Heute in den Feuilletons

Heute in den Feuilletons

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.12.2002. Die Zeit schlägt Alarm: Die deutsche Theaterlandschaft wird Wüste. Auch die FR sieht ein Gespenst in den Theatern umgehen: das Sparschwein. Die SZ diagnostiziert einen enormen Wahrheitshunger in Deutschland. In der taz verteidigt Winfried Bonengel seinen Film "Führer Ex". In der FAZ erklärt Zhang Yimou, warum Hongkong die besseren Martial-Arts-Filme macht.

Zeit, 05.12.2002

Die Zeit präsentiert ihre Internetausgabe heute morgen nur im Quelltext. Wir können also keine Links setzen. Vielleicht versuchen Sie es später selbst noch mal: hier.

Im Aufmacher des Feuilletons beschreibt Claus Spahn die dramatische Situation der deutschen Theater. Als Beispiel skizziert er die Situation im "ökokritischen, akademisch geprägten, bürgerlich gesetzten Freiburg", das ein Haushaltsloch von 70 Millionen Euro zu schließen sucht, indem es unter anderem die Subventionen der Städtischen Bühnen von 14,3 auf 11 Millionen zusammenstreicht. Intendantin Amelie Niermeyer "müsste alle flexiblen Etats auf null stellen, sämtlich Künstlerverträge kündigen, das Tanztheater auflösen und die Schauspielsparte schließen (zu deren Wiederbelebung man sie nach Freiburg geholt hat), und sie könnte es trotzdem nicht schaffen, die vorgegebenen 3,3 Millionen in drei Jahre einzusparen. Denn der Löwenanteil der Personalkosten ist gebunden an die Theatermitarbeiter, die dem öffentlichen Dienst angehören - Angestellte in Technik und Verwaltung, Chor und Orchester. Bei ihnen kann die Intendantin nichts sparen. Nur die Stadt selbst als Träger des Theaters könnte betriebsbedingte Kündigungen aussprechen ..."

Der Historiker Lothar Kettenacker erinnert in dem deutsch-britischen Streit um Churchills Bombenoffensive daran, dass der Bombenkrieg vor allem ein Ersatz war für die von Stalin geforderte "Zweite Front" im Westen. "Viele Briten mögen heute die Tatsache verdrängt haben, dass die Wehrmacht in erster Linie von der Roten Armee niedergerungen wurde, Churchill war es nur allzu sehr bewusst, dass den Russen noch nach Stalingrad stets mehr als 150 deutsche Divisionen gegenüberstanden, während die angloamerikanischen Verbände in Nordafrika nicht einmal mit einem knappen Dutzend deutscher Divisionen fertig wurden. Churchill kam sich im Umgang mit Stalin wie ein militärischer Hochstapler vor." Die Russen, schreibt Kettenacker, "mussten in den Sommermonaten 1942/43 täglich Verluste von bis zu 10.000 Mann hinnehmen."

Weitere Artikel: Claus Spahn berichtet, wie die Stage Holding den Theatermarkt verändert. Jörg Lau sieht mit der Verpflichtung zur Schätzung der kulturellen Vermögenswerte in Hessen die Kultur als Abschreibungsmodell heraufziehen. Claudia Herstatt berichtet über die Verleihung des Kunstpreises der Landesbank Sachsen an Tilo Baumgärtel (mehr hier). Jens Jessen findet es im irgendwie gerecht, dass Nanoroboter den Menschen zerstören, nachdem dieser (fast) die Welt zerstört hat. Thomas Assheuer beklagt auf einer ganzen Seite den fehlenden Mut der Intellektuellen zur politischen Fantasie.

Besprochen werden Winfried Bonengels Film "Führer Ex", Zhang Yimous Film "Happy Times", Kazushi Watanabes Film "19", Zadeks Inszenierung von Tennessee Williams Stück "Nacht des Leguans" in Wien, Schnitzlers "Liebelei", inszeniert von Michael Thalheimer in Hamburg, und die zwei Grünewald-Ausstellungen in Aschaffenburg.

Im Aufmacher der Literaturteils bespricht Ursula März A. L. Kennedys Roman "Alles, was du brauchst" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr). Das Dossier ist dem Organhandel gewidmet: Für ein paar Dollar verkaufen moldawische Arbeiter ihre Niere an reiche Patienten aus dem Westen.

FAZ, 05.12.2002

In einem kurzen Interview erklärt der chinesische Filmregisseur Zhang Yimou (mehr hier), warum seine letzten Filme im Ausland besser angekommen sind als in China: "In chinesischen Besprechungen wurde kritisiert, das diese Filme zu einfach seien, nicht kommerziell und nicht unterhaltsam genug." Als nächstes will er einen Martial-Arts-Film drehen, "Hero". Dafür arbeitet er mit Technikern aus Hongkong zusammen. Der Grund ist einleuchtend. "Sie haben dort viele erfahrene Leute, vor allem bei den Choreografen. Wir wissen nicht, wie man sich prügelt (lacht)." Daneben wird Zhang Yimous neuer Film "Happy Times" besprochen.

Paul Ingendaay erzählt von zwei spanischen Theaterstücken, die nicht aufgeführt werden, weil sie sich kritisch mit der ETA auseinandersetzen. Allerdings fragt sich Ingendaay, ob solche Stücke überhaupt Sinn machen: "Tatsächlich könnte die Bühne der am wenigsten geeignete Ort sein, um das Problem des baskischen Terrorismus zu reflektieren, denn wer das Denken der Eta-Leute untersucht, nimmt offenbar an, dass es sich um Denken handelt."

Weitere Artikel: Dietmar Polaczek war bei einem Konzert von sechs afghanischen Musikern, die in Rom erstmals zusammenspielten. Lorenz Jäger hat zugehört, als Raul Hilberg in Frankfurt sein Buch "Quellen des Holocaust" vorstellte. Bettina Erche erzählt, dass im Frankfurter Stadtwald die Barockfassaden des Palais "Darmstädter Hof" zerbröseln. Renate Schostack war bei einer Münchner Diskussion über die Rechtschreibreform. Edo Reents gratuliert Little Richard (mehr hier) zum Sechzigsten. Marcel Reich-Ranicki schreibt den Nachruf auf den Germanisten Wolfgang Leppmann.

Auf der Medienseite meldet Sandra Kegel, dass der Economist morgen ein großes Dossier über Deutschland - "the sick man of Europe" - im Blatt haben wird. Auf der letzten Seite schreibt Dietmar Dath über zwei englische Romane - "The Separation" von Christopher Priest und "The Years of Rice and Salt" von Kim Stanley Robinson -, die eine neue Weltordnung entwerfen. Christian Geyer porträtiert den Philosophen Wilhelm Vossenkuhl (mehr hier), und Christian Schwägerl fasst die gestrige Megadebatte im Bundestag über "Kultur und Unkultur der Auseinandersetzung" zusammen.

Besprochen werden die Constable-Ausstellung im Pariser Grand Palais, die der Maler Lucian Freud zusammengestellt hat, ein Konzert von Ryan Adams in Offenbach, die Ausstellung "Future Cinema" im Karlsruher ZKM und Bücher, darunter Maurizio Maggianis Roman "Königin ohne Schmuck" und Reisebücher (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

FR, 05.12.2002

"Ein Gespenst geht um im deutschen Theater", meldet Peter Michalzik. Nach Zürich und Freuburg mache es zurzeit in Hamburg Station, bald vielleicht in München, in Berlin und Frankfurt sei es eh schon Dauergast. "Das Gespenst sitzt aber nicht im Zuschauerraum, es kommt auch nicht durch den Bühneneingang, sondern es kriecht durch die Ritzen. Und es verbreitet Angst. Das Gespenst ist ein Sparschwein." Diesmal treibt es die Hamburger Kultursenatorin Dana Horakova durchs Hamburger Schauspielhaus und lehrt Intendant Tom Stromberg das Fürchten.

"Nein, eine 'Blut-Schweiß-und-Tränen'-Rede hat Schröder gestern nicht geliefert", kommentiert Petra Kohse den gestrigen Auftritt des Kanzlers im Bundestag: "Gerhard Schröder: kein Großbauer, der nach alter Sitte das Land bestellt, sondern ein studierter Junge, der die Verantwortung für den Hof durch die Integration aller Kräfte zu übernehmen versucht."

Weitere Themen: Der heutige Times-Mager-Kolumnist droht, aus Protest gegen das gerade beschlossene EU-Werbeverbot für Zigaretten im Kino demnächst das Rauchen anzufangen, Martin Altmey kommentiert den Rückzug des fast achtzigjährigen Horst-Eberhardt Richter von der Leitung des Frankfurter Sigmund-Freud-Instituts, Georg-Friedrich Kühn hat sich etwas lustlos in Leipzigs Klassikszene umgesehen, und Ralf Grötker verabschiedet den Theologen und Kulturkritiker Ivan Illich, der am Montag in Bremen gestorben ist.

Besprochen werden: Die Nancy-Spero-Ausstellung "A Continuos Present" in der Kunsthalle Kiel, Kazushi Watanabes Film "19" und Zhang Yimous neuer Film "Happy Times".
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TAZ, 05.12.2002

"Was machen Nazis? Sie bellen, statt zu reden. Sie prügeln, statt zu denken. Sie frisieren das Haar so akkurat, dass Stirnfalte und Scheitel einen rechten Winkel bilden, und zuverlässig richten sie jedes Minderwertigkeitsgefühl gegen Dönerbudenbesitzer. Damit trotzdem niemand auf falsche Gedanken kommt, werden sie von unten angeleuchtet, so dass sich in ihren Gesichtern dämonische Schatten bilden." Cristina Nord kann an Winfried Bonengel Spielfilmdebüt "Führer-Ex" offenbar nichts finden. Der Film wirke hilflos, weil er in falschverstandener Expressivität suche, "was weder im gedanklichen noch im visuellen Konzept vorhanden war".

"Das Leben besteht nur aus Klischees. Die Frage bei dem Film ist, ob man sich mit den Emotionen identifizieren kann oder nicht", verteidigt Bonengel in einem Interview seinen Film. "Mir geht es darum zu zeigen, dass es emotionale Gründe sind, warum Leute Nazis werden. Das ist wie in einer Sekte.Wenn ich jemandem genügend Komplimente mache, wird er sich wohl fühlen und ist damit leichter manipulierbar. Danach erst kommt das Indoktrinieren, und deswegen spielt es im Film erst relativ spät eine Rolle."

Weitere Artikel: Gisela Sonnenberg stellt uns das gelungene Beispiel eines neuen mittelständigen Kultursponsorings vor: das Museum Franz Gertsch in Bern. Dorothee Hahn stellt die Pariser Intellektuellen und angeblichen "Neuen Reaktionäre" Alain Finkielkraut und Bernhard-Henri Levy vor, und Christian Buss zeigt sich auf der Medienseite bei der ProSieben-Produktion "Das Jesus Video" immerhin vom Product Placement überzeugt. Besprochen wird Zhang Yimous Film "Happy Times", in dem sich die chinesische Gesellschaft zur gigantischen Freihandelszone entwickelt.

Hinzuweisen ist noch auf die Tagesthemen-Seite, auf der Ralph Bollmann eine kleine Geschichte der politischen Lügen von Stauferkaiser Barbarossa über Karl V. bis Bismarck liefert.

Und schließlich TOM.

NZZ, 05.12.2002

Nick Liebmann schreibt einen kurzen Nachruf auf den New Yorker Jazzpianisten Mal Waldron, der viele Stücke für John Coltrane geschrieben hat und Billy Holidays Lieblingsbegleiter war. "Hgr" liefert einen zweiten, sehr knappen Nachruf auf den amerikanischen Germanisten Wolfgang Leppmann.

Sonst nur Rezensionen heute in der NZZ: Besprochen werden die Ausstellung "The Changing of the Avant-Garde" im New Yorker Museum of Modern Art, die auf die Arbeiten von Yona Friedman, Archigram und Rem Koolhaas und damit auf die "Architekturvisionen der sechziger und siebziger Jahre" zurückblickt, sowie die Ausstellung "Giftschrank", in der die Bayrische Staatsbibliothek endlich all die alten Archiv-Bücher zeigt, "die niemand lesen sollte". Vorgestellt werden weiter "UP", die neue CD der Country-Sängerin Shania Twain und die CDs der deutschen Reggae- und Dancehall-Musiker Gentleman ("Journey to Jah") und Patrice ("How Do You Call It?").

Und Bücher: darunter Michael Moores Abrechnung mit den "Stupid White Men", Klaus Modicks Roman September Song" und zwei Biografien - eine von Richard Osborne über Herbert von Karajan und von Robert Detje über Frank Castorf.

SZ, 05.12.2002

Der ab heute tagende Ausschuss zur Aufdeckung von Wahllügen wird nach Ansicht von Ulrich Raulff der Wahrheitsfindung gewiss so förderlich sein "wie einst der revolutionäre Wohlfahrtsausschuss dem Wohl der französischen Bürger". "Was wird dieses philosophische Gremium herausfinden? Zum Beispiel dies: Alle haben etwas gewusst, vorher, alle haben nichts wissen wollen, vorher, und alle haben gehofft, dass es nicht herauskommt, nachher ... Womit allerdings keiner gerechnet hat, vom Minister bis zur oppositionellen Hinterbank, was sich aber durch einen Blick in den metaphysischen Einkaufskorb schnell ermitteln ließ, ist der enorme Wahrheitshunger, der heuer über unser Land gekommen ist."

Ijoma Mangopld bedauert, dass der "gesundheitlich-bürokratische Komplex" jetzt mit der Zigarettenwerbung aufräumt. Allersdings räumt er der Werbung Mitschuld ein, die sich selbst entzaubert und der Postmoderne an die Brust geworfen habe: "Am schamlosesten und dümmlichsten gewiss die Camel-Werbung. Der Dschungel-erprobte Camel-Mann wurde ersetzt durch alberne, computeranimierte Kamele, die sich in quietschenden Farben an Laternenmasten ihre Birne anschlugen."

Weitere Artikel: Martin Urban schreibt zum Tod des Kulturkritikers und Theologen Ivan Illich. Willi Winkler gratuliert Little Richard zum siebzigsten Geburtstag. Susan Vahabzadeh erklärt, warum der Markt für illegale Film-Kopien boomt. Bezugnehmend auf Jörg Friedrichs Buch "Der Brand" hält Wolfgang Sofsky "die Wahrnehmungssperren der Nachkriegszeit" längst für aufgehoben. Daher könne die Erinnerung an die eigenen Opfer getrost zurückkehren.

Besprochen werden: Michael Thalheimers Inszenierung von Arthur Schnitzlers "Liebelei" am Hamburger Thalia Theater, Atom Egoyans 1989 entstandener Film "Speaking Parts", Konzerte von Nils Landgren und Till Brönner in der Münchner Muffathalle, Zhang Yimous neuer Film "Happy Times" (hier ein Interview mit dem chinesischen Regisseur), der neue Disney-Film "Der Schatzplanet", Manfred Trojahns neue Rezitative für Mozarts "Tito" an der Nederlandse Opera in Amsterdam und Bücher, darunter David Gollahers Kulturgeschichte der Beschneidung: "Das verletzte Geschlecht" (mehr in der Bücherschau ab 14 Uhr).