Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.03.2003. In der taz findet Diedrich Diederichsen, dass Adorno mit seinen Aggressionen gegen Jazz und Pop irgendwie ganz richtig lag. In der SZ schildert Barry Glassner das Geschäft mit der Angst in Amerika. Die FR greift eine Kritik Andre Glucksmanns an der pazifistischen Front auf. Die NZZ unternimmt einen Streifzug durch die Londoner Theaterszene.

SZ, 11.03.2003

Der Tübinger Philosoph Otfried Höffe beschäftigt sich mit einer Grundsatzfrage zum Irakkrieg: "Fällt ein Militärschlag, der einem anderen vorgreift, fällt ein qualifizierter Vorbeugekrieg unter den engen und strengen Begriff eines gerechten Krieges?" Die Diskussion seiner Argumente führt ihn zu der Erkenntnis, dass der Krieg gegen den Irak "schwerlich zu rechtfertigen" sei. Sein Fazit: "Harmlos ist das Aggressionspotential des Irak nicht. Weil es aber nicht überwältigend ist, wäre es ein Zeichen hoher Staatskunst, wenn mit der paenultima ratio, dem Aufmarsch der Truppen, dem Irak so glaubwürdig gedroht wurde, dass dieser sich ernsthaft entwaffnet, statt sich selbst zur ultima ratio, dem nicht mehr notwendigen Krieg zu zwingen. Allerdings müssten die Kritiker dann bereit sein, der Strategie der USA, der 'Erzwingungsdiplomatie', den Erfolg einzuräumen."

In einem Interview erläutert der amerikanische Soziologe Barry Glassner "echte Nöte und vermeintliche Sorgen in Zeiten des Terrors". Glassner, der Michael Moore in seinem Film "Bowling for Columbine" die Argumente für die Theorie von der angstbesessenen US-Gesellschaft lieferte, stellt darin fest: "Mit Angstmache werden in den USA auch richtige Produkte verkauft. Von Alarmanlagen und Eigenheimen in eingezäunten Siedlungen bis hin zu alltäglichen Sachen, wie antibakterieller Seife. Angesichts der Millionen von Dollar, die jedes Jahr für antibakterielle Seifen ausgegeben werden, scheint es, als ob Amerikaner nicht verstehen, dass es vollkommen ausreicht, sich die Hände gründlich mit einer normalen Seife zu waschen."

Weitere Artikel: Florian Welle resümiert ein Interview mit Literaturnobelpreisträger Imre Kertesz in der Zeitschrift Universitas über das Verhältnis von West- und Osteuropa ("Europa wird nur wirtschaftlich ausgedrückt. Die Osteuropäer sind enttäuscht über diese Sichtweise.") Florian Coulmas erläutert Japans befangene Außenpolitik in Bezug auf den "wunden Punkt Nordkorea". Moritz Ege denkt anlässlich der neuen amerikanischen Reality-Soap "The Real Beverly Hillbillies" über die Umwandlung von Rassismus in "Klassismus" und die amerikanische "Obsession mit den armen Weißen" nach. Alex Rühle besuchte eine Tutzinger Tagung zum Thema "Angst in Zeiten der Ich-AG".

"Pst" kommentiert die Folgen, die es haben kann, wenn ein angesehener Journalist des New Yorker (Seymour Hersh) die privaten wirtschaftlichen Interessen eines Beraterstabmitglieds der US-Regierung und Irak-Krieg-Befürworters aufdeckt (siehe auch unsere aktuelle Magazin-Rundschau). "Sus" informiert über den trotz Irak-Krise ungebrochenen US-Unterhaltungsexport. In der Kolumne Zwischenzeit erzählt Harald Eggebrecht von einem traurigen Stück guten Geschirrs. Gemeldet wird schließlich noch der sparbedingte Rückzug des Aachener Theater-Generalintendanten.

Und auf der Medienseite wartet Willi Winkler mit der dann doch überraschenden Information auf, dass zumindest die französische Ausgabe der Zeitschrift Elle qua verwickelter, aber durchaus gängiger Kapitalbeteilungen ein bisschen auch Saddam Hussein gehört.

Besprochen werden Thomas Krupas wagnisvolle Adaption von Kieslowsiks "Dekalog" für das Freiburger Theater, eine Inszenierung von Sarah Kanes "Phaidra" an der Berliner Schaubühne, Calixto Bieitos Skandal-Inszenierung von Verdis "Trovatore" am Hannoveraner Opernhaus und eine Ausstellung über "Dali und die Magie der Mehrdeutigkeit" im Museum Kunst-Palast in Düsseldorf. Buchbesprechungen gibt es von neuen Romanen von Simon Werle (hier) und Allen Kurzweil (hier) sowie einer Neuausgabe des Klassikers "Die Römische Revolution" anlässlich des 100. Geburtstags seines Autors Ronald Syme (siehe auch unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

TAZ, 11.03.2003

Im dritten Teil ihrer Vorfeier-Serie zum 100. Geburtstag von Theodor W. Adorno, den dieser am 11. September dieses Jahres hätte feiern können, liefert heute Diedrich Diederichsen, den monatlichen Beitrag (erster Teil am 11. Januar von Stephan Wackwitz, zweiter Teil von Reinhard Kahl am 11. Februar; nächste Folge am 11. April usw.). Diederichsen beschäftigt sich mit dem Musiksoziolgen Adorno, der Jazz und Pop verachtete und dennoch die "Themen aktueller Poptheorie vorweggenommen" habe. "Nun ist es mir nicht darum zu tun, durch die psychologische Benennung von Beweggründen und ihrer distinktionspolitischen Ziele die Befunde Adornos zu diskreditieren. Im Gegenteil. Mich interessiert das speziell bei seinen Musikessays und ganz besonders bei seinen Aggressionen gegen Jazz und so genannter Popular Music mich immer wieder berührende Gefühl, dass er eigentlich alles ganz treffend beschrieben hat. Nur die aus den Beschreibungen abgeleiteten Bewertungen stimmen nicht. Aber sonst ist alles richtig: In der Tat ist Standardisierung, nicht mangelnde Komplexität das entscheidende Kriterium, das Popmusik von anderer Musik unterscheidet. Und ja, Verräumlichung durch Wiederholung, Stasis, wurde, viel mehr, als Adorno ahnen konnte, zur Signatur der Popmusik-Entwicklung der letzten 50 Jahre - und die zentrale Methode minimalistischer Musik. Und die Fetischisierung bestimmter Fragmente eines doch nur als Ganzes richtig verstandenen Werkes zu Lieblingsstellen, zu so genannten Melodien hat sich ebenfalls in einer ungeahnten Drastik verschärft zur Fetischisierung noch viel kleinerer, nämlich Sounddetails."

Andreas Merkel stellt safe vor, das erste deutsche Info-Magazin für private Sicherheit: "Wirklich bemerkenswert an safe ist aber vor allem, dass tatsächlich eine Duisburger 'Investico GmbH & Co. KG' aus privaten Geldgebern dieses Heft mit einer Startauflage von 52.000 Exemplaren an die Kioske gebracht hat - und das 'in einem Umfeld', wie man im Editorial selbstkritisch einräumt, 'in dem es vielen Printmedien nicht mehr wirklich gut geht'.

Besprochen wird die Uraufführung des Stücks "Film" von Rejane Desvignes und Igor Bauersima am Schauspiel Hannover, darüber hinaus viele Bücher: die deutsche Erstübersetzung von Richard Yates' Psychogramm einer amerikanischen Mittelschichtsehe, "Zeiten des Aufruhrs", Lyrik von Thomas Brasch, ein Band über "Krieg + Kunst" von Bazon Brock und Gerlinde Koschik, eine "leider bedenkenlos demagogische", bisher nur auf Englisch erschienene Studie über die Misshandlung psychisch Kranker in Amerika und eine "lesenswerte Analyse" der "Demarkationslinie zwischen Armut und Wohlstand": der Meerenge von Gibraltar (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und hier TOM.

FR, 11.03.2003

Roman Luckscheiter beschreibt, wie die französische Antikriegsfront allmählich "erste Risse" zeigt. "So störte der Philosoph Andre Glucksmann schon vor einigen Wochen den Chor der Friedenstauben, als er in der International Herald Tribune auf die bizarren Allianzen hinwies, die man in der mitteleuropäischen Politik plötzlich eingehe, um den Frieden zu retten. Er wirft Frankreich und Deutschland vor, in ihrem antiamerikanischen Aktionismus so blind geworden zu sein, dass sie es nicht als verwerflich ansähen, ausgerechnet mit dem russischen Präsidenten ein Bündnis einzugehen, der in Tschetschenien erwiesenermaßen den schlimmsten Genozid der letzten Jahre zu verantworten habe."

Slavoj Zizek diagnostiziert, dass Scharons Schwäche "die Existenz Israels" bedrohe. "Scharon vermischt zwei miteinander unvereinbare politischen Ziele: Die israelischen Militäreinsätze sollen für Frieden und Sicherheit sorgen - und bewirken doch nur das Gegenteil. Die militärische Macht der israelischen Armee, immerhin die größte in der ganzen Region, steht zugleich für militärische Ohnmacht. Ihre Stärke ist ihre Schwäche."

Weitere Artikel: Martina Meister liefert einen Lagebericht von der krisengebeutelten Internationalen Tourismus Börse in Berlin. In der Kolumne Times mager mischt sich "alz" in die Diskussion um die Frankfurter Buchmesse ein und plädiert für "einen Buchmessenwettbewerb der deutschen Städte nach dem Vorbild der Olympiabewerbung." Auf der Medienseite beschäftigt sich Jenny Niederstadt mit den Auswirkungen der Irakkrise auf die Werbebranche. Zumindest hier besteht offenbar kein Grund zur Sorge: Sie halten sich in Grenzen.

Besprochen werden eine Ausstellung über den "unbekannten" Architekten Richard Meier (mehr hier) im Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt, eine Schau im Groninger Museum, die sich dem Thema "Femmes Fatales" in der Kunst des 19. Jahrhunderts widmet, und Verdis "Trovatore" in der Skandalinszenierung von Calixto Bieito an der Oper Hannover.
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NZZ, 11.03.2003

Der interessanteste Artikel, der Stellungnahmen arabischer Intellektueller zum drohenden Krieg zu präsentieren verspricht, zeigt sich in der Internetausgabe heute morgen leider verstümmelt. (Jetzt funktioniert die Seite wieder.)

Weitere Artikel: Geri Krebs berichtet von der Buchmesse in Havanna, wo sich hinter der langweiligen offiziellen Fassade auch einige Risse zeigten - Schriftsteller wagen heute mehr als vor Jahren und werden dafür weniger bestraft. Patricia Benecke stellt in einem Streifzug durch die Londoner Theaterszene das neue Hampstead Theatre vor, den ersten Londoner Theaterneubau seit Jahrzehnten, und meldet Intendantenwechsel an wichtigen Häusern wie dem National Theatre, wo Trevor Nunn abtritt. Christoph Funke hat einem Gespräch zwischen Gregor Gysi und Peter Zadek im Deutschen Theater Berlin zugehört. Abgedruckt wird die Erzählung "rufst du, mein Vaterland" von Giovanni Orelli.

Besprechungen gelten den Lyriktagen auf Schloss Elmau, der Tanzshow "waschen schneiden föhnen" von Helena Waldmann bei Luzerntanz und einigen Büchern, darunter zwei neuen Bänden von Daniil Charms in der verdienstvollen Friedenauer Presse.

FAZ, 11.03.2003

Die FAZ besichtigt heute Geschäftsmodelle. Angesichts des Erfolgs von Discountern wie Aldi stellt Hannes Hintermeier kulturkritische Fragen: "Wer nur von Backmischungen lebt, die für einen Bruchteil von frischer Bäckerware verkauft werden, ahnt der noch den Zusammenhang von Getreide und Jahreszeit?" Und auf der letzten Seite besucht Georg Diez Niketown in Berlin, den Laden der Sportschuhfirma Nike, den er in einem popkulturellen Zwiespalt sieht: "Die Marke ist zu populär, zu erfolgreich, zu präsent, als dass sie noch interessant sein könnte... In der Politik nennt man das 'imperial overstretch'."

Weitere Artikel: Andreas Rossmann meldet "Theatertod auf Raten" in Aachen. "bat" erzählt, wie es mit der Frankfurter Buchmesse im 18. Jahrhundert schon einmal bergab ging. Joseph Croitoru liest palästinensische und israelische Zeitungen, die göttlichen Beistand um ihre jeweilige Sache herbeiflehen. Marta Kijowska schildert Reaktionen auf das jüngste in Polen veröffentlichte Poem des Papstes, das "Römische Triptychon".

Auf der letzten Seite porträtiert Dietmar Dath den australischen Sciencefiction-Autor Greg Egan, der in seinen Romanen naturwissenschaftliche Spekulationen aufgreift und keine Fotos von sich machen lässt (hier eine Kurzgeschichte des Autors). Dirk Schümer wundert sich, dass der Papst als Pazifist plötzlich von der italienischen Linken geschätzt wird. Auf der Medienseite empfiehlt Jürgen Kaube eine Dokumentation über die neokonservativen Beraterkreise der Regierung Bush. Hierzu passt ein Artikel in der heutigen New York Times über den neokonservativen Weekly Standard, der zur Lieblingslektüre im Weißen Haus wurde.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Bill Violas Passionen im Getty Museum Los Angeles, die Malewitsch-Retrospektive im Berliner Guggenheim-Museum, Calixto Bieitos "Troubadour"-Inszenierung in Hannover, eine Ausstellung über Westfalens Aufbruch in die Moderne in Münster und Berlioz' "Trojaner" an der Met.