancefest zur Schau DisORIENTation in Berlin ins papierene Antlitz des ausgebluteten Libanon geschaut. Und "Skoh" freut sich angesichts scheiternder ergeiziger Museumsanbaupläne, dass man bald die Museen wieder an ihren Kunstwerken erkennen kann.

Besprochen werden Jossi Wielers Inszenierung von Claude Debussys Oper "Pelleas et Melisande" in Hannover, "American Life", das neue Album von Madonna (homepage), das nach Ansicht von Tobias Kniebe im Club-Mainstream stecken bleibt, Rodrigo Garcias Debütfilm "Things You Can Tell Just By Looking at Her" mit Glenn Close, Calista Flockhart, Cameron Diaz und Holly Hunter, Handan Ipekcis Film "Hejar" ("vielschichtig, vielfach inkriminiert") und die Antonioni-Retrospektive im Münchener Filmmuseum.