Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.03.2003. Die NZZ erzählt vom tragischen Ende des islamischen Märtyrerkults in Disney World. In der FR erklärt der Kameramann Robby Muller, wie schwer es ist, ein Bild nicht zu komponieren. Die taz porträtiert den Parakulturellen Rumsfeld. Die SZ wähnt sich in einer neuen McCarthy-Ära. Die FAZ fürchtet Stau in den Beichtstühlen der katholischen Kirche.

NZZ, 12.03.2003

Der Politologe Babak Khalatbari stellt in einem jener langen Hintergrundartikel aus aller Welt, für die wir die NZZ so schätzen, die Frage, ob der islamische Märtyrerkult ein Export aus Iran ist. Khalatbari erzählt, wie der Märtyrerkult der Schiiten in den achtziger Jahren auf die Sunniten übergriff und zitiert am Ende seines Artikels die Lehre Tamim al-Adnanis, der auch Osama bin Laden inspirierte: "'Du brauchst dir doch nur ein kleines Stückchen Blei in den Kopf schießen zu lassen. Oder meinetwegen eine Kanonenkugel, wenn du willst, auch eine Rakete. Das ist alles und geht schnell vorbei. Die Belohnung aber, die hält für alle Ewigkeit an.' Dem Oberlehrer einer neuen Generation von Terroristen blieb jedoch selbst das höchste Ziel seiner gelehrigen Schüler versagt. Adnani kam nicht beim Kampf gegen die Russen in Afghanistan oder bei einem Selbstmordanschlag ums Leben, sondern starb in Florida an einem Herzinfarkt, während eines Besuchs von Disney World in Orlando." Vielleicht hat er gedacht, das ist das Paradies? (Hinweisen wollen wir hier noch auf einen langen Artikel über Opferkult und Suizidattentäter im Islam von Navid Kermani in der taz)

Weitere Artikel: Roman Hollenstein bespricht eine Ausstellung Tessiner Architektur im Centre culturel suisse von Mailand. Paul Jandl bilanziert Hans Gratzers erste Josefstadt-Saison. Besprochen werden ferner Verdis "Trovatore" in Calixto Bieitos Inszenierung in Hannover, das Tanzspektakel "Imprints" am Theater von Bern und einige Bücher, darunter Studien über den Antisemitismus im deutschen Kaiserreich und Martin Mosebachs Streitschrift gegen die nachkonziliare Liturgie "Häresie der Formlosigkeit" (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr.)

SZ, 12.03.2003

Andrian Kreye sieht in den USA einen Krieg der Sterne dräuen. "Für die Moderatoren der konservativen Nachrichtensender CNBC, Fox News und CNN sind die Antikriegspromis inzwischen ein so beliebtes Sekundärfeindbild wie Frankreich und Deutschland. Und auf Webseiten wie 'Citizens Against Celebrity Pundits' tobt der orthografisch nicht ganz sattelfeste Pöbel gegen die prominenten Vaterlandsverräter." Woher die Angst rührt, die Konservative wieder zur Hexenjagd blasen lässt, obwohl die McCarthy-Ära doch selbst in Republikanerkreisen als Schandfleck der amerikanischen Geschichte gilt? "Weil es nicht mehr die Gegen- und Subkulturen sind, die hier gegen den Krieg protestieren, sondern Mainstream, Kanon und Breitenpop."

Weitere Artikel: "tost" meldet bedauernd, dass der Generalsekretär des Goethe-Instituts Joachim-Felix Leonhard seinen Job aufgibt. Nicolas Cage und Spike Jonze plaudern über das Doppelspiel und die höhere Wahrheit in ihrem Film "Adaption", den Fritz Göttler in seiner Kritik als einen Meta-Film beschreibt, der sein Publikum in Perplexität und Entzücken stürzt. Sabine Oelze ächzt unter der Streichliste für den Kölner Kulturetat. "egge" weiß von der AOK, dass deutsche Kinder immer schlapper werden. Joachim Riedl freut sich auf die Wiedereröffnung der grundsanierten Albertina in Wien.

Auf der Medien-Seite betrachtet Hans Leyendecker die Propagandaschlacht, die das Imperium des Medien-Tycoons Rupert Murdoch gegen Wiesel, Waschlappen und Würmer führt, dabei jedoch zu verlieren scheint: "Je lauter die Murdoch-Blätter trommeln, je patriotischer die Moderatoren tönen, desto mehr sinkt in Ländern wie England und Australien die Zustimmung zum Waffengang."

Besprochen werden ein Konzert mit dem Pianisten Yefim Bronfman im Münchner Herkulessaal, die Uraufführung von Igor Bauersimas und Rejane Desvignes "Film" am Schauspiel Hannover, ein Konzert der Hamburger Musikhochschule, die Oscar-Niemeyer-Schau im Frankfurter Architekturmuseum, eine Ausstellung in Fulda, die an den Universalgelehrten Athanasius Kircher erinnert, und der Auftakt der Deutschlandtournee von Avril Lavigne, die Oliver Fuchs mit der ganzen verklemmten Herablassung beschreibt, die männliche Kritiker gegenüber weiblichen Popstars an den Tag legen.

Und Bücher, darunter ein Band, in dem sich Oscar Niemeyer mit seinem Ingenieur unterhält (leider nur auf Spanisch), Orlando Figes' russische Kulturgeschichte "Natasha's Dance" (leider nur auf Englisch), Camus' "Pest" als Hörbuch sowie Michail Schischkins Wanderungen auf den Spuren von Byron und Tolstoj "Montreux, Missolunghi, Astapowo" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

TAZ, 12.03.2003

Tom Holert erfreut mit einer hübschen Wortschöpfung: In Anlehnung an den Paramilitär hat er den Parakulturellen entdeckt: Kriegerische Entertainer vom Schlage eines Donald Rumsfeld, "kulturalisieren das Militärische" und blenden die Realität dabei aus: "Die Rummy-Show ist Bestandteil einer Inszenierung der Kriegsvorbereitungen als Theaterstück in unzähligen Szenen und Aufzügen. Ob Powells multimediale Beweisperformance vor der UN oder Saddam Husseins phantomale Präsenz im irakischen Revolutionsrat, ob Bin Ladens Homevideo-Depeschen oder Chiracs schaufelnde Armbewegungen - Politik wird fortwährend in Bühnensituationen überführt. Unter den Bedingungen des 'War on Terrorism' gewinnen diese Übergänge vom Politischen zum Kulturellen eine neue kritische Bedeutung. Mit der Spektakularisierung des Krieges, wie sie sich derzeit unter anderem in den theatralischen Performances der Medienpolitiker oder in der militärischen Produktion des monumentalen Historienfilms am Golf zeigt, werden nach Belieben die ästhetischen Potenziale des Ausnahmezustands ausgeschöpft und ausgebaut."

Weitere Artikel: Heiko Hänsel spricht mit dem Dichter Rajko Djuric, der ein Buch über die Literatur der Roma und Sinti veröffentlicht hat. Tobias Hülswitt heißt die ersten 130 chinesischen Privattouristen in Deutschland willkommen. Besprochen werden Spike Jonzes Film "Adaption" und eine Schau des Perfomance-Künstlers Rodney Graham in der Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen.

Schließlich Tom.
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FR, 12.03.2003

Daniel Kothenschulte präsentiert eine kurze Nahaufnahme des Kameramanns Robby Müller, der für Wim Wenders, Lars von Trier und Jim Jarmusch drehte und nun den Marbuger Kamerapreis erhielt: "Die von Müller fotografierten Jarmusch-Filme 'Down By Law', 'Mystery Train' und 'Dead Man' sind Meisterwerke des visuellen Erzählens. Müllers Bilder tragen eine auf halbem Wege ins Mystische entrückte Stimmung, die doch niemals ästhetisierend wirkt. 'Es ist so einfach, ein schönes Bild zu machen', sagt Robby Müller leise, aber mit einem Nachdruck, dass durchaus den Kernsatz eines künstlerischen Credos vermuten darf. 'Viel schwieriger ist es, ein Bild zu machen, das nicht komponiert ist.'"

Weitere Artikel: Anlässlich einer bevostehenden Versteigerung von Kafka-Handschriften zu Spitzenpreisen, fragt Heribert Kuhn, ob es urheberrechtlich in Ordnung geht, wichtige Autographen "der Öffentlichkeit zu entziehen". Stefan Keim befürchtet, dass Aachen sein boomendes Theater kaputtspart. Judith Jammers schwärmt vom Laban-Tanzzentrum, das die Architekten Herzog und de Meuron in London gebaut haben: "Wie ein stofflich gewordener Regenbogen schwebt es verheißungsvoll inmitten eines traurigen, postindustriellen Ödlands voller Müll und Unkraut." Karl Heinz Braun gratuliert der Schauspielerin und Brecht-Tochter Hanne Hiob zum Achtzigsten, zum Fündundsiebzigsten gehen von Tim Gorbauch Glückwünsche an Paul Kuhn. Times Mager ist im Baumarkt auf neue Sparwut und alten Kaufrausch getroffen.

Besprochen werden eine Schau des Modefotografen Peter Lindbergh in der Ludwig Galerie Oberhausen, Michaela Melians Innsbrucker Panorama in der Galerie im Taxispalais, Patrick Schlössers "Gespenster"-Inszenierung in Hamburg sowie Isachar Falkensohn Behrs Gedichte "von einem polnischen Juden" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FAZ, 12.03.2003

Zweimal Vatikan: Der Kirchenhistoriker Hubert Wolf zitiert neue Aktenfunde nach der jüngsten Öffnung der entsprechenden Archive im Vatikan, die die traurige Untätigkeit der katholischen Kirche in der Nazizeit belegen. Deutlich werden hier auch die Reaktionen des Staatssekretärs und späteren Papstes Eugenio Pacelli. "Zu Themen wie der nationalsozialistischen Kirchenverfolgung, Zwangssterilisation und Eugenik sowie namentlich auch der Judenverfolgung finden sich zahlreiche Eingaben sowie in der Regel sehr präzise Berichte des Berliner Nuntius Cesare Orsenigo (1873 bis 1946), aber kaum entsprechende Reaktionen Pacellis. Oft bestätigt er in seiner Antwort, wie die enthaltenen Entwürfe zeigen, kaum mehr als den Eingang eines Nuntiaturberichtes."

Niklas Maak kommentiert die Entscheidung des Vatikans, auch Verstöße gegen Straßenverkehrsregeln zur beichtpflichtigen Sünde zu deklarieren: "Im ebenso fahrfreudigen wie katholischen Italien dürfte diese Entscheidung für sehr volle Beichtstühle sorgen und die Staus von der Straße in die Kirche lenken."

Weitere Artikel: Jürg Altwegg erläutert die Position Andre Glucksmanns, der zu den wenigen französischen Intellektuellen gehört, die einen Krieg gegen den Irak befürworten (seine Artikel aus Le Monde und der IHT finden Sie hier und hier). Ein Tag des Jubels wird nach einer Meldung in Bremen begangen, das Kunstwerke aus der Sammlung Baldin, die von den Russen erbeutet worden waren, zurückerhält. In der lockeren Reihe über die Goethe-Institute der Welt besuchte Wiebke Hüster das Institut von Talinn. Günter Paul berichtet, dass Satelliten den Kraterrand jenes Meteoriten aufspürten, der vor 65 Millionen Jahren das Ende der Dinosaurier besiegelte. In einem kleinen Artikel über Stimmen russischer Intellektueller zum Irak-Krieg zitiert Kerstin Holm auch Vladimir Sorokin, der für "das Recht des irakischen Volkes eintritt, sich undemokratisch regieren zu lassen". (Aber leider sagt sie nicht, wo sich Sorokin geäußert hat.) Andreas Rossmann gratuliert der Schauspielerin und Brecht-Tochter Hanne Hiob zum Achtzigsten. Dieter Bartetzko besucht das neue Museum am Dom nach Plänen von Jürgen Schädel in Würzburg. Andreas Rosenfelder bringt ein von der amerikanischen Armee zu Propagandazwecken entwickeltes Videospiel in geistvollen Zusammenhang mit dem Trojanischen Krieg und Karl Philipp Moritz. Heinrich Wefing meldet, dass Leon Krier den Driehaus-Preis für Architektur bekommt.

Auf der Stilseite berichtet Erwin Seitz vom Rheingau-Gourmet-Festival, wo er (ohne moralische Bedenken geltend zu machen!) einen "Croque-Monsieur von der Gänseleber mit Confit von Sauerkirschen" und einen "Kleinen Bretonischen Hummer, in Kamillenblüten gedämpft" zu sich nahm. Auf der Medienseite berichtet Gina Thomas über Vorwürfe der politischen Voreingenommenheit in der Irak-Berichterstattung gegen die BBC. Roland Zorn erklärt, warum der Sportreporter Marcel Reif den Grimme-Preis verdient hat, den er ja jetzt auch bekommt. Und Paul Ingendaay erzählt, dass das spanische Staatsfernsehen fest an der Seite des Ministerpräsidenten Aznar und seines Kriegskurses steht.

Auf der letzten Seite meldet Joseph Hanimann, dass das französische Lesepublikum von einem Amerika-Boykott weit entfernt ist: "Die Bestsellerliste des Branchenblattes Livres Hebdo musste sogar von den sonst hundert auf hundertfünfzig Titel gehoben werden, damit Namen wie Philippe Sollers, Sylvie Germain oder Jean-Philippe Toussaint überhaupt noch auftauchen." Christian Schwägerl schreibt ein kleines Porträt über den ehemaligen Umweltminister Klaus Töpfer, der jetzt für die UNO unterwegs ist.

Besprochen weren Todd Haynes' Film "Dem Himmel so fern" (mehr hier), eine Ausstellung der Gipssammlung des Germanischen Nationalmuseums und Strawinskys "The Rake's Progress" im Bolschoi-Theater.